Der aufrückende Präses

Nun war Leinker die treibende Kraft. Etwas eigenmächtig, wie es Wilhelm Schmidt schien, lud er durch Rundschreiben zu einer Präseswahl ein. Da diese aber auf den 5. September 1786 in Schmidbauers Haus anberaumt war, hatte er wohl von vornherein dessen Einverständnis. Hartlieb hatte sich ohne große Konkurrenz lange genug hochgedient, um sein Schriftführeramt mit einer gewissen Selbstverständlichkeit gegen das des Präses zu vertauschen; an seiner statt rückte der trockene Schmidbauer-Hodevon zum "Secretair" auf. Sie sahen sich sehr bald im Zugzwang.

Vor der Sitzung waren, wohl auch auf Leinkers Betreiben, auf einmal eine ganze Menge Neumitglieder aufgenommen worden: Friederich und Colmar als Schwiegersöhne des vorigen Präses bzw. des amtierenden zweiten Ordensrates, der Arzt Dr. Georg Wolfgang Franz Panzer als Bruder des Schaffers Panzer-Theophobus, unter den Juristen ferner Karl Link, Leuchs, Syndicus Zahn; unter den Geistlichen Diakon Spranger von Hersbruck, Pfarrer Link von Beringersdorf und ein Diakon von St. Sebald, Christian Heinrich Seidel. Außerdem der Altdorfer Theologe Dr. Sixt. Wilhelm Schmidt ersah aus dem Sitzungsbericht, daß die Mitglieder bereits vorher Hartlieb um Übernahme "der Vorstandschaft in ihren schriftlich ausgestellten votis ersucht" hatten. Es ging also nurmehr um eine feierliche Amtseinführung. Hartlieb wurde in aller Form mit einer Kutsche abgeholt und willkommengeheißen. Leinker bat ihn in einer "zierlichen Rede", die einstimmige Wahl anzunehmen, was er in einer "kurzen bündigen Rede" auch tat. Nach der Wahl Schmidbauers folgte der gesellige Teil beim Kaffee im Hausgarten der Schmidbauers. Von 7 bis 10 Uhr ging man dann wieder ins Haus. Dort wurde noch "allgemein gewunschen und festgesetzt", daß man sich in Zukunft vierteljährlich treffen solle, und zwar jeweils am Montag nach Lichtmeß, Walburgis, Lorenzi und Allerheiligen. Auf diese Weise entfielen besondere Einladungsschreiben.

Die Feierlichkeit muß aber auch mit einigen unfeierlichen Fragen, die offen blieben, geendet haben. Am 22. 10. 1786 ließ Schmidbauer ein Rundschreiben ergehen, in dem die mündlich ausgesprochene Unzufriedenheit mit dem trägen Betrieb aktenkundig wurde, aber der Ball auf eine feine Weise zurückgespielt werden sollte, indem die bisher von Neumitgliedern unterlassene Namenwahl zur Sprache gebracht wurde. "[...] Da in der letztern Versammlung von verschiedenen Mitgliedern das Verlangen geäußert worden, durch wiederholte Zusammenkünfte [...] mehr Lebenskraft in die Gesellschaft zu bringen und auch Gelegenheit zu verschaffen, daß wir einander näher kennen lernen: [...] Wir haben ohnehin in der letztern Gesellschaft nicht das mindeste von ihrer Einrichtung gesprochen, welches doch verschiedene erwartet hatten, die nachher ihr Befremden darüber zu erkennen gegeben haben. [Es ging also schon mit den Wünschen nach einer Überarbeitung der Satzung los!] Es sind auch von den mehresten noch keine Namen, Motto und Blumen gewählet worden, welche doch zur Ausfertigung des Diploms erforderlich sind. [Das heißt: Ihr seid ja noch nicht einmal richtige Mitglieder!] Herr Dr. Sixt und Herr Synd. Zahn haben den Anfang gemachet, deren Namen und Blumen ich zugleich hier bekanntgeben will, damit andere in der Wahl nicht auch darauf verfallen. [...] Es wird mir lieb sein, wenn jeder Herr Gesellschafter wegen der abzuhaltenden wiederholten Zusammenkunft in Ansehung der Zeit, des Orts und der übrigen Umstände seine freimüthige Gesinnung in diesem Bogen zu erkennen gibt. In dieser Erwartung verbleibe Dero dienstbereitwillige E.M. Schmidbauer."

Unter den Beischriften ragen heraus die Zusage des Präses, er werde erscheinen, und die Antworten zweier Landgeistlicher. Johann Sigmund Stoy, Asterio III., Sohn von Asterio II. und Schwager Franks, geboren 1745, aufgenommen im selben Jahr 1775 wie dieser, Pfarrer in Henfenfeld, entschuldigt sich, er habe schon vor mehreren Jahren zu erkennen gegeben, daß er den Versammlungen nicht beiwohnen könne. Das kann man ihm ja wegen des abgelegenen Ortes seines Wirkens abnehmen. Er verbittet sich aber deswegen nachteilige Auslegung, da er die Ehre zu schätzen weiß, Mitglied eines Ordens zu sein, "dessen Verehrung ich ia schon von den Stiftern desselben, meinen Voreltern, geerbt habe [...]". Auf eine in der soundsovielten Generation vererbte Mitgliedschaft und diesbezügliche Verehrung kann der Orden aber ohne sonstige Beiträge verzichten, und das nicht nur in seinem damaligen Stadium. Stoy zog 1792 die Konsequenz und trat aus. Ganz anders äußert sich ein Leonhard Stephan Link (wieder nicht der Jurist, sondern der dritte dieses Namens im Orden, aus Beringersdorf): "Da mir aus der geäußerten mündlichen Unterredung bei der letzten feierlichen Versammlung noch wohl erinnerlich ist, daß der Wunsch der Herren Ordensgesellschafter auf den Gasthof zum rothen Hahnen', also einen sehr bequemen Versammlungsort gerichtet ist, sowohl wegen der wohl eingerichteten Zimmer, als auch des dort eingeführten guten Abendtisches halber, so fürnehmlich zur Beförderung der öfteren Zusammenkunft der löblichen Ordensgesellschaft sehr dienlich sein möchte, [wenn man, wie er, von auswärts kam und übernachten mußte] so verstehe ich die vorstehenden sämtlichen Unterschriften [...] auch für diesen Gasthof übereinstimmend. Ich werde es mir daher zur Ehre rechnen, montags, den 6. November a. o. um 4 Uhr nachmittags daselbst bei der Ordensversammlung mich gewiß einzustellen. Den 24. Oktober L. St. Link, Pfarrer in Peringersdorf."

Am vereinbarten 6. November fand zwar eine Sitzung statt, aber ohne den Präses, der doch nicht erschienen war. "Schmidbauer leitete die Sitzung mit Geschick und Eifer. Auf seinen Wunsch wurde ihm ein Kontrolleur' beigegeben, um den ehemaligen Unordnungen vorzubeugen', die sich angeblich schon vor Hartliebs Geschäftsführung [in die Finanzen] eingeschlichen hatten. [...] Kontrolleur wurde Zahn." Bemerkenswert die Begründung, die nun dem Verlangen nach Ordensnamen unterlegt wurde: Weil man sich innerhalb des Ordens nicht mit dem jeweiligen Titel anreden wolle, seien solche zu wählen. Das greift deren ursprünglichen Zweck wieder auf. Ob sich aber diese Sitzungsteilnehmer nicht als unerhörte Neuerer vorkamen? Neu aufgenommen in dieser Sitzung wurden noch ein Herr von Wildungen, Dr. Lugenheim (ein Jurist), Diacon Kohlmann von St. Sebald, Büchner aus Hersbruck und Registrator Volkert. Man regte unter Punkt 5. an, die Satzung wieder einmal zu überdenken, und verständigte sich zum Schluß darauf, daß in jeder folgenden Sitzung je ein Beitrag eines Mitgliedes abgelesen werden solle.