Unterdessen spinnt sich die Dichtung im Orden — Ideal hin oder her — in den Bahnen des empfindsam überhöhten Gelegenheitsgedichts fort. Hierin werden auch wieder einmal die wenigen dichtenden Frauen im Umkreis des Ordens produktiv. Von dieser Seite war in der männerbündlerischen Phase vor 1800 wenig zu hören gewesen.

Es ist leider wieder der Tod, der Catharina Margaretha Derfuß zu einem  Gedicht auf ihre Freundin, die Frau des Pfarrers Drechsler-Cleander V. , veranlaßt. Ihre beiden Schwestern schließen sich der Widmung an, wohl auch den Druckkosten. Das im Archiv erhaltene Exemplar wirkt verhältnismäßig aufwendig.

Ruhe Dir, und Kronen des Siegs, o Seele,
Weil Du so schön warst.
Klopstock.
Unvollkommenheit ist dieses Erden-Lebens
Traurige Bestimmung, mit Vergänglichkeit
Kämpft der Pilgrim täglich mühvoll, und vergebens
Suchen so wir dauernde Zufriedenheit.


[Die folgenden drei Strophen werden hier nicht zitiert.]
Er, der Todes-Engel, rief: Enteil der Erde,
Liebling Gottes, hoher Lohn erwartet Dein,
Nimm für Deine Tugend, statt der Welt Beschwerde,
Dort die lichte Wohnung seel’ger Geister ein.


[Auch hier werden fünf Strophen als wenig signifikant übergangen.]
Sanft ruht nun dein Körper in dem Schooß der Erde,
Frey von jeder Plage, in der kühlen Gruft,
Bis der hohen Allmacht schöpferisches Werde
Dich aus Deiner Ruh zum neuen Leben ruft.

 

 

Höchst seltsam ist die beigefügte Vignette, in der eine Eule auf einer unförmigen Urne sitzt, wenn es sich nicht überhaupt um einen Erdenkloß handelt. Das ist bei der nicht sehr qualitätvollen graphischen Ausführung nicht eindeutig zu erkennen. Jedenfalls ist Symbolik beabsichtigt, wie auch die im Hintergrund angedeuteten Bücher zeigen: Der verstorbenen Freundin werden Weisheit und Gelehrsamkeit zugeschrieben.

Was ansonsten aus dieser Zeit an Gedichten überliefert ist, stellt fast ausnahmslos Festgedichte dar, die für den Irrhain bestimmt waren. Die eine Ausnahme, deren Wiedergabe man sich aber wirklich schenken kann, ist ein Huldigungsgedicht an jenen umstrittenen Grafen von Drechsel, das Christian Gottfried Lorsch verfaßte, als Drechsel zu seinen übrigen Ehren auch am 23. Oktober 1817 die Aufnahme in den Blumenorden fügen wollte. Doch schon 1813 hatte Lorsch eines seiner drei Irrhainlieder geschrieben. Es soll hier zum Beispiel dafür, daß man derartiges damals auch gleich drucken ließ, in graphischer Form reproduziert werden:

 

 

[Im zitierten Nachruf auf Lorsch steht auf S. 14: „Sich selbst keine Härte des Reimes, keinen Fehler in der Prosodie, keinen Verstoß gegen die Grammatik oder Sprachreinigkeit verzeihend, rügte Er streng solche Gebrechen an Fremden und Freunden, letztern die Mittel zur Verbesserung freundlich darbietend.”]

 

 

„Thaten uns vorübergehn” — das sei kein Verstoß gegen die Grammatik? Im Englischen, ja. Im heutigen Deutschen vermißt man ein „an” vor dem „uns”. Auch die Sparsamkeit mit Artikeln bringt einige harte Fügungen hervor. Aber vielleicht meinte Lorsch, das sei einer höheren Stilebene angemessen. Auch Goethe hatte in den «Römischen Elegien» geschrieben: „Cestius’ Mal vorbei / leise zum Orkus hinab.”  — nicht „an Cestius’ Mal vorbei”.

Der neugewählte Präses Seidel ließ sich ebenfalls in mehreren Gedichten vernehmen, deren Gegenstände über das Private hinausreichten. Sein Biograph schreibt: „Auch die großen politischen Ereignisse der Tage fasste er ins Auge. Ich fühle mich gedrungen, als Beleg dafür ein Gebet am Schlusse des Jahres 1813 hier mitzutheilen:

Das letzte Wort in diesem Jahre
Sei dir ein Lobgesang,
Und unser ganzes Wesen
Sei dir ein Lobgesang.
Du Wundervoller,
Du Mächtiger,
Du Liebevoller,
Du Herrlicher!

[…]

Es beteten mit Zittern
Die Völker, Herr, dich an,
Als deinen Todesengel
Sie niederfahren sahn;
Das Schwert in seiner Rechten
Schlug er die stolze Schaar,
Und mit der Dornenkrone
Bekrönte er dies Jahr.


Doch unter Blut und Thränen
Schufst du die Menschheit neu,
Und sprengtest ihre Fesseln,
Allmächtiger, entzwei.
Und über unser bebend Land
Hieltst du. Herr, schirmend deine Hand!
Herr des Himmels,
Der Erde Herr,
Erbarmender,
Gelobt seist du,
Dein ist das Reich, die Herrlichkeit
Von Ewigkeit zu Ewigkeit!

[…]”

Dieses „Gebet” beginnt rhapsodisch-freirhythmisch-reimlos, geht dann in eine gereimte Strophenform über, die hymnisch zu nennen wäre und wird gegen Ende wieder lockerer in der Form. Gewissermaßen sprengt enthusiastisches Sprechen die Bande der Verskunst. Gar nicht ungeschickt. Ein gedrechseltes Kunststückchen ist es gleichwohl kaum; wenn in Seidel, wie andernorts erkennbar, ein poetisches Gemüt wohnte, so kann er angesichts der wirklich bedeutsamen und furchtbaren Ereignisse des Jahres so etwas durchaus in einem Zuge heruntergeschrieben haben. Es war das Jahr der Völkerschlacht bei Leipzig, eines Gemetzels, das auch E.T.A. Hoffmann zu einer poetisch überhöhten Darstellung veranlaßte. Napoleons Niedergang zeichnete sich ab. Was aus den ehemaligen Rheinbundstaaten, darunter Bayern, nun werden sollte, konnte man in Nürnberg nur mit Sorge erwarten, aber die Bedrückung durch die französische Militärmaschine und der Blutzoll, den gewiß auch Nürnberger Familien entrichtet hatten, schienen nun vorbei. Seidel feiert in einem späteren Gedicht den Frieden, wahrscheinlich den von 1815, wie sich nach der Fundstelle im Archiv vermuten läßt:

Melodie: Auf auf ihr Brüder und seyd stark etc. [Christian Daniel Schubarts beliebtes «Kaplied»]

Auf stoßt den vollen Becher an
Und jauchzt zum Gläserklang;
Es kehrt in unsern Freundesreihn
Die holde Freude wieder ein
Und ruft uns zum Gesang.


Herab den schwarzen Trauerflor, [Komma hs. getilgt]
Vergessen sey der Schmerz;
Des Friedensgruß [hs. Friedens Gruß] beglükt die Welt,
Sein sanfter Lebensstrahl erhellt
Mit Freude jedes Herz.
 

Wohlan denn: Friede sey mit uns
Und Freude um uns her;
Kein Blut fließt mehr im Vaterland,
Der Freundschaft und der Liebe Band
Zerreißt kein Schlachtfeld mehr.


Wir weih’n zum Toden-Opfer Euch,
Ihr Brüder, dieses Glas,
Die Ihr im ehrenvollen Streit
Als Tapfere gefallen seyd,
Und unser Aug wird naß.

[…]

Wo noch ein Herz im Streite lebt,
Das Leben sich erschwehrt [hs. erschwert] —
Wer noch nicht seine Brüder liebt
Und Friede hin um Frieden giebt,
Ist nicht des Friedens werth.

[…]

Auf schließt der Liebe heilgen Bund
Beym Saft am Rhein gepreßt —
Denn jedes Herz ist uns verwandt —
Die Menschheit fesselt nur ein Band
Und Friede hält es fest.


Der Vater Rhein der lebe hoch;
Des Friedens Lobgesang
Schallt von den beiden Ufern her,
Es ist kein Krieg ihr Brüder mehr! —
Dem guten Gott sey Dank!
 
Nicht ganz so menschheitsverbrüdernd und völkerverbindend äußert sich Seidel im entsprechenden Irrhainlied von 1815:

 
Mel. Es kann schon nicht immer so bleiben etc. [In Antiqua gedruckt]

[Zunächst beginnt das Lied mit fünf Strophen, die der Festfreude und der Schilderung des Irrhains gewidmet sind. Dann:]

 
Noch lebt unsre herrliche Sprache —
Sie sieget am glorreichen Rhein,
Und soll bis ans Ende der Tage
Die Sprache Germaniens seyn.
 

Es schreiten und kommen die Zeiten
Des heil’gen und hehren Gerichts.
Es singe der Ruhmsucht der Welsche
In nichtigen Tönen ihr Nichts.
 

Es pflanze der Fremdling nicht wieder
Sich Blumen auf unsere Gau’n,
Wo unsere Eichen und Ulmen
Mit herrlichen Kronen zu schaun.


Wir singen der Ehre, der Tugend,
Der Tapferkeit, heilig und treu.
Sie schützet die Muse der Deutschen
Und machet uns fröhlich und frei.

[Es folgt noch eine minder bedeutsame Schlußstrophe.]


Hier ist ihm die Milch der frommen Denkart sauer geworden, und der daraus hervorgehende Käse des Nationalstolzes wird im Laufe der kommenden 150 Jahre bei anderen, immer neuen Autoren immer übelriechender. Doch die Versatzstücke solcher Hurra-Poesie sind hier fast alle schon da: der Rhein, Germanien, der Welsche, die Gaue, die Eichen, die Ehre und Treue. Für sich genommen, könnten alle diese Worte noch der Klopstock-Zeit angehören und als verhältnismäßig harmlose Überkompensation einer politischen Bedeutungslosigkeit gelten; zusammen ergeben sie, zumal wenn dieses Deutschland wirtschaftlich und politisch erstarkt, eine ganz gefährliche Mischung. Wie schnell das umkippen konnte! Denkbar wäre, daß das vorige Gedicht, undatiert wie es ist, den Frieden von Fontainebleau 1814 feiert. Als es Napoleon gelang, von Elba zurückzukehren und in der Schlacht von Waterloo sein Glück ein letztesmal zu versuchen, kann sich die öffentliche Meinung im kriegsmüden Deutschland ziemlich radikalisiert haben. Davon konnte und wollte sich der biedere Seidel nicht ausnehmen. „Bieder” muß er genannt werden, weil ihm das Wohl seiner Stadt am Herzen lag und weil er eine rührende Fürsorge für die Armen an den Tag legte. Sein Irrhainlied von 1817 ist ein Aufatmen angesichts einer guten Ernte. Er hatte schon zu viele blaßgehungerte Menschengesehen. Ausgelöst durch einen Ausbruch des Vulkans Tambora (Indonesien) vom 10.-15. April 1815 hatte es zwei Jahre lang zu kalte Sommer und Missernten gegeben. Nun kann er schreiben:


Mel. Zeiten schwinden etc. [gedruckt in Antiqua]

Sey gegrüßet, stiller Tempel,
Den uns die Natur erbaut,
Dem die heilige Erinnrung
Ihre Namen anvertraut.
O noch bietet reges Leben
Heiter uns die Gegenwart,
Wo auch unser unter Freunden
Hier ein stiller Denkstein harrt.


Laßt die Hore nicht vorüber,
Die so gerne schnell entschlüpft —
Laßt das Band uns fröhlich weihen,
Das sie wieder um uns knüpft.
An den Saum des Augenblickes
Legt sie ihre Gaben hin,
Darum soll er uns — der Rasche —
Nimmer ungenützt entfliehn.


Freude hat uns Gott gegeben!
Seht die Fülle der Natur!
Schauet um euch rings im Kreise —
Ueberall des Segens Spur.
Seht, wie durch die Aehrenwälder
Schon der Arme jauchzend geht;
Wo mit jedem reichen Halme
Neue Hoffnung aufersteht.


Freude hat ihm Gott gegeben
Und die Noth wird bald entfliehn —
Und auf hungerbleichen Wangen
Werden frische Rosen blühn;
Wenn der goldne Kern gereifet,
Wenn am Halm die Sichel blinkt,
Wenn die schwere Segensgarbe
In des Schnitters Arme sinkt.


Freude hat uns Gott gegeben
Ihr sey dieser Tag geweiht,
Unter trauten, frohen Scherzen
Heiterer Geselligkeit,
Bis der letzte Strahl der Sonne
Dort in Westen niedersinkt
Und die Nacht herniederthauend
Uns zur stillen Ruhe winkt.

Seidel.