Letzte Einrichtungen nach altem Plan — auch im Irrhain
Einige der noch nicht ausdrücklich verbrieften Mitgliedschaften wurden von Dietelmair durch Ausfertigung der Urkunde bestätigt: Hierher gehören Cramer-Irenander und seine Frau (1774), Johann Sigmund Leinker-Monastes (1774, Ordensrat 1775, nachdem Wittwer gestorben war), Georg Ernst Waldau, Prediger bei St. Egidien und Inspektor sowie öffentlicher Lehrer des dazugehörigen Gymnasiums (1775), aber auch die Sippe Bezzel (Ehrhard Christoph und seine Frau Maria Helena Kunigunda, sowie der Kaufmann Johann Georg Bezzel, alle 1776).

Sclerophilus-Hartlieb war mit der Wahl des neuen Präses in das Amt des Schriftführers aufgerückt (das er zumindest durch seine bildschöne, immer leserliche Handschrift verdient hatte). Als nun Cramer den wieder einmal ziemlich verwahrlosten Irrhain instandsetzen lassen wollte, übergab ihm Hartlieb zu den namhaften Beträgen, die dieser aus eigener Tasche aufbrachte, noch zusätzlich "alle verfügbaren Mittel des Ordens". Ungeschickterweise ließ er sich darüber keine Quittung ausstellen. Das sollte ihm noch leid tun.

Am 27. August 1778 fand ein Irrhain-Jubiläum statt. Das Datum ist ein wenig überraschend. 1676 hatte Myrtillus II. den Gedanken zu einem Irrhain gefaßt, und 1681 die Stadt Nürnberg in einem Wald-Verlaß diese Nutzung bestätigt. Den Mitgliedern von 1778 muß noch ein anderer Anlaß bekannt gewesen sein, der für sie den eigentlichen Anfang des Irrhains bedeutete, möglicherweise der Beginn dortiger Versammlungen oder auch die Errichtung des Zauns. Jedenfalls hat Hartlieb zu diesem Anlaß Verse beigetragen, die, der Haltung nach, Reichels Jubiläums-Ode ähnlich sind, ohne rhetorisch ganz so aufgeputzt zu sein:

Auf, Muse! preise Gottes Güte,
Und bethe seine Vorsicht an,
Erheb mit dankbarem Gemüthe
Was seine Huld an dir gethan
[...]


Zu eben diesem Jubelfeste hielt der Präses eine Rede auf seinen Amtsvorgänger und Irrhain-Stifter, in der es heißt: "Hundert Jahre sind es, seit dem wir uns in dem Besitz des lieblichen Irrhayns befinden, den wir so oft, es sey einzeln, oder in Verbindung mit mehreren Mitgliedern besuchen; [...]" Darin also bestand, selbst bei geringster Mitgliederzahl, das Lebendige am Ordenszusammenhalt. Holzschuher hatte ja so recht gehabt, als er eine Generation früher den Irrhain zum Haupthindernis einer Auflösung des Ordens erklärte. Man hätte aber dieses vorromantische Sich-Ergehen schwerlich in einem Irrhain genossen, der so ausgesehen hätte wie etwa zwischen 1980 und 1990. Daher gebührt auch Dietelmairs großer Dank zurecht dem Irenander, dafür, daß sich jener (wie er sagt, mehrmals) unter großem Kostenaufwand um die Erhaltung der Anlage gekümmert hatte.

Wenige Monate später, im November 1778, starb Cramer. Das Wiederaufblühen des Ordens hat er nicht mehr erlebt. Wohl aber nahm ein neuer Brauch nach seinem Tode seinen Anfang: Ihm als dem ersten Mitglied wurde zu seinem Gedächtnis nicht eine hölzerne Tafel an einen Baum gehängt, sondern ein Denkmal aufgestellt. Die alten Pegnitzschäfer hatten noch in der Tradition des erdichteten Hirtenstandes ein vergängliches, ländliches, einfach zu bearbeitendes Material verwendet; soweit sie Patrizier waren, hatten sie selbstverständlich an ihren Begräbnis-Stätten in den Kirchen ihrer Landgüter oder in den Nürnberger Kirchen, die ihrer Fürsorge unterstellt waren, steinerne Grabdenkmäler erhalten. Nun aber setzte man im nicht mehr religiös verstandenen Irrhain den klassizistisch empfindenden Bürgerlichen, die es zu etwas gebracht hatten, Monumente. Man muß einmal innehalten und sich klar machen, wie herausfordernd das wohl auf einen Vertreter der alten Ordnung gewirkt haben muß, die nicht einmal den Doktoren, von Handelsleuten ganz zu schweigen, die gleichen Rechte wie den Patriziern zubilligen wollte! Damit war aber der Bann gebrochen, und die Steinmale häuften sich in den folgenden Jahrzehnten, wobei erst das jüngste einem Patrizier galt, dem späteren Präses Kreß! Sonderbarerweise wurde aber gerade Cramers Stein, als die Inschrift verwittert war, in seiner Zugehörigkeit nicht mehr erkannt; er wurde den Gründern des Ordens umgewidmet; die Namen Harsdörfers, Klajs und Birkens schmücken heute das Denkmal -- nun ja, Johann Friedrich Cramer kommt so unversehens, aber nicht unverdient, in würdige Gesellschaft.