Kiefhabers Anschub

Am 6. Februar 1804 holte Kiefhaber ganz weit aus, um den Blumenorden, der seit der Aufbruchsstimmung von 1786 wieder in ein ziemlich gemächliches Fahrwasser geraten war, neu zu beleben:





"[…] Unsere Gesellschaft […] behauptet einen würdigen Rang unter den litterarischen Gesellschaften in Teutschland, theils durch ihre edle Bestimmung, da sie ursprünglich schon die Cultur der teutschen Sprache und Dichtkunst zu ihrem Endzweck hatte, und derselbe, seit ihrer neuen Organisierung auf Erläuterung der Litteratur und Geschichte, besonders des Vaterlandes, erweitert wurde; […] wer möchte aber auch läugnen, daß nicht noch mehr, durch sie hätte geschehen können und sollen. — Je vielseitiger die Ansichten des gelehrten Wissens sind, desto vortheilhafter ist es die Zahl der Gelehrten, die sich zu einerley gemeinnützigen [sic] Zweck verbinden, immer vermehrt zu sehen. — […]

Ich verkenne Ihre Verdienste H. H. für unseren Blumenorden nicht, ich weis wie Viele von Ihnen ihren litterarischen Fleiß uns schon gewidmet haben, wie manche schöne Vorlesung von Ihnen unser Ordens-Archiv in sich verschließt; wurde aber von diesem allen unseren Mitverbundenen im Auslande, je das Mindeste davon bekannt gemacht? — Haben wir denselben jemahls Veranlassung gegeben über irgendeinen bestimmten Gegenstand uns ihre Gedanken mitzutheilen? […]

Erlauben Sie daher, daß ich hier unumwunden behaupte, der Werth litterarischer Gesellschaften überhaupt; sowie der unbestrittene Werth unsers Blumenordens könne unläugbar dadurch erhöht werden,

1.) wenn von Zeit zu Zeit Themen über gewiße dem gesellschaftlichen Plan angemessene litterarische Gegenstände ausgewählt — und so wohl die einheimischen, als die auswärtigen Mitglieder zu deren Bearbeitung aufgerufen werden.

2.) wenn mittelst einer Correspondenz mit den auswärtigen Mitgliedern diese zur thätigen Theilnahme an den litterarischen Verhandlungen des Ordens erweckt werden.

3.) wenn die eingehenden Arbeiten mit Bescheidenheit geprüft und nach Verdienst gewürdigt werden.

4.) wenn von Zeit zu Zeit eine Sammlung der vorzüglichsten Arbeiten im Gesellschaftlichen Namen in Druck gegeben würde.

Wem von uns sollte es unbekannt seyn, wie viele ungünstige, obschon unverdiente Urtheile sowohl in Reisebeschreibungen, als selbst in Journalen und kritischen Zeitschriften unsere Gesellschaft über sich mußte ergehen lassen; vielleicht weil sie bisher zu viel Stillschweigen von ihrer Verfassung und ihrem Wirkungskreise beobachtet hatte. […]" Man beachte das Wort ,Verfassung' — es heißt ,Satzung'.

In einem behäbigen Verein werden solche Dinge zunächst an einen Ausschuß verwiesen. Dieser tagte am 27. Oktober 1804 und gab seine Stellungnahme auf der nächsten gewöhnlichen Versammlung des Ordens ab. Zu den einzelnen Punkten Kiefhabers heißt es:

"1) Erstlich dürfe von den hiesigen Mitgliedern nicht zu vieles gefordert und erwartet werden, weil die Situation der mehresten, in Hinsicht mannichfaltiger Berufsgeschäfte sie zu oft am gelehrten Privatfleiße hindert [...]

2) Zweytens der Ausschuß [könne...] nicht wohl beistimmen, indem aufgegebene Materien viel mehr äußerlichen Ruhegenuß, und viel mehr Muster erfordern, als sie die meisten Mitglieder unserer Gesellschaft haben; dagegen möchte wohl vielmehr die Wahl des Gegenstandes jedem arbeitenden Mitglied selbst zu überlaßen seyn, doch so, daß zur Beschäftigung der gelehrten Muse gewiße Claßen des gelehrten und praktischen Wißens festgesezt würden, wie bey anderen litterarischen Gesellschaften gebräuchlich ist, Claßen, die zu dem Plan unserer Gesellschaft gehören, oder doch damit vereinbar sind, und in denen Einer oder Mehrerer sich die Mitglieder, die sich zu Ausarbeitungen entschließen wollen, einzeichnen können. Es könnten demnach 4. solcher Claßen gewählt werden; [...] diese Mitglieder treffen unter sich die Einrichtung, daß eines von ihnen bey jeder vierteljährlichen Versammlung eine Vorlesung giebt [...]

a) Deutsche Sprache und Dichtkunst; Ästhetik;

b) Geschichte; deutsche und vaterländische Geschichte besonders;

c) Philosophie; und

d) Naturgeschichte und Oekonomie. Was

3) drittens die auswärtigen Mitglieder betrifft, so wären, nach unserem Dafürhalten, dieselben schriftlich zu ersuchen, über Materien aus diesen Claßen, wenn es ihre Lage und der Umfang ihrer Geschäfte erlaubt, uns bisweilen eine Vorlesung einzusenden [...] so würde wohl nöthig seyn, nach dem Beyspiele der löbl. Industrie-Gesellschaft [der Gesellschaft zur Beförderung vaterländischer Industrie], einen eigenen Correspondenz-Sekretair zu erwählen [...]

4) Vierdtens: Über den Druck der eingegangenen Arbeiten selbst, kan erst in der Zukunft entschieden werden [...]

Ob nicht künftig außer Abhandlungen und Gedichten, auch bisweilen eine gründliche Recension irgend einer wichtigen in unsre Claßen einschlagenden Schrift, und litterarische Notizen und Aufklärungen, wie Z.B. ehemals im litt. Anzeigergeschehen, und in den litt. Blättern noch geschieht, in das zu druckende Bändchen aufgenommen werden könnten, so auch jede Veränderung bey unserer Gesellschaft selbst, stellet der Ausschuß […] weiterer Überlegung anheim; und ob übrigens zu der von dem Herrn Registr. Kiefhaber vorgeschlagenen Abhandlung über Klopstocks und Herders Verdienste um die deutsche Sprache ein Mitglied unserer Gesellschaft sich […] entschließen werde, müssen Unterzeichnete […] gleichfalls von der Zeit erwarten. […]"

Zu beachten ist hier in erster Linie, daß nicht nur vorsichtig abgebremst wird, wie es bei erstem Lesen den Anschein hat; der eigenständige Einfall des Ausschusses, den Blumenorden in Klassen zu organisieren wie andere gelehrte Gesellschaften es vorgeführt haben, und darüberhinaus eine Art Jahrbuch herauszugeben, ist zukunftsweisend. Kiefhaber hat diese Seite der Reaktion gesehen:

"Mit verbindlichstem Dank erkenne ich, daß von Seiten der hochverehrlichen Gesellschaft, die — von mir gemachten Vorschläge […] einer so geneigten Aufnahme gewürdigt wurden […] Ganz einverstanden mit den von ihnen so sachgemäßen Modificationen hätte ich mir gewünscht, daß es den hochgeschätzten Herren Gesellschaftern gefällig gewesen wäre, sich in ihren votis bestimmter zu erklären, in wie weit es bey den vorgeschlagenen Modificationen das Verbleiben haben soll, als, welches, wenn ich es recht fasse, der letzte gesellschaftliche Schluß eigentlich mitbeabsichtigte."

Kiefhaber beschwichtigt, er habe in Bezug auf "Themen aufgeben" keinerlei Zwang beabsichtigt, weder terminlich noch bei der Bearbeitung selbst. "Ich beabsichtigte bloß auf gewisse Materien aufmerksam zu machen und dachte, dass dabey bisweilen eine wünschenswerthe Concurrenz Statt haben könnte; […]" Statt der vier ,Classen' möchte er lieber fünf eingerichtet sehen:

"a.) teutsche Sprache und Litteratur.

b.) Aesthetik überhaupt und Dichtkunst insonderheit

c.) Teutsche Geschichte überhaupt und vaterländische besonders.

d.) Philosophie und

e.) Naturgeschichte und Ökonomie."

Wenn eine endgültige Übereinstimmung dazu unter den Mitgliedern erreicht sei, solle die Nachricht davon gedruckt und den auswärtigen Mitgliedern zugänglich gemacht werden.

Man muß sagen, daß diese Vorschläge von Anfang an sehr bereitwillig aufgegriffen wurden. Das Ausschußprotokoll war noch nicht einmal geschrieben, da eröffnete Colmar bereits eine Liste, auf der sich die Mitglieder zu ihren möglichen Beiträgen erklären sollten. Das Herumgeben zog sich allerdings vom Oktober 1804 bis in den Februar 1806 hin.

Colmar, 12. 10.1804: Vorträge über nürnbergische Geschichte.

Zahn, 12. 12.: "vaterländische Gegenstände zum Vortrag in unseren OrdensVersammlungen".

Johann Georg Bezzel, 13. 12.: seine 71 Lebensjahre entschuldigen ihn.

Diakon Bezzel,19. 12.: hofft auf künftig geringere Arbeitsbelastung.

Büchner (der Leiter der Knaben-Industrieschule), 23. 12.: will Beiträge zu allen 4 Klassen liefern.

Dietelmair, 23.12.: kann zur Zeit nicht, will aber nicht untätig bleiben.

Diacon Drechsler, 26. 12.: Literatur und vaterländische Geschichte.

Dr. Eichhorn: jährlich eine gemeinnützige Abhandlung.

Diacon Frank, 6. 1. 1805: 1. und 2.Klasse.

Kiefhaber selbst, 7. 1.: verweist auf eine Beilage.

OMedKommissär Krämer, 17. 1.: deutsche und vaterländische Geschichte oder gemeinnützige Gegenstände.

Dr. Lindner, 20. 1.: wird Aufsätze liefern.

Dr. Lorsch (damals noch Ratsconsulent), 21. 1.: 1. und 2. Klasse.

Merkel (es kann sich eigentlich nur um Georg Nikolaus Merkel handeln, Rektor in Hersbruck, aufgenommen 1786): jährlich mindestens ein Aufsatz über Literatur oder vaterländische Geschichte.

von Neu, 27.1.: er möchte staatswissenschaftliche und staatswirtschaftliche und überhaupt gemeinnützige Gegenstände unter einer eigenen Klasse eingeführt sehen. "[…] Da der Orden grössestentheils aus Geschäfts-Männern u. nicht aus blossen Gelehrten besteht; so würde sich wahrscheinlich in diesem Fache, manches Mitglied leichter einer Arbeit unterziehen […]" Er selber möchte zur 1. Klasse und zur Ökonomie einige Aufsätze liefern.

Reichel, 3. 2.:unbestimmte Zusage, beizutragen, soweit es seine äußerst beschränkte Zeit erlaubt.

Diaconus Schöner, 4. 2.: 1. und 2. Klasse, sobald er imstande sein wird.

Diaconus Wiszmüller: 2. und 3. Klasse, sobald er nicht mehr unterrichten muß.

Ebenso Diaconus Seyfried

Diacon Riederer, 7. Mai: Er will sich nicht ausschließen, aber völlige Freiheit in der Wahl des Gegenstandes haben.

Schwarz: Eigentlich kann er überhaupt nicht, aber um seinen guten Willen zu erweisen, übernimmt er das fünfte Fach, soweit es ihm möglich ist.

Dr. Osterhausen (der Arzt): keine Zeit.

Dr. Veillodter, 2. 2. 1806: wird mitzuwirken trachten

Leuchs [Johann Georg, der Advokat], 3. 2.: "Unerachtet ich selbst Mitglied des Ausschusses zur Prüfung des Kiefhaberschen Antrags war, so muß ich doch gestehen, daß mir die Classification welche nachher Herr Registrator Kiefhaber in seinem voto vom 6. Jan. 1805 machte, besser gefällt als die unsrige. […] Ich werde dieses Jahr meine Kaiserkarakteristik endigen, die ohnehin einen Gegenstand der Kiefhaberischen dritten Classe ausmacht, und dann immer etwas dem ähnliches, jährlich für die BlumenordensGesellschaft liefern. — Noch fällt mir die nicht ungegründete Erinnerung des H. Dr. und Rath v. Neu bei. Er wünscht mit Recht, daß Rücksicht auf die Neigung und Verhältnise aller Mitglieder genommen werden mögte. Wenn man nun noch eine sechste Classe hinzu thun wollte, unter der Rubrik: Gemeinnützige Gegenstände überhaupt und Staatswirtschaft und Policei insbesondere, so würde auch diesem Wunsche Genüge geleistet werden können. Ich würde dann auch neben der dritten mit dieser sechsten Classe mich beschäftigen."

von Loeffelholz, 16. 2.: 1. und 2. Klasse.

Diacon Seidel: "[…] Die erste reifere Frucht, die mir auf ästhetischem Boden gedeihet, soll dem Orden gewidmet seyn."