Besitzstand als Grundlage für die durchgehende Tätigkeit

Die Ausstattung einer Literaturgesellschaft mit Lesbarem war, wie man annehmen sollte, die Voraussetzung für gedeihliche Gespräche und Stellungnahmen, vor allem zu einer Zeit, in der man sich nicht schnell mal — und oberflächlich genug — über Rundfunk, Fernsehen und Internet von Neuerscheinungen und klugen Besprechungen ein Bild machen konnte. Der Blumenorden hatte schon vor 1894 damit begonnen, eine Sammlung anzulegen, und weitete diese in der Folge in erstaunlicher Weise aus.

14. W[ochen].V[ersammlung]. Freitag den 26. April 1895
[…] Dr. Beckh übergibt das Buch „Der deutsche Palmbaum-Orden“ welches interessante Werkchen er für den Blumenorden billig zu kaufen Gelegenheit hatte; […] eingelaufene „Wiener Schriftstellerzeitung“ soll, wenn Zusendung nicht [gestrichen: „gratis“] unentgeltlich erfolgt, abbestellt werden. […]

16. W. V. Freitag 10. Mai 1895
[…] Beckh spricht über die neue Zeitschrift Pan, dieselbe sowohl nach den Aufsätzen, als auch den beigegebenen künstlerischen Beilagen, welche er vortheilhaft beurtheilt. […]

25. W.V. Freitag den 12. Juli 1895
[…] Dr. Beckh schlägt den Ankauf der „Betrübten Pegnesia“ vor, welche Braun zu m 8.- anbietet […]

29. W.V. Freitag 18. October 1895
[…] Braun gibt bekannt, daß vollständig vorhanden und der Bibliothek übergeben seien Jahrg. 90-94
D.[eutsche] Rundschau
Westermanns Monatshefte
Von Fels zu Meer
Globus
Ferner die gleichen Jahrgänge von Gartenlaube, Daheim u. Über Land zu Meer, doch seien diese Blätter sehr zerlesen.

Haupt-Versammlung Freitag den 31. Jan. 1896
[…]
Im Lesezirkel ist der Orden abonnirt auf
1 Daheim
1 Gartenlaube
1 Über Land zu Meer
1 Von Fels zu Meer
1 Magazin für Litteratur
1 Deutsche Rundschau
1 Westermann’s Monatshefte
Lambrecht liefert 1 Blätter für lit. Unterhaltung
Postm Schmidt 1 Bayerland
1 Zeitschrift des Sprachvereins
Raw’sche Buchhandl 1 Fliegende Blätter
1 Gartenlaube 2. Exemplar
1 Daheim 2. Exemplar
1 Fels zu Meer 2. Exemplar
1 Illustrirte Zeitung
1 Roman Zeitung
1 Gegenwart
und für die Freitag-Abende
Moderne Kunst
Kunst für Alle
Illustrirte Welt
Buch für Alle
Unsere Gesellschaft
Meggendorfers humor. Blätter
Romanwelt
Zur guten Stunde
so daß den Lesern ein überreiches Material zu Gebote steht.


12. W.V. Freitag den 20. Maerz 1896
[…] Geißler bereichert die Bibliothek durch eine sehr werthvolle Gabe „Des Knaben Wunderhorn“, 3. Bd. wofür herzlich gedankt wird. […]

10. W.V. Freitag den 12. Maerz 1897
[…] Knapp legt Zettel- und anderen Katalog der Bibliothek vor.
Derselbe schlägt vor, daß eine Commission gebildet werde, welche über Ausscheidung den Orden nicht interessirender Bücher welche nur Platz rauben, berathen soll. […]

16. W.V. Freitag den 30. April 1897
[…] Von der Schrag’schen Hofbuchhandlung wird die bestellte „Jugend“ in zwei Bänden und [freigelassen] Heften gesandt. […]

Dies war die Zeitschrift, von welcher der „Jugendstil“ seinen Namen hat.

22. W.V. Freitag den 11. Juni 1897
[…] Lambrecht möchte, daß noch vor den Ferien die Versteigerung der älteren Zeitschriften aus dem Lesezirkel bethätigt werden möge, damit der Hansel wieder zu Kräften käme. […] spricht dabei den Wunsch aus, daß in den Ferien diese Blätter auch vorgelesen werden möchten und nicht werthlos im Schrank liegen bleiben. […]

Man hatte sich mit dem Angebot an die Mitglieder schon ein wenig übernommen.


28. Wochenversammlung am 24. September 1897
[…] Zur Bibliotheksfrage übergehend erklärt Dr. Beckh, daß sich Herr v. Bezold [der Direktor des Germanischen Nationalmuseums] seinerzeit bereit erklärt habe die Ordensbibliothek wenn möglich in den Räumen des Museums aufzunehmen. Der Vorsitzende hat Nachforschungen nach passenden Bücher-Schränken angestellt u. wird über 8 Tage Näheres darüber berichten. […]

32. Wochenversammlung am 22. Oktob. 97
[…] Lambrecht berichtet über seine Rücksprache mit Möbelfabrikant Fleischhauer in Sache unseres Bibliotheksschrankes. Der Preis eines gut gearbeiteten Schrankes beträgt 68 Mark. In der Versammlung wird der Wunsch rege die Tiefe des Schrankes auf 40 cm zu bemessen während die Zeichnung desselben eine geringere Tiefe aufweist. […]

34. Wochenversammlung am 5. November 1897
[…] Der Lambrecht’sche Vorschlag die moderne Zeitschrift „Simplicissimus“ dauernd anzuschaffen wird um so lieber genehmigt, als der Schatzmeister bei dieser Gelegenheit einen rosigen Blick in die Finanzlage des Ordens gewährt. […]

Also: keine Scheu der Honoratioren vor einem satirischen, oft antibürgerlichen und antiautoritären Blatt!

Ordentliche Hauptversammlung am Freitag den 28. Januar 1898 in der „Blume“
[…] Der Büchereibericht von Knapp läßt ersehen daß die Bücherei 1280 Werke in 1500 Bänden besitzt, daß 120 Bücher ausgeliehen, 81 gekauft u. 50 geschenkt wurden. […]

Ordentliche Hauptversammlung am 30. Januar 1903
[…] Nachdem noch der Beschluß gefaßt wurde Bücherei u. Archiv, unter Eigentumsvorbehalt, der städt. Bibliothek zu übergeben schließt gegen ½ 12 Uhr die Hauptversammlung.

Die Aufbewahrung solcher Mengen war weder im Vereinslokal (davon später mehr), noch in Privatwohnungen der Mitglieder möglich.

Freitag, den 8. Januar 1909
[…] Lambrecht schenkt für die Ordensbücherei ein großes Werk „Deutschland zur See“ mit farbenprächtigen Bildern unserer großen deutschen Kriegsdampfer, wofür ihm herzlicher Dank gezollt wird. […]
Dr. Oertel empfiehlt den Ankauf der jetzt erschienenen Doktorschrift von Albin Franz in Marburg über Johann Klaj. […] Das Buch wird zum Preise von M 6.50 erworben. […]

Ein bemerkenswertes Ineinander von zeitgenössischer Flottenbegeisterung, die bekanntlich zum Wettrüsten vor dem 1. Weltkrieg beitrug, und Traditionsbewußtsein im Hinblick auf den Mitbegründer des Blumenordens, den immer ein wenig im Schatten Harsdörfers stehenden Klaj.

Ordentliche Hauptversammlung am 29. Januar 1909
Anschließend an die Verlesung des Jahresvoranschlages gibt Uhlemayr die Anregung unserer Ordensbücherei mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden u. die Ankäufe nach einem consequent durchgeführten Plane vorzunehmen. Die dafür angesetzte Summe von M. 100.- sei viel zu klein. Er schlägt vor, den Lesezirkel der M. 164.- erfordert fallen zu lassen und  diese Summe der Bücherei zuzuwenden. Die Einsetzung einer Büchereikommission, sowie die Eröffnung eines Lesezimmers wären sehr erwünscht.
Schmidt und Voit sprechen in entschiedener Weise für Beibehaltung des Lesezirkels, da dem Orden durch Fortfall desselben eine große Anzahl von Mitgliedern verloren gienge.
Der Vorsitzende ist der gleichen Ansicht, begrüßt aber freudig die verschiedenen Anregungen und Vorschläge, denen ein beachtenswerter Kern innewohnt.
Die Vorstandschaft wird die verschiedenen Fragen weiter verfolgen, sobald die zur Zeit schwebende Lokalfrage für den Orden entschieden ist.

Bericht über die ordentliche Hauptversammlung in der Blume am 3. Februar 1911.
[…] Der zweite Antrag verlangt die Auflösung des bisherigen Lesezirkels — oder, wenn diese Auflösung nicht beschlossen wird, wenigstens die Erhöhung der dafür verlangten Gebühr auf M 4,- von denen je M 2,- an die Ordenskasse abgeführt werden sollen. […]

Bericht des I. Schriftführers über das Geschäftsjahr 1911.
[…] Der bisher durch die Zeisersche Bchh. besorgte Lesezirkel des Ordens wird 24. II. mit Rücksicht auf die zahlreich einlaufenden u. als berechtigt anzuerkennenden Beschwerden und die ständige Abnahme der Teilnehmerzahl endgiltig [sic] aufgehoben.
Auch dem Archiv und der mit diesem verbundenen Bildersammlung des Ordens sind […] Schenkungen zu gute gekommen. Paul Heyse hat ein mit sicherer Hand gezeichnetes Bildnis von Hofrath Dr. Beckh beigesteuert. […]

Kann das heißen, daß der neu zum Nobelpreisträger ernannte Heyse in seinem hohen Alter noch die sichere Hand führte, Beckh zu zeichnen?




Freitag den 2. Mai 1913, 15. Wochenversammlung
[…] Ferner bemängelte Schmidt, daß der Orden keine Gegenliste der in das städt. Archiv abgeführten Ordensbücher hat und ihm infolge dessen jede Kontrolle fehlt, ob die Bücher wirklich dort eingeliefert wurden und sich dort befinden, oder nicht. Die Fortführung dieser Liste wäre äußerst wünschenswert und notwendig. […]

Allmählich geht der Überblick verloren.

Ordentliche Hauptversammlung am 6. Februar 1914
[…] Da Lambrecht die Bücheranschaffungen speziell herausgriff, drehte sich die weitere Debatte wesentlich um diese.
Dr. Behringer [wie er meint,] werde man in erster Linie dafür sorgen müßen diejenigen Werke zu beschaffen, welche man zu den Vorträgen im Adler und an den Damenabenden benötige. Mit dem Rest der für die Bücherei noch verbleibenden Mittel […] nur das anschaffen, was für den Orden besonders wünschenswert sei. […]
Steller [vertritt die Meinung, man solle] nicht ohne vorherige Kenntnißnahme des Inhalts anschaffen
Beckh macht darauf aufmerksam, daß man die wenigsten Bücher gebunden erhalte und die broschierten doch nicht aufschneiden dürfe und könne, da sie sonst der Buchhändler nicht mehr zurücknähme […]
Voit schlug vor bei Neuanschaffungen erst in der Stadtbibliothek anzufragen und nur solche Werke zu kaufen, welche die Stadtbibliothek nicht habe.
Für wissenschaftliche Werke erkannte die Versammlung diesen Vorschlag als zweckmäßig an. [Aber nicht für Belletristik.]
Voit schlug dann […] vor, Bücher nur nach Begutachtung durch den Ausschuß anzukaufen.
v. Bezold erklärte, daß der Ausschuß unmöglich zur Beratung solcher Kleinigkeiten zusammentreten könne. Auch Brügel stellte fest, daß im Rahmen des Voranschlags ruhig gekauft werden könne. Erst wenn diese Mittel verbraucht seien […] habe der Ausschuß in Tätigkeit zu treten. […]
Schneider greift die Idee der Auswahl der Bücher nochmals auf und plädiert für einen Bücherberatungsausschuß […]
Lambrecht ist auch gegen einen solch komplizierten Apparat […]

Bevor die Ausschußseligkeit und das auf den Finanzen lastende Überangebot an Lesestoff noch bedrückender werden konnten, enthob der Krieg durch seine ganz anderen Sorgen die Ordensmitglieder solchen Erwägungen.