Das Album von 1834


Am 14. April 1834 "Machte der Herr Präses die Anwesenden mit dem Vorhaben einiger Ordens-Mitglieder bekannt, eine Auswahl ihrer Gedichte zwar nicht im Namen und auf Kosten des gesammten Blumenordens, jedoch mit der Bemerkung, daß solche insgesammt von Mitgliedern dieser Gesellschaft verfaßt worden sind, im Druck herauszugeben. Von Seite der anwesenden Ordens-Mitglieder [24 Personen] wurde dieses Vorhaben beifällig aufgenommen und die Verfasser dieser Gedichte ermuntert solches baldmöglichst auszuführen."

In Schuber 40 des Pegnesenarchivs findet sich tatsächlich eine gebundene Gedichtsammlung, handschriftlich, mit dem Vermerk "um 1832" auf dem Titelblatt; es sind allerdings auch Gedichte enthalten, die von 1835 datieren.

Die auf dem Titelblatt angegebenen Autoren sind: Wilder, Dietelmair, P.A. Michahelles, K. F. Michahelles, Osterhausen, Meißner, Harleß, Heiden, Scherr, Seiler, Dr. Lorsch.

Wilhelm Schmidts Bemerkung, die Verfasser hätten, trotz ihrer Vorbehalte gegen die Spielereien der frühen Pegnesen, selber einen Sonettenkranz auf gegebene Reime gebastelt, erweist sich auf den Seiten 169 bis 182 als richtig.  (Kein Hehl macht davon eine Nebenbemerkung Mönnichs in seiner Darstellung der Ordensgeschichte für die Festschrift von 1844 in Bündel 82, S. XIII: "In der oben schon gerügten Spielerei mit Worten, Vers- und Reimkünsteleien, an welcher es übrigens unserer neuesten Poesie hie und da auch nicht fehlt, wurden sie [die ersten Pegnesen] inzwischen von Andern, besonders von Philipp von Zesen und seinen Genossen, noch weit übertroffen.") Interessant an der Formspielerei unserer Biedermeierpoeten ist aber, daß es in ihren Sonetten auch um Themen wie "Der Zeitgeist", "An die Finsterlinge", "An die Ultraliberalen", "An die Gemäßigten" geht. Den "Finsterlingen", ersichtlich den Unterdrückern vom Schlage Metternichs, ruft Seiler zu: "Die Wahrheit sprengt die mächtigsten der Riegel"; den Ultraliberalen schreibt er ins Stammbuch: "Euch lüstets keck dem Weltlauf vorzugreifen", und die Gemäßigten ermutigt er:  "Das Gute, wißt ihr, kann nur langsam reifen". Also eine recht biedermeierliche Politik. Und doch hat man den Band nicht drucken lassen. Es war wohl doch zu riskant, nachdem man sich im einzelnen so herausgelassen hatte.

Freilich haben die Verfasser dieses Albums, Teilnehmer an den Poesie-Sitzungen seit 1827, nicht erst für diese Sammlung Gedichte verfaßt, sondern frühere Texte dazu bestimmt, und einige davon sind hier bereits aufgeführt gewesen. Was den heutigen Leser dieser Anthologie darüberhinaus stärker berühren mag, ist ein Gedicht auf S. 237, das Schnerr noch zu Lebzeiten Kaspar Hausers an diesen gerichtet hat:


An Kaspar Hauser. Mit einem Neuen Testament zum Christfest 1829.


Dir, der der Kindheit schöne Freuden
                        In dunkler Klause lang entbehrt,
Dir sei an diesem Kinderfeste
                        Von mir dies kleine Buch beschert.

[...]

Er wird dein Leben ferner wahren,
                        Der Schwache schützet und erhält,
Der Vater, ohne dessen Willen
                        Kein Sperling von dem Dache fällt.

Schnerr.

Als es in diese Sammlung aufgenommen wurde, las man die letzte Zeile wohl nur mit Bestürzung oder sogar Verbitterung, denn Hauser war 1833 im Ansbacher Hofgarten erstochen worden.