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Andererseits greift man auch Anlässe zum Verfassen von Versen auf, die mit wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Neuentwicklungen zu tun haben, und erweist sich dadurch, ganz im Sinne der Pegnesen um 1700, als wache Zeitgenossen, die keineswegs in ein dichterisches Traumland fliehen:

Von der Sitzung am 23. November 1835 verzeichnet das Protokoll nach den Präliminarien, es

"II) Wurden von nachbenannten Ordens-Mitgliedern folgende von ihnen verfaßte Gedichte vorgelesen:
[...] 3) Von Herrn Rath Schnerr: ein Gedicht an seine Gattin bei Schenkung eines Fernrohrs; den Zimmermanns-Spruch bei Einrichtung des Gebäudes für die Werkstätten der Polytechnischen Schule; ein Gedicht auf die Eisenbahn und die Pietisten.
[...] 5) Von Herrn Stadtpfarrer Wilder acht Gedichte nemlich:
a) als ich die Eisenbahn gesehen hatte, [...]"

Leider findet sich in dem kleinen, verschnürten Bündel mit Schnerrs Gedichten nicht dieser Richtspruch, sondern nur der für den Neubau des Krankenhauses von 1841 (an der Stelle, wo heute das Opernhaus steht); nach diesem zu urteilen, wäre auch nicht viel anderes zu erwarten gewesen als die üblichen Jubelformeln. Doch Schnerrs Eisenbahngedicht ist in gewisser Hinsicht interessant:

Festlied bei Eröffnung der Eisenbahn, am 7ten December 1835.


Glück auf, mit Gott! der Anfang ist geschehen,
                        Es liegt die Strecke Bahn!
Und soll's nach Ost und Westen weiter gehen,
                        So knüpft man eben an.
 

Das schöne Werk, der Gegenwart zum Lobe
                        Wird sicher anerkannt
Als erster Punkt, als musterhafte Probe
                        In unserm Vaterland.


Zwar eben geht's zu Nutz und zum Ergötzen
                        Von hier zur Schwesterstadt;
Doch kann der Mensch wohl Berge auch versetzen
                        So er den Willen hat.


Und kann's nicht Einer, nun so können's Viele,
                        Wenn Eintracht sie umschlingt.
Geht alles Streben fest nach einem Ziele,
                        Gewiß das Werk gelingt.
 

Seht ihr die Bahn, die Linien von Eisen,
                        die fest und schnurgerad
Bedeutungsvoll nach Ost und Westen weisen?
                        Seht ihr den Zauberpfad?


Was schnaubt und qualmt dort vor der Wagen Reihe?
                        Es scheint ein Elephant,
Daß er als Zugthier sich zum Dienste weihe,
                        Gemacht von Menschenhand.
 

Und seht, er zieht mit wunderbarer Schnelle
                        Den langen Wagenzug,
Dieß Werk der Kunst gar mächtig von der Stelle
                        Im adlergleichen Flug.


Was ist's, das wunderbarlich heut zu Tage
                        Solch Menschenwerk belebt? —
Das Element, auf dem nach heilger Sage
                        Einst Gottes Geist geschwebt.
 

Und noch ein Element mit ihm verbunden,
                        Ihm scheinbar nicht verwandt,
Das Prometheus in thatenreichen Stunden
                        Dem Himmel kühn entwandt.


Kennt ihr das Kind des Wassers und der Flammen?
                        Es wird nur Dampf genannt;
Doch Wunder wirkt's, hält man es klug zusammen
                        Gezähmt von Menschenhand.
 

"Hans Dampf" hat man zum Schimpf oft den geheißen,
                        Der nicht viel hergeschafft;
Doch Dampf ist nun auf solcher Bahn von Eisen
                        Das Ideal der Kraft.
 

Vergeudet nicht zu Kriegs- und Mordgewehren
                        Hinfort dieß edle Erz!
In Fried und Glück auf solcher Bahn verkehren
                        Erfreue aller Herz.


Ja alle Ketten, Fesseln, Wehr und Waffen
                        Aus vorher harter Zeit,
Sie werden einst in Schienen umgeschaffen,
                        Zum Preis der Menschlichkeit.
 

Mit Schienen, Freunde, webet ohne Bangen
                        Ein Netz von Pol zu Pol!
Sieht sich Europa einst darin gefangen,
                        dann wird es ihr erst wohl.


Zugegeben, es ist kein sehr starkes Gedicht. Der falsch betonte Prometheus und das unfreiwillig komische, weil leicht masochistische Wohlsein der im Schienennetz gefangenen Europa zeigen, daß der Verfasser seine Klänge und Bilder nicht wirklich gespürt, sondern gedrechselt hat. Doch sein Gedankengang ist bemerkenswert wegen seiner Hoffnung auf eine friedliche Entwicklung im Zeichen des Kommerzes. Magistratsrat Schnerr und seine Pegnesenbrüder wissen die Bedeutung dieser technischen Neuerung von Anfang an gut einzuschätzen, besser als Ludwig I., und es überrascht geradezu, besonders die Erweiterung des Bahnverkehrs in west-östlicher Richtung hervorgehoben zu sehen. Leider sind etliche Kriege und der Eiserne Vorhang diesen Zukunftshoffungen über 150 Jahre lang im Wege gewesen.

Wie kritische Bewußtheit mit gefühlsbetonter Produktion zusammengeht, zeigt schlaglichtartig ein Brief Wilders an Seidel:

"20. August 1837
Hochverehrter Herr Kirchenrath!
Theuerster Freund!

Herr OrdensSekretär Heyden hat mir am vorigen Freitag inliegenden Oesterreichischen Musenalmanach überbracht, wie ihn Herr Buchhändler Mainberger denselben mit dem Vorschlag zur Anschaffung für die Ordensbibliothek zugesandt hatte. Er wünschte, daß ich ihn ein Bißchen durchstöbern und dann mit einem kleinen Resümé versehen an Dich befördern möge. Nach meiner Ueberzeugung enthält der Almanach wenig oder eigentlich gar Nichts Ausgezeichnetes, Mittelgut über 3/4 des Ganzen, und ganz Alltägliches das Uebrige. Sind denn z.B. die Zeilen S. 366. ein Gedicht? Ist S. 370. Menschenwiege und Saatendünger eine edle Parallele? Und Aehnliches findet sich in Menge,  Geist und Gedanke wenig oder Nichts. Man sieht es den meisten Versen an, daß sie gemacht sind, nicht gedichtet und die Flamme der Begeisterung mangelte. Die Beiträge des Herausgebers mögen leicht zu dem Besten gehören. Uebrigens glaube ich, daß nicht leicht ein schwächeres Sonnett gedichtet und gedruckt wurde als das S. 399.
Da wir den Almanach von Chamisso uns bereits seit langem halten, so ist dieser Oesterreichische, auch wenn er gediegener wäre, für uns überflüßig und schon die Rücksicht auf unsere Kasse muß uns seine Anschaffung verbieten. Wir schicken ihn also unbedenklich an Herrn Mainberger zurück.
Noch erlaube ich mir bei Gelegenheit dieser Zeilen, Dir etwas anderes noch mitzutheilen. Am vorigen Mittwoch war es uns Beiden nicht vergönnt an der Blumenordensfahrt Theil zu nehmen, und ich verläugne es nicht, daß meine Gedanken mich an jenem Nachmittag mehr als einmal dahin trugen. Abends um 7 Uhr saß ich in meiner Stube allein, da kamen mir die untenstehenden etlichen Verse, die in einer halben Stunde vollendet waren, und mir wirklich einen kleinen Ersatz, ein angenehmes Gefühl bereiteten. [...]

Dein ergebenster Diener
J. G. J. Wilder


Am 16. August 1837. Abends 7-1/2 8 . Uhr.
 
Geistesblick.

Abend ists, mit reinem Wolkengolde
Hat sich der Azur nun weit bemalt,
Ausgegossen ist es, zart zerflossen,
Daß es durch das grüne Dickicht stralt! —
Schönes Bild, wie schaffst du mir Entzückung,
Wenn mir gleich der Mitgenuß gebricht;
Ach auch in des engen Zimmers Wände
Leuchtest du herein als Freudenlicht!
Abend ists, im Sonnengolde schaue
Ich die Freunde jetzt im Geist geschaart,
Schaue sie in schattig kühlen Räumen
In des Irrhains Schooß nach alter Art.
An den Tischen herrscht die laute Wonne,
Eines kommt zum Andern und stößt an,
Ueberall ist Herzlichkeit, denn heute
Scheinet Jedem dornenlos die Bahn.
So will ich mich hin im Stillen schwingen
Jetzt zu Euch, die Ihr so seelig seyd,
Wie ihr weilet, euch zum Aufbruch rüstet,
Niemals fehlt' ich sonst in langer Zeit!
Sey es diesmal auch, ich will es tragen,
Herz, du hast des Glaubens ja so viel,
Und so stehe ich in künftgen Tagen
Einst doch wieder an dem schönen Ziel!

Ein gutes Jahr später greift das betagteste Ordensmitglied der damaligen Zeit zur Feder, Johann Wilhelm Friedrich Link, als Xenophilus 1775 aufgenommen.

Erneutes Andenken an die den 19. Oct. 1738 feierlich eingeweihte neuerbaute Stadtkirche Hersbrucks. Hersbruck, d. 19. October 1838

Nicht gestützt auf Marmorsäulen,
Nur von Quadern aufgebaut,
Steht das Gott geweiht' Gebäude
Hundert Jahr' zu unsrer Freude.

[...]

Selbst im Sturm der heft'gen Kriege
Blieb es fest und unversehrt,
Denn kein Wüthrich durft' es wagen
Seine Feste zu zerschlagen.

[...]

Prägt es, Eltern, Euren Kindern,
Prägt es ihren Herzen ein,
Welches Sinn's vor hundert Jahren
Uns'rer Stadt Bewohner waren.
 

In die neuerbaute Kirche
Zogen sie frohlockend ein,
Denn in Gottes heil'gen Hallen
Sollt' ihm Lob und Dank erschallen.

[...]

Verfertigt von Herrn Johann Wilhelm Friedrich Link, den Pfarrer und Spitals-Senior in Hersbruck, damals schon 84 Jahre alt. Er starb am 19. März 1844, alt 90 Jahre." Er hat also nur um ein paar Wochen das Ziel verfehlt, zwei Jubelfeiern des Ordens im Abstand von 50 Jahren zu erleben. Abgesehen von dieser Kuriosität erscheint bemerkenswert, wie wenig veraltet im Vergleich mit den Hervorbringungen jüngerer Ordensbrüder diese Verse erscheinen — allerdings nur, weil sie so schlicht sind. In diesem Genre war nichts mehr hinzuzulernen.

Nicht lange vor jenem Jubiläum von 1844 gab es das 25jährige Amtsjubiläum des Schriftführers im Orden gebührend zu feiern, und das entsprechende Gedicht bemüht sich nun schon deutlicher um rhetorischen Schmuck. Geschickt darf genannt werden, wie bereits in den ersten zwei von insgesamt sechs Strophen das Persönlichkeitsprofil des Gefeierten scharf umrissen wird, knapper als in dem Nachruf:

Froh sammeln heute sich des edlen Ordens Glieder,
In Eintracht zu begeh'n das schöne seltne Fest
Zum Preis des Würdigen, der lang als treuer Hüter
Des geistgen Eigenthums hier stets bemüht gewest,
Durch fünf und zwanzig Jahr in seinem Ehrenamte
Das Beste des Vereins gewissenhaft bedacht,
Der zu der Musen Dienst die Andern gern entflammte,
Manch würdig Opfer auch hier selber dargebracht.

 
                        Sey, Edler, uns gegrüßt in Deiner Silber-Würde,
Nimm unsern Herzensdank als wohlverdienten Lohn!
Wir schätzen Dich nicht nur als unsers Ordens Zierde:
Wir ehren auch in Dir der Noris ächten Sohn!
Den biedern deutschen Mann, den lebenskundgen Weisen,
Der früh schon mit dem Geist der Alten sich vertraut,
Den Freund von Allem, was da schön und groß mag heißen,
Den Frommen, der auf Gott in allen Dingen baut.
[...]