Liebesgedichte


Johann Friedrich Degen wurde erst zur 150-Jahr-Feier, am 15. Juli 1794, in den Orden aufgenommen, aber schon 15 Jahre zuvor war er in einem Almanach vertreten gewesen: In dem in der Weygandschen Buchhandlung zu Leipzig erschienenen Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1779 7 findet man ein Gedicht von ihm, dessen Titel zunächst an ein Schäfergedicht denken läßt, wie sie der junge Goethe in seiner Leipziger Zeit um 1769 noch schrieb.


Amynt und Chloe


A.
Sag, Freundliche, für die mein Busen bebet,
Die meine Phantasien stets belebet:
Was floh vor meinem ersten Blick
Dein blaues Aug so schnell zurück?

So weit klingt es in der Tat nach Rokoko: konventionell verkleidete, kaum erotische Tändelei im nachgemachten Volkston, aber mit höfischer Wortwahl.

Chl.
Ich las auf deinen hochgefärbten Wangen,
O Freund, ein stilles inniges Verlangen;
Schnell schlug mein Herz, für dich entglüht —
Wie leicht, daß dies ein Blick verrieth?

In Chloes Antwort wird der Vers nicht nur rhythmisch besser; der gefühlvolle Augenblick ist knapp und deutlich herausgehoben, die Wörter 'hochgefärbt' und 'entglüht' alles andere als banal, ohne gestelzt zu sein, und die kokette Frage am Schluß wirkt sehr anmutig. "Es schlug mein Herz: Geschwind zu Pferde" aus Goethes Straßburger Zeit (1770/71) scheint ganz nahe zu liegen, ins Mädchenhafte abgewandelt.

A.
Da einst den Tisch ein buntes Spiel umkränzte,
Und mir dein Aug sanft gegenüber glänzte;
Da glimmt' in mir, ich fühlt es nie,
Das erste Fünkchen Sympathie.

Chl.
Der erste Kuß, den dir das Pfand erlaubte,
Den ich verschämt von deinen Lippen raubte, —
Sahst du nicht meine Heiterkeit? —
Gewann dir meine Zärtlichkeit.

Schon befinden wir uns bei einer Parallele zu den Erfahrungen, die Goethe, nach der Straßburger Episode heimgekehrt, in seinem Frankfurter und Offenbacher Freundeskreis und mit Lili Schönemann um 1773 machte: die (beinah) harmlose Kälberei, der gesellig organisierte Flirt. Pfänderspiele mit Küssen. Die einzige Gefahr: sich damit eine unüberlegte Verlobung einzuhandeln. Bürgerliche "Gemüt"-lichkeit, die sowohl in Leidenschaft als auch in Verdruß umschlagen kann; vielleicht sogar in beides gleichzeitig — das wäre der Ansatzpunkt genialischer Behandlung. Wie steht es damit bei Amynt und Cloe?

A.
Vor dir konnt nichts mein freyes Herz besiegen,
Kein schalkhaft Aug, kein Reiz in sanften Zügen;
Kein holdes Lächeln rührte mich,
Kein Götterwuchs entzückte mich.

Amynt trägt reichlich dick auf. Dabei ist 'besiegen' doch gar zu abgebraucht. Seltsam, welcher dünne Reim die beiden letzten Verse zusammenhält; auch wenn die letzte Silbe aus einem selbständigen Wort besteht, erwartet man eine weitergehende Übereinstimmung; doch was man hier bekommt, in dem zweimaligen 'ü', ist lediglich eine Assonanz, vokalischer Gleichklang. Dies ist dem Volkslied angemessen, wurde auch in Anlehnung an den spanischen Cid-Roman von Romantikern oft nachgeahmt, paßt aber zu dem gesellig-bürgerlichen Rahmen weniger gut. Chloe antwortet:

Chl.
Vor dir war nichts, das mir gefallen konnte;
Kein Jüngling lebte unter diesem Monde,
Dem meine Brust entgegen schlug,
Wenn er gleich Gold und Purpur trug.

Mit den reinen Reimen hat es Degen in der Tat nicht so sehr, doch heutige Leser sind gewöhnt, bei einem Größeren ähnliche Schnitzer als absichtliche dichterische Freiheit oder persönliches Recht auf dialektale Anklänge zu entschuldigen. Hauptsache, der gemüthafte Ton stimmt. Und das tut er in diesem Gedicht ab der vorigen Strophe nicht mehr! Um diese Zeit war es eine Selbstverständlichkeit, daß Liebe nicht auf Rang und Reichtum sieht, und wer meinte, das zum überflüssigsten Male wiederholen zu müssen, lief Gefahr, daß man ihm zutraute, er habe "Gold und Purpur" noch lange zu viel Platz in seinen Gedanken eingeräumt. (Das "Besitzdenken" war in weiter fortgeschrittenen Darstellungen so raffiniert geworden, daß man bei aller ausdrücklichen Abwehr materieller Gesichtspunkte doch sehr genau den Tauschwert von Gefühlen und Tugenden erkennen konnte.) Da aber Chloe diese Worte spricht: Soll sie bloß als naiv gekennzeichnet werden? Ist es der Widerhall der Märchensprache? Wenn es das ist, hätte die Sprache des Gedichts dabei bleiben sollen. Es zerstört den Eindruck einer so leichtgewichtigen Situation, wenn die lyrischen Subjekte nicht bei einer angemessenen Perspektive bleiben und erst tändelnd, dann wissend-heiter, dann empfindsam, dann naiv, dann gar noch ernsthaft werden, und nur deshalb, weil der Dichter aus verschiedenen Konventionen wahllos aufgreift, was ihm gerade zur Fortführung eines schon überlangen Dialoges einfällt:

A.
Nun bleibt mein Herz auf ewig dir verbunden;
Dank sey dem Gott, durch den ich dich gefunden!
Der Tod selbst lächelt mir versüßt,
Wenn deine Hand mein Auge schließt.

Chl.
Ach! Keine Macht kann dir mich nun entreissen;
Für dich, o Freund, will ich die Vorsicht preisen,
Hier, da den Geist nach [sic; noch] Staub umschließt,
Dort, wo ihn Engelsglanz umfließt.

Ein süßlich lächelnder Tod, 'Staub' als Benennung dessen, was kurz zuvor noch so appetitlich rotbäckig aussah, und nichts als Geist und Vorsehung und Seraphinen als End- und Gipfelpunkt eines reizenden Vorfalls unter jungen Leuten — Degen gehört wahrhaftig nicht zu den Genies. Bei denen, die obige Kapitelüberschrift "Engel" nennt, ist er mit diesem Gedicht besser aufgehoben. Aber das hätte nicht sein müssen, wenn er es halb so lang gelassen hätte.