Pegnesen in öffentlichen Ämtern


Der erwähnte Präses Seidel qualifizierte sich offenbar durch sein privates Engagement auch für öffentlicheAufgaben, in die er über sein Eintreten für die Schulbildung hineinwuchs. "Wievielen Segen er durch die Gründung einer höheren Töchterschule, an welcher erselbst zehn Jahre lang als Lehrer thätig gearbeitet hat, stiftete; […] wie er mehrere Jahre lang Mitglied der Aufnahmeprüfungskommission der Pfarramtskandidaten, 1819 Mitglied der zweiten Kammer der Bayerischen Ständeversammlung, 1832 Mitglied der Generalsynode in Ansbach, 1829 und 30 Mitglied des Landrathes im Rezatkreise war, einige Jahre der Königl. Schulkommission angehörte, nun Jahre lang die Fortbildungsanstalt für die Schullehrer und Schulamtskandidaten Nürnbergs leitete, […] wie er zur Gründung der Maximilian-Heilungsanstalt für Augenkranke mitgewirkt hatte, wie er Mitglied des in den Theuerungsjahren 1816 und 1817 gebildeten Wohlfahrtsausschusses für die Stadt Nürnberg gewesen ist — […] [Fußnote:] daß in den Theuerungsjahren 1816 und 1817 von der damaligen Königl. Polizei-Direktion ein aus dem Consulenten Dr. Lorsch, Polyzeikommissär Nopitsch, Freih. von Löffelholz, Joh. Merkel und Seidel gebildeter städtischer Wohlfahrts-Ausschuß ernannt wurde, welcher zur Minderung der großen Noth der Zeit eben so eifrig als segensreich wirkte und die Schrecknisse jener Tage für eine Bevölkerung von 36,000 Menschen unendlich erleichterte.]"

Es ist schon bemerkenswert, daß anscheinend niemand Anstoß nahm, dem betreffenden Ausschuß einen Namen zu geben, der an ein Terrorinstrument der französischen Revolution erinnern mußte. Doch selbst ein alteingesessener Patrizier, Georg Wilhelm Friedrich Löffelholz von Colberg, wird, neben manchen seiner Ämter, mit diesem Wohlfahrtsausschuß in Verbindung gebracht: "Im Jahr 1800 am 10ten Dezember, als die Franzosen in Nürnberg in starker Anzahl einrückten, wurde er vom Rathe beordert mit seinen französischen Sprachkenntnissen das Einquartierungsbüreau zu unterstützen, diente daselbst ohne allen Eigennutz und blos aus Vaterlandsliebe, so lange die französische Invasion dauerte […] Im Jahre 1805 wurde er […] nachdem 8 Jahre lang keine Rathsstelle besetzt war, zur ungewöhnlichen Zeit Senator […] so wie am 25sten November zum Bürgermeister und 1806 zum Polizeirath. […] Es wurde ihm von der Königlich Baierischen Landesdirektion in Franken die Direktion des städtischen Quartierwesens übertragen, ferner die Theilname an der Commission zur endlichen und gänzlichen Regulirung des mit den grösten Beschwerden verbundenen Quartierwesens, und er opferte diesem Geschäfte […] einen großen Theil seiner Ruhe und Gesundheit auf. Späterhin bearbeitete er die Regulirung der Armensteuer und des Kriegssteuerkatasters und dann des Gewerbsteuerkatasters und hatte unterdessen als Munizipalrath lebhaften Antheil an dem Wohle der Stadt genommen. Ebenso sehr interessirte er sich für den Blumenorden und für den Künstlerverein, deren Mitglied er war. Seinen patriotischen Eifer bethätigte er auch als Mitglied des bürgerschaftlichen Wohlfahrtsausschusses in der Zeit der großen Theuerung 1816 und 1817."

Ein weiterer Präses des Blumenordens, Johann Albert Colmar, vereinigte öffentliches Amt mit privater Wohltätigkeit: "Colmar wurde auch zum Assessorate bei dem 1794 errichteten hiesigen Oeconomie-Verbesserungs- und Rechnungs-Revisions-Collegium berufen. Die dreijährige Besoldung in Summa 1200Fl. schenkte Er dem Staate für die Unterhaltung der Willischen Norischen Bibliothek."

Jemand, der es im öffentlichen Leben weiter als im Blumenorden brachte, nämlich an die Spitze der Stadtverwaltung, war Christian Gottfried Lorsch. "Durch die im Jahre 1818. erfolgte Wahl zum ersten Bürgermeister der Stadt Nürnberg, sprach sich das Vertrauen seiner Mitbürger zu Ihm aus. An die Spitze des neu geschaffenen Magistrats gestellt, traf Ihn das wichtige und schwere Geschäft, die Organisation einer neuen Verwaltung der Polizei und des Komunal-Vermögens zu leiten und die Ausführung der neuen Einrichtungen zu dirigiren. Bekannt ist, daß in der wichtigen Epoche Seiner Direction manche nützliche Anstalt in das Leben trat. Z.B. Verbesserte Schul-Anstalten, eine Spar-Kassa, ein Getraid-Magazin etc. etc. und wenn er auch nicht Schöpfer von Allem war, so bleibt Ihm doch das Verdienst der eifrigsten Beförderung alles Nützlichen und Guten." Der Wahrheit die Ehre zu geben, muß man hervorheben, daß die letztgenannten beiden Errungenschaften vor allem auf Johannes Scharrer zurückgehen, wie Rainer Mertens ausführlich gezeigt hat. Lorsch spielte eine begleitende, kaum eine anregende Rolle: "Keine Einladung zu Gesellschaften oder Vereinen, die sich gründeten um Gutes zu stiften, lehnte er ab, übernahm auch häufig das Directorium oder sonst eine Stelle, jedoch gewöhnlich nur solange, bis der Grundstein gelegt war, und der Bau durch eigene Kraft sicher halten konnte. Dann trat er wieder zurück in Seine Berufsgeschäfte, mit dem edlen Bewußtseyn, zur Gründung des nützlichen Unternehmens beigetragen zu haben." Doch auch Scharrer war Mitglied des Blumenordens, ebenso wie ein weiterer altliberaler Biedermann, Julius Graf von Soden, ohne dessen schriftliche Diskussionsbeiträge die Nürnberger Pläne eines Getreidemagazins und der Sparkasse wohl nicht abgeklärt worden wären. (Daß Soden, der 1802 auch das Bamberger Theater gegründet und 1808 E.T.A. Hoffmann dorthin berufen hat, diesen nicht an den Blumenorden weiterempfahl, ist sehr schade, liegt aber wohl daran, daß der Kontakt zu Hoffmann schon abgerissen war, als Soden 1816 Mitglied wurde.)