Devisen
Unter Punkt 7 schlägt der Präses vor, dem Blumenorden als ganzem eine Devise zu dichten, falls nicht schon eine vorhanden sein sollte. Sehen wir einmal davon ab, daß er sich hierüber nicht hinreichend im Bilde zeigt: Was hätte es geschadet, wenn der Orden in diesem neuen Ansatz seiner Geschichte eine andere Devise erhalten hätte als BIRKENs frommen Spruch? Bekanntlich gab es und gibt es drei: die erste, auf Harsdörfer zurückgehende, ist mit dem Bilde der Pansflöte verbunden und lautet: "Alle zu einem Ton einstimmend", was von AMARANTES ins eindeutige Latein gebracht wird: "Melos conspirant singuli in unum". Die zweite: "Mit Nutzen erfreulich". Diese rein gesellige Devise war der zweiten Generation der Pegnesen zu heidnisch erschienen, und sie hatten mit dem Bilde der Passionsblume eine neue Devise eingeführt: "Alles zur Ehre des Himmels". Das entspricht nicht etwa dem "Soli Deo Gloria" auf barocken Kirchen, das die vom Künstler verdiente Ehre aus rechter Bescheidenheit seinem Schöpfer zuerkennt; in der von BIRKEN gewählten Form erinnert die Devise mehr an die calvinistische Auffassung, daß der Mensch überhaupt nur auf der Welt sei, um Gott zur Ehre zu dienen, ohne sich ein Verdienst aus dieser Pflicht machen zu können.

In seiner Heidelberger und Berliner Variante stand der Pietismus dem Calvinismus übrigens näher als der Orthodoxie. Das paßt zu dem Geiste, in dem der puritanische Kapitalist wuchert und vorgibt, um Gottes Ehre willen nicht müßig und nicht ohne Gewinnstreben sein zu dürfen. Ob die Nürnberger um 1690 auf diese Ideologie hereinfielen? Gewiß nicht alle Pegnesen. OMEIS jedenfalls nicht, der in seiner 5. Dissertation den alten EPIKUR vom Vorwurf des einseitigen Strebens nach Lust reinwaschen hatte wollen: "Epicurus ab infami dogmate, quod summum bonum consistat in obscoena corporis voluptate, defensus. [...] Norimb. Ao. 1679." Ich muß bekennen, daß mir der Einfluß des Pietismus auf die Dichtung als der Zwang erscheint, einen Umweg für die "ach so weltliche" Poesie über die religiöse Begeisterung zu suchen. Bei allzu vielen blieb es dabei. (Indirekt kam freilich die pietistische Seelenkunde der gesamten Dichtung zugute, wie am Beispiel des Einflusses zu sehen ist, den die "schöne Seele" des Fräuleins VON KLETTENBERG auf GOETHE hatte.) Der Dichtung im Orden aber scheint es damit ebenso ergangen zu sein wie der Musik und dem Theater in England unter dem Puritanismus. LILIDOR wäre der Mann gewesen, das zu ändern, aber er durfte sich auch wiederum nicht in den schädlichen Ruf eines Freigeistes bringen. Das konnte sich ein Nürnberger Patrizier, dessen Stellung im Machtgefüge auch von seinem Eintreten für die ortsübliche Religion abhing, einfach nicht erlauben. Andererseits gab es noch auf einige Zeit neben der pietistischen Seelenkultur und Gottseligkeit nichts, was für Lyrik im besonderen verwertbar gewesen wäre. Abgekürzt gesagt: Ein trockenes Zeitalter brach an.

In der Diskussion zu seinem Vortrag vor dem Blumenorden am 11. Juli 1989 vertrat Herr Professor Dr. HARTMUT LAUFHÜTTE, Passau, die Ansicht: Gerade die Gegnerschaft zur lutherischen Orthodoxie und das Wurzeln in einer ungebrochenen mystischen Tradition machten den Pietismus des 17. Jahrhunderts zu einer Anschauung, die dichterischer Bewältigung des Daseins günstig war. Er bat auch, nicht zu vergessen, daß die erste und zweite Generation der Pegnesen mit Selbstverständlichkeit ihr gesamtes Leben religiös ausgerichtet habe, also noch nicht viel anders als im Mittelalter. BIRKEN drehte also keineswegs das Rad der Zeit zurück. Andererseits sei es schon für OMEIS um 1700 schwierig gewesen, BIRKENs poetische Verdienste zu würdigen, ohne ihn bloß zu entschuldigen. Man sieht aus alldem, daß die Schwierigkeit, als Pegnese nach 1708 noch Gedichte zu machen, eben doch von der anhaltenden Nachwirkung dieser Devise herrührt. Damit aber war der Anschluß an die zeitgenössische Entwicklung der Dichtung erschwert.