Die Anthologie in der Festschrift von 1844


Bevor in der Ordensversammlung vom 13. November 1843 endgültig festgelegt wurde, wie das Jubiläum von 1844 zu begehen sei, muß es bereits Absprachen über die Gestalt der Festschrift gegeben haben. Und obwohl Mönnich und Harleß, wie erinnerlich, die poetischen Leistungen der Pegnesen in den abgelaufenen Jahrzehnten eher bescheiden einstuften, nimmt den Hauptumfang der "Festgabe", welche dann 1844 erschien, eine Anthologie ein. Die Mitglieder des Poetenzirkels hatten sich früh genug an die Arbeit gemacht, wohingegen ein Verfasser des geschichtlichen Einleitungsteils in jener Novembersitzung von 1843 erst gesucht wurde. Schon im November 1839 lud Heiden einen ausgewählten Kreis von Personen zu einer außerordentlichen Sitzung ein, ohne ein Thema anzugeben, doch läßt sich aus der Tatsache, daß der Vorstand und etliche dichterisch besonders aktive Mitglieder diesen Kreis ausmachten, auf die Erörterung von Absichten schließen, die mit Dichtung, Veröffentlichungsmöglichkeiten, ja wohl auch dem bevorstehenden Jubelfest zu tun haben konnten:

"Der Unterzeichnete gibt sich die Ehre, die auf dem Umschlag benannten verehrlichen Ordensmitglieder, auf künftigen Montag den 2ten December zu einer freundschaftlichen Unterhaltung in der goldenen Krone im Heugäßchen, ergebenst einzuladen, bei welcher wie immer die gefällige Mittheilung  von Früchten ihrer geschäftsfreien Mußestunden sehr willkommen sein wird. Der Anfang ist wie gewöhnlich Abends um 7. Uhr.

Mit vorzüglicher Hochachtung beharrend
Nürnberg den 28sten November, 1839.
Heiden, OrdensSekretär"

Folgende Personen kündigten ihr Erscheinen an:

"Kreß wird kommen
Michahelles gleichfalls
Seiler auch
Dr. Holzschuher desgl.
Meißner desgl.
Löffelholz desgl.
Dr. Lösch desgl.
Dietelmair erscheint
Schnerr desgl.
Osterhausen — erhalten am 2. Decbr. Vormittags"

Auch auswärtige Mitglieder wurden nun angegangen, zu der geplanten repräsentativen Gedichtsammlung etwas beizutragen. Es dauerte lange, bis einige reagierten, und dann auch nicht immer in der erhofften Weise. Ein gutes Beispiel ist der Landgerichtsarzt Dr. Gustav Blumröder aus Kirchenlamitz. In einer schnakisch humoristischen Weitläufigkeit entzieht er sich dem Wunsch mit Hinweis auf sein langes Fernstehen, das ihm nicht erlaubt abzuschätzen, ob sein humoristisch-satirischer Beitrag, den er allenfalls liefern könnte, nicht die Empfindlichkeit zu sehr reizt und anmaßend erscheint, und schließt:

"Möge die blauäugige Athene, ,die Verwundende u. Heilende" und die [unleserl.] jungen und fröhlichen Musen, in ihrer göttlichen Heiterkeit und Freyheit von den seriösen Emblemen des Ordenssiegels unverdüstert, der Jubelfeier u. ihrem Gedenkbuche hold u. freundlich zulächeln!
Möge der Irrhain nicht dürr seyn!
Mögen dem sehr verehrlichen Verein die kommenden Tage, frey von Wolken u. Wolkenschatten u. Stechfliegen, mit sonnenhell blauem Himmel eine saftgrün [unleserl.] u. frisch aufblühende fruchtbare Zukunft bringen!
Mit vollkommenster Hochachtung besteht

Blumröder
Kirchenlamitz am 19. März 1844"

Nachdem er die Festgabe zugeschickt bekommen hatte, änderte sich anscheinend seine Einstellung zu der verdüsternden Seriosität des Ordenssiegels, und er übersendete am 10. August 1844 einige humoristische Verse; für die Veröffentlichung war das freilich zu spät. Auf der Rückseite des eingegangenen Briefes notierte der neue Ordenssekretär Seiler ein Konzept der Antwort, die Blumröder zuteil wurde: "Nürnberg, den 26. Aug. 1844

Ew. Wohlgeboren

Dankt der pegn. Blumen-Orden verbindlichst für die gütigst übermachten Exp. der humoristischen Versuche, die Ihrem lebensvollen und heiteren Geiste entquollen [...Man habe sie der Ordensbibliothek eingegliedert] Gedenken Sie des Ordens noch ferner und benützen Sie künftig die Eisenbahn, um seinen vierteljährlichen Versammlungen persönlich beyzuwohnen. So lebendige, thätige Glieder, wie Sie eines sind, werden ihm stets ein sehr willkommenes Erlebnis seyn. [...]"

Blumröder starb 1853 in Nürnberg.

Georg Andreas Gabler, der noch in Altdorf studiert hatte und seither Philosophieprofessor in Berlin geworden war, sandte nach Redaktionsschluß noch ein Gedicht, das bestimmt nicht von der Vermeidung von Seriosität geprägt war, einfach, um nicht gänzlich unbeteiligt zu erscheinen, und begleitete es mit den Worten:

"Ew. Hochwohlgeboren

Haben vor etlichen Monaten die Güte gehabt, mich als ein auswärtiges Mitglied des Pegnesischen Blumenordens von der in den Monat Juli d.J. fallenden zweihundertjährigen Stiftungsfeier desselben gefälligst in Kenntniß zu setzen und zu einem Beitrage für das zu diesem Zwecke beabsichtigte Album einzuladen. [...]
Um indessen nicht ganz zurückzustehen [...] erlaube ich mir in der Anlage [...] einen kleinen Beitrag zu Ihrer geneigten Verfügung und zum geeigneten Gebrauche zu übersenden. [...]

Berlin, 14. Juli 1844

[...] ganz ergebenster
Professor Gabler"

Seine Verse lauten:

Aus noch ungedruckter Handschrift.

Schwachgläub'ge Menschen! Arme Sterbliche!
Die, wenn ein großes, allgemeines Loos
Sich zu erfüllen naht den Zitternden,
Durch kleine Fehler es verschuldet wähnen,
Die kaum ein Aß sind in der Weltenwaage,
Und, wenn sie eigner Vorwurf schuldig spricht,
Mit schwachen Zweifeln ihr Gewissen ängsten! —
Der Zeiten Strom wogt brausend für und für,
Und keine Macht hemmt das erzürnte Tosen.
Stolz schwimmt auf hoher Flut her manches Schiff;
Doch lecke Fugen, Schiffbruch, jähes Stranden
Versenkt in's Wellengrab es früher, später.
Unnütze Trümmer sind der Überrest,
Oft kaum zu brauchen mehr für Fischerbarken.
Kein ander Schicksal, keine andre Zeit
Haust jetzt bei diesem Volk, als überall;
Kein andrer Geist schleicht hier auf finstren Pfaden,
Als jener Riesengeist, der allgewaltig
Hinschreitend wandelt über alle Länder,
Und aller Zeiten großer Herrscher ist.
Dem sind wir unterthan. Uns bleibt die Sorge,
Daß schuld'ge Treu wir nicht uns selber brechen.

Diese Gedanken könnte ein Rechtshegelianer verfaßt haben, einer, der im modernen napoleonischen bzw. preußischen Staat und in der Entwicklung von Wirtschaft und Industrie das Walten des Weltgeistes zu spüren glaubt, der im Bewußtsein der Zeitgenossen zu sich selber kommt. Oder findet man etwa einen Schopenhauerischen Fatalismus darin, der lehren will, daß der Mensch gegenüber der Übermacht des Schicksals kein falsches und sinnloses Aufbegehren an den Tag legt, sondern Abkehr von Leidenschaften lernt? Gabler ist wohl in mehrfacher Hinsicht Epigone, aber gerade deswegen typisch für die Träger eines Zeitgeistes, der sich alsbald von der klassischen Humanität verabschiedete und teils in Großmachtstreben, teils in Untertanengehorsam verkam.

Und was fand nun wirklich Aufnahme in die Festschrift?

In Schuber 82 des Pegnesenarchivs wird sie aufbewahrt: "Festgabe zur zweihundertjährigen Stiftungsfeier des Pegnesischen Blumenordens. Nürnberg. Verlag von Bauer und Raspe. (Julius Merz.) 1844." Die ersten 48 Seiten nimmt der Aufsatz ein: "Der Pegnesische Blumenorden von 1644-1844. Von Dr. W. B. Mönnich." Sie sind mit römischen Ziffern paginiert, wobei die Besonderheit auftritt, daß die Zahl 40 nicht "XL", sondern "IL" geschrieben wird. Auf Seite ILIV findet sich das schon bekannte Urteil Mönnichs über das unausweichliche Epigonentum der Pegnesen, allerdings gemildert durch die Feststellung: "Es ist in der That nicht unerfreulich, vielmehr höchst belehrend, die Angaben, welche die Protokolle über die gehaltenen Vorträge aufbewahren, darauf anzusehen, wie der älteste literarische Verein Deutschlands ohne Geräusch und Lärm [...] aus seiner Mitte nach und nach eine Gallerie von Bildern herausgebracht hat, die den Gestalten, die uns auf dem großen Markte der Literatur entgegentreten, gar nicht unähnlich sind." Über die regelmäßigen literarischen Treffen außerhalb der offiziellen Ordensversammlungen urteilt er auf Seite ILVII:

"Vielleicht dürfen wir es als ein gutes Zeichen betrachten, daß diese Monatsversammlungen sich neben den Vierteljahrssitzungen bereits siebzehn Jahre erhalten haben;" und dann folgen auf seine 48 Seiten mehr als fünfmal so viele arabisch paginierte — die Anthologie von S. 1 bis 263, alphabetisch nach Autoren geordnet. Das ist im wesentlichen die Frucht dieser siebzehn Jahre.

Bei Durchsicht der Titel ergibt sich, daß weder Gattungen noch Themen vertreten sind, die von den in der Sammlung von 1834 vorliegenden Proben abweichen. Das Fehlen politischer Bezüge fällt an den Titeln auf. In den Gedichten selbst, wenn man sie erst aufschlägt, sind solche dennoch vorhanden. Auch aktuelle Bezugnahmen scheinen auf den ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis zu fehlen, mit Ausnahme des Eisenbahngedichtes von Schnerr. Bei näherem Hinsehen sind sie in Feiergedichten durchaus beabsichtigt, etwa in folgenden:

Mehrere Gedichte zu Dürer-Gedenktagen und Dürerfeiern (siehe oben).

"Rundgesang zur Feier der Gemeindewahlen der Stadt Nürnberg im Jahre 1830", von Binder — ergiebig ist an diesen Jubelformeln nur die Aussage, daß Noris jetzt mündig sei.

"Gesang beim akademischen Fest in Altdorf, den 2. Juli 1822", von Dr. Lorsch "erster Bürgermeister zu Nürnberg, 1830"; darin:

Ach das Köstlichste verschwindet,
Und die Blume bricht der Nord,
Was sich segnend hier gestaltet,
Riß der Sturm der Zeiten fort.
Diese Hallen sind verödet,
Und der Lehrstuhl weggeschafft,
Und die Schüler ausgetrieben
Aus dem Dom der Wissenschaft.

"Der 16. Februar 1822 gab in Altdorf wohl auch zu Hoffnungen Anlass, dass die Universität neuerlich erstehen könne. Das Wartburgfest 1817 oder das Attentat gegen August von Kotzebue durch den Erlanger Studenten Karl Ludwig Sand im Jahre 1819 führte zu einer explosiven Stimmung unter den Erlanger Burschenschaften. Aus Protest zogen die Erlanger Studenten nach Auseinandersetzungen mit Handwerksburschen, die sich im Fasching zur wüsten Schlägerei zugespitzt hatten, nach Altdorf, um dort ein fideles Studentenleben zu führen. Bei ihren Kämpfen hatten sie Bürgermiliz, 150 Mann Infanterie und eine Schwadron Kavallerie nicht gerade unterstützt. Erzürnt wandten sich die 400 Studenten also von Erlangen nach Altdorf, wo sie durch die Bürgerschaft begeistert Aufnahme fanden. Doch bereits am 5. März kehrten die aufständischen Studenten in allen Ehren zurück, denn der Senat hatte ihre Forderungen zum Teil erfüllt." Wenn immerhin ein halbes Jahr später der Bürgermeister Nürnbergs das Verschwinden der alten Universität im Tone der Enttäuschung vergeblicher, kurzzeitiger Hoffnungen beklagt, so ist das durchaus ein Politikum.

Mönnich selbst steuerte unter anderen ein Gedicht bei, das in Bezug auf Schauplatz und moralischen Impetus eine gewisse Ähnlichkeit mit Heines berühmten Versen über "Gezählt, gewogen, zu leicht befunden" aufweist. Hier ist es jedoch nicht ein König Belsazar, der Jehova "ewig Hohn" kündet und folglich seinem verdienten Untergang — durch seine Knechte! — entgegengeht, sondern das Volk von Babylon, das von Xerxes schlauerweise in die Dekadenz getrieben wird und daher aus der Weltgeschichte verschwindet.

Das Gebot des Königs. Eine babylonische Geschichte.

    Zürnend auf die Babylonen,
Die nach Freiheit lüstern waren,
Kam mit seinen Legionen
Xerxes und — trieb sie zu Paaren, —

Drang hinein in ihre Mauern
Und gebot: "Legt ab die Waffen,
Soll mein Zorn nicht ewig dauern,
Nicht mit Untergang euch strafen!

     Soll ich aber Gnade schenken,
Nehmet Geigen, Zithern, Flöten,
Spielt und zechet in den Schenken,
Schwelgt wollüstig ohn Erröthen.

     Und dann hüllt die üpp'gen Glieder
Mir in schimmernde Gewande,
Fleißig zum Gebet auch nieder
Kniet vor meinem Gott im Sande!"

     Folgsam drauf die Babylonen
Thaten, wie der Herr geboten,
Und — versunken seit Aeonen
Babel ist in Sumpfes Boden.

Man sieht, die religiöse Komponente ist im Politischen verschwunden, damit freilich auch der Schauer. Hier geht es um ein Lehrstück zu Machtpolitik und Kulturgeschichte. Die moralische Anwendung auf sich kann der Zeitgenosse von 1844 bestimmt leichter machen als bei Heines Gedicht, denn er muß nicht eine fremde alte Religion erst in etwas übersetzen, was ihm geistig viel bedeutet, sondern sieht am Ergebnis sofort: "Wenn ihr euch aus lauter Streben nach Luxus abbringen laßt von euren Freiheitsidealen, ist Deutschland verloren." Der ideale Hintergrund ist die Vorstellung vom tugendhaften germanischen Wilden, der geistige Gegner ist mal wieder der überfeinerte Franzose, der mit dem Gift seiner Zivilisation die deutschen Fürsten geimpft hat, die auch nicht anders handeln als Usurpatoren gegen ihr eigenes Volk. Ein Seitenhieb auf die neue Frömmigkeit gegenüber der alten Kirche ist auch zu verspüren. Das ganze ist von der Zensur nicht zu erfassen, weil man genausogut eine Warnung gegen Götzendienst im Dienste falscher ausländischer Mächte darunter verstehen könnte, wobei als Ausland ja auch deutschsprachige Länder in Frage kamen — wenn man den aufrechten, unbotmäßigen Bürgersinn in diesen Zeilen festnageln will, verflüchtigt er sich. Ein unangenehmer Nachgeschmack von nationalstaatlicher, kulturfeindlicher Barbarei bleibt.

Winterling hatte natürlich nicht den Zeitpunkt verpaßt, Gedichte aus seiner Produktion in der Anthologie unterzubringen. Wo er über seine eigene Einstellung zur Kunst schreibt, erwartet man wohl eine auf dem Boden beruflicher Erfahrung gegründete Aussage, aus der vielleicht seine Stellung in der damaligen Literatenzunft und seine Sicht der Produktionsbedingungen hervorgeht. Das müßte ja eigentlich mit Kritik an der Kommerzialisierung, an Elend des verkannten Genies, oder gar an politischer Gängelung irgendwie schlau verbunden sein. Wie geht er es an?
Und bin ich nicht politisch
Wie mancher Musensohn,
Kriech' ich auf otahitisch
[Otaheiti = Tahiti]
Doch auch vor keinem Thron.


Zieh' ich mit jener Innung
Nicht spornstreichs gleich ins Feld,
So hab' ich doch Gesinnung,
Die auch die Probe hält.


Ob mich ein Fürst bebändert,
Das Volk mich bepocalt,
Denkmünzen man mir rändert,
Mein Bild auf Dosen malt;


Ob ein Passow mein Rühmer, 
[Franz Passow, Philologe] 
Mein Herold ein Gervin,
[Gervinus, Literaturhistoriker]
Ob ich ein Anonymer
Bei Anonymen bin;

 
Ob im Poetencykel
Auch meiner wird gedacht,
Ein Brockhaus zum Artikel
Im Lexicon mich macht;

 
Ob nach mir vom Katheder
Ein Priscian docirt,
[antiker Lehrer der Rhetorik]
Mich auf der Schulbank jeder
Primaner schon tractirt;
 

Ob nicht, das gilt mir völlig
Im Leben gleich und gleich,
Fährt Charon einst im Schöllig
Mich nach dem Schattenreich.


Der Ruhm, den Menschen geben,
Ist eitel Trug und Tand;
Wen sie heut hoch erheben,
Wird morgen klein erkannt.
 

Und wie ich's mit dem Ruhme,
Halt ich's mit Anderm auch,
Pflück' ich der Dichtkunst Blume
Nur am verborgnen Strauch.
 

Nicht Honorar gewähre
Mir ja die Muse je,
Denn wie ich sie verehre,
Thät Geld von ihr mir weh.

 
Doch wie man an sein Huldchen
Ein Sümmchen wohl verthut,
So opfr' ich manches Guldchen
Dem theuren Herzensgut.

 
Des Ruhms, des Reichthums Spenden,
Die manchen schon getäuscht,
Und wie aus Glückes Händen
Für Kunst sie mancher heischt:
 

Sie sind mir goldne Kälber,
Nichts als Idolatrei,
Zählt nur die Muse selber
Mich den Erkornen bei.

 
Sie mag am besten wissen,
Wer ihrer Liebe werth,
Wenn er auch nur zu küssen
Des Kleides Saum begehrt.

Dr. Winterling

Witzig, sprachspielerisch, emphatisch anti-kommerziell, zum Teil auch glaubhaft, was das Daraufzahlen des Dichters bei gewissen Veröffentlichungen betrifft — und doch heuchlerisch. Das glaubt ihm keiner, daß ihm ein Honorar weh täte. Und die Muse, hinter deren Verehrung er seine wohlverstandenen Interessen verbirgt, ist nur Staffage. Genauso das "Huldchen", d.h. eine ausgehaltene Geliebte — hier kippt der Idealismus. Entweder läuft das nach dem Muster "Der Fuchs und die sauren Trauben", oder es ist eine Irreführung des Publikums, oder, bestenfalls, ein guter Vorsatz für die Zukunft. Ärgerlich, daß er sich auf moralische Kosten von Kollegen wie etwa Freiliggrath oder Fallersleben dem Juste Milieu der politisch gemäßigten Bürgerlichen empfehlen will. Mörike war auch unpolitisch, aber wenn er reimte

Bei euren Taten, euren Siegen
Wortlos, beschämt, hat mein Gesang geschwiegen.
Und manche, die mich damals schalten,
Hätten auch besser den Mund gehalten.

— dann beschuldigte er sich ehrlicherweise selbst, konnte sich aber gegenüber den tagespolitischen Modeerscheinungen nachträglich rechtfertigen. Winterling distanziert sich von der gesamten "Innung", und sein Rückzug überzeugt nicht, weil man ja weiß, wie er sich bemüht, im Geschäft zu bleiben.

Die Anthologie des Blumenordens von 1844 zeigt manches, was zwischen herkömmlich-gediegenem Wissen und Können und späterem Ausrutschen steht. Hätte höhere ästhetische Bewußtheit das Ausrutschen verhindert?