Eine professionelle Dichterexistenz mit Lehrstuhl

 
Die Vorgeschichte einer neuen Mitgliedschaft beginnt als das, was man damals "Mystifikation" nannte: In der Sitzung vom 12. November 1821 "[...] IV.) Machte der Herr Präses die Anzeige: Es sey ihm vor kurzem in einem versiegelten und von unbekannter Hand überschriebenen Couvert ein in reimlosen Versen verfaßtes Gedicht unter dem Titel: "Der Irrwald bey Kraftshof ohnweit Nürnberg in einem Gesang", zugesendet worden [...]"

Nun dauerte es fast fünf Jahre, bis den reimlosen Versen über den Irrhain vom selben Verfasser sehr feierliche Ottaverimen nachfolgten: "[...] Das anliegende schöne Gedicht: Der Frühlingstraum, womit sich dieser bescheidene Musenfreund auf eine eben so anspruchlose als liebenswürdige Weise zur Aufnahme empfiehlt, mag zum Beweise dienen, daß der Blumenorden in ihm ein sehr schätzbares Mitglied gewinnen würde. [...]" — so in einem Rundschreiben Heidens wegen Aufnahme Christian Martin Winterlings vom 3. Juli 1826.  Die Mitglieder werden darin ersucht, weil wegen des Irrhainfestes das Verfahren sich sonst zu lange hinziehen würde, in beigefügte verschlossene Büchse ihre Stimme abzugeben und dies durch Unterschrift zu bestätigen. Es folgen auf dem Blatt nach Heidens Namenszug noch 44 Unterschriften, die letzte von Scharrer.

Getrieben durch ein neu empfundnes Regen
                        Beflügelte stets mehr ich meine Schritte,
Und auf mit frischem Gras besäumten Wegen
                        Eilt' ich dahin mit leichtgehobnem Tritte.
Da winkt von Ferne mir ein Tor entgegen;
                        Ich trete ein, tief in des Haines Mitte
Führt mich der Bogengang aus dichten Zweigen,
Und ringsum herrscht ein feierliches Schweigen.

 
Nur in den grünen Wipfeln hoher Bäume
                        Hör' ich Gelispel, wie von Flötentönen.
Bald kehren alle süßen Jugendträume
                        Zurück in meine Brust mit frohem Sehnen.
Aufblühen wieder die erstarrten Keime
                        Der Phantasie, gewekt von warmen Thränen,
Die unvermerkt die Augen mild bethauen,
Die nach den grünverschränkten Wipfeln schauen.

Das sind Dante- und Goethe-Reminiszenzen, deren Montage zuweilen schon sehr unanschaulich ist. Flötentöne sind mit dem Lispeln des Windes in Blättern kaum vergleichbar, und Keime können nicht erstarren, weil sie sich nicht fortbewegen, jedenfalls nicht die pflanzlichen, mit denen hier Phantasie verglichen wird. Ebenso konventionell die Fortführung in der folgenden Strophe. Er schläft ein und träumt:

Auch sah mein Aug' ehrwürdige Gestalten,
Die durch die wildverschlungnen Gänge wallten.

Jeder weiteren Strophe, die nicht vollständig zitiert wird, möge nun ein Absatz zur Inhaltsangabe gewidmet sein. In der folgenden geht es jedenfalls darum: Die Gestalten besprechen "Dinge hoher Art".

Um einen — es muß Harsdörfer sein — stellen sich die andern im Kreis; er ergreift das Wort.

Erinnert sie an Gründung ihrer Sprach- und Literaturgesellschaft.

Nach Nürnberg wandelten die Musen:

Bald sah man unter ihren leichten Füßen
Die schönsten Blumen aus dem Boden sprießen.

"Zur rechten sah man wie zur linken / einen halben Türken heruntersinken — was in Ludwig Uhlands Gedicht über den Kreuzzug des Kaisers "Rotbart lobesam" humoristisch herauskommt und dadurch die Brutalität mindert, wirkt hier, wo eine öffentliche Instanz "man" als Beobachter nicht angebracht ist, unerträglich knöchern. In der folgenden Strophe werden die kulturellen Bemühungen als "Früchte des Friedens" angesprochen. Dann:


[...] Auf Strephons Haupt legt Klai die Krone nieder,
                        Die mit viel größerm Rechte ihm gehört.
So waren wir in manchen schönen Stunden
Durch Blumenband zu hohem Zweck verbunden.


Jetzt war an mich der Ruf des Herrn ergangen,
                        Der Erde niedern Hütten zu entschweben,
Und endlich ward mein sehnlichstes Verlangen
                        Gestillt nach jenem Licht, wo wir itzt leben.
[...]
Da fand die Schaar, des Hirten jüngst beraubt,
An Floridan das zweite Oberhaupt.


Du zogst der Grenadille zarte Pflanze
                        Zu einem starken Blüthenstock heran.
Der Orden kam durch dich zu hellerm Glanze,
                        Fortwandelnd auf der angetretnen Bahn.
Bald reiheten sich seinem Blüthenkranze
                        Der weitsten Fernen edle Männer an,
Durch deines Geistes überwiegend Walten
Zu gleichem Zweck und Streben festgehalten.
 

Er benennt den 3. Präses, Myrtillus.
 

Oft trieb hieher des Dichtens innrer Drang
                        Das kleine Häuflein unsrer Pegnitzhirten,
Die mit harmonisch reinem Wettgesang
                        Durch diese grünen Schattengänge irrten,
Wo zärtlicher bei ihrer Flöten Klang
                        Die Turteln auf den schwanken Aesten girrten,
Denn alle stimmten in Begeistrungsflammen
Zu einem lieblichschönen Ton zusammen.


Zeitsprung mit Schmeichelei: viel ist geschehen, "Größeres, als jemals wir gedacht".


Der Träumende erwacht.

Er verspürt den Wunsch, aufgenommen zu werden.

Ein holder Schäfer habe ihm schon Hoffnung darauf gemacht.

Er verspricht, gelehrig zu sein.

Der Dichter wurde aufgenommen und revanchierte sich zunächst durch eine Lesung: "III.) Theilte Herr Dr. Winterling den anwesenden Mitgliedern 8. von ihm über verschiedene NaturGegenstände verfaßte sehr schöne Sonnette vorlesend mit [...]". Zu Beginn des Jahres 1827 richtete er eine Versepistel an den Blumenorden, aus der, wenn auch sonst nicht viel, hervorgeht, daß er eigentlich den Irrhain am Blumenorden für das Wesentliche hält:

Dem edlen Bunde, der des Fremdlings Flüge
                        Umstrikte durch der Blumen sanfte Macht,
Durch den mir manches Freundes theure Züge
                        Und mancher Freude stilles Glük gelacht;
Der diese Stadt, wo ihre schönsten Siege
                        Die Kunst gefeiert, werther mir gemacht,
Ihm seien an des jungen Jahres Wiege
                        Des Herzens Wünsche huld'gend dargebracht,
Und wie die Hülle ietzt die Saaten deckt,
                        Bald aber wecken laue Frühlingshauche
Der Voegel Stimmen und der Wiesen Grün:
                        So werd' im Lenz auch unsre Schaar geweckt
Und eile nach der Vorzeit edlem Brauche
                        Zu ihrem Hain mit neuen Liedern hin.

Nürnberg, den 1. Januar 1827
Amandus, des Blumenordens an der Pegnitz Mitglied.

Winterling-Amandus — nun ist der Ordensname, den er sich noch dazu selbst verpaßt hat, nichts mehr als eine alberne Kostümierung. "Der Liebenswürdige", so will er gesehen werden. Der Orden läßt es sich gefallen.

"I) wurde durch den Herrn Präses eine poetische Epistel welche das geschätzte Ordensmitglied Herr Dr. Winterling unter dem Namen Amandus an den Blumenorden erlassen hat [...] und die von dem Herrn Präses im Namen des Blumenordens darauf ertheilte gleichfalls in gebundener Rede verfaßte Antwort abgelesen [...]
II) Las Herr Dr. Winterling acht kleine Canzonetten [...]
Dieser Vorlesung folgte der einstimmige Wunsch der anwesenden OrdensMitglieder, daß es dem Herrn Verfasser gefällig seyn möge, den Blumenorden noch öfter mit ähnlich trefflichen Mittheilungen zu erfreuen."

Nun hat er Fuß gefaßt, und es entspinnt sich ein Briefwechsel mit dem Ordensschriftführer Heiden, in dem Winterling vor allem versucht, seine literarischen Produkte mithilfe des Blumenordens zu vermarkten. Das ist im Grunde völlig richtig; wofür sollte eine Literaturgesellschaft denn dienen, jedenfalls aus dem Standpunkt desjenigen Mitglieds, das von seiner Feder leben muß. Zwei Umstände allerdings stören diesen Funktionszusammenhang: daß der Orden längst nicht mehr in der Lage ist, allein aufgrund seines Namens eine Absatzsteigerung zu bewirken, und daß daher die Last der Alimentierung des Berufsdichters bei den Mitgliedern hängenbleibt; zweitens, daß Winterling kein mittelloser Poet ist, sondern ein — wahrscheinlich ererbtes — Landgut und eine Professur für Poesie an der Universität Erlangen innehat. Kurzer Überblick über den Briefwechsel (sämtliche Stücke im Schuber 53 des Pegnesenarchivs):

Brief Winterlings an Heiden vom 29. September 1830: Bitte, für die Veröffentlichung des 2. Bandes seines Werkes "Araucana" zu subskribieren (der Präses und Dr. Osterhausen hätten es schon getan) und weitere Subskribenten im Orden zu werben. Der Preis betrage 4 fl. 30 Kr..

Brief Winterlings an Heiden vom 28. Februar 1831: Ob er nicht noch Exemplare der Araucana benötige, denn Winterling habe Herrn Mainberger für 30 Exemplare garantieren müssen und im voraus bezahlt. Gegenwärtig arbeite er an einem anderen heroischen Gedicht über die Eroberung von Granada.

Brief Winterlings an Heiden vom 20. Mai 1835: Er habe auftragsgemäß 7 Exemplare des Seidelschen Nachrufs auf Colmar weitergeleitet. Außerdem habe er im Sinne des Ordens gewirkt, indem er unter dem Titel "Antik-moderne Dichtungen" in Berlin ein Werk herausgegeben habe, in dem auch eine Bearbeitung von "Daphnis und Cloe" sei.

Brief Winterlings an Heiden vom 10. März 1836: "[...] Durch meinen Verleger, Hrn. Bläsing dahier, nehme ich mir die Freiheit, Ihnen 4 Exemplare unseres Albums zu übermachen, einer Zeitschrift, deren Tendenz im der Ankündigung ausgesprochen ist, und wozu uns gefällige Abonnenten zu gewinnen jetzt meine ergebenste und angelegentlichste Bitte an Sie ist.[...]"

Konzept eines Briefes von Heiden an Winterling vom 29. März 1836, in dem er berichtet, im Auftrag Seidels und im Namen des Ordens die Zeitschrift bei der Riegel und Wießnerschen Buchhandlung bestellt zu haben.

Winterling an Heiden, 4. 12. 1836: Er übersendet ein Exemplar seiner "poetischen Mitteilungen" für die Ordensbibliothek und bittet um private Bestellungen von Mitgliederseite. "Der Poesie, die in ihrem Auftreten in der Welt mit so manchen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, würde dadurch gewiß recht hilfreich unter die Arme gegriffen. [...]"

Winterling an Heiden, 9. 11. 1838: Er bedankt sich für den Nachruf auf Wilder und berichtet, er habe dessen Gedichtausgabe erworben. "Warum aber, erlaube ich mir zu fragen, hat man in diesem Bändchen, das eine Auswahl ist, Alles durch einander gestellt, warum ist nichts nach den Dichtarten rubricirt und geordnet? [wie bei Goethe, natürlich.] Das Einzelne muß wohl immer gelten, wenn es an sich werthvoll ist; aber es kann auch in der Zusammenstellung gewinnen, und darauf ist hier keine Rücksicht genommen. Wer diese Herausgabe besorgt hat, weiß ich nicht. Hat der Orden selbst Theil daran?" (Eine ziemlich impertinente Form der Kritik.) Es sei immerhin verdienstvoll, daß man Wilders Sachen nicht verfliegen läßt. "Haben Sie Ihre Stadtversammlung schon gehabt; ich war seit 2 Monaten von hier abwesend und zwar auf meinem Gut Bernstein bei Wunsiedel [...]"

Zwei Gedichte, "übersandt zur Versammlung des Blumenordens am 12. Nov. 1839 in Nürnberg von C. M. Winterling, Mitglied des pegnesischen Blumenordens in Erlangen": Ein Fischer-Idyll nach Theocrit [in Dialogform ...] Weinlied [...]"

Winterling an Präses Kreß, 12. 4. 1844 (er war um einen Beitrag zum Jubiläumsalbum gebeten worden): "Ich bin nun wirklich so frei, einige meiner Lieder zu übersenden und stelle es dem Ermessen der Commission anheim, welche davon sich zur Mittheilung eignen. [...] Soll ins Ragout auch spanischer Pfeffer, so greift man vielleicht nach diesem; soll aber Alles harmlos bleiben — nun das ist Sache der Redaction. [...] indeß was soll die Poesie nur raufen? Sie muß der Seele irgend einen lebendigen Trost geben [...]" Anscheinend machte er sich Sorgen um den Umgang mit der Zensur. Aber das ist ein neues Kapitel.