Neuer Wein — alte Schläuche?

Auf Musen helfet mir, ein DankLied jezt zu singen,
Daß Gott an meinem Schatz die heissen Wünsch erfüllt [...]

So geht es sehr konventionell an. 'Schatz' war wohl als Kosename noch nicht ganz so abgebraucht, sonst wäre in Bezug auf den klassizistischen Anfang ein Stilbruch zu konstatieren. Es geht freilich sehr bürgerlich-intim und dabei aufgeladen mit Besitzdenken weiter:
Wie aber soll ich mich jezt gegen Dich bezeigen,
Mein liebstes in der Welt, mein Herz, mein AugenLust;
Wie mach ich Dir die Freud, der keine zu vergleichen,
Die Deine Niederkunft in mir erweckt, bewußt?
Kan ich wohl meine Schuld durch etwas Dir bezahlen
Vor diese harte Bürd, die Du ertragen hast ?
Vor allen Schmerzen, den ohnmöglich abzumahlen,
Biß du entbunden warst von dieser schönen Last:
Die du 9. Monat lang so sorglich hast ernähret
Mit süssen Säften so dein zarter Leib verlohr;
Die oft dein junges Herz in seiner Ruh gestöret,
Und tausend Aengsten bracht in deine Seele vor.
O nein, ich glücklicher, ich kan dir sonst nichts geben,
Als was ich dir geschenckt in dem vergangnen Jahr.
Der Anblick deines Wohls schenckt mir allein mein Leben
[...]
Jetzt käme es darauf an zu wissen, ob schon beim Abfassen der nächsten Zeilen der traurige Umschwung eingetreten war und Wittwer, beim Aufholen des in der Sorge unterbliebenen Schreibens, dramatische Ironie anwendet, oder ob er noch ganz ahnungslos war:
Der Anblick Deines Wohls schenkt mir allein mein Leben,
Das ohnehin für Furcht fast schon verlohren war.
Der Dich bißher beschützt, wird ferner Dich erhalten;
Deßwegen nur getrost; der gab dir einen Sohn,
Der wird als Vatter auch noch ferner ob uns walten;
Er hört mein Flehen ja auf seiner Gnaden Thron.
Von Menschen kanst du stets den treusten Beystand sehen;
Damals waren die Ärzte ihrer Macht über die Krankheit noch nicht so gewiß, handelten im Bewußtsein, daß Gott alles auch anders fügen könne, und sahen nicht auf die Bemühungen pflegender Angehöriger mit einer Mischung aus Duldsamkeit und Argwohn herab, sondern betrachteten sie als gleichberechtigt und ganz unverzichtbar:
Schau die Bemühungen der werthesten Mama;
Mich als den Arzt, der nicht von deinem Bett wird gehen.
Ja was nur helfen kann, das alles ist schon da.

Wer denckt in unsrer Stadt so heiße SommerTäge?
Da alles Gras verbrennt, das Blat von Bäumen fällt,
Die Erd von Dürre reist in Feld und auf dem Wege,
Wo keine Pflanze ist, die ihre Blume hält;
Als wir seit vierzehn Tag ohn allen Regen haben.
Mit was erquicke ich anjezo meinen Schatz!
Weiß unser einer nicht mit etwas sich zu laben.
Die Kühlung findet ja bey Ihr nun keinen Platz.
Man war schon lange auf das Klima als Ursache mancher Abweichungen im Krankheitsverlauf aufmerksam geworden, aber zu dieser Zeit leitete man sogar schon die Unterschiede des Nationalcharakters davon ab — das Konzept hatte mehr Gewicht.

Chiron schreibt nun zweifelsohne schon nach dem Tode seiner Frau. Er sucht nach Ursachen, die seine Hilflosigkeit entschuldigen, und findet sie in dem für Nürnberg außergewöhnlich trockenen und heißen Juliwetter. (In der Tat ist es gegen Ende Juli bei uns meist regnerisch.) Seine Beobachtungen des vorzeitigen Blätterfalls und des rissigen Bodens verraten den geübten Naturwissenschaftler und sind, im Zusammenhang mit der engen Ortsangabe "in unsrer Stadt", von beklemmender Authentizität. Es ist eine kleine Welt, in der sich das abspielt, aber wer sie genau betrachtet, wie Leuwenhoek die Infusorien im Wassertropfen, kann ganz davon gefangengenommen werden. Noch ist die Mikroskopie neu und sind ihre Ergebnisse ansprechend, ja erschütternd — auch auf dem Gebiete der Dichtung. Man kann wohl nicht behaupten, daß frühere Gedichte nicht auch menschliche Angelegenheiten in Miniaturgemälden abgebildet hätten, doch war das ganz und gar Zufällige, das Kontingente, eher Nebensache gewesen, und man war doch mehr auf allgemeingültige Aussagen bedacht. Die Stilisierung der gebundenen Rede tat ein übriges, das Individuelle in den Rang des öffentlich Mitteilbaren zu erheben, indem die für lautes Vorlesen berechneten Wirkungen ein Band zwischen Autor, Rezitator und Hörer knüpfen konnten, das dem Gegenstand wenig oder nichts verdankte und ihn dadurch akzeptabel machte. In dieser Hinsicht wäre das vorliegende Gedicht ziemlich schlecht. Aber es wirkt auf den genauen Betrachter aufregend, wie neuartig die Haltung ist, die um diese Zeit möglich wird und sich hier ausspricht: daß jemand im Drang seiner Gefühle, um nur ein wenig Ordnung in seine Gedanken zu bringen, seine Zuflucht zum Dichten nimmt. Diese Betrachtung wird herauszufinden versuchen, was sich dadurch an der Dichtung selbst und an dem Verhältnis zum möglichen Leser ändert.

Zunächst ist eines klar zu sehen: Die diagnostische Genauigkeit, womit der Krankheitsverlauf beschrieben wird, hätte aus dem Gegenstand einen klinischen Fall gemacht. Das war nicht Wittwers Anliegen, denn er war selbst diesmal betroffen und hatte das Bedürfnis, auch diese Betroffenheit durch den Ausdruck zu bannen. Beides kann er noch nicht recht in der Aussageform vereinbaren. Pathetische Ausrufe des MitLeidenden mischen sich seltsam mit trockenen Feststellungen des erfahrenen Praktikers. Aber das ist das wahre Leben! Die goethezeitliche Lyrik, die einige Jahrzehnte später mit der formalen Aufgabe besser fertig wird, stellt im Hinblick auf die wirkliche Uneinheitlichkeit des Bewußtseins einen psychologischen Rückschritt dar und läßt dem Naturalismus noch einiges zu tun übrig.

Ich seh O Jammer! Sie, in Ihrem Schweiße baden.
Doch ist schon, Gott sey Dank, der fünfte Tag vorbey.
Ums Herze wird Ihr bang; ich kan es schon errathen,
Was Sie zu fürchten hat, daß es ein AusSchlag sey.
Er ist doch schön heraus: ob Sie gleich nicht kann schlaffen.
Allein was soll das seyn? mir wird auf einmal bang.
Ich will noch einen Arzt zu ihrer Hülffe schaffen.
Es ist doch alles noch in ordentlichem Gang.
Ach Engel? Wie ist Dir? schau wie ich mich betrübe.
Spürst Du auch eine Furcht? Glaubst Du Dich in Gefahr?
Ich finde keine nicht. Doch du kenst meine Liebe
Die zittert und befürcht, es sey nur allzu wahr.


Man wird Zeuge aller Umschwünge des Gefühls; man erlebt den Autor als einen Empfindsamen. Unterscheidung zwischen dem eigentlichen Verfasser und dem 'lyrischen Ich', der angenommenen Verfasserrolle und dem empirischen Ich des Verfassers führen hier nicht weit, wären pedantisch. Kein Wunder, daß gerade der durchschnittliche heutige Leser, soweit er sich von Lyrik noch ansprechen läßt, solche Unterscheidungen auch nicht machen will: Er ist in aller Regel bürgerlicher Gesinnung und fühlt sich daher dieser empfindsamen Epoche geistesgeschichtlich verpflichtet, sobald er Verse sieht. Wie schlecht versteht er folgende Verse, wenn er sie im Vergleich zu Chirons Unmittelbarkeit befremdlich konventionell empfindet:

[...] Wer tut und trägt, was Gott gebeut,
Aus Gottes Willen macht den seinen
Und küßt die Hand, die Strafe dreut,
Wird danken, wo er meint zu weinen.

Es kam der Mann, den Gott erwählte,
Ein Werkzeug seiner Huld zu sein:
Er sah, was die Geliebte quälte,
Mit unbetrogner Scharfsicht ein.

Gleich legte sich der Brand, der in den Adern glühte,
Das heimlich starke Gift, verjagt aus dem Geblüte,
Wich minder edlen Stellen zu;
Ihr Herz fand Kraft, ihr Haupt die Ruh.

Ein frischer Trieb fuhr in die matten Glieder,
Sie sah das fast verlassne Licht,
Mit halb verblendetem Gesicht,
Die Welt und mich erkannte Sie nun wieder.
[...]

Der berühmte Albrecht von Haller, ebenfalls Arzt und Dichter, hatte zehn Jahre zuvor, 1736, ebenfalls seine Frau verloren; auch er hatte einen zweiten Arzt herangezogen, und es schien erst eine Besserung einzutreten. Auch hier sieht man verschiedene Stadien, aber keine Momentaufnahmen aus einem sich ändernden Bewußtsein, und alles, nicht nur an dieser Textstelle, ist in die Haltung der Gottergebenheit eingepackt, auf daß der Leser nicht irgendeine Krankengeschichte, sondern ein aufrichtendes Exempel vorgeführt bekomme. Freilich ist die sprachliche Bewältigung der Symptome viel gekonnter. Wer so einen Abstand nimmt und sich in eine Rolle hineinschreibt, ist das dem Leser schließlich schuldig.

Im Gedicht unsres Chiron folgt ein Dialog, in dem Clarinde, die Patientin, ihn beruhigt. Er bleibt besorgt und ruft Gott um Hilfe an.

A. Ach fasse dich mein Schatz, mach mir die Angst nicht grösser,
Das Herze klopft zwar starck, und druckt mich auf die Brust.
Allein es düncket mich es wird schon etwas besser;
Die Augen sind ja klar und bin mir wohl bewußt.
Damit man aber Dich einmal mit Unrecht kränke,
So nehm ich andrer Hülff mit viel Verlangen an.
B. Ach Gott erbarme Dich, erhöre mich und schencke
Noch lange mir mein Herz; Du bists der helffen kann.
Sie ist jezt ziemlich still, allein von keiner Dauer;
Denn dieß ist ja kein Schlaff, Sie zwingt sich nur zur Ruh.
Ach Gott wenn hilfst Du doch! Das athmen wird Ihr sauer,
Die Nieren öfnen sich, die Hitze nimt auch zu.
Der Arztkollege trifft ein und beginnt seine Untersuchung.
Nun gut jezt komt der Arzt, den Sie allzeit erkohren
Man halte ihn nicht auf, Sie wartet mit Begier.

Was vor ein Angst Geschrey durchdringet meine Ohren?
O unerhörter Thon! Ach Gott was seh ich hier!
Was vor Veränderung ist auf einmal geschehen!
Die Arme scharlachroth verwandlen sich in Schnee!
Mein Schatz befiehlt sich Gott, Sie kan uns kaum mehr sehen.
Stirbt sie, so gieb, daß ich mit Ihr zu Grabe geh.
Ist keine Rettung denn auf Erden mehr zu finden?
Soll Ihrer Jahre Lauf denn schon geendet seyn?
Soll mir mein eigen Fleisch zur Hälfte schon verschwinden?
Das meine Labsal war, sezt mich in Qual und Pein?
O Schmerz! Sie rufet uns, sie will noch etwas reden.
O Großmuth! sehet doch, wie Sie die Angst verlacht.
Soll dieser Anblick mich nicht auf der Stelle tödten,
Der mich Zeitlebens arm, betrübt und elend macht?
Wie zärtlich dancket Sie! Sie gibt uns auch den Seegen:
Ihr Abschied schmerzt sie selbst: empfiehlt Ihr JammerKind.
Sie nimt all Hülffe an, nur unsres Trostes wegen:
Allein Sie spürt gar wohl, daß wir verlassen sind.
Ihr Geist befindet sich schon hier in Jesu Armen,
Ob gleich dem Leibe nach Sie mit dem Todte ringt.
Die Sinnen sind dahin, Gott will sich Ihr erbarmen,
Und enden Ihren Kampf, der Ihr so wohl gelingt.

Die entsprechende Stelle bei Haller liest sich wie ein Kommentar dazu:

Nicht Reden, die der Witz gebieret,
Nicht Dichterklagen fang ich an;
Nur Seufzer, die ein Herz verlieret,
Wann es sein Leid nicht fassen kann.

Ja, meine Seele will ich schildern,
Von Lieb und Traurigkeit verwirrt,
Wie sie, ergötzt an Trauerbildern,
In Kummerlabyrinthen irrt.

Ich seh dich noch, wie du erblaßtest,
Wie ich verzweiflend zu dir trat,
Wie du die letzten Kräfte faßtest
Um noch ein Wort, das ich erbat.

O Seele voll der reinsten Triebe!
Wie ängstig warst du für mein Leid!
Dein letztes Wort war Huld und Liebe,
Dein letztes Tun Gelassenheit.

Haller kann nichts dafür, daß uns seine Versicherung, er wolle nichts künstlich Ausgedachtes schreiben, so falsch vorkommt, nur noch als rhetorischer Trick; im Vergleich mit der vorausgegangenen barocken Dichtung konnte er sich subjektiv unmittelbar wähnen, und er konnte nicht ahnen, wie bald das Zerbrechen der inneren Form seines Gedichtes jemandem möglich erscheinen konnte bis auf den Grad, ein solches Un-Gedicht aufzuschreiben. Wenn jemand übrigens meint, in der Parallelität der geschilderten Ereignisse und den letzten Worten der bedauernswerten Frauen ein Element der literarischen Konvention auch noch bei Wittwer erkennen zu sollen, kann ich ihm versichern: Ich kenne leider selbst den Fall einer Arztfrau, die an der Geburt von Zwillingen noch 1980 in der Erlanger Universitätsklinik starb; ihre letzten Worte waren eine Entschuldigung für die Ungeduld, die sie gezeigt hatte, als ihr ein Herzkatheder geschoben wurde. Frauen können wirklich so tapfer sein und Haltung zeigen wie Soldaten — indem sie Leben schenken, nicht wegnehmen. Aber das wäre wieder eine generell erbauliche Aussage. Unser Chiron, in dem schweren Erwachen, das der Atemlosigkeit des Unglück-Erlebens folgt, ist weit von einer solchen entfernt und fragt sich, ob es denn wirklich geschehen sein kann.

Wie ist mir? Träume ich? ist alles dieß geschehen?
Daran vor einer Stund noch niemand hat gedacht.
Ist es denn würcklich so, was ich allhier gesehen,
Daß Gott mich in der That zum Wittwer hat gemacht?

Es ist schwierig, diesen Wortwitz recht abzuschätzen. Eine Generation früher, bei Johann Christian Günther, bewundert man formale und sprachliche Virtuosität bei unschamhafter Herausstellung des ganz persönlichen, zerrissenen Gemütszustandes — und die gelegentliche wegwerfende Schlußpointe, wie später bei Heine, fehlt auch nicht. In den Jahrzehnten darauf war die Lyrik trockener geworden und auf eine Kultur des geselligen Witzes angelegt. Das mußte vor intimen Erschütterungen versagen. Ist es schlechter Geschmack, Zeichen der Unaufrichtigkeit oder schon wieder ästhetisch originell, daß Wittwer hier mit seinem Namen spielen kann? Es mußte ihm — so oder so — durch den Kopf gehen. Ungeniert, wie das Unglück macht, schrieb er es hin. Aber was für eine Leser- oder Hörerschaft konnte er sich dabei versprechen? Die in einer Art expressionistischem Spätbarock zurückgebliebene? Auch Günther hat sein verständnisvollstes Publikum erst lange nach seinem Tod gefunden. 'Grelle' Wirkungen, am besten von höllischem Verzweiflungsgelächter begleitet, liebt später der Sturm und Drang, auch noch das Biedermeier. Aber die Pegnesen von 1750? Wenn der Vermerk auf dem Titelblatt, in anderer Handschrift und Tinte, nur etwa in die Entstehungszeit fiele, müßte er dieses Gedicht ja jemandem mitgeteilt haben: "Clarinde Panzer, Gattin des M. Georg Wolfgang Panzer, Schaffer und Pastor bei Sct. Sebald, 1746". Es gibt aber keine Clarinde Panzer. Dessen Gattin hieß Rosina Helene, mit Ordensnamen Resilis. Mag sein, daß sich das Schriftstück später einmal im Besitz der Familie Panzer befand, bevor es ins Archiv gelangte, und jemand den falschen Vermerk in der Meinung anbrachte, Clarinde sei irgendwie mit einem Präses in Verbindung zu bringen. Sie war aber die Tochter des Präses Negelein. Es scheint jedenfalls, als habe Chiron sein Gedicht zunächst ohne Rücksicht auf Wirkung nach außen verfaßt. Wenn er im Orden sehr gute Freunde gehabt hat, vielleicht die Familie Panzer, dann ist, unabhängig von ästhetischer Wahrnehmung, ein betrübtes und verbittertes Kopfnicken als Reaktion auf dieses Wortspiel denkbar. Würde eine solche Aufnahme in den Bereich der Verhaltensweisen passen, die, etwa gleichzeitig mit Gellerts 'Weinerlicher Komödie', von bürgerlichen Zirkeln auch in Nürnberg ausgebildet worden sein können? Aber drucken konnte man so etwas, im Unterschied zu den vielen Einzelblättern mit feierlichen Leichcarmina aus dem Blumenorden, in dieser Epoche, noch nicht. Es ist auch nicht vorstellbar, daß es etwa bei der Trauerfeier verlesen worden sei. Dafür ist es am Anfang zu klinisch gewesen und geht hier viel zu unerbaulich weiter:

Ist die Gehülffin denn schon wiederum verlohren?
Dieß munter Kind ist todt? mein teurer Eh Gemahl!
Die selbsten hat geglaubt, Sie sey vor mich gebohren;
Und jeder in der Stadt gebilligt meine Wahl.
Ich täglich Gott gedanckt vor diesen EheGatten;
Mich vor viel tausenden glückselig hab geglaubt.
Und da wir kaum ein Jahr zurück geleget hatten,
Ach kurze, süsse Zeit! So wird Sie mir geraubt?
In Dero Umgang ich nur meine Ruh gefunden,
Und Sie war nie vergnügt ohn meine Gegenwart.
O Himmel! Der Du uns so fest zusamm verbunden,
Nun aber wieder trennst: ist dieses nicht zu hart?

Was ihn besonders niederschlägt, ist das Eintreffen langgehegter Befürchtungen: Der Gefahr ins Auge zu sehen, hat überhaupt nichts geholfen. Das ist freilich kein Beispiel für die Überlegenheit des Geistes, wofür doch Dichtung in der Aufklärungszeit stehen sollte.

Sie furchte allezeit, es wird Ihr Leben kosten,
Wenn Gott sie segnete mit einer LeibesFrucht,
Und dennoch hattest Du auf den verlohrnen Posten
Ihr Leben aus gesezt, was Sie doch nicht gesucht:
Wir liebten stets mit Furcht, um nicht zertrennt zu werden,
Wie Du oft heimgesucht manch sehr vergnügtes Paar.
Ich rufte ängstiglich, Du mehrest die Beschwerden,
Und nimst, was mir zur Hülff von Dir gegeben war.
Sie hatte öfters mir im Scherz, ach Schmerz! erzehlet,
Daß weil kein Arzt mehr sorgt, als der zugleich der Mann,
So hätte Sie sich deswegen mich erwählet.
Sie nahm auch allen Rath auf das genauste an.

Der Schlagreim 'Scherz — Schmerz' ist nicht bloß schlagend 'witzig' als Ergebnis der Fähigkeit, Entferntes im Ausdruck zu koppeln, sondern psychologisch motiviert: Er kann an das Scherzhafte der Aussage nur mit Schmerzen denken, nachdem sich die darin enthaltene Befürchtung bewahrheitet hat.

Ists möglich? muß ich auch an diese Wort gedencken,
Ohn daß ich gleich vor Leid mein elend Leben schließ?
Dieß wird Zeit lebens mich gewiß am meisten kränken,
Kein Wunder, wenn ich gleich die Heilungskunst verließ.
Mein Gott! wie hättest Du mich härter können schlagen!
Du stehst in meinem Amt am wenigsten mir bey,
Da es mich selbst betrift ; nun muß der Arzt gar klagen,
Daß er von Deiner Hülff und Rath verlassen sey.

Was ihn "am meisten kränken wird", ist ohne sein Berufsleben nicht zu fassen, geht nicht nur den trauernden Menschen an: Der Arzt wird zuschanden. Er verliert zunächst vor sich selbst die Glaubwürdigkeit. Das kann handfeste Rückschläge beruflicher Art mit sich bringen. Der Bürgerliche sieht seine gesamte Existenz mit dem Beruf verknüpft: Kehrseite der Intimität, die sich hier so überraschend unmittelbar ausspricht.

Ach! warum gabst Du Ihr so hohe GeistesGaben?
Und Ihren schönen Leib so viel Geschicklichkeit?
Wenn Du so zeitlich Sie schon wolltest bey Dir haben.
Allein was frag ich viel, Du schweigst zu solcher Zeit.

Wittwer modelliert sich deutlich nach Hiob. Anders ist das Hadern mit Gott in dieser Zeit nicht denkbar, außer, es sagt sich einer gänzlich von der Religion los. So weit geht Wittwer nicht. Doch erscheint es um so weniger wahrscheinlich, daß diese Verse zu kirchlich vermitteltem Traueranlaß mitgeteilt worden sein könnten.

Dieß aber hindert nicht, mir schmerzlich vorzustellen,
Den unersezlichen und tödtlichen Verlust;
So Du mir übrig läst statt Ihr zum SchlaffGesellen,
Biß gar vor Gram und Leid sich hemmet meine Brust.

Auch hier wieder könnte der heutige Leser über die unumwundene Offenheit staunen, mit der Chiron das körperliche Gefühl der Beraubtheit, ja, Körperliches überhaupt, zur Sprache bringt. War das noch naiv oder schon wieder kühn? Entspringt das noch der lutherischen Hochschätzung der ehelichen Liebe, oder bricht sich die Sachlichkeit des Mediziners Bahn? Auf jeden Fall betreibt Chiron nun Introspektion — was Karl Philipp Moritz zwanzig Jahre später 'Erfahrungsseelenkunde' nennen sollte — mit voller Aufmerksamkeit und mit Unterscheidungsvermögen:

Betracht ich mein Gemüth und alle meine Sinnen,
So ist in keinem nichts mehr deutlich abgebildt.
Clarinde nur allein befindet sich darinnen;
An Dero Eigenschaft sich jeder bestens stillt.
Begreiff ich aber denn, daß Sie mir weggenommen,
So nimt die Sehnsucht gleich die matte Seele ein:
Die wünschet und verlangt, nur bald dahin zu kommen,
Wo sie alleine sieht das Ende Ihrer [sic] Pein.
Ich spühre aber auf, um meine Qual zu mehren,
Noch einen andren Trieb, der lehrt das Gegentheil,
Ich sollte nicht mit Fleiß mein Lebens Teil verzehren;
Wer sorgete hernach vor Ihres Zweiges Heil?
Wer könte Ihren Ruhm nach Würden so bezeugen?
Und wer entrisse Sie denn der Vergessenheit?
Die Trauer wär hernach dem Schaden nicht zu gleichen,
Wenn man den Harm und Angst nur fühlte kurze Zeit.

Angemessenheit der Trauer an den Verlust wird nachgemessen. Gefühle erhalten Tauschwert. Daneben steht unvermittelt die hergebrachte Vorstellung, für den Nachruhm sorgen zu müssen — das paßt noch zur Betrübten Pegnesis, wird aber in seinem den bürgerlichen Rahmen überschreitenden Anspruch erst hier auffällig, da Clarinde nun wahrlich noch keinen Ruhm über ihren kleinen Lebenskreis hinaus erworben hatte. Hier übernimmt sich Chiron, und man wird sehen, daß er in seiner weiteren Lebenswirklichkeit diesen Eingebungen — er sagt: 'Trieben' — nicht folgen konnte. Vorerst tut er alles, ihr Bild in den Sinnen wachzuhalten; man muß hervorheben: auch ihr geistig-moralisches Wesen. In den folgenden Zeilen sieht man aber auch den Ursprung eines Entschlusses, der dazu führte, daß Clarindes Kupferstich an Format nur noch hinter Lilidors I. innerhalb des Pegnesenarchivs zurücksteht. Wittwer muß sich gehörig in Unkosten gestürzt haben.



Wohlan Ihr Sinnen, stellt Sie auch allzeit vor Augen,
Und nehmt dieß TugendBild zu einer Richtschnur an.
Gewiß Ihr könnt daraus die besten Lehren saugen,
Wie man stehts in der Welt bleibt auf der HimmelsBahn.
Ist euch das Urbild gleich auf dieser Welt benommen,
So ist Ihr Bildniß doch euch selbsten eingeprägt.
Geht Ihren Spuren nach, wo Sie jezt hingekommen,
Ihr werdet glücklich seyn, wann ihr dieß recht erwägt.

Es versteht sich, daß er nicht mehr länger mit Gott hadert, sondern sein Gedicht mit der Gewißheit der göttlichen Gnade endet wie Haller. Doch vorher hat er viel von sich selbst eröffnet, was im Bezirk der gängigen Behandlungsweisen dieses Themas nicht vorgesehen war. Andererseits gilt, in Anlehnung an einleitend Gesagtes, daß der neue Wein noch in einen alten Schlauch abgefüllt ist. Damit ist beileibe nicht nur der Alexandriner gemeint. Folgende abschließenden Gesichtspunkte zeigen Wittwer sogar konventioneller als Haller:

Denkt der Sie euch geraubt, der hat Sie auch gegeben;
Wie lang, stehts etwan an, so seyd ihr auch bey Ihr.
Was ist vergänglicher als aller Menschen Leben!
Vielleicht heut wars an Ihr und morgen ists an mir.


"Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen — des Menschen Leben ist wie das Gras auf dem Felde — hodie tibi, cras mihi": das hört man auf jeder Beerdigung. Diesen Teil konnte Chiron jedem christlichen Mitmenschen zumuten. Und weil das am Ende steht, entschärft es die Hiob-Rolle.

Biß euer PrüfungsStund gar völlig ausgeloffen,
So sorget wehmuthsvoll vor ihren SchmerzensSohn:
Vergnügt euch am Genuß, nichts bessers könnt ihr hoffen,
Denn Leid und Sehnsucht ist verlohrner Freude Lohn.

In heutigem Deutsch: "Gebt euch (ihr Sinne) zufrieden mit dem, was ihr genossen habt; es kommt nichts Besseres nach." Es folgen zwölf Zeilen eines Treueschwurs an die Verstorbene, aber die kann man, im Vorausblick, nicht mehr ganz ernst nehmen.

Zunächst läßt Chiron in seinem schwarzen Heft ein weiteres, ziemlich langes, strophiges Gedicht folgen: "Chirons unersezlicher Verlust, durch den schnellen Todt seiner zärtlich geliebten Clarinde, und dessen gerechte Sehnsucht nach Derselben in einer Ode entworffen" . Darin hat er sich offensichtlich bis zur Erschöpfung ausgeschrieben (und das Thema dadurch für seine feineren Empfindungen erledigt). Der englische Prosodiker George Saintsbury hätte, bei seiner Abneigung gegen die Verse der Aufklärungsperiode, den Rhythmus einen 'jog trot' genannt. Es zitiert sich nicht gut.