Bardenstrophen


Seidel hat allerdings, wie Cornelia und Wolfgang, seinen Klopstock gelesen, ja seinen Bodmer, und mit deren Talenten wuchert er ungescheut. Seine Ode an letzteren ist wegen ihrer tyrannenfresserischen Implikationen sogar in politischer Hinsicht lesenswert; So immerhin konnte, ohne sich Schwierigkeiten einzuhandeln, ein Nürnberger Geistlicher zur Zeit des Kaisers Joseph II. im Bardenkostüm loslegen:


An Bodmer


Welche glückliche Zeit, die es verdient, daß die
Aeltern Schwestern sie neidend sehn,
Welche glückliche Zeit, immer die fruchtbare
Zukunft Teutschland gebähren mag,
Die es ahndet und iezt, etwa schon Embryon,
In dem Schoose der Mutter reift:
Dennoch würdiger Greis, freu' ich, voll Jubel mich
Der, in welche mein Leben fiel;
Die, es klage sie an, welcher nur Flecken späht
In der Schöne des Angesichts,
Und die Schöne nicht fühlt, sicher die Eifersucht
Jüngrer blühender Schwestern weckt.
[...]
Lebt nicht Joseph in ihr? Lebet nicht Friederich?
Helden, Königen Lehrer sie?
Unter ihnen erhebt mächtig der teutschen Volk,
Im erwachenden Selbstgefühl,
Von dem Ausland bestaunt, freudigen Stolzes voll,
Sich zur Höhe des ersten Volks! [...]
Ha! mein Deutschland [sic], das schon an den Bedrückern oft
Rächer leidender Menschheit war,
Und die Fessel zerbrach, in die Gewalt und List
Sie und heuchelnde Dummheit schloß;
Es zerbricht sie auch jetzt — ganz und auf ewig — das
Weissagt, sichert die volle That.
Die schon eilend und kühn, schreckendem Donner gleich,
Der die räubrerische Burg zerschlägt,
Kühlt und reiniget die schwüle vergiftende
Luft und trächtiger macht das Land;
Die so furchtbar und mild über die Alpen wirkt
Bis zur alten Despotenstadt,
Und des Vatikans Stolz, welcher durch teutsche That
Einst schon zitterte, niederschlägt,
Die schon über den Rhein wecket das weisere,
Das wachsamere Nachbarvolk;
Dem betäubenden Schlaf bald auch entreissen wird
Den zu feigen Iberier,
[...]

Es sieht beinahe so aus, als bereite Seidel sich darauf vor, dem Illuminatenorden beizutreten statt dem Pegnesischen Blumenorden und als Untergrundkämpfer zur Beförderung von Revolutionen nach Paris und Madrid zu gehen. Sollte die klerikale Verpackung ein bewußtes Tarnen einer ganz andersgearteten radikalen Tendenz sein? Oder sind Seidels Verse neue (und dazu geborgte) Schläuche, in die er den alten Wein der protestantischen Papstschelte gießt? Es scheint, das Erwachen der Völker soll hier die die Befreiung von gegenreformatorischer Geheimpolitik, von Gewissenszwang und Gesinnungsschnüffelei sein; das heißt: es geht gegen Jesuiten und Beichtstuhl. Alle diejenigen Tyrannen, deren Verfehlungen gegen ihr Volk nichts mit Religion zu tun hatten, konnten sich vor den Anklagen in einem solchen Gedicht sicher fühlen. Anders etwa die unentwegte Papst- und Klerusschelte in Johann Gottfried Seumes berühmtem Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 : Dort liegt die Anschauung ausgeplünderter Landstriche vor, und Seume sieht und nennt ebenfalls die feudalen Wurzeln des Mißstandes; ja, er konnte es über sich bringen, eine klerikal regierte, aber gut regierte Gegend glücklich zu preisen und im selben Buche Napoleon, der noch Konsul war, bereits als Tyrannen, als Rückfall der Geschichte, zu zeichnen. Seidel hätte einerseits die verhältnismäßig menschlich regierten geistlichen Fürstentümer Würzburg und Bamberg vor Augen gehabt, und andererseits den verhältnismäßig despotischen Regierungsstil seiner Joseph und Friedrich durchschauen müssen. Konnte er die Verschärfung des Freiheitsstrebens nicht wagen, oder fehlte ihm in Nürnberg die Anschauung davon, wie der Absolutismus eines protestantischen Fürsten aussehen konnte? Der junge Schiller hat sich in Die Räuber schon viel weiter vorgewagt und kommt erst in Don Carlos (und in der Erzählung Der Geisterseher ) auf die hier angesprochene Problematik zurück. Dabei unterläuft ihm, als einem Weltbürger, allerdings keine nationalistische Überheblichkeit.

Es geht jedoch nicht um eine Herabwürdigung Seidels. Andere konnten leicht ähnliche Fehler begehen, leichter (und entschuldbarer) in jener Zeit, als die Überschreitungen nach der einen oder anderen Richtung noch neuartig waren. Patriotismus und Frömmigkeit, Aufklärung und Kosmopolitismus konnten bei ein- und denselben ästhetischen Vorlieben quer durch die Bildung eines Menschen hindurchgehen, vermischt, getrennt oder im Widerstreit auftreten. Wer nicht angestrengt philosophierte, konnte sich kaum dessen ganz bewußt werden, wie es um ihn gerade stand. Im Pegnesenorden setzte sich auf die Dauer eine Richtung durch, die noch zu beschreiben sein wird, aber man hätte rein nichts zu betrachten und es wäre um die Teilnahme des Ordens an den Fragen dieser Zeit schlecht bestellt gewesen, hätten nicht schon vor dem Umsturz von 1786 einzelne mit Versuchen in den verschiedensten Richtungen des Denkens und Dichtens begonnen. Man kann nicht fordern, daß allezeit nur Ausgewogenes zu Papier gebracht wird, wenn die Zeiten im Umbruch sind.

Monastes-Leinker feierte 1781 die Anwesenheit Josephs II. in Nürnberg mit einem Gedicht, das er in der erwähnten Sitzung im "Rothen Hahnen", am 8. Februar 1788 — erst —, im Orden vorlas. Der Text stellt zwar nur gereimte Politik dar und ist insofern dem ästhetischen Anspruch des Seidelschen Werkes nicht an die Seite zu stellen, dafür ist er jedoch verständlicher. Einzelne Punkte dieses Fürstenlobs erscheinen zeittypisch:

[...] Der Böhmens Knechten Freyheit schenkt,
Der tolerant und billig denkt,
Giebt sich uns gnädig hier zu kennen.


— Aufhebung der Leibeigenschaft, Religionsfreiheit, Rechtssicherheit, Leutseligkeit. Wer wüßte nicht,

[...] Wie unter Ihm der Handlungspreis,
Der Wißenschaften Kunst und Fleiß
Zur aufgeklärten Zeit sich kehrte?


— Gewerbefreiheit, Freiheit der Lehre und Forschung. Dies sind alles Errungenschaften, die wir heute, zumindest in unserem Land, für selbstverständlich halten. Die Bürgerlichen von damals waren uns in ihrer Lebensweise schon näher als die Kleriker oder Aristokraten. Jedenfalls hatten sie ähnliche Neigungen zur Ausbildung eines bestimmten Typs von Gesellschaft. Es muß ihnen wie der Anbruch eines Goldenen Zeitalters vorgekommen sein, als sie die ersten halbherzigen Maßnahmen wahrnehmen konnten, die von oben vorgenommen wurden, um dem zu entsprechen. Daß diese Maßnahmen aber nicht anders als halbherzig sein konnten, ohne in eine Erziehungsdiktatur umzukippen, sieht man an den folgenden Versen:

[...] Das Bischofsrecht komt schon empor,
Doch mancher Psalter schweigt im Chor,
Nachdem das Kloster aufgehoben.
Der Wahn u. Aberglaube fliehn,
Ein kluger Pius komt nach Wien,
Sieht Anstalt und Erziehungsproben.


Umschreibend gesagt: Zwar hat Joseph die Stellung seiner Bischöfe gegenüber dem Heiligen Stuhl gestärkt (und damit nichts anderes unternommen, als was der Gallikanismus der französischen Könige schon seit Jahrhunderten aus der Kirche in Frankreich gemacht hatte), doch er ging noch weiter und hob etliche Klöster auf und verbot den Jesuitenorden. Dies hatte zur Folge, daß die von diesem Orden bisher geleiteten Schulen staatlich wurden. Papst Pius fühlte sich veranlaßt, bei einem Staatsbesuch gute Miene dazu zu machen.

Die Freiheiten, die Monastes rühmt, sind eben diejenigen, die Don Carlos und Posa in Schillers Drama den Niederlanden bescheren wollen. An den kleineren Schriftstellern und den Zeitzeugnissen aus vielen Orten ersieht man erst, wie zeitgemäß die Dichtung der Klassiker — eben auch — war. Selbst das Verfahren, dem Traditionsbewußtsein der herrschenden Schichten eine eigene Deutung der Geschichte entgegenzusetzen, um Neuerungen zu rechtfertigen, findet sich in kleinerem Maßstab in Leinkers Gedicht: Er läßt den zitierten Versen noch viele weitere folgen, in denen er dartut, was für kultureller Segen Nürnberg schon früher aus gutem Verhältnis zu Kaisern erwachsen ist. Dahinter steht immer die schlaue Rechnung: Vielleicht bemerkt der Kaiser endlich einmal, daß es auch in seinem Interesse ist, blühende Reichsstädte zu haben. "Sire — geben Sie Gewerbefreiheit!" Es sieht leider nicht sehr danach aus, daß er's bemerkt hätte. Er hätte sonst den Versuch machen müssen, den Reichsstädten außerhalb seiner Erblande eine neue Verfassung zu geben.