Die eigentliche Arbeit des Ordens

Kiefhaber, der später als Professor nach Landshut und dann nach München berufen wurde und ohnehin zu den eifrigsten und vorzeigbarsten Ordensmitgliedern zählte, kam auch für qualitätvolle Vorträge auf, die im engeren Sinne Aufgabe des Ordens waren. Zum Beispiel hielt er am 2. Mai 1808 einen aktuellen Nachruf auf die Malerin Angelika Kauffmann. Er erfüllte damit den von ihm aufgestellten Anspruch, „Aesthetik überhaupt” zum Gegenstand zu machen. Auszüge daraus mögen Aufschluß über das Niveau geben.

„[…] Das Genie gedeiht auf jedem Boden und erstrebt sich zu seiner Höhe, von welcher es Aufsehen erregt, unter allen Umständen, besonders wenn Weisheit und LebensKlugheit ihm schwesterlich die Hände reichen. Dies war der Fall bei Angelika Kaufmann. Von einem in der Schweiz und in Tyrol umherziehenden Maler, Joseph Kaufmann, der aus Bregenz am Bodensee gebürtig war, ward sie um das Jahr 1742. während seines Aufenthalts zu Coire in Graubünden erzeugt.
[…] Bisweilen hielt [sie] sich in Neapel auf, um die dortigen Schätze für ihr Studium zu benützen. Sie studierte daselbst nach den Antiken, besonders nach den Vasen des Hamiltons, daher verrieth sich auch dieser Geschmak in allen ihren Arbeiten. Das lieblich griechische Wesen, welches allen ihren Figuren eigen ist, schreibt sich einzig von diesem Studium her. Schon zu Winkelmanns Zeit war sie in Rom rühmlichst bekannt.”

Kiefhaber berichtet in der Folge von Stationen aus ihrem Leben, das im Hinblick auf Heiraten ziemlich unglücklich gewesen sein muß. Doch in beruflicher Hinsicht kam sie voran, ging nach London, durfte Georg III. malen und wurde in die Royal Academy aufgenommen. 1776 folgte ein Aufenthalt in Rußland, um Zarin Katharina zu malen, sie kehrte wegen des Klimas aber bald nach London zurück.

„Nach einem langen Aufenthalt alldort, ungefehr um 1780. kam Angelica, ,der gepriesene Liebling aller blos schauenden und geniesenden Kunstfreunde; auch von ernstlich prüfenden Kennern, doch mit billiger Mäßigung hochgeachtet,' wie von Göthe in der teutschen Schrift: ,Winkelmann und sein Jahrhundert', sich über sie ausdrückte (In Briefen und Aufsätzen herausgegeben von Göthe. Lüb.1805. S. 304.), nach Rom zurück. […]
Ihre zahlreichen Malereien, deren nähere Kenntnis wir dem Verzeichnis davon in den 2. Theilen des Künstler-Lexicons unseres schätzbaren Ehrenmitglieds, Herrn Hofrath und Profeßor Meusel in Erlangen, so wie dem Huber und Rostischen Handbuch (Bd. 2. S. 258.-265.) verdanken, zeichnen sich durch Anmuth und Grazie aus und haben ein eigenes Colorit. […] Theils Mangel an anatomischen Kenntißen, besonders aber das weibliche Zartgefühl, und die feine Empfindung für Reinheit in Sitten, zogen sie ab von Darstellungen des muskulösen Nakten. […] Angelika war edel in Absicht auf die Kunst, edel in Absicht auf ihre Gesinnungen und Sitten; sie war nicht bloß große Künstlerin, sie war auch herzliche Freundin und theilnehmende Wohlthäterin. […]”

Für sehr zeitgebunden wird man die große Verehrung, um nicht zu sagen: Lobhudelei des Gemäldes halten, das den Bayerischen Kronprinzen darstellt. Es folgt eine Würdigung ihrer Wohltätigkeit gegenüber aufstrebenden Künstlern und des Testaments, in dem sie mehrere Personen, aber auch Stiftungen zu Erben einsetzte. Mit einer Beschreibung der von Canova gestalteten Leichenfeier endet der Vortrag.

Eine weitere Abhandlung von dem schon sehr betagten Benedikt Wilhelm Zahn macht es sich 1810 zur Aufgabe, den Anteil Nürnbergs an der Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache zu erörtern:

Er geht von der Beobachtung aus, daß Schriften aus der Zeit um 1500 seinen Zeitgenossen unverständlich geworden sind. „Nicht nur der Periodenbau und der Zusammenhang derselben, sondern vorzüglich die Rechtschreibung und der Gebrauch der den eigentlichen Sinn ausdrückenden Wörter wird in den vorhandnen [...] Schriften u. Arbeiten der damaligen Gelehrten, so wie auch in öfentl. Urkunden fast durchgängig vermisst, fremder Wörter sich bedient, und dadurch eine Armuth an deutschen Wörtern und Sprachkenntniß an den Tag geleget.”

Daraufhin zitiert Zahn Morhofs Nachricht, daß Karl der Große dem Mönch Otfried von St. Gallen den Auftrag zum Verfassen einer deutschen Grammatik gegeben habe. Es ist aber nichts daraus geworden, sodaß alles vor Luthers Bibelübersetzung Unvollkommenheit aufweist, „von welcher andere fremde und früher kultivierte Sprachen größten theils befreyt sind. […] Von noch dürftigerer Beschaffenheit war in den mittleren Zeiten der Geschäfts- und Kanzley-Styl […]
Indessen wurde doch von unserer Vaterstadt gerühmet, daß in ganz Deutschland dessen Sprache nirgendwo reiner u. zierlicher gesprochen u. geschrieben werde, als daselbst, und der im Jahr 1526. verstorbene gelehrte Canonicus, Conradus Mutianus Rufus zu Gotha schreibet: „Urbis Norimbergae lingua inter nationes Germanicas elegantissima habetur."
[…] Ja schon im XIII. Jahrhundert soll Kaiser Rudolph der I.ste, auf einem A. 1274 zu Nürnberg gehaltenen Reichstag, beschlossen haben, daß hinfüro alle öfentliche Urkunden nicht mehr in Latein — sondern in der Deutschen Sprache ausgefertigt werden sollen, wovon unser vormaliges Ordensmitglied u. Mitstifter, Sigmund von Birken, in dem österreich. EhrenSpiegel, Seite 87, bemerkt, daß, ob es gleich, bey der damaligen Unform der Deutschen Sprache, etwas hart hergegangen, jedoch die Nürnberg. Kanzley in ziemlicher Deutschung des Lateinischen, alle die anderen übertroffen u. also den Preiß der Sprachkundigkeit davon getragen habe. […]”

Es folgt eine Würdigung der in Nürnberg entstandenen Literatur, von den Meistersingern ab (wozu Wagenseil zitiert wird), über Luther (dessen Bezug zu Nürnberg stillschweigend als bekannt vorausgesetzt wird) zu den Sprachgesellschaften, denen Nürnberger angehörten, und schließlich zum Blumenorden.

„Auch unserem gewesenen gleichfalls schäzbaren OrdensMitglied, oben-angeführtem Rechnungs-Syndicus Häßlein, gebührt der Ruhm, daß er durch unermüdete Forschung u. Kenntniß der deutschen Sprache vieles geleistet habe. [Zahn erwähnt sein Mundartwörterbuch mit Ableitungen] „aus den Überbleibseln Germanischer Urkunden und ihrer erlittenen Veränderungen […] Eine Probe davon steht im Deutschen Museum, 1781. XI. Stück S. 457 sqq.„

Abschließend gibt er eine sehr kurzgefaßte Geschichte des Blumenordens und einen Ausblick auf dessen künftige Bestrebungen.

Dieser und andere Beiträge zu den Sitzungen erhielten über persönliche Beziehungen Strahlkraft. Es war ja nicht so, daß man von auswärts nur Anfragen ,eitler Titelmänner' bekam; auch würdige Gelehrte, denen der Flor des Ordens zu Ohren gekommen war, meldeten Interesse an, so der „Ritter des goldenen SpornOrdens, Großherz. Frankf. Oberlandgerichtsrath, u. der Akademien und Gesellschaften zu Erfurt, Hessenkassel, Erlang., u. Nürnberg Mitglied”, Herr Dr.  F. von Scheppler, im Jahre 1812, noch während des Präsidiums Colmars:

Hochwohlgebohrener Herr Präsident,
Hochgeehrtester Herr Stadtgerichtsrath!

Euer Hochwohlgebohren habe ich die Ehre zu benachrichtigen, daß ich meinen Freund den verehrungswürdigsten Herrn Sekretär Kiefhaber ersucht habe, Ew. Hochwohlgebohren ein Exemplar meiner neuen Gallerie teutscher Staatsmänner und Gelehrten I Heft, nebst der Biographie des berühmten H. Direktor und Prof. Harl, in meinem Namen zuzustellen […] und würde es als eine ausgezeichnete, besondere Ehrung betrachten, als Ehrenmitglied der ältesten teutschen literarischen Gesellschaft […] ernannt zu werden.
[…]

Dagegen wird selbst Colmar nichts einzuwenden gehabt haben. Scheppler wurde Nr. 296. Umso bedenklicher mußte dem Präses jedoch der Schwund der Teilnehmer am Ordensleben vorkommen, gerade in dem Augenblick, als die auswärts wohl vorhandene Hochachtung vor dem Orden in eine ehrenvolle Aufgabenstellung mündete. Am 3. Februar 1812 ging diese Zwickmühle auf:

„[…] Bey Eröfnung der Sitzung, welche erst um 7 1/4 Uhr begann, weil bis dahin auf die ausgebliebenen Mitglieder gewartet wurde [7 waren schließlich anwesend], äußerte sich der Hr. Präses unzufrieden über die immer mindere Besuchung der Ordensversammlungen, ungeachtet dieselben im ganzen Jahr doch nur einmahl stattfänden. [Es war also wieder der Schlendrian der Hartlieb-Zeit eingerissen!] Die Lauigkeit in der Herkunft, wäre bey Manchen, die sich regelmäßig gar nicht sehen ließen, höchst auffallend. […]
9.) trug Hr. Präses vor: eben als er aus dem Hause habe abgehen wollen, sey Hr. Diakon Roth gekommen und habe ihm einen Extract eines Schreibens des General-Sekretärs der Kön. Akademie der Wissenschaften in München, Herrn Schlichtegroll überbracht. Noch vor Ablesung desselben bemerkte Hr. Senator v. Löffelholz, daß Hr. v. Schlichtegroll bey dessen letzter Anwesenheit in München geäussert habe, er möchte nur in der nächsten Ordensversammlung seine Achtung für diesen litterarischen Verein bezeugen und zugleich melden, daß er dieAbsicht habe, ihn mit der Kön. Akademie dermassen in Verbindung zu setzen, daß künftig dem pegnesischen Blumenorden die Aufsicht über alle Literatur- und Kunstschätze Nürnbergs übertragen werden würden und deshalb in einem regelmäßigen Schriftwechsel sich gesetzt werden solle.
Hierauf wurde das Schreiben selbst abgelesen […] ,Veranlassen Sie doch den Hr. Sekretär des Ordens, Namens der Gesellschaft an die Akademie zu schreiben und sich die 2 herausgekommenen Bände der neuen Denkschriften für die Bibliothek der Gesellschaft zu erbitten […]'
Hierauf äußerte Hr. Präses, die Sache selbst sey von zu großer Wichtigkeit als, daß heute schon, bey der geringen Anzahl von Mitgliedern, nähere Deliberationen gepflogen werden könnten. […] Da inzwischen Hr. Diakon Roth ein Mann ist, der als Literator sehr ausgebreiteten ehrenvollen Ruhm hat, der besonders um die vaterländische Geschichte vielseitige Verdienste sich erwarb […], so trage er darauf an, daß derselbe sogleich heute ohne alle Ballotage bloß durch Abstimmung, zum Mitglied aufgenommen und ihm das gewöhnliche Diplom darüber zugefertigt werde, womit sämtliche Anwesende vollkommen einverstanden waren. […]”

Nun erst wurde derjenige Roth im Schnellverfahren Mitglied, den man ja von der Industriegesellschaft schon seit 1792 gut kannte, weil man einen anderen Beschluß nicht fassen konnte, als sich durch ein neues Mitglied für die vorgeschlagene lockende, aber herkulische Aufgabe zu stärken. Psychologen nennen so etwas eine Übersprunghandlung. Der andere Roth, schon seit 1806 Mitglied, hakte ein gutes Jahr später wieder nach. In einem Brief vom 22. April 1813 äußert er seine Befriedigung darüber, daß der Blumenorden zwei Arbeitspläne angegangen sei, die er im vorigen Jahr vorgeschlagen habe: 1. Nürnbergs Verdienste um Wissenschaft und Kunst im 16. Jh. darzustellen:

„[…] Mir ist in der Regel das Urtheil eines wackeren Handwerksgesellen über Nürnberg mehr werth, als die Ansichten eines sogenannten Litterators oder Mannes von Bildung, der im Morgenblatte für gebildete Stände redet; jener sieht mit gesunden Augen das Ganze, während dieser durch die Brille seiner Eigenthümlichkeit, welche sehr oft Verschrobenheit ist, ein Paar höchst unbedeutende Einzelheiten […] beguckt. […] Möchte mir gegeben seyn, dereinst, wäre es auch erst in 10 Jahren, Denkwürdigkeiten der Stadt Nürnberg, gesammelt von dem P. Blumenorden, herauszugeben! Eine Geschichte der Stadt, wie sie erst nach vollendetem Sammeln geschrieben werden kann, würde den Anfang machen; sodann folgten alle historisch merkwürdige Actenstücke […] dann Nachrichten von allen Nürnbergern, die […] einen Namen erworben haben; Alles in zwei nicht sehr starken Bänden […]”

Es war zuviel verlangt, zu sammeln und dann noch auf zwei „nicht sehr starke Bände” zu verdichten. Das ist das Schwerste.

Zunächst kam die leidige Irrhainsache dazwischen, Colmar trat zurück, und Seidel redete seinen Ordensgenossen in seiner Antrittsrede vom 10. Mai 1813 noch einmal stark ins Gewissen:

„[…] Denn wer auch über uns herrsche, und wie wandelbar auch die statistischen Formen eines Volkes seyen; es bleibet ein Volk, so lange seine Sprache lebet, und seine Grenzen reichen so weit, als seine Zunge spricht. […] Kühner und freier ist der Ausdruck einer freien Nation; elegischer und klagender, der einer gedrückten, und eine Nation, die nicht frei mehr ihre Gedanken äußern darf im heiligen Laute der Sprache, stirbt ab, wie ein vermoderter Baum.
Es gab eine Zeit, ihr hochgeehrtesten Herren, wo unser Orden ruhig Feierabend machen konnte, denn große Geister […] vollendeten, was wir bezweckten. […] Aber, Theure Freunde, fast scheint es, als wiese uns der jetzige Geist der Zeit wieder in die Waffen. Es geht ein linguistischer Unhold in unserem Vaterlande umher, und streuet den falschen Waizen reichlich aus, aus welchem Disteln hervorgehen, die ein nachahmungssüchtiges Völklein begierig verschluckt und in abentheuerlichen Formen wiedergiebt. […]
Also immerhin hätten wir noch genug aufzuräumen, wenn wir uns größtentheils Geschäftsmänner, uns dieser Arbeit zu unterziehen Zeit oder überhaupt dazu einen Beruf fänden.
Aber was ist dann der Blumenorden? — Sollte er mit dem Aufhören seines ursprünglichen Zweckes nicht aufgelöst worden seyn? Haben die recht, welche uns belächeln, oder hämische Bemerkungen machen, wie jene, die wir ohnlängst im Correspondenten von einem Poetenorden lasen, der Alles aufnimmt, nur keine Dichter? Sollen wir unsern Fluß, an dem die Alten sangen, lieber austrocknen, denn er fließt ja nach dem Urtheil einer Xenie nur, weil es so herkömmlich ist? […]”

Bemerkenswerterweise sind dies Aussagen zum Kern der Ordenstätigkeit, Pflege von Sprache und Dichtung. Um sich für die übrigen Aufgaben geeignet zu machen, nahm man bald wieder eine Reihe neuer Mitglieder auf:

„Obzwar manchmal die Sizung des Blumen-Ordens am Ziel Lorenz in dem Falle unterblieb, wenn gerade zu der Zeit eine Zusammenkunft im Irrhain statt hatte: so wird doch dermalen, theils nach dem Wunsche einiger schäzbaren Mitglieder, theils wegender hernach benannten Personen, deren gesuchter Eintritt nicht bis auf künftiges Jahr zu verzögern seyn möchte, die gewöhnliche vierteljährliche Sizung [wenigstens das klappt wieder!] nicht zu umgehen seyn; wozu denn sämtliche verehrliche Mitglieder auf künftigen Montag, den 15. d. M., geziemend eingeladen werden.

Die als Mitglieder in Vorschlag gebrachten Personen sind:
1.) Herr Stadt-Syndicus Schmidt, ferner
2.) Herr KaßenAmts-Pfleger von Scheurl, und
3.) Herr Dr. Wolf [der Ornithologe], wozu noch nachkommen
4.) Herr Oberförster Zimment, und
5.) Herr Landrichter Puchta in Erlang;
6.) [nachträglich eingefügt] Herr Landrichter Müller in Herspruck,
7.) Herr Pfarrer Solger zu Gründlach;
8.) Herr Pfarrer Nopitsch zu Ezelwang
[nicht  der Verfasser des Reiseführers]

über deren Aufnahme ballotirt werden wird.

Nürnberg, den 9. August, 1814.
Ordens-Secretar:
Müller”

Zu dieser Sitzung muß auch ein Brief vom 5. August schon vorgelegen haben, in dem Oberfinanzrat Dr. Karl Johann Friedrich Roth aus München noch einmal die Möglichkeit einer Zuträgerschaft zur Akademie der Wissenschaften spezifizierte:

„[…] Der Blumenorden hat sich mehrmals über Beschäftigungen, die er sich wählen könnte, berathen. […] Es ist natürlich und löblich, daß man ein neues Ziel wählt, wenn das Alte verloren ist. […] Soviel ich mich erinnere, hat eine Berathschlagung des Blumenordens zu bestimmter Wahl nicht geführt; wenn ich nicht irre, darum, weil die Gegenstaende, die in Vorschlag kamen, nicht, wie es eyn muß, für die eigene Thätigkeit aller Mitglieder geeignet waren. Ich getraue mir ietzt […] einen Gegenstand vorzuschlagen […] Dies ist die Beschäftigung mit den nürnbergischen Alterthümern. […] Die Zeit ist nicht mehr; wo erforscht zu werden verdient, was die Stadt einst hatte: was sie war, ist jetzt allein denkwürdig. […] So erinnere ich mich eines Adelsdiploms Karls V. ür die Pfinzingische Familie, so rein und zierlich deutsch, wie aus derselben Zeit in englischem oder französischem Kanzleystyle wohl nichts vorhanden ist. Entdeckungen dieser Art zu machen, ist beynahe Jedermann möglich. […] Mitglieder, welche am meisten Muße und Vorkenntniß haben, würden sich mit Prüfung und Sichtung der schon gesammelten Materien beschäftigen, das wahrhaft merkwürdige herausholen und, durch eigenen Fleiß sowohl als Beiträge anderer, die Kenntniß desselben ergänzen, welche zuverläßig schon jetz vollstaendiger wäre, wenn nicht so mancher Sammler eine andere, wahrhaft leidige, Vollstaendigkeit bezweckt hätte, wie z. B. derjenige [Waldau!] welcher die „Lebensbeschreibung aller Geistlichen die in der Reichsstadt Nürnberg gedient haben" hat liefern wollen. […] Folgende Arbeiten würde ich zunächst in Vorschlag bringen:

1.) Eine kurze aber genaue Chronik Nürnbergs. Die Arbeit des Herrn Hofraths Siebenkees wäre dabey zu Grund zu legen.
2.) Eine kritische Prüfung und Vergleichung aller handschriftlichen Chroniken. Müllners Annalen würden dabey zu Grund gelegt und die Chroniken zu erst mit diesem Werke dann unter einander verglichen.
3.) Eine Sammlung von Nachrichten aus dem Leben merkwürdiger Nürnberger, hauptsächlich der berühmtesten: Martin Behaims, Wilibald Pirkheimers, Peter Vischers, Hanns Sachsens, Albrecht Dürers; dann aber auch anderer denkwürdiger Leute z. B. Wenzel Links, Veit Dietrichs, Hieronymus Baumgärtners, G. Richters, Jobst Kressens
4.) Nachtraege zu Roth's Handelsgeschichte, nur biß zum dreyßigjährigen Kriege
5.) Sammlung aller Zunftordungen aus dem 14ten und 15ten Jahrhundert
6.) Nachrichten von noch unbekannten oder doch unbeschriebenen Kunstdenkmaelern.

[…] In der lezten Zeit, wo Deutschland mitten in seiner Schmach sich selbst zu kennen und zu achten wieder anfing […] ward auch Nürnberg von den besten und Edelsten die Ehre wieder gegeben, die ihm das vorhergehende, leichtsinnige und flache, Geschlecht verweigert hatte. So spricht z.B. Ludwig Tieck in der Einleitung zum ersten Bande des Phantasus mit Liebe und Verehrung von der Stadt, welche ein Kotzebue acht Jahre früher nur zu schmähen gesucht hat. […]”

In die gleiche Kerbe schlug Johann Merkel (aus der bedeutenden Kaufmannsfamilie, später 2. Bürgermeister) anläßlich seiner Aufnahme am 7. November 1814:

„[…] Und nun sey es mir auch erlaubt, noch einige Bemerkungen zu dem Vorschlage zu machen, welche mein Schwager Roth in München in letzter Sitzung vorzutragen die Ehre hatte. […] so darf wohl seine [des Ordens] einzige Beschäftigung eine erhaltende und bewahrende genannt werden. […] Der Pegnesische Blumenorden […] soll sich mit einer Sammlung der nürnbergischen Alterthümer beschäftigen. Mit einer Sammlung mit Geschmack, Auswahl und Genauigkeit […] Freylich würde die Zusammenstellung und Vergleichung und überhaupt die eigentliche Bildung des großen Repertoriums aus den Zusammengetragenen Notizen immer das Geschäft einer oder weniger Personen seyn müssen, aber wenn nur der größte Theil der Mitglieder Interesse für die Sache hegt, wenn mehrere Fächer bestimmt werden, denen gewisse Personen vorstehen, […] so ist nicht zu zweifeln, daß das neue Geschäft bald in erwünschten Gang gebracht, und von Erfolg begleitet seyn wird. […]”

Hier wird das Kiefhabersche Bestreben nach einer akademieähnlichen inneren Organisation, lange vernachlässigt, wieder aufgegriffen und in Verbindung mit den Herausforderungen aus München gebracht.

Wieder ein Jahr später — man hätte in dieser Lage viel öfter tagen sollen! — schiebt auch Präses Seidel nach: „VI.) […] Schon vor einiger Zeit sey der pegnesische Blumen-Orden von dem Herrn Ober-Finanzrath Roth zu München aufgefordert worden, sich neben andern mit dem Zweck des Ordens in Verbindung stehenden Arbeiten auch mit Untersuchungen über die frühere Geschichte der Stadt Nürnberg und mit Sammlung der hiezu dienlichen Notizen zu beschäftigen. Es hätten sich auch einige Mitglieder des Ordens bereitwillig erklärt, nach ihren Kräften zur Erreichung dieser Absicht mitzuwirken. Er halte es daher für Pflicht, diesen Gegenstand wieder ins Gedächtniß zu bringen und den Vorschlag zu machen, daß die anzustellenden Untersuchungen sich vor der Hand (jedoch ohne andere historische Thatsachen auszuschließen) hauptsächlich auf Begebenheiten des fünfzehnden Jahrhunderts beschränken möchte. Besonders aber möchten diejenigen ausgezeichneten Verdienste, welche sich Nürnberg in dieser Zeitperiode um Künste und Wissenschaften erworben, in das gehörige Licht zu stellen seyn, wobey auch bisher wenig bekannte Notizen über die Lebensumstände berühmter Männer dieses Zeitalters, z.B. eines Pirckheimers, Dürers und anderer großer Zeitgenossen derselben sehr willkommen seyn würden. […]” Beschränkung auf ein enges Gebiet wäre schon recht, aber es wird die sattsam bekannte Dürerzeit, und von daher stammt letztlich die Unfähigkeit der Nürnberger, bis auf den heutigen Tag ihrer Geschichte auch in anderen Perioden eine allgemeine Aufmerksamkeit zu widmen.

 Zahn-Evander möchte nicht zurückstehen, obwohl sein Augenlicht stark abnimmt; er schreibt am 1. Februar 1816 einen Brief an Seidel, in dem er seine „Sammlung von Lokal-Sprüchwörtern, Redens-Arten und Ausdrücken, welche lediglich in der Stadt Nürnberg gehört werden, u. auf selbige ihren Bezug haben„ ankündigt: „Sowol Euer Hochehrwürden mündlichen Aufmunterung, als auch unseres hochgeschäzten OrdensMitgliedes, des Königl. Baier. Herrn Oberfinanz Raths Dr. Roths zu München, am 5. Aug. 1814 schriftlich geäusertem Wunsch gemäß, habe ich es gewaget, zur Erläuterung der Geschichte unserer Vaterstadt, einige — vielleicht nicht ganz unbedeutende Beyträge zu liefern.”

Er habe nicht nur Roth, sondern auch Siebenkees (der damals „zu Landshut" lehrte) und mehreren Ordensmitgliedern einiges aus den über 100 Nummern mitgeteilt und Beifall sowie Aufforderung zur Fortführung erhalten und bietet an, fortlaufend in den Ordensversammlungen daraus vorzulesen, bescheidenerweise „als Lückenbüser". Er weiß selber nur zu gut, daß Mundartliches im Verhältnis zur gestellten Aufgabe ein Nischendasein führt, ist aber tapfer genug, wenigstens dies zu liefern — ein sehr beliebt gewordenes, immer wiederaufgelegtes Buch —, bevor gar nichts geschieht. Und es geschah ja sonst nichts. Ob die turbulenten Umstände des Sturzes Napoleons daran schuld sind, sei dahingestellt.

Auf der Suche nach Wegen zur Überwindung dieser blamablen Unfähigkeit besinnt man sich auf das Konzept zu einer Nürnberger Akademie und holt erst einmal aus, um auf der Grundlage der Kenntnis älterer Satzungen eine Neufassung zu diesem Zweck zu erarbeiten. Am 12. Februar 1816 „Wurde von dem Herrn Präses dem Secretariats-Vertreter Heiden der Auftrag ertheilt, die gedruckten Gesetze des Blumenordens abzulesen um solche den gesammten Ordens-Mitgliedern ins Gedächtniß zurückzurufen. Nach geschehener Vorlesung wurde allgemein der Wunsch geäußert, daß diese Gesetze durch den verehrlichen Vorstand des Ordens revidirt und da wo es die veränderten Zeitumstände erforderten, abgeändert, sonach aber dem Druck übergeben werden möchten. […]” Ein Jahr später ist man immer noch dabei, diesmal geht man zurück bis zum Anschlag: „[…] NB. Vorlesen der ältesten Gesetze aus dem Amarantes p. 54. […]”

Unterdessen wird Seidel die bloße Vereinsmeierei unter dem Gesichtspunkt des Niveauverlustes zu bunt: „IV.) Zur Sprache gebracht: Es meldeten sich seit einiger Zeit sehr viele zwar an sich schätzbare jedoch zu Mitgliedern eines literarischen Vereins nicht immer ganz geeignete Personen um die Aufnahme in den pegnesischen Blumenorden, so daß in die Länge zu befürchten stehe, dieser alte und ehrwürdige Orden […] möchte […] in eine gewöhnliche gemischte Conversations-Gesellschaft ausarten. […]”

Es hat in der Tat einiges für sich, äußerliche Mißhelligkeiten als Ursache für den Rückzug ins bloß noch Biedere zu sehen. Was man Tag für Tag zu sehen bekam, war zu traurig. Nun ging es an die Abwicklung der Altdorfer wissenschaftlichen Bestände. Kiefhaber suchte von München aus für Nürnberg, vielleicht für den Orden, zu retten, was zu retten war:

„München am 10. April 1818

Unter dem innigsten Wunsche, dass Euer Hochwürden [der Präses] im ununterbrochenen Wohlergehen sich befinden mögen, erlaube ich mir, da heute mein 43jähriger Freund Hr. Frauenholz, dessen Hierherkunft mich sehr angenehm überrascht, von hier nach Nürnberg zurückgeht, zu bemerken, daß er so eben daran ist, über die Verwendung der Bibliotheken zu Altdorf zu verfügen. So wie ich überhaupt wünschte, daß die allgemeine Bitte von der dortigen Commun gestellt werden wolle, daß man an die Stadtbibliothek in Nürnberg von den Bibl. zu Altdorf überlassen möchte, was der Kön. Centralbibliothek entbehrlich seyn würde u. vorzüglich, daß die bedeutende Sammlung der eigenen Stammbücher, welche derseel. Trew sich in einigen großen Bänden in Quer Quart, gehalten hatte, für dieselbe zu gewinnen seyn möchte, obschon dies wegen der vielen wichtigen Handschriften am schwersten halten wird: so habe ich doch schon vorläufig dafür einige Stimmen zu gewinnen gesucht, daß die Bibliothek der ehemaligen Deutschen Gesellschaft in Altdorf, an die Bibliothek des Nürnb. Pegnes. Blumenordens, als der ältesten teutschen Gesellschaft abgeliefert werden möchte. — Wenn daher Euer Hochwürden, als dermahliger hochverehrlicher Herr Vorsteher gefälligen wollten, ein kurzes Ersuchungsschreiben hierher gehen zu lassen und in demselben unzielsetzlich zu sagen: Da sicherem Vernehmen nach gegenwärtig die künftige Bestimmung der bisher noch versperrt gewesenen Altd. Bibliotheken, angesprochen werden soll u. unter solchen die ehemalige Bibl. der t. Ges. zu Altdorf sich befinde: so bäte der Blumenorden, als die dermahlige älteste litter. Ges. in Teutschland, daß man ihm dieselbe unzertrennt überlassen wolle, so würde ich dasselbe herzlich gerne insinuiren, aber noch besser, jenes Schreiben, das an das Kön. Staats-Minist. als Innere Bibliothekssache betr. instilo maiori gerichtet wird, aviso den Hn. OberIR Niethammer, als nunmehriges selbstiges Mitglied, mit einer Versikel zu begleiten u. demselben um seine Verwendung dafür eigens zu ersuchen. — Mich dünkt, es sey dies ein Gegenstand, der der näheren Beherzigung des Blumenordens gewiß würdig wäre, wenn nach so manchen Auflösungen, das Andenken an die vormahlige teutsche Gesellschaft in Altdorf, in dem Archiv des Pegnesischen Blumenordens so ehrend erhalten werden könnte! — Ich habe hier manchmal schon gedacht, ob nicht, da dermahlen 6 Mitgl. des Pegnesischen Blumenordens [in München] beyeinander sind, analogisch der Bezirks-Comitien des Landwirtschafts-Vereines, hier ein eigenes ComitéeŽ von jenem sich bilden ließe? — […] Ich bitte, mich dem ganzen verehrlichen Vorstand des Pegnes. Blumenordens gehorsamst zu empfehlen; empfehle mich Ihrer eigenen fortdauernden Gewogenheit und Freundschaft und verharre mit unvergrößerlicher Hochachtung

Euer Hochwürden
ganz gehorsamster Dn. U. Fr. Kiefhaber Dr. Professor.”

Eines ist in Erfüllung gegangen: Die Akten jener studentischen Gesellschaft, in der Kiefhaber und manch andere Pegnesen in ihrer Jugend das Ausarbeiten und Vortragen einübten, sind nun in den Beständen des Ordensarchivs. Die berühmte Treu'sche Bibliothek und das meiste andere, sofern es nicht verschollen ist, befindet sich nun in Erlangen und bildet den Grundstock der dortigen Universitätsbibliothek.