Eigentliche Casualdichtung



Georg Paul Dietelmair gelingt es, eine Gratulation zur Goldenen Hochzeit mit zwei Strophen zu beginnen, deren Empfindsamkeit gerade noch nicht kitschig ist:

Habt ihr willig einst und gerne
Meinen Liedern zugehört:
Wehret's nicht wenn aus der Ferne
Euch die Harfe wiederkehrt —
In der Töne zartes Beben
Ewig sich ein Trauern wagt,
Wie der Frühling um das Leben
Abgefallner Rosen klagt.
 

Da das Schicksal ihn bewegte,
Schuf der Meister sie im Schmerz,
Sagt sein Leiden ihr und legte
Die vertraute an das Herz.
Und ein unbefriedigt Sehnen
Schlief in ihren Saiten ein;
Weckt ihr sie in ihren Tönen,
Muß sie schmerzlich süße seyn.

[...]

Die Wiederkehr der Harfe spielt auf ein Gedicht an, das Dietelmair für die gleiche Familie, die seines Onkels Georg Tobias Christoph Fronmüller, des Stadtpfarrers von Fürth, zu dessen fünfzigjährigem Dienstjubiläum verfaßt hatte und dessen Titel mit "Meine Harfe" begonnen hatte:


Was soll der Glocken feierliches Rühren;
Was ströhmt das Volk, wem gilt dies Lied,
Das preisend aus des Tempels Thüren
Im leisen seeligen Verlieren
Den Himmel sucht, das Herz durchzieht?

[...]

Der dort, der mit dem Silberhaare,
Der dort in hoher Geists Gewalt,
Das Auge blitzt und spottet seiner Jahre,
Zur Dichtung selber wird das ernste Wahre:
Ein Jubelgreiß — und doch nicht alt.

[...]

Auf langer Zeit verweilt mit Herzensfülle,
Wie mit dem Blick der Ewigkeit,
Der starke Mann; das Fest wird ihm zur Stille,
Entsiegelt liegt der Allmacht letzter Wille —
Er denkt sich selbst und die Vergangenheit.
 

Er sah den Sohn in Jugendschönheit glühen;
Ein nie geträumtes Paradies
Nach tausend schwerbekämpften Mühen
Schien seinem Alter wuchernd aufzublühen,
Ein Frühling, der auf reiche Saaten wies.
 

Der Frühling bleicht, die Blume will sich schließen,
Und schläft und ruht im weichen Grab.
Des Vaters Auge soll im Jammer fließen;
Bedeckt von eines Greises Feuerküssen
Eilt seiner Sonne Pracht hinab.
 

Er sah die andre Hoffnung aufgegangen,
Wie einen Stern im Abendroth
Den Sohn an seines Lebens Himmel prangen,
Und hält ihn vest mit ängstlichem Verlangen —
Und kommt und sieht die stolze Hoffnung todt.
 

Da fand ich ihn in seiner Wehmuth Zähren.
Sein Glaube griff zu jener Welt.
Die Größe schien im Leiden zu gewähren,
Der Schmerz sein ganzes Wesen zu verklären,
Wie unterm Strahl der Tropfen fällt. — — —

[...]

Das sagt kein Lied, das kann kein Schwung erreichen,
Das müßt ihr hören, müßt ihr sehn.
Vor solcher Wahrheit muß die Dichtung schweigen,
Der Geist sich nur in frommer Demuth beugen,
Die Harfe feiern und das Lied vergehn.
 

Wenn die fränkisch-mitteldeutschen Reime "erreichen — schweichen — beuchen" nicht wären, könnte man diesen Text als gerundetes, ungewöhnlich einfühlsames und bildmächtiges Beispiel des literarischen Biedermeier gelten lassen. Doch vielleicht hat sich Dietelmair wegen ähnlicher Goethe'scher Reime in epigonaler Weise für entschuldigt gehalten.

Er scheut in einem anderen Gedicht, ausgerechnet auf einen Todesfall, auch nicht davor zurück, eine geradezu barocke, vordergründig effektvolle Gliederung anzuwenden. Friedrich Sengle hat bereits festgestellt, daß Dichter der Biedermeierzeit gerne konstruktiv ans Werk gegangen sind und weder sie noch ihr Publikum sich daran störten, wenn das begriffliche Schema so deutlich wurde, daß der Gedankengang unorganisch und äußerlich herauskam. Gerade von einem Geistlichen wird man in Nürnberg und Fürth gar nichts anderes erwartet haben:
Schwarz ist das Grab. Nennt mir der Allmacht Licht
Das segnend durch die Dunkel bricht;
Die Sonne, die das Leben zu verkünden,
Mit Majestät durch Wolken tritt?
Wo strömt die Luft durch die sie schritt
Die lange Nacht zum Morgen anzuzünden?
            Schwarz ist das Grab.

 
Hell ist das Grab. Des Lebens Schatten fällt
Und eine neugeschaffne Welt —
Der Erde schwermuthvollen Traum zu lösen —
Liegt deinem Blicke aufgethan.
Du trägst's der Wahrheit dich zu nahn,
Sie wagt's sich deinem Auge zu entblößen
            Hell ist das Grab.

Und nach diesem Schema geht das weiter: Oed ist das Grab — Still ist das Grab — Stumm ist das Grab — Laut spricht das Grab — Schwach ist das Grab — Stark ist das Grab — Rauh ist das Grab — Mild ist das Grab — Bang ist das Grab — Süß ist das Grab. Am Ende steht mit rotem Bleistift "Dietelmair"; er ist wohl, der Fundstelle nach zu schließen,  der eigentliche Verfasser, und die beiden anderen sind im Titel genannt, weil sie bei der Beerdigung die Strophen abwechselnd vorgetragen haben, der antithetischen Struktur der Leitwörter entsprechend.

Dietelmair ist offenbar nicht nur ein fruchtbarer, sondern ein gesuchter Verfasser von Gelegenheitsgedichten gewesen. In dem Bündel innerhalb Schachtel 53, das seinen Namen trägt, finden sich sonst noch vier derartige Drucke der Jahre 1841-46, davon eines mit gedrucktem Autorennamen. Die im Blumenorden früher abgelegte Sitte, Leichcarmina drucken zu lassen, ist offenbar wieder aufgenommen worden; auf Kosten des Ordens werden sie kaum besorgt worden sein, denn in Protokollen findet sich zu derartigen Ausgaben nichts.

Präses Seidel verfaßt 1826 gleich zwei Irrhainlieder: Das erste, das nach der Melodie "Heil dir im Siegerkranz" gesungen werden sollte, erscheint wenig bemerkenswert; um so mehr läßt das zweite, ohne Melodieangabe, wegen seines geradezu naturreligiösen Gehaltes aufhorchen:

Wo sich des Lebens Welle
An deinem Ernste bricht,
Und aus der Zweifelhelle
Ein Geist der Weihung bricht —
            O heil'ger Wald, erweitert sich
            Ein menschlich Herz und heilt durch dich.

 
Du tröstest in der Kühle
Ihn, der in öder Welt
Sich, fern vom Mitgefühle,
Für einen Fremdling hält.
            Der ewig sichre Freund ist nur
            So heut wie gestern die Natur.


Ein Wandeln Gottes, lauter
Als irgend, tritt hervor,
Und nahet dem vertrauter
Dem's draußen sich verlohr.
            Wohl schauert's wenn der Ast sich neigt,
            Zu düstern Lauben sich verzweigt.
 

Hat süßen Liedes Gabe
Der Genius verlieh'n,
Greif zum bekannten Stabe
Und flieh nach Waldes Grün.
            Dem Dichter wird im stillen Hain
            Ein Braußen die Begeistrung seyn.
 

Hier ist's, wo der Gedanke
Verwegner sich erhebt,
Wo des Erscheines Schranke
Sein Flügel überschwebt.
            Die Wahrheit will aus dir allein
            Und deinem Geist geboren seyn.


So rauschet denn, Gesänge,
So ruft an diesem Tag —
Rauscht durch die tiefen Gänge
Ein Lob des Haines nach.
            Rauscht bis das Leben, selbst ein Lied,
            Mit uns in beß're Haine zieht.

Der schon 1823 in den Orden aufgenommene Friedrich Wilhelm Freiherr von der Borch, königlich bayerischer Kämmerer und Forstmeister, übersandte zum Irrhainfest 1831 aus Gunzenhausen ein besonders sorgfältig und schön ausgestattetes Geheft im Oktavformat, mit hellgrünem Umschlag von geprägtem Wachspapier, Vorsatzblatt, dessen Rand ebenfalls mit einer Bordüre geprägt ist, graphisch aufwendigem Titel, darunter geziert von einer Vignette (entweder Feder- und Pinselzeichnung oder lithographisch aufgebracht) mit der Darstellung eines wappenhaltenden, helmtragenden Putto, dann eineinhalb mit professioneller Schreiber- oder Kupferstecherhand geschriebene Seiten mit der eigenhändigen Unterschrift des Verfassers:
 

Des Saengers Gruß

Längst schwieg das Frühlingslied im Haine,
Der kalte Nord durchhauchte Berg und Thal,
Der Wiesen, wie der Gärten Töchter keine
Gewahrte man am eis'gen Wasserfall,
Die Laute hing verstimmt am starrenden Gestade,
Entschlafen war die freundliche Dryade.


Ich sah mein Bild; der Winter war gekommen,
Verwelkt die Blüthe, selbst der Ast entlaubt.
Wo hätte einen Kranz ich, Aermster, hergenommen,
Wo Schnee und Eis die letzte Blume raubt?
Doch unterm Schutt verlass'ner Bergruinen
Gewahr ich einer Ranke dunkles Grünen.
 

Ein Epheu war's, einst heilig hehren Göttern,
Jetzt trauernd ob verblich'nem Glanz,
die Blüthen, halb verdeckt von düstern Blättern,
Wählt' ich mir nun zum letzten Sängerkranz,
Und an der Pegnitz Strand ist mir der Trost geworden,
Ihn einzuflechten in den Blumenorden.


So komm' herab vom Zweig der Trauerweide,
Mein Saitenspiel, du meines Alters Lust,
Vergönn' mir, daß ich nimmer von dir scheide,
Verjüng' des Sängers neu erwärmte Brust,
Und hilf mir, Gute! noch im Zwielichtschein,
Des Bundes Brüdern würd'ge Blumen streu'n!

Die Strophenform folgt dem Schema der auf sechs Zeilen (statt der Ottaverime) verkürzten Stanze nach dem Vorbild von Goethes Marienbader Elegie, wohl einem der feierlichsten Metren, die in deutscher Sprache zur  Verfügung stehen. Auch der Anklang an "Der Morgen kam; es scheuchten meine Schritte..." in der Verszeile "Ich sah mein Bild; der Winter war gekommen..." läßt Goethes Vorbild ahnen. Doch weiter wollte von der Borch in seiner Anlehnung wohl aus Bescheidenheit nicht gehen. Wenn man genau hinsieht, ist die Länge der einzelnen Verszeilen recht unterschiedlich, von vier- bis zu sechshebigen Versen. Das sollte nicht voreilig als Nachlässigkeit oder mangelndes Können aufgefaßt werden. Sengle macht darauf aufmerksam, daß eine gewisse mäßige Abweichung von der Gleichförmigkeit um des Ausdrucks willen von den poetologischen Theorien der Biedermeierzeit, ausgehend von  August Wilhelm Schlegel, durchaus empfohlen wurde und der etwas früher zu beobachtenden klassizistischen, durch die Altphilologie vermittelten Formenstrenge allmählich Boden abgewann. Daß von der Borch die erste Verszeile so kurz hält ("Längst schwieg das Frühlingslied im Haine"), ist nicht nur als Anlauf zu längeren Versen zu verstehen, sondern vereint sich mit einer resignativen Haltung, ebenso wie das spätere "Jetzt trauernd ob verblich'nem Glanz". Dagegen wird etwa die suchende Unruhe durch einen besonders langen Vers hervorgehoben: "Wo hätte einen Kranz ich, Aermster, hergenommen", wo doch sehr leicht auf das "Aermster" zugunsten einer glatten Abfolge von Fünfhebern verzichtet hätte werden können. Zur bequemen Deutung dieses scheinbaren Naturgedichts als eines Abschiedsgrußes hat der Verfasser seine Bilder nicht aus aktueller Beobachtung, sondern aus dem konventionellen Bestand genommen, der bis auf die Dichter des "Göttinger Hains" im 18. Jahrhundert zurückgeht. Auch das ist typisch für die Biedermeierzeit, und man darf von der Borch keinen überlebten Nachromantiker nennen, auch wenn er sich in dieser Alterselegie vielleicht so zu empfinden scheint. 1833 ist er gestorben.