Die erste Satzung

Wohlgemeinte Satzung und Verordnungen worauf sich der Löbl. Kayserl. gekrönte Blumen-Orden an der Pegnitz, im Jahre Christi 1699 unter der Preiswürdigsten Vorstehung Damons, auf hochvernünftiges Einrathen der Neu-erkohrnen Zweyer Nürnbergischen Consiliariorum, Poliander und Asterio, wie auch der itziger Zeit Zweyen Altdorfischer, Irenians und Cherisons, freywillig verglichen hat.

Was hier derartig überschrieben ist, besteht aus 18 Punkten, die in der Tat teils Grundsätzliches, teils Verwaltungstechnisches regeln. Innerhalb der Paragraphen gehen diese Gesichtspunkte ineinander über; man scheint weniger der in der Überschrift angedeuteten Aufteilung als vielmehr einer inhaltlichen Rangfolge stattgegeben zu haben.

Von den in der Überschrift benannten Altdorfer Consiliarii" oder Ordensräten hatte zumindest IRENIAN den etwa 50 km weiten Weg zum Irrhain nicht gescheut. Er hieß sonst CHRISTOPH WEGLEITER, war 1659 geboren, hatte in Altdorf die Theologie bis zur Magisterwürde studiert, wurde 1679 in den Orden aufgenommen und Poeta Laureatus Caesareus, also Kaiserlicher Gekrönter Poet. Diesen Titel konnte man anläßlich akademischer Graduierung von einem Kaiserlichen Pfalzgrafen, einem Comes Palatinus, wie der seinerzeitige Präses SIGMUND VON BIRKEN einer war, ziemlich leicht erhalten, wenn man ein wenig gedichtet hatte. WEGLEITER unternahm zwei weite Bildungsreisen, auf denen er unter anderen den Erzpietisten SPENER traf und Englisch wie seine Muttersprache sprechen lernte; zurückgekehrt, Dr. theol. und bald Professor in Altdorf, wurde er Ordensrat. Er starb 1706; an veröffentlichten Werken gibt es von ihm außer theologischen Schriften ein paar Gedichte in der Form der Hirtengespräche.

Der andere Altdorfer, CHERISON , jedoch ist für uns zunächst durchsichtig wie ein Geist. Dieser Hirtenname taucht nämlich nur im Titel der Satzung von 1699 auf und nicht in den späteren Mitgliederlisten, auch nicht in der Abwesenheitsliste der Sitzung im Irrhain. Unter den Altdorfern, die zur fraglichen Zeit Mitglieder des Ordens waren, wird in der Stammliste allerdings ein THEMISON geführt, der als einziger auch Ordensrat gewesen sein soll. Von diesem später mehr. Könnte der ersterwähnte Name auf einen Hör- oder Abschreibefehler zurückgehen, oder hat eine Umbenennung stattgefunden? Aber nun zur Verlesung des Satzungsentwurfes:


Erstens, Ordensziele
Zweitens, die spärlicheren Dichtungen des Ordens

Drittens, eine Wende in der Sprachpflege der Pegnesen
Viertens, was anständig sei

Fünftens, Sammelveröffentlichungen
Sechstens, Hauptversammlung

Siebtens, äußere Zeichen der Zugehörigkeit
Achtens, Anwendungsgebiete dieser Zeichen

Neuntens, Hütten im Irrhain
Zehntens, Zeichen des Zusammenhalts der Gesellschaft

Elftens, Nachrufe für Außenstehende
Zwölftens bis vierzehntens, Geldangelegenheiten

Fünfzehntens, großzügige Handhabung von Neuzugängen
Sechzehntens, Vereinsämter

Siebzehntens, Befugnisse des Präses
Achtzehntens, der Schriftführer

Eine zusammenfassende Würdigung dieser Satzung von 1699 kann nicht unberücksichtigt lassen, daß sie ein ähnliches Schicksal zum Ausdruck bringt wie der Wolff'sche Rathausneubau: Was sich da fest, prächtig und für alle Zukunft hingestellt zeigt, wurde erst unternommen, als es mit dem Inhalt, dem die schöne Form gegeben wurde, schon nicht mehr so weit her war als zu Zeiten, da man in engen und kleinlich anmutenden Verhältnissen Taten von europäischer Bedeutung ins Werk setzte. Immerhin waren die Verfasser dieser Satzung gefuchste, im Rat der Stadt bzw. in den Gremien der Universität zu Erfahrung gelangte Verwaltungsfachleute und stellten darum dem Fortleben des Ordens ein Gerüst bereit, das ihn auch über Zeiträume des Welkens hinüberretten konnte zu neuer Blüte. Das betrifft vor allem die anfangs so locker gehandhabte Präsidialverfassung, die verhältnismäßig einfache Zugänglichkeit und nicht zuletzt alle diejenigen Punkte, die geeignet waren, aus einem Dichterklub eine menschliche Gemeinschaft zu machen, der man sich verpflichtet fühlen konnte. Die Ehrung verstorbener Ordensangehöriger ist dafür das beste Beispiel; irgendetwas dieser Art ist in allen folgenden Satzungen vorgesehen. Es war auch dafür gesorgt, daß man immer etwas für den Orden zu tun fand, auch wenn daraus keine bahnbrechenden Muster der Dichtkunst hervorgingen oder weithin wirkende Sprachpflege mehr wurde. Man konnte sich damals, ähnlich wie die Großkaufleute der Stadt, noch in dem Gedanken beruhigen, daß man gerade eine kleine Krise zu überstehen habe, ohne wahrzunehmen, daß die Zeitläufte in grundlegender Weise anders geworden waren und Tätigkeiten nach bisheriger nürnbergischer Art nicht mehr begünstigten.

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