Das ausgefallene Jubiläum

Durchhalten und tun was ansteht, muß die Parole gewesen sein. Verbissen bemühten sich die Pegnesen, nachdem ein Jubiläumsfest außer Betracht gekommen war, wenigstens die Festschrift, Wilhelm Schmidts Ordensgeschichte, zu veröffentlichen.

Brief [des Präses] aus Fischbach an Schmidt vom 9. 8. 1943: Schrag habe für den Druck der Festschrift ein Angebot vorgelegt.

Nürnberg, 1. Sept. 1943
Mein lieber Herr Professor!
[Dank an Wilh. Schmidt für Glückwünsche zur goldenen Hochzeit]
Wie das kommende Geschlecht sich zu solchen Idealen, wie der Orden sie hat, stellen wird, das scheint mir zunächst ein Rätsel zu sein. Ich glaube aber, für Ideale wird selbst nach einem glücklich beendeten Krieg sehr wenig Platz und Sinn vorhanden sein.
Seien Sie beide Gott befohlen und herzlich gegrüßt von
Ihrem Dr. Behringer u. Frau

Schreiben des Schrag-Verlages:

[…] Bei dem Terrorangriff in der Nacht vom 10. zum 11. August 1943 ist das alte Schrag-Haus in der Königstraße bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Gerettet sind sämtliche Manuskripte und Korrekturen, ferner die Buchhaltung und das Lager in der Adlerstraße. […]

Postkarte von Scheurl aus Fischbach an Schmidt vom 16. 8. 1943: „[…] bezüglich des Schrag’schen Angebots! Dies wird nun freilich wohl gegenstandslos geworden sein, wenn nicht die Arbeit im Verlag bald wieder aufgenommen wird.“

G.L. Schrag Verlag z. Zt. Rothenburg o.T.

15. Sept. 1943
[…] Gerade als total geschädigter Verlag glauben wir die Genehmigung zur Herausgabe der Festschrift verhältnismässig leicht zu bekommen, wenn die Papierforderung nicht zu hoch ist. Das hängt in erster Linie von der Auflage ab. […]

Nürnberg, 5. 1. 44
Burgstraße 10
[also noch vor der Zerstörung des Hauses derer von Scheurl]
[…]
Es ist dann wohl so, daß der Druck der Festschrift bei Fa. Stich stattfindet, welche nach ihren Erlebnissen und ihrer langjährigen aktiven Verbundenheit mit den Pegnesen die Zuweisung dieser Arbeit wohl verdient.

J.L.Schrag Verlag
17. 5. 1944
Sehr geehrter Herr Prof. v. Scheurl!
[…] Ich war in der Zwischenzeit zweimal in Berlin und habe jedesmal versucht, die Festschrift durchzubekommen. Es wurde mir rundweg abgelehnt. […] auch mein Einwand, dass es sich doch um eine geradezu lächerlich geringe Papiermenge handele, die von der Druckerei ja zur Verfügung gestellt werde, änderte nichts an der Sache. […]

Nürnberg, 26. 5. 44
[…] Der kürzlich angegebenen Anregung entsprechend, sprach ich mit den zuständigen Herren der Stadtverwaltung, die mir empfahlen, direkt mit dem Verlag und mit Herrn Dörner in’s Benehmen zu treten. Die Antwort auf meinen bezüglichen Brief übersende ich Ihnen hiemit. Wollen wir hoffen, daß sich doch noch eine Möglichkeit ergibt, die Festschrift drucken zu lassen, mit der Sie sich so große und wertvolle Arbeit gemacht haben.
Mit verbindlichsten Grüßen von Haus zu Haus!
Heil Hitler!
Ihr ergebener    E.v.Scheurl

J.L.Schrag Verlag
[…] 9. Juni 1944
[…] Unser erneuter Vorstoss wegen der Genehmigung zum Druck Ihres Manuskripts wurde leider wieder abgelehnt. […] „Die äusserst ernste Lage auf dem Papiermarkt und neue Kontingentkürzungen zwingen uns zu dieser Massnahme. […]

Brief Friedrich Trosts d.J.
Nürnberg, 1. August 1944
[…] Noch möchte ich Ihnen mitteilen, heute früh H. Wagner getroffen w. Vervielfältigungbüro „Skribax“. Er sagt es könnte viell. möglich sein, daß er die Festschrift m. Schreibmaschine drucken kann, Papier ist da, viell. geht es auf diesem Weg, er will dann i. Berlin anfr. Vielleicht setzen Sie sich mit d. Herrn i. Verbindung „Skribax“ a. Maxtorgraben bezw. Vestnertorgraben neben d. Zionskirche. […]

Das war wohl keine Adresse, die eine seriös wirkende Festschrift erwarten ließ. Wilhelm Schmidt muß sehr enttäuscht gewesen sein. Und dann starb in München seine Schwester an den Folgen der Ausbombung.

Nürnberg, den 12. V. 44
[…] Sehr verehrter Herr Professor!
Liebe Frau Professor!
Mit herzlichster Teilnahme denke ich öfters in den Tagen des schmerzlichen Verlustes, den Sie durch das Hinscheiden Ihrer lieben Fräulein Schwester erlitten haben! Hoffentlich mußte [fehlt: „sie“] nicht mehr leiden! Gewiß hat der Schrecken des Münchener Angriffs, der ihr Hab und Gut zerstörte, ihre Kraft so geschwächt, daß sie die Erkältung nicht überwinden konnte, die sie sich in jenen furchtbaren Stunden zuzog. Ihr ist die Ruhe zu gönnen, Sie aber werden die treue Schwester und Schwägerin schmerzlich vermissen.
In der heutigen Versammlung des Blumenordens gedachte Pfarrer Türk herzlich der lieben Verstorbenen, die dem Orden seit so vielen Jahrzehnten treu verbunden war und der der Orden ein dankbares Gedenken bewahren wird. Auch Baron Scheurl, der leider noch später kommen konnte, erinnerte dankbar an Ihre verehrten Eltern und ihre liebe Fräulein Schwester. […]

Es ist nachzuvollziehen, daß Wilhelm Schmidt äußerst empfindlich wurde. Er konnte anscheinend nicht ruhig mitansehen, wie Georg Türk ohne Mandat durch den versammelten Orden zum Ehrenmitglied wurde und scheint sich bei Baron von Scheurl beschwert zu haben. Darauf versuchte ihn Türk zu beschwichtigen:

Nürnberg, 15. 8. 1944
Sehr geehrter Herr Professor!
Sie sind doch ganz gewiß mit mir der Meinung, daß gerade Anno 1944 keinerlei Mißstimmung aufkommen darf, die die Feier des 300j. Bestehens des Ordens trüben könnte. Nach Ihren Ausführungen müßte ich mir sagen: Stehe ich im Verdacht der Liebedienerei, weil ich als „Mitarbeiter“ Ehrenmitglied wurde? […] Sie sagten mir ja selbst, daß der übrige Ausschuß nichts wußte. […] Ich habe gern und freudig meine Kräfte dem Orden zur Verfügung gestellt. Der Ordensführer wollte das zum Ausdruck bringen; er tat es und — so viel ich merkte — haben sich alle Mitglieder darüber gefreut. Oder nicht?
Das Führerprinzip in Vereinen ist eine Sache, mit der nach den neuen Verordnungen einfach gerechnet werden muß. Ich finde, daß Herr Baron nicht „selbstherrlich“ handelt, wenn er — was ja seine Pflicht ist — das Führerprinzip handhabt. […] Verliert er einmal dieses Vertrauen [der Mitglieder], so kann doch, was er bisher leistete, nicht jeden Wert verlieren. […]
Irrt ein Mitglied, irrt ein Vorsitzender zu handgreiflich, so wird er die Folgen zu tragen haben. […]
Herr Baron bespricht mit mir jeden Abend und Vortrag im Voraus oder holt meine Zustimmung nachträglich ein, wenn Eile not tut. […]
Auch der frühere Brauch hatte seine starken Schattenseiten. […]
Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie man diese Liste [der zum Jubiläum zu ernennenden Ehrenmitglieder] anders hätte aufstellen sollen, als es geschah. Es ging ganz legal her — unter Wahrung des Führerprinzips […] Hätte man nach dem Buchstaben der Satzungen gehandelt, so wäre die Liste überhaupt nicht zustande gekommen! […]

Es läßt aufhorchen, was Türk da über den möglichen Verlust des Vertrauens sagt. Der Subtext könnte sein: Lieber Schmidt, wir sind ja einig, was diese unmöglichen Verhältnisse betrifft, aber laß uns retten, was zu retten ist; es kann ja nicht mehr lange dauern.