Vorbereitungen zu einer weiteren Blumenorden-Anthologie

„Geschehen am 28. October 1850. im Gasthause zur Krone am Heugäßchen.
[…] 1.) […] H. Ordenspräses und der Ordenssecretair fingen darauf an, daß eine schon längst beschlossene Auswahl von Gedichten aller beytragenden Mitglieder gedruckt und zu denselben die besten Voglschen Gedichte aufgenommen werde, welcher Antrag durch große Stimmenmehrheit zum Beschluß erhoben wurde. Es wurde hierauf ein Ausschuß von fünf Mitgliedern erwählt, die die Auswahl treffen und und der Versammlung vorlegen soll. Die Wahl fiel auf die Herren: Dr. Lochner, Consulent Dietelmair, Dr. Lösch, v. Kreß u. Mag. Rath Schnerr […]“

Beispiel für eine Kritik von Dietelmair aus dem Jahr 1851:

[…] Ich glaube, Neumann u. Sondermann haetten zunaechst ihre ihnen nun objectiv gewordenen Werke einer nochmaligen eigenen Kritik zu unterwerfen. Als Probe meines ins Besondere gehenden Urtheiles etwas über das Sondermannsche Sonett auf Mozart:
es befriedigt weder nach Form, noch nach Gehalt. 1. Abgekürzte Worte, wie Weihestätt’ — Tön — sind unertraeglich.
2. Wie kann der Töne Macht mir süße, sanft an das Herz dringende, genannt werden, wenn die Tonmacht auch der Hölle Gluthenflammen anzufachen, und alle leidenschaftlichen Gemüths-Zustände darzustellen vermag? (man denke an Mozarts Don Juan, Idomeneo, Cossi fa tutti [sic] p.p) — nebenbey die Frage: was sind denn Gluthenflammen? — Alle Ausdrucksüberladenheit schadet, mit den einfachsten Mitteln bewirkt der Dichter das Größte. Die Zeilen: nie der Hölle — Herz umschlagen — entbehren der sprachlichen Bestimmtheit. Die vier darauffolgenden Zeilen sind Wiederholungen.
3. Der Schluß: Pilger danken, die p. — ist entsetzlich matt. Ein also Erschöpfter, wie sein Lobender, hat Mozart keines seiner Werke geschloßen. — Sondermanns Gedicht in Nürnberger Mundart ist weit besser, und zwar an sich, nicht darum, weil er darinnen neuer Begeisterung für Mozart sich bewußt worden ist.

Präses von Kress antwortet am 11. Juni 1851: „Mit Beschämung beginne ich jetzt erst die Lösung meiner Aufgabe, als der Letzte meiner bekanntlich sehr beschäftigten Herren Collegen, nur die Bitte vorausstellend: Daß Sie nicht Mangel an Lust und Liebe zur Sache […] als Ursache der Verzögerung betrachten mögen […]
II. Sondermann.
Es kommt mir ganz sonderbar vor, daß dieser Ehrenmann so abgesondert dasteht.
Unter den vielen und bekanntlich hochgebildeten Blumenordensgliedern die in Nürnberg wohnen, ist er leider bis jetzt der Einzige geblieben der etwas zur Beurtheilung eingesendet hat.
Nach den bisherigen Erfahrungen scheint es Nürnberg vorbehalten zu seyn, mit wenigen Ausnahmen zu beurkunden: daß der Blumenorden dahier seine Wege gefunden hat, noch nicht daran denkt hier jetzt schon zu Grabe getragen zu werden, und ich halte es für Ehrensache mit allen Kräften dahin zu streben, daß das bereits bekannt gewordene Unternehmen auch wirklich zur Ausführung komme.
Indem ich diesen frommen Wunsch vorläufig nur in einem Briefe ausspreche, gehe ich zur Beurtheilung der Sondermannschen Sendungen über.
A) Vor dem Monumente (Denkmal) Mozarts
Ich halte dieses Gedicht für aufnehmenswürdig, und möchte nur fragen ob Zeile 4. anstatt: „ans offne Herz“ nicht besser gesagt werden könnte: „ins offne Herz“, was ich für noch mehr halte. […]
B.) Hier enden Neid, Verfolgung und Plage.
Ein schöner Gedanke, von einem empfänglichen Gemüthe lebhaft aufgefaßt, und mit dichterischem Schwung ausgeführt.
Möchten uns doch viele ähnliche Sendungen zugesendet werden! […]“

Dietelmair läßt eine Rezension als Umlauf zur Ergänzung herumgehen:

Man wundere sich nicht darüber, daß ich mit dem Referate über die Greger’schen Werke so lang gebraucht sondern darüber, daß ich nicht laenger gebraucht, denn herkulische Selbstüberwindung ist zur Durchsicht solchartiger Erzeugnisse vonnoethen.
Ueber Greger den Vater.
[…] Uebrigens gehoert eine starke Dosis Unverschaemtheit dazu, Uns solche Sachen zu schikken […]
Ueber Greger den Sohn.
[…] Seyen Sie, Verehrtester, barmherzig gegen mich, und erlassen mir ein zergliedernd Eingehen in Versuche, deren jeder tief unter der Linie der Mittelmäßigkeit steht.
Auch der Sohn ist, gleich dem Vater, rücksichtslos genug, uns Proben, abscheulich und unleserlich hingeworfen, vorzulegen die ein bescheidner achtzehnjaehriger Mensch nicht zur Vorlage bringen würde.
den 13. Mai 1851 Dietelmair

Ich habe vorstehendes Gutachten mit wahrem Vergnügen gelesen und trete demselben durchgängig bei. d. 16. Mai 1851. Lochner.

Ich stimme obigem Urtheile bey, muß jedoch […] die Schrift der beiden Verfasser, insbesondere des Vaters in Schutz nehmen.
d. 16. May 1851 Dr. Lösch

Greger der Vater ist ein alter Bekannter der seine Natur nicht mehr ändern wird. Möchte der Sohn wenigstens ein Hoffnungsvoller seyn. Leider aber muß auch ich dem Herrn Berichterstatter beystimmen, dessen mit attischem Salze gewürzter Beurtheilung ich mich erfreute.
den 10. Junii 1851. Kreß

Was der Herr Berichterstatter schrieb, ist leider sehr richtig; doch möchte ich es nicht als Unverschämtheit betrachten, daß die beiden Herren Greger solche ungenügende Machwerke uns zugesandt haben. Diese Menschen, aus dem ,Kristallisationskern’, verstehen es nicht besser. […] Es ist gut, daß wir nicht geradezu gezwungen sind, etwas herauszugeben.
N. d. 25. Juni 1851. Schnerr.

Man war zu begründeten Unterscheidungen sehr geneigt, also im besten Sinne sehr kritisch, doch scheint sich dabei der ursprüngliche Vorsatz vor lauter Zergliederungen aufgelöst zu haben; es blieb einfach nicht genug Präsentables übrig, auch wenn es für unterhaltende Zwecke in Ordensveranstaltungen gut genug gewesen war. Diese Sichtung zum Zwecke der Veröffentlichung zog sich zwei Jahre hin, dann zogen mehrere Mitarbeiter die Reißleine.

Unter dem Datum „6 Junii 1853“ schrieb Kress sechs Seiten Beurteilungen. Dazu wendete Dietlmair ein: „Ist wirklich der Grundsatz aufgestellt, und für die beabsichtigte Sammlung festzuhalten: daß vor 1844 Verfaßtes aus zu schließen sey — ? — Wenn, dann dürfte manches gute Werk, das mangelnden Raumes wegen vor 9 Jahren nicht konnte aufgenommen werden, der projectirten Sammlung entzogen werden. […]
In Anbetracht der sonstigen Güte und Solidität von Schnerr’s Werken muß ich, wenn auch fruchtlos, bedauern, daß er zu sehr der Gelegenheit gehuldigt, statt seine Kraft weit mehr den über allen Persönlichkeiten, Oertlichkeiten, und Zeitlichkeiten stehenden Ideen und Gefühlen zu wiedmen. […Schnerrs Antwort:]
Folgt anbei nebst ergebenstem Dank zurück und sind die freundlichen Andeutungen großentheils benützt worden.
Nbg. am 8. Sept. 1853. Schnerr“

Der besonders kritische Beurteiler war Dietelmair, aber auf einer Grundlage, die sich seit 1844 nicht verändert hatte, der biedermeierlichen. Dr. Lösch hatte sein Pulver schon für den Literarischen Verein verschossen:

„Nürnberg den 2. Maerz 1853
Verehrter Herr Präses!
Meine Vorträge im Blumenorden seit 10 Jahren sind sofern sie irgend einen Werth hatten, immer für das Album des literarischen Vereins in Anspruch genommen worden und es liegen gegenwärtig noch ungedruckt blos vor: der Aufsatz über Wilhelm Tell, über den Heliand, über den Ossian. Ich könnte daher höchstens einen von diesen [unleserlich] für das Album des Blumenordens anbieten […]
Dr. Lösch“

Nun steigt auch noch einer der Mitarbeiter aus:

„Gymn. Aegid. s. 20. Mai 1853
Seiner Hochwohlgeboren, Herrn Freiherrn von Kreß, des pegnesischen Blumenordens Präses,
ersucht der ergebenst Unterzeichnete ihn von dem früher ihm zu Theil gewordenen Commissorium, behufs der Herausgabe eines Albums des Ordens, gefälligst zu entheben.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
Lochner, k. Studienrektor“

Kress antwortet am 28. Mai 1853:
„[…] Weit entfernt die Gründe Ihres Entschlußes erforschen, oder denselben beschränken zu wollen, ist mir die Frage nicht unwichtig: ob ich nur unbewußt und unabsichtlich, Veranlassung dazu gegeben haben könnte? in welchem Fall um offene Erklärung gebeten wird […]“ Er, die Verbindlichkeit in Person, hätte die Schuld nicht bei sich selbst zu suchen brauchen. Einer im Team wie Dietelmair genügt.

Lochner erklärt am 29. Mai:
[…daß sein Austritt] lediglich durch die Ueberzeugung veranlaßt worden ist, daß ich wegen Mangels an Zeit außer Stand seyn dürfte, dem in mich gesetzten Vertrauen auf gebührende Weise zu entsprechen. […]“ Schon damals ist zu sehen gewesen, daß er ein Melancholiker war wie seinerzeit Colmar, ein Präses, welcher aus freien Stücken zurücktrat.

Kress verfaßt einen Umlauf:
„[…] Ob es gefällig ist, künftigen Freitag den 10 Junii Abends um 5 oder 6 Uhr in meiner Wohnung gefälligst sich einzufinden?“

Dietelmair, Lösch und Schnerr sagen zu. Darunter steht auf dem Blatt:

„Bei der am 10 Junii statt gefundenen Berathung, wobei oben Unterzeichnete anwesend waren, ergab sich, daß der auszuwählende, zur Zeit vorhandene Stoff kaum 7 Druckbögen ausfüllen würde.
Darum wurde der einstimmige Beschluß gefaßt:
Den Plan zur Herausgabe einer Sammlung wo nicht ganz aufzugeben, doch wenigstens vorläufig beruhen zu lassen, und zu erwarten: ob vielleicht der nächste Winter rauhere Früchte tragen würde.
Nürnberg d. 10 Junii 1853 v. Kreß“