Der Fall Colmar, oder: Colmars Fall

Um zu verstehen, wie es zu der Seltenheit eines Präses-Rücktritts im Blumenorden, und zwar diesmal eines völlig freiwilligen,  kommen konnte, muß man den Charakter Colmars noch genauer betrachten. Er war ein Melancholiker aus dem Musterbuch. Daß er bis zur Tüfteligkeit genau und gewissenhaft war, zeigten bereits seine Beiträge zur ,Deutschen Privatgesellschaft' der Altdorfer Studenten. In der Stadtverwaltung übernahm er ausgerechnet das Amt des ermordeten Faulwetter. Sein Nachruf aus der Feder seines Nachfolgers Seidel erwähnt häufige Anfälle von Trübsinn und einen beruflichen Aufgabenbereich, der bei solcher Veranlagung auch nicht gerade aufbauend wirken kann: "Als Nürnberg an die Krone Bayern übergieng, blieb Colmar Assessor am Königlichen Stadtgerichte und wurde späterhin Kreis- und Stadtgerichtsrath. In diesem hochansehnlichen Collegium war Ihm besonders die Behandlung der Verlassenschaften anvertraut" Der Hinterlassenschaften, würde man heute sagen. Es ist wie in Herman Melvilles Kurzgeschichte ,Bartleby the Scrivener', in der ein Mensch über der Aufgabe, unzustellbare Briefe zu orten, wegen der dahinterstehenden traurigen Schicksale in Weltflucht gerät. Wilhelm Schmidt urteilt nach seiner Kenntnis der Akten: "Im Gegensatz zum liebenswürdigen Panzer war Colmar bei aller Herzensgüte ein zur Feierlichkeit neigender, etwas steifer und zugeknöpfter Mann und regte nicht so wie jener zur Mitarbeit an. Die erschwerten Verhältnisse taten dazu das übrige. Colmar fühlte sich am wohlsten in ganz engem Freundeskreis und gewöhnte sich schwer an neue Personen, wie auch seine Freunde sich zuerst an ihn und seine Art gewöhnt haben mußten. So kam es, daß schließlich sein Kreis sich immer mehr lichtete und er vor jedem Ersatz zurückschreckte. Und über diese Starrheit kam er wohl auch als Ordensleiter nicht wohl hinweg und fühlte es selbst." Seinen Rücktritt begründete er in einem gesonderten Brief an Zahn und Müller  wie folgt:

"Nürnberg den 22. Nov. 1812

Wolgeborne Herren,

Mit den 2ten dieses Monats, habe ich meine Stelle, als Ordens Präses, im tiefen Gefühle niedergelegt, daß meine äuseren Verhältnisse, als Rath bei dem königlichen Stadtgericht, sowie ungemüthliche Stimmungen, mich zur rühmlichen Leitung dieser blühen sollenden Gesellschaft nicht geschickt lassen.

Ich übergebe demnach, meiner Pflicht gemäß, Ihnen, theuerster Herr Ordens Konsulent Zahn, hiebei, das in meiner Verwahrung gewesene grösere Siegel, nebst der Cautions Urkunde des Herrn Sekretär mit der Bitte, die nächstkünftige Versammlung zu veranstalten, und  die Wahl des neuen Präses zu leiten, welcher dann sofort die dermal schon erledigte 2te Konsulenten Stelle besorgen lassen wird.

Daß ich mir die Einladung zu dieser nächsten Versammlung devot verbitte; und daß ich, wenn die Wahl zum Präses kein Mitglied des Vorstandes treffen würde, Sie, verehrungswürdiger Herr Sekretär Müller, als Ordens Konsulent zu begrüßen wünsche, brauche ich hier wohl kaum zu sagen; so wenig, als daß ich in den künftigen Versammlungen, als ordentliches Mitglied, nie aber in anderer Eigenschaft erscheinen werde; und daher billig hoffe, daß mich iedes Mitglied, so lange ich noch lebe, in dem mir gewünschten Ruhestand werde lassen wollen.

Meine erste Pflicht als Genosse dieses ehrwürdigen Ordens suche ich, durch ein Zeichen meiner Anhänglichkeit und Ergebenheit zu bethätigen, indem ich zum Wieder-Eintritt in die Reihe der ordentlichen Mitglieder, und zur Bestreitung der Kosten des Prozesses, in welchen der Orden, durch ein so höchst ärgerliches Zusammentreffen seltsamer Ereignisse und aufdringlicher Vorschläge, verwickelt worden ist, beiliegende Funfzig Gulden, stat einem aus der v. Murrischen Bibliothek zu wählenden Buche, für die Ordens Kasse bestimme.

Übrigens wird Ihre beiderseitige fortgesezte Gewogenheit mir zur Beruhigung − und in unseren mancherlei gesellschaftlichen Zirkeln mir zur Erquickung gereichen, denen ich − nur mit dem Ende meines Daseins das Lebewol zu sagen begehre.

Eurer Wolgebornen warmer Freund und [unleserlich]

Colmar"



Manchmal ist es aber auch von Vorteil, wenn eine Gesellschaft einen vor Umsicht vorsichtigen Vorsitzenden hat, und Colmar hatte in einem undatierten Schreiben an die Ordensversammlung, das nicht lange vor seinem Rücktritt geschrieben worden sein kann, den Orden vor den Auswüchsen einer zu unspezifischen Mitgliederpolitik gewarnt und war insofern der richtige Mann zur richtigen Zeit:

"Propositio Praesidis: Ehren Mitglieder btrffd.

Es ist seit einiger Zeit Sitte geworden, daß in unseren Orden viele Ehren-Mitglieder, unverlangt, ernannt worden sind.
Ich erlaube mir meine Ansichten hierüber den Herren Gesellschaftern zur näheren Prüfung vorzulegen, indem ich auf Abstellung dieses Gebrauchs antrage.
Ich gehe von dem Grundsaz aus: Daß eine gelehrte Gesellschaft, unaufgefodert, nur deshalb Ehrenmitglieder aufnehme, um ihnen eine öffentliche Ehre und Würdigung ihrer Verdienste zu erzeigen.
Eine solche Gesellschaft mus aber selbst so viel Auktorität haben, und in der Gelehrten Republik auf einer so hohen Stufe stehen, daß ihre Äußerung über die Verdienste anderer, allenthalben für giltig anerkannt werden kan.
Ist eines der Fall nicht, so dürfte es einer Art von Eigendünkel gleichsehen, Personen, mit denen man in gar keiner Verbindung stand, u. mit denen man in sonst keine zu kommen weis, eine Belohnung ihrer Verdienste ertheilen − oder ihrer Ehre, durch eine Aufnahme in den Orden, einen Zuwachs geben zu wollen.
Unser Institut aber ist von einem so hohen Standpunkt nicht zu betrachten: und darum können wir auch solche Ehren-Bezeugungen gar nicht beurkunden. Wir können es izt am allerwenigsten, da in dem Königreiche eine Akademie der Wissenschaften, und eine der bildenden Künste organisiert ist, denen gegenüber, unser nur als Privat-Gesellschaft prädizierter, Orden, sich nicht stellen − und ohne anmaslich zu erscheinen, keine solche EhrenMitglieder ernennen darf.

[Panzer habe als "großer Literator" diejenigen Auswärtigen, zu denen er persönliche Beziehung gehabt habe, vorschlagen können, aber nicht jedes andere Mitglied könne sich das erlauben.]

[Wenn man von eitlen "Titelmännern" angegangen werde, die dem Orden mit der Bitte um Aufnahme schmeicheln, sei es für den Orden selbst nicht mehr ehrenhaft, sondern "kompromittierend".]

Unsere Geseze, die alten wie die neuen, wissen von Ehrenmitgliedern nichts: und nach unserer Verfassung und Verhältnißen, in denen wir einen so eingeschränkten Wirkungsbereich haben, wo es an Unterstützung u. Ermunterung fehlt; da wir uns nur wenige Stunden im Jahr einem Lieblings- oder Nebengeschäfte widmen können; und da − wie notorisch ist, von uns, außer den traurigen Memorien nichts zu Tage gefördert wird, u. − wie die Revision der GesellschaftsArbeiten gezeigt hat, zur Zeit nichts ins Publikum gebracht werden kan; mithin nur gesellschaftliche Erholung u. vertrauliche Mittheilung einiger wissenschaftlicher Ideen u. Erfahrungen gesucht u. gefunden wird: da solte es auch, wie ich denke, dabei bleiben; da solten wir uns nur hüten, durch dergleichen Aufnahmen, die Welt auf uns undankbar aufmerksam zu machen. […]

Dr. Colmar"

Wenn dies vor Wielands Aufnahme geschrieben wurde, muß er sich gerade vom Erfolg der Anbahnung durch Nostiz beschämt und geängstet gefühlt haben; wurde es aber nachher geschrieben, dann diente es dazu, die Zügel nicht vor lauter Stolz auf den Berühmten schießen zu lassen. Typen wie Drechsel konnten den scharfsehenden und rechtlich denkenden Colmar jedenfalls nicht vom Sinn der politischen Opportunität bei der Mitgliederberufung überzeugen.

Man wird noch sehen, ob er recht damit hatte, die Beiträge der Mitglieder zu den Sitzungen für so unbeträchtlich zu halten, und ob er die Beziehungen zur Königlichen Akademie der Wissenschaften in München nicht zu pessimistisch einschätzte.

Nachdem in der Sitzung vom 4. Januar 1813 alle Versuche gescheitert waren, Colmar wenigstens zur Verlängerung seiner Amtszeit zu bewegen, wurde die Frage aufgeworfen, ob man denjenigen Mitgliedern, die nur wenige Stunden von Nürnberg entfernt wohnen "und sich als ordentliche Mitglieder betrachten", von der bevorstehenden Wahl Mitteilung machen solle.

"Auf diese Anfrage wurde beschlossen, nur diejenigen zur Stimmen-Abgebung aufzufordern, welche bisher noch Antheil an der Gesellschaft genommen, und ihre jährl. Beyträge entrichtet haben […] Übrigens wurde noch bemerkt, daß nach erfolgter Wahl, auch den auswärtigen Ehren-Mitgliedern von der Veränderung des Präsidiums, etwa durch den hiesigen Correspondenten und eine noch zu wählende gelehrte Zeitung, Nachricht zu ertheilen seyn möchte." Es durfte wohl nicht zu viel Porto kosten. Dies bringt uns über den Irrhain zu einer Übersicht der finanziellen Lage.