Welcher Denkmalstein im Irrhain ist der früheste?

Am 7. März 2005 erreichte den Präses die Anfrage von Frau Andrea Meier: „Durch meine Archivrecherche stieß ich auf eine bisher unbeachtete Kleinarchitektur, die Heideloff für den Irrhain von Kraftshof anfertigte:

Im Jahr 1821 ist durch den Unterzeichneten [Heideloff] die Ausführung (aus Stein) jenes Monuments besorgt worden, welches Herr Cramer seinem verstorbenen Vater im Irrgarten bey Kraftshof setzen ließ1 .

Angesichts der von Ihnen im Internet ersichtlichen Mitgliederliste bin ich nun jedoch etwas irritiert. Denn wenn es sich bei dem verstorbenen Mitglied um Johann Friedrich Cramer († 1778) handelt, so wurde sein Gedenkstein erst über 40 Jahre später aufgestellt. Darüber hinaus erscheint sein ‚Sohn’ nicht als Mitglied.“

Als zunächst unauflösliches Rätsel blieb dieser Hinweis bis zur Drucklegung des zweiten Buches unverwertet, doch die Auffindung folgender Sätze aus einem Sitzungsprotokoll gibt endlich die Möglichkeit, die Frage zu klären, welcher der Denkmalsteine im Irrhain tatsächlich der erste ist:

„Geschehen Nürnberg den 7. Juli 1817“2
Unter 1 bespricht sich der Präses über den „unangenehmen Vorgang mit Wegnehmung zweyer Monumente aus dem Irrhain und versichert zugleich, daß, statt des Cramerischen Denkmals, von den Hinterlassenen ein anderes, schöneres, und zwar, nach vorhergehender Rücksprache und Genehmigung seiner, des Herrn Präses, errichtet werden würde.“

1778 war Cramer wegen seiner großzügigen Bezahlung einer Restauration des Irrhains geehrt worden. Als er wenige Monate danach im November 1778 starb, wurde ihm nach altem Brauch eine hölzerne Tafel aufgehängt. Das erwähnte Sitzungsprotokoll spricht also von einem Ersatz für die Tafel, die von seinen Angehörigen eigenmächtig abgenommen worden war, in der Absicht, dem längst Verstorbenen ein würdigeres Denkmal nach Art der seither aufgekommenen Steinmäler errichten zu lassen. 

Dazu führt der Irrhainpfleger, Helge Weingärtner M.A., in einem Memorandum vom 15. Juni 2008 folgendes aus:
„Es handelt sich einmal beim Irrhain um den einzigen Gesellschaftsgarten einer Sprachgesellschaft – meines Wissens weltweit […]. Zum anderen aber stammen die ältesten Gedächtnismale des Irrhains aus der Zeit des Alten Reiches, mithin aus einer Epoche, in welcher außer dem regierenden Fürsten niemand ein Denkmal erhalten konnte. Selbst das reichsstädtische Patriziat war durch das oligarchische Prinzip auf die jeweiligen Familiengrablegen angewiesen, wollte es personenbezogene Denkmäler errichten. Der Blumenorden hat also durch Errichtung von Schein-Grabmälern eine einzigartige Vorreiterrolle übernommen, was die Geschichte des bürgerlichen Personendenkmals anbelangt. Auch dies ist, so weit man sehen und wissen kann, allein schon in der europäischen Gesellschafts- und Kunstgeschichte singulär.“

Der erste Stein im Irrhain war dem Garnisonsarzt Leinker gewidmet! Er ist unter den frühesten Denkmälern dieser Art auch dasjenige, das mit Grabsteinen der betreffenden Epoche die meiste Ähnlichkeit aufweist. Die Marmorplatte, welche Leinkers Frau ursprünglich anfertigen hatte lassen, paßte angeblich nicht gut an einen Baum, also wurde Colmar gebeten, dafür einen Stein im ‚Kirchhof’ setzen zu lassen3.  Das war 1789! Die Erlaubnis wurde erteilt, wohl deswegen, weil man es in den Zeiten bürgerlichen Aufbegehrens mit der Beschränkung, einem Bürger dürfe kein Monument errichtet werden, sondern höchstens eine Büste, nicht mehr so genau nehmen wollte. Es wäre dadurch sozusagen das Eis gebrochen worden für die Errichtung weiterer Denkmäler dieser Art, von denen dasjenige Hässleins das nächste war, dann dasjenige Zahns. Zahns Denkmal wurde 1894 von seinen Nachkommen durch ein gleich aussehendes ersetzt, aber man sieht schon, daß es, ursprünglich 1820 errichtet, relativ einfache Formen aufweist. Dasjenige Hässleins von 1796 ist noch stärker ornamentiert. Demgegenüber würde zu einer Errichtungszeit des Cramer-Denkmals von 1821 die schlichtere, biedermeierlich-nachklassizistische Gestaltung gut passen.

Wer auf die Oberseite des Leinker-Steins blickt, kann heute noch die Vertiefung zur Aufnahme eines Befestigungsstiftes erkennen. Dieser Stein trug ursprünglich eine hölzerne Urne als Aufsatz. Das im Anschluß abgedruckte Aquarell des ‘Kirchhofs’ aus der Zeit um 1800 (im Pegnesenarchiv zu finden in Schachtel 104, Umschlag d) zeigt ganz rechts eine vereinfachte Darstellung des Hässlein-Denkmals, dahinter links den Leinker-Stein noch mit Urne. Sie ist bei Wilder 1844 nicht mehr zu sehen.