Erster Anlauf zur Neuorganisation

Was hat es gefruchtet? Zweierlei ist aus der Ausschussarbeit hervorgegangen: eine thematische Ausweitung der Vortragstätigkeit — davon später — und eine fortgesetzte Erörterung des Zustandes der Gesellschaft.

Die unter Panzer neu aufgenommenen Mitglieder waren von dem Fortbestehen des Brauches, Hirtennamen und Blumen zu wählen, nicht durchweg erbaut. Von dem späteren Schriftführer Christian Gottlieb Müller erfährt man aus seinem Nachruf: „Als er dazu trat [1790], waren noch die Schäfernamen der Mitglieder in Gebrauch; er nannte sich Theophilus III. und genügte damit einigermassen wenigstens der hergebrachten Sitte, ob er gleich das Unpassende der alten Bezeichnungen fühlte und daher nur seinen Taufnamen umwandelte.” Der Name der Gesellschaft selbst war, wie erwähnt wurde, im bequemen Austausch zwischen Mitgliedern schon zu ,Deutsche Gesellschaft' abgeändert worden. Dies allerdings wurde nun in einem Zuge mit einer Organisationsdebatte diskutiert, auch zuerst im Ausschuß. Am 27. Oktober 1807 tagte dieser in der Rathausvogtei. "In Gemäsheit des gesellschaftlichen Schlußes vom 10. Aug. d. J. haben hierbemerkte Mitglieder des Auschußes des Pegnes. Blumenordens sich heute hierselbst eingefunden, um über die ihnen übertragene Prüfung der beyden Gegenstände: I.) ob der Namen dieser litterarischen Verbindung abgeändert werden solle u. II.) wie eine neue Organisierung der innern Verhältniße näher zu constituiren seyn möchte, sich zu berathen, wobey der Proponent Kiefhaber den Vortrag macht und nachher darüber abstimmen läßt.”

Die „hierbemerkten” Mitglieder waren Diakon Jacob Bezzel, Senator Friedrich von Löffelholz, Diakon Seidel, Diakon Wizmüller und, als Gast, Kiefhaber.

„ad I.) vereinigte man sich einstimmig daß der Namen Nürnb. pegnes. [diese beiden Wörter über der Zeile eingefügt] Blumenorden ferner beybehalten werden soll und zwar aus folgenden Gründen:

1.) weil der Namen an sich zum höheren oder minderen Werth der Gesellschaft nichts beyträgt, wenn das Edle des Zweckes erreicht wird.

2.) weil diese gesellschaftliche Verbindung schon 164 Jahre besteht und nach Entfernung aller spielenden Ziererey zum Andenken seines hohen Alters unbedenklich stattfinden kann.

3.) weil schon bey der i. J. 1786. erfolgten Organisation aus diesen Gründen die Beybehaltung beliebt und zum gesellschaftl. Schluß erhoben wurde.

4.) weil auch das Siegel abgeändert werden müßte, und durch Abänderung des Namens u. Siegels, die Hauptcharactere, welche den Blumenorden, als die älteste teutsche Gesellschaft bezeichnen, verlohren gingen, damit Nürnberg auch den Ruhm dieses Alterthumes verliehre.

5.) weil selbst zu Toulouse die Akademie der Blumenspiele, welche in ihrem Archiv noch das Gedicht verwahrt, das am 3. May 1324. gekrönt wurde und bekanntlich eine Versammlung der Poeten daselbst ist, wo derjenige so das beste Gedicht machte, einen silbernen Blumenstrauß erhielte, neuerlich, mit Beybehaltung ihrer vorigen Benennung Academie des jeux Floraux wieder errichtet worden ist, wie im Freymüthigen 1800. N. 136. bemerkt wurde.

6.) weil es entschieden seyn möchte, daß die mehrsten auswärtigen Ehrenmitglieder [von anderer Hand eingefügt: „sowie verschiedene unserer Mitbürger„] dem Orden bloß deswegen beytraten, weil sie ihn, als sicher für die älteste teutsche litterarische Gesellschaft erkannten, was aber wegfallen würde, so bald ihr Namen und das Siegel geändert werden wollten. Um seines hohen Alters willen, habe unstreitig, ihm Wieland, so gerne und freudig die Ehre erwiesen, auch jetzt noch beyzutretten. [Dies war eine aktuelle Sensation; wie es dazu kam, wird weiter unten noch ausgeführt.]

7.) weil um die Bestättigung unserer litterar. Verbindung unter jenem Namen bey der Kön. Majestät nachgesucht wurde. [Auch dieser Vorgang verdient noch eine gesonderte Darstellung.]

8.) weil die Annahme eines neuen Namens den Schein der Neuerungssucht haben dürfte, welchen eine so alte litterarische Gesellschaft sich nicht zum Vorwurf machen laßen müßte; u. endlich

9.) weil man durch neuen Namen selbst neue Erwartungen erregen könnte, die in der Folge doch nicht erfüllt werden dürften. Übrigens kenne man auch keine Veranlassung, welche so wichtig sey, daß überwiegende Gegengründe für eine zuerwünschende Abänderung stattfinden könnten. Man unterstelle indeßen die vorgetragenen Gründe für die Beybehaltung der Benennung Nürnbergisch pegnesischer Blumenorden, der näheren Prüfung des verehrlichen Vorstandes und könne sich auch damit vereinigen, wenn beliebt werden sollte, künftig nur Nürnbergischer Blumenorden, statt pegnesischer Blumenorden zu schreiben, da die Hauptidee im Wort Blumenorden liegt, die Benennung litterarischer Gesellschaften nach Flüßen obsolet ist und so gar eine Hauptstadt den Namen Pegnitz führt, wo der pegnesische oder pegnitzische Blumenorden, wie ihn Wieland einigemahl nannte, leicht daselbst gesucht werden könnte.” — Genau dies ist zu unseren Zeiten eingetreten, da es in Pegnitz eine Vereinigung gibt, die sich ,Pegnitzschäfer' nennt. Der Blumenorden allerdings ist einzig und kann diesen Namensbestandteil auch schützen.

„ad II.) glaubt man, wenn die innere Organisation des Ordens noch näher bestimmt werden solle, so müßte jetzt vorzüglich berücksichtigt werden, daß die neue Königliche Akademie der Wissenschaften zu München, der Centralpunkt aller litterarischen Anstalten im ganzen Land sey — daß künftig ohne Zweifel der Orden unter deren Aufsicht kommen werde, wenn die Kön. Bestättigung erfolgt seyn wird; da aber 7. u. 8. der Constitutionsurkunde ausdrücklich besagt, „die Akademie setzt sich nicht nur mit den Akademien und gelehrten Instituten des Auslandes, sondern auch mit den vorhandenen gelehrten Anstalten in Unseren Erbstaaten in eine umfassende litterarische Verbindung." […] Dieses zu bewirken, sey um so mehr darauf Bedacht zu nehmen, der Thätigkeit der Mitglieder eine festere Richtung zu geben, dahin gehe auch die von dem dermahlen so eben hier anwesenden Mitglied Herrn Dr. u. Prof. Siebenkees in Altdorf sich erbettene Abstimmung, welche in der Anlage mitfolgt, so daß der dermahlige Ausschuß dahin übereingekommen ist, bey dem verehrlichen Vorstand den Antrag dahin zu machen, bey der nächsten Sitzung darüber abstimmen zu laßen, daß zum Gesetz erhoben werde:

1.) daß die Mitglieder künftig sich zu bestreben haben, über Gegenstände aus einer oder der anderen folgender Claßen, Vorlesungen zu halten:

a.) aus dem Gebiete der teutschen Sprache und Litteratur

b.) der Ästhetik überhaupt und der Dichtkunst insonderheit,

c.) der teutschen Geschichte überhaupt und der vaterländischen insonderheit;

d.) aus dem Gebiete der Staatswissenschaft und Staatswirthschaft, sowie über jede andere Art von gemeinnützigen Kenntnissen;

ohne jedoch damit irgendeinen Zwang damit zu verbinden; als, daß man eine Sitzung zuvor anzeigt, ob und aus welcher Claße man in der nächsten vorlesen wolle.

2.) daß jedes Mitglied verbunden sey, das, was es bey seiner Lektüre von einem Quartal zum anderen als vorzüglich neu, oder dunkel oder wichtig gefunden habe, zu bemerken und aus dem Journal, gelehrten Zeitung, oder wissenschaftlichem Buche, wo es solches aufgefunden hat, auszugsweise mittheilen und dadurch eine gesellschaftl. litterarische Unterredung zu veranlassen, durch welche die Gesellschaft ungleich mehr Intereße bekommen würde, als bisher dabey erzielt wurde, da dadurch ein Austausch der Ideen erzeugt und die nützlichste Wechselwirkung rege gemacht werden würde.”

Irgend jemand aus dieser Versammlung — Kiefhaber wäre es zuzutrauen — hatte wohl das anonyme Blatt aus dem Ordensarchiv gelesen (und möglicherweise falsch wieder eingeordnet), das schon ins 17. Jahrhundert zurückzudatieren, aber keinem Vorgang aus dem Orden mehr mit Gewissheit zuzuordnen ist:

Weilen aber diese gesellschafft ohne jemandes Beschwehrniß und mit höchster Freyheit geschehen solle, auch nicht allezeit dergleichen neue observationes sich ereignen mögten, oder solche doch die völlige Zeit der 1 oder 2 Stund nicht ausmachen, als stündte dahin, ob nicht […] ein Stück von einem gewissen alten oder Neuen gedruckten authoren, oder einem curiosen manuscripto, so ursach zu guten Diskursen geben mögte, und worumb sich die compagnie zu vergleichen hätte, mögte abgelesen werden, nach dessen vollendung, von derselben discurirt und was absonderlich remarquable befunden würde ad protocollum könnte gebracht werden. Der obige Punkt 2.) scheint tatsächlich nichts weiter als eine Modernisierung des Ausdrucks zu sein, inhaltlich knüpft er sehr eng daran.

3.) daß mit der ersten Quartalsitzung 1808. die neue Organisation in Wirksamkeit zu tretten habe.

4.) daß dieselben in einem [gestrichen: „Circulare"] Schreiben, das gedruckt werden müßte, den sämtlichen auswärtigen und Ehrenmitgliedern bekannt zu machen wäre, mit dem Wunsche, daß auch sie öfters Vorlesungen, aus den beschriebenen Fächern, einschicken möchten.

5.) daß ein Comité aus drey Mitgliedern bestehend niedergesetzt werden solle, welche alle im Archiv niedergelegten Vorlesungen revidiere, nach Durchgehung der Protokolle die noch abgängigen einfordere, solche streng prüfe und dem Orden nach einiger Zeit unpartheyisch berichte, ob sie des Druckes würdige Aufsätze darunter gefunden habe u. welche. Wenn der Vorstand mit dem Comité über den Werth des Drucks einverstanden seyn werde, dann habe derselbe zuvor noch bey den Verfaßern anzufragen, ob sie es zufrieden sind, wenn dieser oder jener Aufsatz von ihnen gedruckt wird [Einschub von anderer Hand: „wobey ihnen das Recht zuvor noch die Feile an selbigen anzulegen ehe er zum Druck befördert wird, immer unbenommen bliebe."] Eben dieses Comité, hätte künftig auch alle neu eingehende Vorlesungen zu prüfen und zu bestimmen, ob sie des Druckes würdig zu achten wären oder nicht.

6.) daß künftig kein ordentliches Mitglied mehr ein Denkmal erhalten soll, wenn es nicht wenigstens eine Vorlesung gehalten haben wird, so lange es im Blumenorden war.

7.) daß künftig jede Sitzung spätstens um 5 1/2 Uhr ihren Anfang nehmen soll und bey mehrerer litterarischer Unterhaltung, dem früheren Erscheinen der Mitglieder, um so mehr zuversichtlich entgegen sehen zu dürfen gewärtige; als diese Gesellschaft im ganzen Jahre nicht öfter als viermahl Statt habe, folglich billig sich zu schmeicheln habe, daß sie nicht andern, bloß der Zerstreuung gewidmeten Gesellschaften, gleich gehalten werden wolle.

Womit diese Conferenz beschlossen und [von anderer Hand eingefügt: „das darüber abgehaltene Protocol"] von sämtlichen Mitgliedern eigenhändig unterschrieben wurde.”

Die Abstimmung über den bewährten Gesellschaftsnamen in der regulären Ordensversammlung war nur mehr eine Formsache. 18 Mitglieder waren am 2. November 1807 erschienen und votierten einstimmig zugunsten einer Beibehaltung des Namens in der Form ,Nürnbergisch-Pegnesischer Blumen-Orden'.

Nicht ganz so glatt ging es in der folgenden Sitzung vom 8. Februar 1808 zu, als die Vorschläge zur Arbeit des Ordens zur Abstimmung gebracht wurden. „1.) […] e.) […] Bey diesem Vorschlag fande die Gesellschaft die Gegenstände der Vorlesungen zu ausgedehnt und zuviel umfassend, und beschloß daher, daß StaatsWissenschaft u. StaatsWirtschaft davon ausgeschlossen bleiben sollen. Übrigens blieb es blos Wunsch, daß iedes Mitglied es sich selbst zum Gesez machen möge, Ausarbeitungen zu liefern, und daß derienige, welcher eine Vorlesung in der nächsten Versamlung halten wolle, es zuvor anzeigen u. zugleich den Gegenstand derselben angeben möge.

d.) […] die Maiorität der GesellschaftsMitglieder aber bemerkte, daß viele von den vorhandenen Vorlesungen nachher bereits im Druck erschienen seyen, und dass unter den übrigen vielleicht nur wenige, schon deswegen, weil sie dem neuesten Geschmack nicht mehr ganz anpassen, sich zum Druck eignen möchten. Es wurde daher, da man nur mit großer Behutsamkeit sich in das schriftstellerische Publikum wagen dürfe, für gerathener gehalten, wenn ie der Orden, welches aber nicht gerade erwartet werden würde, unter seiner Firma etwas im Druck erscheinen lassen wollte, neuen Vorlesungen entgegen zu sehen, und alsdann erst, rücksichtlich der Recension, etwas vestzusetzen; iedoch habe immer die ganze Gesellschaft über den Druck, der in ihrem Namen veranstaltet werden soll, zu bestimmen. […]”

Kiefhabers Enthusismus war damit wieder ziemlich abgebremst. Und seltsamerweise war nach all diesen konstitutionellen Erörterungen von einer Satzungs-Neufassung nicht die Rede. Man hatte allerdings drängendere Sorgen. Die äußeren Lebensbedingungen waren auch für Angehörige der bürgerlichen Schichten nicht günstig.