Ein neuer Kern aktiver Mitglieder kündigt sich an

Am 1. Januar 1860 verstarb Schnerr. An seiner Stelle wurde Franz Joseph Gottlieb Schrodt, aufgenommen 1851, mittlerweile Regierungsrat geworden, zum Ausschußmitglied erwählt. Er hielt kurz darauf einen Vortrag über Paul Heyse, der damals gerade 30 Jahre alt war und nicht ahnen konnte, daß er 50 Jahre später den Literatur-Nobelpreis erhalten würde (schon weil es diesen Preis noch nicht gab). Doch der Blumenorden war schon auf ihn aufmerksam geworden und hatte ihn an 15. 4. 1859 als Ehrenmitglied aufgenommen.

Ein erst 1859 aufgenommenes Mitglied machte allmählich mit Vorträgen auf sich aufmerksam:

Über das Drama Philoktet von Sophokles.

Als man vor etwa zwanzig Jahren den Versuch machte, die Antigone des Sophokles in einer dem alten griechischen Theater möglichst treu nachgebildeten Ausstattung auf der deutschen Bühne einzuführen, fehlte es nicht an bösen Zungen, welche dieses Unterfangen lächerlich zu machen versuchten und von fossilen Tragödien sprachen, die man aus dem Schutt u. Moder einer längst abgestorbenen Welt hervorgegraben und nun mit pedantischem Aberglauben und alterthumssüchtiger Borniertheit den Zeitgenossen als ein ästhetisches Schaugerüst genießbar zu machen versuche. […] Man wandte dagegen ein, auf der Bühne müsse dem Volke ein Spiegelbild seiner eigenen Denkweise, seiner Sitten u. Gebräuche, seiner Größe und [gestrichen: „Schwäche“] Thatkraft dargestellt werden […] u. doch hatte man dabei eine Hauptsache ganz u. gar übersehen, daß nämlich das menschliche Herz mit seinen Leidenschaften, Begierden u. Erregungen, dieses rätselhafte bald trotzige bald verzagte Ding, heute noch wie vor 3000 Jahren das nämliche ist […]

Damit entspricht Heinrich Wilhelm Heerwagen ziemlich genau der in bürgerlichem Gewande allgemeinmenschlichen Auffassung Heyses. Außerdem befaßte sich Heerwagen nebenbei gerne mit Musik, auch theoretisch. Er hielt einen Vortrag über einen Musiker, der 1552 eine musiktheoretische Schrift in Nürnberg herausgegeben hatte:

„Geschehen am 16. May 1861. ebendaselbst [in der Wirthschaft zum Auge] […] 5.) Zum Schluße tragen vor:
a.) H. Rector Dr. Heerwagen: „Zwey Notizzen [sic] über den Musiker Adrian Petit und sein hiesiges Leben“ […]“

Am 3. November 1862 setzte sich der Dilettant Heerwagen am Beispiel Karl Friedrich Zelters mit dem musikalischen Dilettantismus auseinander:

Es ist eine feine Bemerkung Göthes, daß der ächte Künstler von dem Dilettanten sich unter Anderem auch dadurch unterscheidet, daß Jener ein unbedingtes, ganzes Interesse an der Kunst und am Kunstwerk hat, der Dilettant dagegen immer nur ein halbes; […] daß er seine Leistungen nicht selten an die Verfolgung eines gesellschaftlichen, wohlthätigen oder patriotischen Zweckes anknüpft. Gönner und Freunde finden das, was man ihnen zu Liebe unternommen, natürlich für gut; u. es entwickelt sich aus solchem Verhältniß nur gar zu leicht jene gegenseitige Selbstgenügsamkeit u. Selbstbespiegelung, welcher sogar für Halbes u. Unfertiges mit einer gewissen Behaglichkeit Gunst und Beifall spendet und empfängt […] und gar übel empfindet, wenn sie einmal aus ihren geordneten Anschauungen herausgerüttelt wird.
Es leuchtet ein, daß der Dilettantismus, wo er nur in solcher Form auftritt, das Wesen der Kunst nicht fördert, sondern im Gegentheil ihren Ernst u. ihre Strenge vernichtet. […] so ist es gar keine überflüssige Frage, wie sich denn eigentlich die dilettantische Kunstübung zu verhalten habe, wann sie ihre Aufgabe erfüllen und deren Gefahren glücklich vermeiden will. […]
[…] ich habe es vorgezogen, nur eine einzelne Species des Dilettantismus, nämlich den musikalischen, welcher außer Zweifel gegenwärtig die weiteste Verbreitung genießt, in einigen seiner interessantesten Formen zu verfolgen […] indem ich das Lebensbild eines Mannes zu entwerfen versuche, der während seines ganzen Lebens unter mancherlei Nöthen und Kämpfen der Musik als Dilettant im vollkommensten Sinn des Wortes gehuldigt hat und ebenso auch für die Begründung und Pflege ächter musikalischer Kunst in Dilettanten-Kreisen bis zum letzten Lebenshauche eifrigst bemüht gewesen ist.
Karl Friedrich Zelter war seines Zeichens ein Maurer […]

Heerwagen war seines Zeichens Altphilologe und Gymnasiallehrer, aber er komponierte auch und spielte sehr gut Klavier.



Erstes Blatt einer Folge von Stücken für das Fortepiano, zusammen mit weiteren Kompositionen Heerwagens aufbewahrt im Stadtarchiv Nürnberg:




Unterdessen dauerte das gute Verhältnis zum Literarischen Verein fort und entwickelte sich anscheinend zu einem Austausch von Schriften, von denen schon vor der endgültigen Verschmelzung einige beim jeweiligen Partner hängengeblieben zu sein scheinen.

„P.P. Ew. Wohlgeboren
erstattet der Pegnesische Blumenorden hiermit seinen verbindlichsten Dank für die wohlwollende Uebersendung des neuesten Albums des sehr verehrlichen literarischen Vereins, sowie für den bey dieser Gelegenheit kund gegebenen Wunsch, daß der Orden bestens gedeihen möge.
Ein gleicher Wunsch erfüllt ihn für das Gedeihen des literarischen Vereins und er rechnet es sich zur besonderen Ehre an, zu demselbigen in freundnachbarlichem Verhältnisse zu stehen und mit ihm noch fernerhin zur Bildung des ästhetischen Sinnes in unserer Stadt glücklich und einträchtiglich zusammenzuwirken.
Den sehr verehrlichen Gesamtvorstand des literarischen Vereins lädt der Orden mittels Uebersendung des Programms zur nächsten, öffentlichen Versammlung ein und würde es als eine besondere Anerkennung seiner Leistungen ansehen, wenn wenigstens der Vorstand stets auch an den genannten Ordensversammlungen Theil zu nehmen belieben tragen würde.
Mit aller Hochachtung verharrt Ew. Wohlgeboren ganz ergebener, GCHZSeiler, Ordensschriftführer.“

Zum Beispiel ist folgender Dankbrief Gutzkows nicht erst 1874 ins Ordensarchiv gekommen, sonst wäre er unter einer anderen Nummer einsortiert (110 statt 56):

„Weimar, 2. März 1862.
Hochgeehrte Herren!
Wollen sie es gütigst meiner, mit Berufsarbeiten aller Art in Anspruch genommenen Zeit zu Gute halten, wenn ich Ihnen für die mir gewordenen ebenso überraschende wie höchst ehrenvolle Ernennung zum Mitglied des ,Literarischen Vereins’ erst jetzt meinen Dank ausspreche.
Es ist ein so schönes Gefühl, selbst da, wo man nicht lebt, eine heimathliche Stätte bereitet zu wissen! […]
Fahren Sie fort in Ihrem treufleißigen Anbau unbefangener und gründlicher Literaturpflege, die sich auch dadurch auszeichnet, daß Sie auf dem zur Isolirung geneigten bayrischen Gebiete nicht dem einseitigen Lokal- und Provinzialgeiste huldigen, sondern die alte, dem ganzen Reich angehörende Kaiserstadt Nürnberg zu einer Station unseres allgemeinen deutschen Entwicklungsganges machen!
[…] bin ich, mit nunmehr collegialischem Gruß und Handschlag, hochachtungsvoll
Ihr wahrhaft ergebener Gutzkow“

Auch der Linkshegelianer Robert Prutz sandte einen ähnlichen Dankbrief für seine Ernennung, gelangte aber nicht mehr in den Blumenorden, weil er schon 1872 starb.

Zuschriften und Anregungen von auswärts halten auch den Blumenorden selbst in Schwung und bieten neben lokalen Themen immer wieder Stoff zu Vortragsveranstaltungen. So sendet wieder einmal Seidenstücker am 10. September 1862 einen Brief, in dem er seinen Aufsatz über Walter von der Vogelweide ankündigt und 5 Taler für die Ordenskasse beilegt, doch treffen nach und nach insgesamt 7 Broschüren ein, u.a. „Schiller und Herzog Carl von Würtemberg. Historisch-Litterarisches“, 82 Seiten, datiert vom 16. September 1844, aber für den Orden ein Nachklang des Schillerjahres. Auf S. 3 findet sich die bedenkenswerte Einschätzung: „Er legt das Hohe in das Leben, und er sucht es nicht darin.“

Themen aus der Kunstgeschichte treten häufiger auf als sonst, so in der Wochenversammlung vom 21. Februar 1862 ein Vortrag des Mitglieds Dr. Göschel, Lehrer für Anatomie an der Kunstgewerbeschule, über die Künstlerfamilie Preißler, den er alsdann in der öffentlichen Versammlung vom 16. Januar 186346 zum besten gibt; Lösch selbst spricht in der öffentlichen Versammlung vom 21. März 186247 über die Elgin Marbles. In ebendieser spricht Bibliothekar Lützelberger, von dem auch noch öfter die Rede sein wird, über die Meistersinger.

Vom 19. Oktober 1861 bis zum 23. Februar 1863 überlegen die Pegnesen, ob sie zu einem geplanten Uhland-Denkmal eine Spende geben sollen, können sich aber nicht dazu entschließen.

Ein sprachkundliches Werk tritt von außen unaufgefordert heran: „Nürnberg, den 17. October 1862. ebendaselbst
[…] 3.) Ferner zeigt derselbige [Lösch] an, daß Herr Manuel Paschke, Lehrer des Deutschen und der Geschichte am k.k. Gymnasium in Teschen, dem Orden ein Exemplar seiner Schrift, betitelt: „Proben und Grundsätze der deutschen Schreibung aus fünf Jahrhunderten, Wien 1862. Verl. v. Förster“, dem Orden mit einem Begleitungsschreiben zugeschickt hat. Beydes wird von ihm mitgetheilt, worauf man beschließt, dem H. Einsender dafür schriftlich zu danken […]
9.) H. Rector Dr. Heerwagen wird mit überwiegender Stimmenmehrheit zum Ordensrath an die Stelle des leider unheilbar kranken OR H. Pf. Dietelmair erwählt, und der Gewählte nimmt die Wahl an. […]“

Es wird ein Austausch der Ordensleitung und eine Auffrischung der Mitgliederschaft mit Vertretern neuer Eliten.

„Geschehen am 20. März 1863. ebendaselbst
[…] 2.) Hierauf übernimmt H. OR Dr. Heerwagen anstatt des wegen Unwohlseins abwesenden Herrn Ordensvorstehers, Dr. Lösch, den Vorsitz und läßt über die zu ordentlichen Mitgliedern des Ordens vorgeschlagenen Herren Kaufmann Wilhelm Friedrich Bleicher allhier und Joh. Theod. Oskar Wieß, k.b. Handelsgerichtsassessor, Großhändler und Fabrikbesitzer allhier, abstimmen. Dieselben werden einstimmig aufgenommen. Herr Literat, Joh. Paul Priem, allhier aber wird mit allen Stimmen zum Ehrenmitglied des Ordens ernannt.“

„Geschehen, Nürnberg, den 18. 7br. 1863. ebendaselbst
[…] 2.) Alsdann ergreift der erste Herr Ordensrath, Th. Wagler, das Wort, gedenkt des durch den Tod dem Orden entrissenen Vorstandes, Herrn Dr. Lösch’s, in rühmlichster Weise und lädt die anwesenden Ordensmitglieder ein, zur Wahl eines neuen Vorstehers zu schreiten. Nach geschehener Wahl ergibt sich, daß Herr Gymnasial- und Studienrector Dr. Heerwagen, mit 17. Stimmen, gegen Eine, seine eigene, zum Ordensvorsteher erwählt worden ist. […] An seine Stelle, wird hierauf H. Regierungsrath Schrodt zum zweyten Ordensrathe, mit 16. Stimmen gegen 3. erwählt […]“