Aktuell Prominente unter den Ehrenmitgliedern

Ehrenvollerweise schickten richtig berühmte Ehrenmitglieder zuweilen auch etwas aus der zweituntersten Schublade an den Blumenorden, der es dann in der Autographensammlung (im Archiv unter Signatur 58) einmotten konnte.

Das Spielhagen’sche Lebenszeichen bleibt dort wohl besser:

Du mit den braunen Augen
Du mit den braunen Augen,
Du schmeidig schlankes Reh,
In deiner trauten Nähe,
Wie wohl wird mir, wie weh!
Darf jubelnd ich mich sonnen
In deinem Strahlenblick,
Denk’ trauernd ich, wie ferne
Mir schwand der Jugend Glück!

So geht es noch eine Strophe weiter, dann folgen die fünf ersten Zeilen noch einmal. Hat er das für die Rolle einer senilen Romangestalt verfaßt? Spielhagen wird sonst als Romancier geschätzt, und über den Roman „Herrin“ berichtete August Schmidt am 28. Oktober 1898 in sehr beifälliger Weise.

Andersherum steht es mit der Wertschätzung Fontanes. Im Berichtszeitraum wird von seinen Romanen nur einer knapp erwähnt: „[…] Hering berichtet über Effie [sic] Briest von Fontane, ein vortrefflich geschriebenes Buch […]“, doch sieben Mal begegnen Hinweise auf seine Gedichte und Balladen, so z.B. am 18. September 1896 („Herr von Ribbig [sic] auf Ribbig im Havelland“, das muß ein Nürnberger vorgelesen haben) und anläßlich seines Todes:
 
23. September 1898 29. Wochenversammlung
[…Beckh] hält dann einen Nachruf auf unser kürzlich verstorbenes Ehrenmitglied Theodor Fontane, das durch Erhebung von den Sitzen geehrt wird. […] Schrodt liest dann einen Nachruf auf Fontane aus der Tägl. Rundschau von Carl Busse. Beckh einen solchen aus der Freisinnigen Zeitung. Geißler trägt aus dem Gedächtniß eine Ballade Fontanes vor: „Graf Montmouth“ [sic…]

30. September 1898 30. Wochenversammlung
[…] Aus der Neuen Freien Presse liest Geck Paul Schlenthers Nachruf auf Theodor Fontane. Beckh reihte einige Gedichte des verewigten Dichters an:
„Der Sommer und Wintergeheimrath“
die vollständige Ballade „Graf Montmouth“
„Die Brücke von Tay“ [sic]
„Herr von Riebeck [sic] auf Riebeck in [sic] Havelland“ […Das kriegte der Protokollant einfach nicht hin, vielleicht aus Rührung.]

Wilhelm Jordan war zu dieser Zeit schon jenseits von Gut und Böse, hätte man meinen sollen, aber er eignete sich noch als Polterer gegen die Jüngeren: „[…] Dr. Beckh liest ein Sonnett von Wlm Jordan, in welchem er in starken Worten die «Modernen» angreift. […]“ Zu Ehren dieses Altliberalen, der gegenüber Polen den Standpunkt eines gesunden deutschen Egoismus vertreten hatte, wurde man sogar produktiv:

10. Februar 1899     6. Wochenversammlung
[…] Es wird beschloßen unser [sic] Ehrenmitglied Jordan zu seinem am 8 ds. gefeierten 80. Geburtstag einen poetischen Glückwunsch, den Beckh in warm empfundenen Worten verfaßt hat und der kaligraphisch geschrieben werden soll zu senden. […]

Im Unterschied dazu wurde Marie von Ebner-Eschenbach für den Blumenorden produktiv, wenn vielleicht auch nur nachfassend:

Wien 8. Februar 97
Hochverehrter Herr Hofrat!

Freudig komme ich der gütigen Aufforderung nach, einen Beitrag zu Ihrer mir so werten Publikation „Altes und Neues vom pegnesischen Blumenorden“ zu liefern. Gern hätte ich mich mit etwas größerem eingefunden, doch steht mir leider im Augenblick nichts anderes als diese wenigen Aphorismen zur Verfügung.
In treuer und dankbarer Ergebenheit empfiehlt sich Ihnen bestens
hochverehrter Hofrat,

Marie von Ebner-Eschenbach

Dies stand auf einer Karte als Begleitschreiben für:

Aphorismen, als Beitrag zu „Altes und Neues aus dem P.Bl.O., 1897“
Wer auf meine Liebe nicht sündigt, glaubt nicht an sie.
[…]
Was ist Reue? Eine große Trauer darüber, daß wir sind wie wir sind.
[…]
Eine mit viel Eifer und wenig Talent ausgeübte Kunst ist der Tod alles Edlen in uns.
[…]
 
Dies letztere hätte sich mancher hinter die Ohren schreiben sollen. Mit ihren klugen Aphorismen, aber nicht nur damit, blieb sie anhaltend zeitgemäß, sodaß noch 1900 zwei Vorträge in einer öffentlichen Versammlung des Ordens gehalten wurden: „Marie Ebner von Eschenbach, von Theodor Brügel; «Die Erdbeerfrau» von Marie Ebner von Eschenbach, von Fritz Sohm“.

Freitag den 5. November 1909    30. Wochenversammlung
[…] Beckh liest aus dem neuen Musenalmanach von Velhagen u. Klasing eine Erzählung „Der Säger“, die unser Ehrenmitglied Marie von Ebner-Eschenbach zur Verfasserin hat. Es ist eine unheimliche Geistergeschichte, bei der man das Gruseln lernen kann, aber die Art u. Weise wie die Geschichte geschrieben ist, verdient volles Lob. Namentlich ist die Gestalt des „Sägers“ vortrefflich gekennzeichnet. Die  Meinungen über den Wert der Erzählung gehen in der Tafelrunde recht weit auseinander.

Freitag, den 7. Oktober 1910        29. Wochenversammlung
[…] Mit besonderem Interesse wird Beckhs Verlesung der Ebner-Eschenbach’schen Novelle „Das tägliche Leben“ hingenommen: die mit gewohnter Feinheit ausgeführte Studie über die Empfindungen eines von Hause aus ebenmäßigen, kraftvollen Frauenherzens, das aus kläglicher Enge der familiären Umgebung, die sich ihm stets von neuem verständnislos entgegenstellt, sich herauszuretten trachtet, und lange mutig u. siegreich einen stillen Kampf kämpft, bis die Frau am Vorabend ihres Ehrentages, des ewigen Widerstandes müde u. unfähig zu jeder Heuchelei sich ergibt und mit dem Revolver in der Hand den Tod herbeiruft. Mit zart tastender Hand werden die Wunder einer ringenden Seele aufgezeigt, ohne daß der letzte Schleier des schrecklichen Geheimnisses sich hebt. […]

Auch Peter Rosegger hatte zum dritten Band von „Altes und Neues“ einen Beitrag geschickt, u.a. diese Verse:

Kleine Gedanken.
[…]
Den Nebulosen.
Willst tiefsinnig du erscheinen,
Hüte dich vor klarer Sprache.
Trübe dreist den seichten Tümpel,
Daß man ihm nicht auf den Grund sieht,
Und man nennt dich unergründlich,
Tief und unerschöpflich geistvoll.
Dunst bricht Strahlen, und der Nebel
Ist des Flachkopfs Gloriole.


Daß seine bodenständigen Geschichten beliebt waren und blieben, ist nicht verwunderlich; eher schon, daß man ihn als philosophischen Schriftsteller bezeichnete. Möglicherweise waren den Leuten die damaligen Berufsphilosophen zu nebulös.

12. W.V. Freitag den 26. Maerz 1897
[…] Url [liest] aus Roseggers kleinen Erzählungen „Des Landwirts letzter Wille“, „Wie ich zum erstenmal auf d. Dampfwagen fuhr“, „Wenn der Sauhalter ein Kaiser wär“ welche sowohl durch den Inhalt als auch besonders durch die Art des Vortrages den vollsten Beifall der Hörer finden. […]

1. Oeffentliche Versammlung am 7. Maerz 1898
Brügel berichtete über den Inhalt Peter Roseggers „Das ewige Licht“ und veranschaulichte mit beredten Worten und herrlicher Sprache das Werk dieses philosophischen Dichters. […]

D. 21. October 1898 33. Wochenversammlung
[…] Beckh eröffnet die Sitzung [eine Seltenheit, da er üblicherweise später erscheint, wahrscheinlich wegen seiner Pflichten am Nordklinikum] mit dem Bericht über einen Besuch den er bei Peter Rosegger, der anläßlich seines Vortrages im Verein Merkur hier ist, gemacht hat.

Davon, daß Rosegger dem Blumenorden von sich aus einen Besuch abgestattet hätte, ist leider nicht die Rede.

Einen sehr verbindlich lautenden Absagebrief wegen der Mitarbeit an „Altes und Neues“ sendete Wilhelm Raabe:

Braunschweig, 12. Febr. 1897

Hochgeehrter Herr!

Selbstverständlich würde es mir eine Ehre und eine Freude sein, mich als Mitarbeiter an Ihrem schönen Buche zu betheiligen; wenn nur nicht so ein armer Prosaiker in dieser Hinsicht so übel dran wäre! Die Versmeister haben es da leicht und haben auch in „ihren Mappen“ stets etwas vorräthig, was sich vor den Menschen sehen lassen kann.
Unsereiner aber, wenn er es ernst nimmt mit seiner Kunst und sich nicht gern blamiren will, muß sehr geduldig warten, daß ihm ein Stoff, der sich zu einem Kunstwerk gut aber auch kurz formen läßt, vom Himmel geschenkt wird. Unsere „Mappen“ sind gewöhnlich leer. Meine ist es vollständig. —
In das zweite Jahr hinein arbeite ich nun wieder an einem Werke, einem einzelnen Bande, der alle meine Kräfte in Anspruch nimmt und mich nicht nach rechts und nach links sehen läßt. Und man ist allgemach alt geworden, die Phantasie erlischt; und grade in unserem deutschen Volke rufen leider am liebsten die litterarischen Gassenjungen hinter einem müde werdenden Propheten „Kahlkopf!“ her. Ich glaube, ganz im Sinne des glorreichen Pegnesischen Blumenordens zu handeln, wenn ich ihm nicht mit einem opus operatum kommen will. Die erste Dichtung, welche ich der erlauchten Gesellschaft, der anzugehören ich die Ehre habe, für würdig halte, wird ihr zur Verfügung stehen.

Mit den herzlichsten Wünschen für das Blühen und Früchtetragen des Ordens durch alle Zeiten
Wilh Raabe


Seine Fähigkeit zur Selbstironie erhielt ihm lange Zeit die Sympathien auch derjenigen, die seine Ansichten zu bestimmten Dingen nicht teilten.

29. April 1904    16. Wochenversammlung
[…] Den Schluß bildet Schmidt mit der Verlesung einiger Kapitel aus Raabe’s „Chronik der Sperlingsgasse“, die ob ihrer ruhigen Schönheit u. tiefen Empfindung wohl auch dann noch gelesen werden, wenn man von den Herren Pannwitz, George u. von der Linde kein Wörtlein mehr sprechen wird.

Es ist immer mißlich, solche Prophezeihungen auszusprechen, doch haben sich Raabe und George wenigstens in den Auseinandersetzungen um politische Korrektheit als Beispiele eher negativer Einschätzung im Gespräch gehalten.
Daß von den übrigen hier oben Genannten noch weniger die Rede ist, muß wohl an der sprachlichen und sonstigen ästhetischen Leistung liegen.