Man findet sich mit Bayern ab

Im Sitzungsprotokoll vom 12. Februar 1816 steht, überraschend für uns, lange vorherzusehen von den damaligen Beteiligten: „[…] 2.) Wir haben heute das erstemal das Vergnügen Herrn Policeidirektor Wurm als ordentliches Mitglied des Blumenordens in unserer Mitte zu sehen. […]”

Rainer Mertens bringt die Stellung dieses Mannes auf den Punkt: „Oberstes Organ der staatlichen Gewalt war nun [ab 1806] die Polizeidirektion. Deren Leiter Christian Wurm war der eigentliche ,starke Mann' in Nürnberg und verwaltete die Stadt in den nächsten zwölf Jahren mit einer von der Seite der Gemeinde praktisch uneingeschränkten Machtfülle.” 1809 geschah ihm bei einem Volksaufstand anläßlich des Vorrückens österreichischer Truppen ein vorübergehendes Mißgeschick: „[…] der ,Pöbel' überließ den Österreichern bei ihrem Abzug neben Thürheim [der gegenüber der zusammengelaufenen Rotte ungeschickte Worte gebraucht hatte] und Wurm vier Großkaufleute als Geiseln […]” 1816 war seine Stellung längst gefestigt und seine Beziehungen zu den nürnberger Honoratioren schon ziemlich gut. Er hatte 1811 sogar einer Ausweitung der Befugnisse des ,Munizipalrates', des damaligen Stadtrates, das Wort geredet.

Beflissen wie stets, wenn es um günstig erscheinende Beziehungen des Blumenordens zu den jeweiligen Machthabern ging, ließ sich Präses Seidel anläßlich eines Besuchs des Grafen Drechsel am 25. August 1817 vernehmen:

„Hochgeborner Herr Reichsgraf, Hochgebietender Herr RegierungsPräsident!

Ihre Gegenwart, mit der Sie uns beehren, macht die heutige Zusammenkunft der Mitglieder des alten schon 173 Jahre bestehenden Blumenordens zu einem ausgezeichneten Feste. […] Der Blumenorden, nicht wie sich das Konversationslexikon ausdrückt zu einer Privatgesellschaft, wie es schiene, allmählig rückwärtsschreitend, trägt vielmehr den Charakter einer solchen Gesellschaft seit seiner Entstehung an sich […] Der Genius der Zeit, der schaffende, kann einst aus diesem Vereine wieder etwas Wirksameres bilden, und wenn selbst — lassen wir die Gesellschaft nur nicht erlöschen — einst unter günstigen Umständen, Männer eine ähnliche neu begründen wollten, sie würden sich freuen, schon eine Firma vorzufinden, deren Alter an und für sich ehrwürdig ist. […] Euer Exzellenz haben es wohlwollend gestattet, daß HochIhnen das Diplom eines Ehrenmitgliedes unterthänig überreicht werde, und die Annahme der Urkunde darüber krönt den heutigen Tag mit einem unverwelklichen Kranze. […]” Die Hinweise auf den Blumenorden klingen seltsam verzagt. Ob dies damit zusammenhängt, daß gleichzeitig auch eine neue Satzung zur Debatte stand, wird später abzuhandeln sein.

Irgendetwas scheint bei der Überreichung der Urkunde dazwischengekommen zu sein, oder  — was immer denkbar ist — bei der Datierung der Rede außerhalb des Protokollzusammenhangs ist ein Versehen unterlaufen, denn Drechsel wird erst seit der Sitzung vom 23. Oktober 1817 als Mitglied geführt: „Da der pegnesische Blumen-Orden sich mit der erfreulichen Hoffnung schmeicheln darf, daß Seine Excellenz der Herr Präsident Graf von Drexel geneigt seyen, eine Versammlung desselben mit Höchstihrer Gegenwart zu beehren; so siehet sich der Vorstand desselben hiedurch veranlasset, auf künftigen Donnerstag den 23sten d.M. die erst im kommenden Monat November zu haltende Ordens-Versammlung zu veranstalten, weil Höchstgedachter Herr Präsident, zuverläßigen Nachrichten zufolge, an gedachtem Tage allhier eintreffen und sich bey dem hiesigen Künstler-Verein zu feierndem Jubelfeste einzufinden geruhen wollen. […] Es sollte zwar bey dieser Versammlung über die Aufnahme folgender Personen ballotirt werden, nemlich:

1) des Königlichen Herrn Oberpostmeisters von Axthelm, welcher zugleich mit des Herrn Grafen von Drexel Excellenz dieser Sitzung beyzuwohnen und als Mitglied des Ordens aufgenommen zu werden wünscht; […]

da aber durch diese Ballotage die Zeit zur Vorlage wissenschaftlicher Gegenstände beschränkt werden dürfte; so werden sämmtliche Mitglieder ersucht, für diesesmal ausnahmsweise über die Aufnahme bemeldter Personen auf folgende Weise abzustimmen, daß sie auf dem ihnen vorgelegt werdenden Verzeichniß der Aspiranten ihre Abstimmungen neben den Namen derselben nur mit Ja oder Nein beysetzen und diese Zettel sodann in die Büchse stossen, wobey es sich von selbst versteht, daß die Herren Votanten, um die Wahlfreyheit uneingeschränkt auszuüben, ihre Namen nicht beyzufügen brauchen. […]”

Graf Drechsel kommt ja in den Memoiren des Ritters von Lang so übel weg, daß sich neuere Forscher wohl aus Mitleid zu seiner Verteidigung aufgeschwungen haben. Die Schilderung seiner Persönlichkeit durch Lang ist aber so köstlich und kontrastiert so wohltuend den Schmeicheleien des damaligen Ordenspräses, daß sie zum Ausgleich hier auszugsweise zitiert sei: „Herr von D. war übrigens ein schaukelndes, hüpfendes, mageres Männlein, mit unmäßiger Eitelkeit und der Sucht, überall seine Glorie zu repräsentieren, gefeiert, besungen, angeblasen, beleuchtet, bedonnert, bekracht zu werden, verschwenderisch aus dummer Eitelkeit und in seinen gemeinen Lüsten, und in andern Stücken nicht minder schmutzig und geizig, ebenfalls aus Dummheit. Ueberall und in allen Stunden und Orten jagte oder peitschte ihn eine gewisse Befangenheit und Unruhe, die nicht von einem faden, leichtfertigen Gemüth, sondern von irgend einer geheimen Aengstlichkeit und einer tiefern Verletzung des innern Friedens hervorzugehen schienen.”

Man machte seinen Frieden mit Leuten, die selbst denkbar ungeeignet schienen, den Frieden nach den napoleonischen Kriegen mit sinnvoller Tätigkeit für das Allgemeinwohl zu erfüllen, und bejubelte 1818 eine bayerische Konstitution, die ein Betrug an den Freiheitskämpfern und ihren Idealen war:

„[…] Die zweite Ursache der Vertagung unserer Zusammenkunft war ein für Nürnbergs Bürger fröhliches, einziges Fest. Unser erhabener König, die Winke des Zeitgeistes achtend gab Seinem Volke, nach [unleserlich], die landständische und Städtische GemeindeVerfassung. Was durch Geist des Schreckens, der über Europa hinzog vernichtete [sic], ward in der Art neu geschaffen, wie es den jetzigen Verhältnißen passend erscheint. Der schneidende Gegensatz, zu welchem sich unter französischem Einfluß die Regierungen den Völkern entgegensetzen u. einen Zustand der Unnatur, die sich zuletzt selbst zerstört, hervorbringen mußten, ward aufgehoben; die Gemeinden dürfen wieder für sich selbst sorgen, das Volk wieder freien Zutritt zu dem Thron, die Stummen haben wieder eine Sprache, und ehrerbietig bittende Worte nicht durch fremde Zungen aussprechen zu dürfen. So hat auch unsere gute, schöne, heißgeliebte Vaterstadt sich nun solchen Glückes zu erfreuen, und der Blumenorden, welcher unter die Gegenstände seiner Aufmerksamkeit besonders die Nürnbergische Geschichte stellt, nimmt [Ende des einzeln eingelegten Blattes; Fortsetzung fehlt.]”

Damit war der Blumenorden in politischer Hinsicht im Biedermeier angekommen.