Einzelne Autoren

Von den Autoren, die es lohnt, durch ausführliche Darstellung ihrer Werke zusammenhängend anzuführen, ist August Schmidt der am nächsten liegende. Er war, wie erinnerlich, ein Postbeamter höheren Ranges, war jedoch schon in seiner Münchener Zeit als Bühnenautor nicht ohne Erfolg hervorgetreten und sandte bei seiner Übersiedelung nach Nürnberg einige seiner Werke dem Blumenorden ein, um aufgenommen zu werden. Dies geschah laut Stammliste am 16. 12. 1881. Einen guten Begriff von seinem gar nicht unpolitischen Humor gibt eine Moritat, die er auf ein am 13. Juli 1874 verübtes Attentat auf Bismarck schrieb:

Wer es nicht kennt, das Attentat,
Das erst sich zugetragen hat,
Dem thue unser holder Mund
Es ungesäumt nachträglich kund,
Damit er weiß genau und wahr,
Wie wirklich die Geschichte war.

Kissingen ist im Bayerland
Von Sechsundsechzig her bekannt;
Dort hat die deutsche Einigkeit
Sich gegenseitig durchgebläut,
Und nach viel Schlagen und Geschieß,
Weiß keiner, wie’s gewesen is.

Dort baden in der Sommerszeit
Die Engländer und and’re Leut’;
Der Ragoczy und der Pandur
Dort hinterläßt manch’ breite Spur;
Manch harter — Sinn wird dort erweicht,
Und manchem wird die — Hose feucht.

Dort kam denn auch auf einmal an
Der große Blut- und Eisenmann,
Den Fürsten Bismark nennt sich er,
Des deutschen Reiches Kanzeler,
Der stets die schwarzen Kanzelherrn
Abkanzeln thut so gut und gern.

Zugleich mit ihm auch kam dort an
Der Böttcher Edward Kullemann,
Als Lehrling stach er durch und durch
Den Meister schon in Magdeburg,
Katholischen [sic]  Vereins-Gesell
Kam er heran von Salzwedel.

Und ein verrostet alt’ Pistol
Das lädt’ er bis ans Spundloch voll,
Und wär’s der Bismark nicht schon g’wohnt,
Der Lausbub hätt’ ihn nicht verschont,
Als er ihm ohne Scham und keck
Aufpasset an der Straßeneck.

Dem Publikum wird heiß und kalt,
Als unverhofft ein Schuß erschallt;
Auch führt sein böser Stern daher
Den biedern Pfarrer Haunthaler,
Drum wird er auch mit ihm zugleich
Denn durchgeprügelt windelweich.

Und beide steckt, daß Gott erbarm’
Ins Loch der nämliche Gendarm;
Herrn Bismark war zum Glück am End’
Doch nur die linke Hand verbrennt,
Allein ein Tag des Schreckens war’s,
Der dreizehnt’ Juli vor’gen Jahrs.

Was hat der Kullmann jetzt davon?
Er kriegt halt jetzund seinen Lohn;
Dem Pfarrer gibt man freie Reis’
Weil überhaupt er gar nichts weiß;
Weßhalb denn auch zum Kirchenrath
Ihn schnell ernannt der Bischof hat.

Als Schwarzen Humor kann man die Pointe einer anderen Moritat bezeichnen:

Schau, Publikum, das Blutgerüst,
Wo schon bereit der Henker ist;
Als Schutzmannschaft beordert sieh
Ein Regiment Infanterie.
Das Blut bespritzet weit und breit
Soldaten und auch andre Leut,

Der Körper wurde von der Wacht
Hin zur Anatomie gebracht;
Dort hat Herr Nußbaum ihn seziert
Und seine Glieder präpariert,
Den Kopf in Spiritus gesetzt,
So ward er geistreich noch zuletzt.

Auf das Theater fanden Schmidts Stücke wohl wegen ihrer zeitnahen gesellschaftlichen Probleme ihren Weg, wenn sie auch in der gehobenen Gesellschaft wie bei Ibsen spielen, allerdings mit sentimentalem Ausgang. „Krank am Herzen“, Schauspiel in fünf Akten, wurde am Königlichen Theater in München mit glänzendem Erfolg aufgeführt.

Die Handlung: Bertha Jordan hat von ihrem Liebhaber, Baron Bruno von Treisen, seit seiner Abreise vor drei Jahren nichts mehr gehört und ist entsprechend krank am Herzen. Ihre Schwester Anna will sich auf Schloß Treisen als Gouvernante verdingen. Der Verwalter Behrend will um Berthas Hand anhalten. Sie weist ihn ab. Als der Diener kommt, der Anna abholen soll, gibt sie sich als ihre Schwester aus und fährt mit ihm ab. Die Tochter des Hauses ist von ihrem Gemahl wegen seiner zahlreichen Reisen ebenfalls getrennt, erfährt aber, daß er zurückkehren wird. Sie, bürgerlicher Abkunft, hatte vor ihrer Ehe mit ihm ein uneheliches Kind. Die alte Baronin schikaniert sie. Bertha ergreift ihre Partei und erklärt der Alten, sie werde davon dem Heimkehrenden erzählen. Dieser ist aber ihr Bruno. Sie muß annehmen, daß er mit Hermine verheiratet ist und weist ihn zurück. Bei einem Zusammentreffen mit Bertha in Gegenwart der Alten und Brunos geht ihr der Zusammenhang noch nicht auf. Bruno weist seine Mutter wegen ihrer Schikanen in die Schranken und kündigt an, er werde nun zuhause bleiben. Bertha bittet bei Hermine um ihre Entlassung, läßt sich aber umstimmen zu bleiben. Die Alte weckt den Argwohn in Hermine. Sie belauscht eine leidenschaftliche Unterredung zwischen Bertha und Bruno und erleidet, lungenkrank wie sie ist, einen Blutsturz. Sterbend verzeiht sie allen und stiftet die Ehe zwischen Bruno und Bertha.

„Freitag, 21. April [1882]
[…] 1) v. Kreß „[August] Schmidts Drama: Der Ehre Gebot 3. 4. Akt Schluß wird gelesen. Ein bürgerliches Trauerspiel ohne daß vielleicht der Verfasser dieß gewollt hat; der moralische Untergang der Gouverneurstochter ist doch nicht genugsam begründet um nicht Bedenken gegen die gezwungene Veranlassung dazu hervorzurufen. […]“

Daß August Schmidt durchaus mit Knapps Reimchronik mithalten konnte (und daß es im Blumenorden im Jahre 1882 auch nicht viel anders zuging als 2014), zeigt das Protokoll der Sitzung vom 30. Juni  in Hexametern:

Halte mir, Muse, den Gaul, damit nicht am Ende er umfällt
Aufrecht hält er sich kaum, Lenden und Füße sind lahm;
Denn kein Pegasus ists, der flügelschwingend sich vorstellt,
Nein, Rosinante nur ists, die ich als Reiter bekam.

Wahrlich, ein Wunder ists nicht, wenn der beste Renner ermüdet,
Eilt er zu jeglichem Fest, das man in Nürnberg begeht.
Neugier und Wissendrang, — Gott weiß, was sonst noch gebietet
Führen zu Festen, wovon in den Calendern nichts steht.

Abgesehen vom Trubel der bayerischen Landesausstellung
Welche allein schon genügt, schach uns zu machen und matt,
Kommt noch der Ärztetag, elektrischen Lichtes Erhellung,
Meininger Kunst triumphiert zweifach in unserer Stadt

Einmal auf hohem Kothurn, von den weltbedeutenden Brettern
Schauert dramatischer Kunst höchstes Verständniß herab,
Dann, im Kriegergewand, vom Orchester wiederum schmettern
Jene die Töne, gelockt durch Polyhymnias Stab.

Fesselt das Auge nicht der Reigen der Lenker der Rosse,
der, Jubiläre zur Ehr’, wie in Olympia spielt.
Schüttert im Sommertheater das Zwerchfell vielleicht bei der Posse
Wenn sich in Melodien Offenbach selber bestiehlt.

Kurz, es ist einfach zu viel, Zeit kostet das, Geld, und auch Arbeit,
Müde wird Roß und Mann, — halt es ein anderer aus!
Heut folg’ ich nicht mehr der allgemeinen Vernarrtheit
Ruhe nur heische ich noch, ferne von Saus und von Braus.

Und wo fänd ich die noch, als im Regensburgischen Hofe,
Wo der Pegnesenbund still sich vereint und solid,
Wo nur zuweilen sich eine ein wenig verwegnere Strophe
Durch ein gelehrtes Gespräch freundlich geduldet noch zieht!

Ja ein Freitag wars, der dreißigste Juni des Jahres,
Als man eintausend und acht hundert, auch achtzig und zwei
Schrieb nach Christi Geburt, zur neunten Stunde schon war es
Und da wimmelten vier Glieder des Bundes herbei:

Doch nicht auf einmal, es wäre zu viel ja verlangt, nur allmählich
fanden die Herren sich ein: erstlich ein geistlicher Herr,
Pfarrer Heller, der machte Quartier, — und bald darauf stell ich
Selber mich ein — und da raisonnierten wir sehr:

Wie sich ob Ausstellung und Jubiläen und Festen
Gar nichts fügen mehr wollt’, Alles sich immer zerstreut,
Wie es bei jedem Vereine, bei jeder Gesellschaft an Gästen
Überall fehle, „es scheint, daß wir die Einzigen heut

Bleiben im Orden pegnesischer Ritter!“ — Beruhigend, schüchtern
Reich ich die  Capsel ihm, mit Cigarrenspitzchen gefüllt, —
Und schon strahlet sein Auge in freundlicher werdenden Lichtern
Und sein Raisonnement ist für das Erste gestillt.

Tres faciunt das collegium. Es erscheint noch weiter
Optikus Schröder; er ist deus ex machina fast.
Nochmal erdröhnet die Stiege, — und siehe, der Himmel wird heiter
Unser Herr Präses erscheint, er, der willkommenste Gast.

Blickt verwundert sich um und sieht gar Viel’, die da fehlen
„Häupter der Lieben, wo seid ihr, da der „Zähler“ auch fehlt?“
Findet es dann begreiflich, und kanns sich selbst nicht verhehlen,
Daß es kein Wunder ist, wenn Andere Anderes hält.

„Trösten wir uns!“ so spricht voll ächten christlichen Geistes
Unser Herr Pfarrer, „es gilt, was Ben Akiba gesagt —
Dieses Büchlein von alter Zeit, ihr Herren beweist es:
Alles war einmal schon da, drum sei auch heut nicht geklagt.

„Ja, schon anno sechs, beim Beginn von diesem Jahrhundert,
Wo sich quartaliter nur fand die Pegnesia ein,
Damals war man kaum ein wenig darüber verwundert,
Fielen bald Sitzungen aus, waren sie bald nur zum Schein.

„Ja, man möchte fast sagen, am meisten ist da noch im Orden
Wenn ’mal ein Mitglied verstarb, dadurch nur, daß es verstarb,
Es im pegnesischen Leben mal wieder lebendig geworden,
Man sich durch Sterben im Orden Verdienste erwarb.“

Also sprach der Herr Pfarrer, vom Zuckerwasser im Glase
Trank er das Restchen noch aus, — „Denn es muß zehne schon sein!“
Grüßt, und begibt sich nach Haus. Da kommt von der Maxfeldstraße
Noch ein verspäteter Gast zu den vereinsamten Drei’n.

Ja ein Ordensrath! Mit Freuden kann ich es künden
Sitzt am gewohnten Platz, fragt, wo die Anderen sind?
„Wo ist der Herr Sekretär? auch sein Vice ist nicht zu finden?
Wer schreibt das Protokoll?“ — Und der Herr Präses beginnt:

„Ein Protokoll muß sein; es darf in der Reihe nicht fehlen.
Sie sind der Jüngste im Bund,“ sprach er da lächelnd zu mir;
Mögen Sie immer die Art der Fassung selber sich wählen
Sorgen Sie für’s Protokoll; Sie sind uns haftbar dafür.“

Nun denn, in Gottes namen! So will ich mit diesem es wagen,
Bringe nicht mehr als ich kann, — freilich nicht das, was ich soll;
Ab er bedenkt, ihr Herrn: Von Nichts läßt viel sich nicht sagen;
Nehmt es halt so, wie es ist, — ist es doch ein Protokoll!
(Schmidt, Post-Specialcassier)

In der alljährlich aufkommenden Not, wer denn ein Festspiel für das Irrhainfest verfasse, bot Schmidt mehrmals den Ausweg, einmal auch, indem er das Problem thematisierte. 1883 ging es zuerst einmal um den Nürnberger Trichter:

Der Nürnberger Trichter wird von zwei Spaziergängern aus Nürnberg, die ein dörfliches Liebespaar belauschten, dem schüchternen Liebhaber gereicht, damit er seine Erklärung dort hineinspreche; seine Auserwählte hört es, antwortet aus dem Gebüsch, sie finden sich, alles wird gut. Interessant, daß von dem Trichter gesagt wird: „Man heißt ihn Telephon in neu’ster Zeit“.

Stoffe zu Festspielen gesucht. Scherz in einem Akt von A. Schmidt. (Festspiel zum Irrhainfeste des pegnesischen Blumenordens im Jahre 1884.) Druck des „Korrespondenten von und für Deutschland“ in Nürnberg.
Rentier Mayer und seine Tochter Lieschen ergehen sich im Irrhain. Er ist bedrückt, denn der „schlimmste aller Ordensräthe“, Knapp, hat ihn dazu gebracht, daß er das Festspiel schreiben soll. Lieschen empfiehlt ihm als Stofflieferant ihren Geliebten Ludwig, den der Vater nicht mehr leiden kann, seitdem er schlecht verdienender „Zeitungsschmierer“ wurde. Während Mayer sich von seiner Tochter entfernt, um nachzudenken, nähert sich Ludwig und erzählt Lieschen u.a., daß ihr Vater schon eine Annonce bei seiner Zeitung aufgegeben hat, um einen Stofflieferanten zu suchen. Als der Vater erscheint, übergibt ihm Ludwig die Antworten auf die Annonce, die er aber selber geschrieben hat. Es sind lauter Wortspiele mit dem Wort „Stoff“, das nicht im Sinne einer Handlungsidee verwendet wird. Am Ende kommt noch ein mundartsprechender „Stoffel“ mit einem Faß Bier, das „Stoff“ sein soll. Er läßt sich nicht abweisen, wird die Rechnung später schicken, läßt aber das Faß da, als er geht. Mayer trinkt. Die unterdessen spazieren gegangenen jungen Leute treffen ihn schon in halb beduseltem Zustand an. Er redet bereits nürnbergerisch. Sie geben ihm einen Expreßbrief, in dem Knapp um baldige Ausführung des Festspiels bittet. Nach einigem Hin und Her stimmt er ihrer Verbindung zu, verzichtet aber auf Ludwigs Hilfe (der übrigens der Stoffel gewesen ist) und sagt, aus den Vorkommnissen könne er selber ein Festspiel machen.

Eine Theaterprobe im Irrhain. Dramatischer Scherz zum Irrhainfeste des pegnesischen Blumenordens 1887. von Aug. Schmidt.
Mitglieder der Gesellschaft „Die Ungenirten“ kommen in den Irrhain, um für ihr Stück „Ein Besuch auf den Karolineninseln“ eine Probe auf der Naturbühne zu halten. Auf der Suche nach anderen Mitspielern verlassen sie bis auf Berthold den Platz. Berthold bedauert, daß seine Liebste Rose nicht dabei ist, weil sie auf irgendeiner Probe zu sein hat. Sie hätte sonst in diesem Stück eine Rolle übernehmen können. Mitglieder des Ordens kommen dazu, die auch hier Probe halten wollen. Die „Ungenirten“ kommen nun auch dazu. Knapp verkündet, daß die Pegnesen „Wallensteins Lager“ proben wollen und verbriefte alte Rechte haben, die ihnen den Vorrang einräumen. Müller wehrt sich: „Das ist eine unverschlossene, staatliche Waldparzelle“. Knapp zeigt den Irrhainschlüssel. Das verfängt nicht. Beide Gruppen fangen mit ihrer Probe an. Die Textstellen greifen nicht schlecht ineinander, bis sich Müller beleidigt glaubt durch etwas, was in der Kapuzinerpredigt steht. Die Pegnesen ziehen sich zurück, nicht ohne daß Knapp einen Prozeß androht. Den anderen ist die Lust vergangen, sie gehen auch ab, Berthold distanziert sich und bleibt zu einem Monolog. Rose erscheint. Sie macht ihm eine Szene, weil sie erfahren hat, daß er in seiner Rolle ein anderes Mädchen küssen wird. Und sie wollte ihn sogar bitten, den Holk’schen Jäger im Irrhainspiel zu übernehmen. Und er wollte sie bitten, die Rolle der zu küssenden Pflanzerstochter zu übernehmen. Müller kommt zurück, trifft Rose allein an und erzählt, daß seine Darstellerin wegen des Tanzvergnügens beim Irrhainfest abgesagt habe, bittet sie, die Pflanzerstochter zu spielen, sie stimmt zu. Nachdem sie abgegangen sind, erscheint Knapp mit Berthold. Er übernimmt den Holk’schen Jäger. Als Rose mit den Ungenirten wieder dazukommt, wird die Überkreuzung klar. Um Rose entbrennt ein Tauziehen. Als sie selber entscheiden soll, macht sie es von Berthold abhängig, der den Pegnesen den Vorzug gibt. „Die Karolinen sind ja ohnehin vom Deutschen Reiche aufgegeben worden. Es ist das Beste, Sie lichten die Anker.“

Pegnesischer Blumenorden. Erinnerungsblatt an das Irrhainfest 1890. Eine Ordenssitzung im Irrhain. Dramatischer Scherz von A. Schmidt und W. Beckh. Nürnberg. Hermann Ballhorn. 1890.
In fünffüßigen Jamben abgefaßt. Reck und Becker ergehen sich. Der Zustand des Irrhains wird beklagt: „Doch wenn nicht bald/ Sich milde, reiche Hände dafür finden,/ So wird er eine offne Waldparzelle.“ Fräulein Rosa May und Anndl kommen dazu. Letztere soll den Schlüssel zu der Hütte holen, um die Pumpenstange zu bekommen, die dann der Knecht des Wirtes von Kraftshof an der Pumpe befestigen wird. Becker wird selbst aufsperren. Reck und Rosa allein, er gesteht seine Liebe und erzählt, daß er jetzt eine Stelle als Assistent am Krankenhaus habe. Weitere Ordensräte kommen dazu, gehen aber bald wieder nach Kraftshof, um sich bei der Hitze am Biere zu laben. Weitere Ordensräte. Bemängeln, daß die Sitzung auf drei Uhr festgesetzt war, es aber schon vier Uhr ist. Das sei aber nichts besonderes. Die Sitzung beginnt, wegen Fremdwörtern wird dauernd klappernd die Sammelbüchse geschwenkt. Auch wegen Kalauern: „Plattig Schätzchen — schattig Plätzchen“. Anndl unterbricht mit der Eröffnung, der Kaffee sei fertig. Sie wird abgewiesen. Knapp (ironisch): Ich schlage vor, vor allem zu vermitteln,/ Daß eine Eisen- oder Straßenbahn/ hieher geführt wird, und des weiteren,/ Daß eine Restauration man baut./ Das übrige ergibt sich dann von selbst.“ Herr Reck, der als Nichtmitglied schon beim Kaffee sitzt, wird in Abwesenheit eilends in den Orden aufgenommen, damit er ihnen nicht den Kaffee wegtrinkt. Zu allem Überfluß hören sie Geräusche des Anstechens eines Bierfasses. Ein Herr Scharf erscheint, setzt sich auf eine der Bänke, die leer geworden sind, und läßt sich von Becker und Schmitz nicht vertreiben. Anndl kommt und überbringt den Wunsch des Forstmeisters nach einer Aussprache. Er warte schon am alten Tor. Die beiden Pegnesen ab. Anndl schilt ihren Geliebten Scharf, der aus Hinterpommern stammt. Ab. Reck allein. Rezitiert die Verse, die er für Rosa geschrieben hat. Diese hat sie erlauscht und tritt hervor. Alle andern kommen hinzu. Verlobung.

Auf eine Verlobung läuft auch ein geradezu groteskes (undatiertes, aber in der Reihenfolge als nächstes ins Archiv eingelegtes) Irrhainspiel hinaus:

Eine Kneippkur im Irrhain. Dramatischer Scherz von Aug- Schmidt in 1 Aufzug.
Rentner Wacker (50 Jahre) hat als Ordensmitglied den Schlüssel zur Gerätehütte und kann deswegen seinen Wunsch verwirklichen, im Irrhain eine Kneippkur zu machen. Die Tochter Hannchen erinnert daran, daß er die Ratschläge seiner Ärzte zu gesünderem Leben bisher in den Wind geschlagen hat. Er hat in die Hütte eine Leiter gestellt, oben einen Haken angebracht, an den eine gefüllte Gießkanne gehängt wird, die mit einem Strick von unten geneigt werden kann. Unter einem Regenschirm hat er es schon einmal erprobt. Er hat sich für vier Wochen in Kraftshof eingemietet und rechnet damit, daß in der Morgenstunde noch kein Pegnese in den Irrhain kommt. Ab. Hans Ringer, Hannchens Liebhaber, kommt und verrät in einem Monolog, daß er Wacker um ihre Hand bitten möchte, daß er ein Fäßchen und Bänke bestellt hat und daß diese Dinge und einige seiner Freunde bald eintreffen werden. Liese, die Bauersfrau, bei der Wackers einquartiert sind, tritt auf, nimmt die beschwerlichen Schuhe ab und versteckt sie im Gebüsch. Ab. Schorschl kommt mit dem Faß, probiert gleich das Bier, sieht die Schuhe, nimmt sie mit, geht ab. Hannchen barfuß, das Gehen auf dem steinigen und astigen Waldboden peinigt sie. Ringer kommt dazu. Sie sucht ihre Füße zu verbergen. Liebeserklärung. Er will gleich mit ihrem Vater sprechen, sie wiegelt ab, er will es aber vor dem Eintreffen der Freunde hinter sich bringen. Sie bittet ihn, sich eine Minute umzudrehen, und enteilt. Die Freunde kommen an. Trinksprüche. Wacker von links, barfuß. Sein autoritäres Scheuchen erregt Heiterkeit, weil man seine bloßen Füße sieht. Er sucht seine Stiefel, die hat Schorschl auch mitgenommen. Nun erklärt er die Kneippkur. Er hat sich einen Dorn eingetreten, den ihm einer der Herren herauszieht, damit er besänftigt ist. Hannchen, Ringer, Liesi dazu. Ringers Bedienter hat die Schuhe in Kraftshof aufgetrieben, Liesi hat sie in die Gerätehütte gebracht, wo Ringer und Hannchen weilten. Verlobung.

Geradezu pazifistisch kommt folgende Ballade August Schmidts heraus:

Das Siegesfest

Wer ists, in dessen Antlitz, da jedes freudig strahlt,
Beim heut’gen Siegesfeste sich finstrer Unmut malt?
Was ziehst du bis zum Ende des Saales dich zurück?
Berührt dich gar so wenig der Unsern Waffenglück?

So rufet beim Bankette der König drohend aus,
Indessen Becherklirren und Jubel füllt das Haus.
Beim Zornesruf des Königs verstummt der Zecher Chor.
Und tritt ein alter Krieger zum Throne langsam vor.

Ganz still ist es geworden, des Alten Angesicht
Nicht fremd erscheint er Allen, und doch kennt man es nicht.
Aus busch’gen Augenbrauen ein festes Auge schaut,
Und ruhig tönt die Stimme, volltönend hell und laut.

Wohl sehe ich die Thore, die Straßen bunt geschmückt,
Ich sehe von dem Siege die Deinen hochentzückt,
Die Gränzen sind erweitert, und jeder Mund gesteht,
Wie wiederum der Kriegsruhm des Landes ist erhöht.

Die Jugend deines Landes, wohl schwingt sie sehr das Schwert;
Jedoch sie wird entfremdet dem heimathlichen Heerd,
Denn, fügst du deinen Landen auch täglich neue an,
Was du an Ruhm gewinnest, verliert der Unterthan.

Drum sei gewarnt, o König! Noch ist das Volk gestillt,
So lang der Siege Scheinglanz mit Hoffnung es erfüllt.
Sind auch des Landes Marken ins Weite ausgedehnt,
Glaub mir, daß jeder Zuwachs dein eignes Volk verhöhnt.

Noch hörst du nicht die Klagen aus deines Volkes Mund,
Noch thut sich dir nur Jubel und Anerkennung kund,
Verschwiegen bleibt dem Sieger der untern Stände Not
Und mit dem Frieden sind auch des Friedens Künste tot.

Besteht denn nur aus Kriegern und dir das Volk allein?
Es bricht der Bau des Ruhmes mit einemmal oft ein.
Ein einziges Mißlingen, verloren eine Schlacht —
Und wehe, wenn ein nüchtern Bewußtsein einst erwacht!

Das Denkmal deiner Siege vergeht dann wie ein Hauch,
Vergaßest du des Volkes, vergißt es deiner auch.
Von deinen Siegsgenossen denkt jeder nun an sich,
Sieht er das Ende kommen —; ich warne König dich!

Verwegner! ruft der König, wie, solche Worte mir?
Könnt ihr das dulden, Mannen, trotz etwa schon auch ihr?
Da raffen sich die Hörer aus bangem Schrecken auf,
Und nach den Waffen greifet der Krieger ganzer Hauf.

Von allen Seiten stürzen sie auf den Alten her,
Doch plötzlich ist die Stelle, wo er gestanden, leer;
Nur seine Stimme hallet im Saale noch zurück:
Vergebens sucht zu kämpfen ihr gegen das Geschick.

Seine Bemühungen um eine Würdigung Sigmund von Birkens sind zeitgemäß subjektiv, doch immerhin ein Ansatz zu Wertschätzung:

Sigmund von Birken, genannt Betulius. 1626-1681. Von Aug. Schmidt. Nürnberg, Druck von J. L. Stich, 1894.
„Justinus Kerner sagt von Birken* (*Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 257 vom 27. Oktober 1834.), «[…] Lese man seine Gedichte, so sei es, als vernehme man einen Singvogel, der, in einem schön geputzten Käfig verschlossen, künstliche Triller, die man ihn lehrte, hervorbringt, der aber mitten in dieser Arbeit wieder in die Töne seines ihm angeborenen, vollen Waldgesanges verfällt; weiter glaube man, in einem französischen Garten zu gehen, wo hier und da in steife Formen geschnittene Bäume heimlich, noch nicht bemerkt von alten blinden Gärtner, lange, schlanke Blütenzweige, auf denen bequem sich die Vögel wiegen, in den blauen Himmel ausstrecken.» Ja, er konnte […] zuweilen aus der angelernten Rolle fallen. Der Umstand, daß er sich vom Beginne seines Auftretens als Dichter in den höheren Schichten der Gesellschaft bewegte […] verlieh ihm jenen Grad von hochmütiger Demut, von selbstbewußter Bescheidenheit, daß es ein Wunder gewesen wäre, wenn bei unläugbarem Verwöhntsein durch die Lobhudelungen Gleichgestellter und die Auszeichnungen hoher und höchster Herren dies nicht in seine Dichtungen abgefärbt hätte. […]“

Georg Lehmann, der bei Buchungen leicht überforderte Schatzmeister, hat im Jahre seines Amtsantritts (1882) ein bemerkenswertes „erzählendes Gedicht“ mit dem Titel „Jung Martin im Vaterhause“ vorgelegt, in dem er versucht, den Seefahrer Martin Behaim in eine Geschichte einzubetten, die ein christlich-jüdisches Miteinander ausprobiert und dann halbherzig fallenläßt. Im ersten Gesang müht sich Martin mit mathematischen Aufgaben ab. Im zweiten wird ein Untermieter des Hauses am Herrenmarkt vorgeführt, Simon Fläsch, Nachkomme eines jüdischen Pfandleihers, der dem Pogrom von 1349 entkommen ist, weil ihm Martins Vorfahr „wegen eines Geldgeschäftes verbunden“ war:

Denn nicht blos als Vätererbstück
War das alte Möbel werth ihm,
Auch als Kammer seiner Schätze
Diente ihm der Backensessel.

Kostbar war des einen Backen
Füller, lauter Edelsteine.
Und der andre war mit Münzen
Goldes eitel ausgepolstert.

[…] Und wenn auf die Lehne legte
Sich zurück zum Schlaf der Ahnherr,
War das erst ein köstlich Lager
Auf den Schuld- und Wechselbriefen!

Es kann nicht ausbleiben, daß die Kinder beider Familien miteinander aufwachsen:

[…] Nicht des Glaubens starre Formel
Nicht des Stamm’s markante Bildung
War den Kindern eine Schranke
Spielend setzten sie darüber.

So auch Martin. Zu besuchen
Fläsch in seiner stillen Klause
War von Jugend auf gewohnt er,
Fläschen und sein Kind, die Mirjam. […]

Martin lernt sein späteres Wissen als Navigator unter anderem dadurch, daß er unter Anleitung von „Meister Hans“ ein Astrolabium fertigt. Im fünften Gesang ist es dann soweit:

Zur Sonntagsmorgenstunde war es,
Wohl in der Sommerzeit des Jahres.
Um zu entgeh’n dem Aug’ der Welt,
Hat dorthin sich das Paar bestellt.
Und was denn war es, daß die Beiden
Die Oeffentlichkeit zwang zu meiden?
Ein Blick auf sie die Antwort war.
Ihn kündete das Lockenhaar,
Das goldige, an als Germanen,
Dieweil ein scharf markirter, blauer
Streif an dem Schleier den Beschauer
In ihr ließ die Semitin ahnen.
Und Christ sowohl, als Jud, ein Jeder,
Er hätt’ geschrien Ach und Zeter,
Hätt’ er hier Eines an des Andern
Hand sehen durch die Fluren wandern,
Eins in dem Aug des Andern lesen.
Martin und Mirjam sind’s gewesen.
[… Sie finden ein verborgenes Plätzchen im Schilf…]
Als sich der erste Sturm gelegt,
Da sprach Martinus tief bewegt:
„So sei du nun, o Mirjam traut,
Die heilig mir verlobte Braut
Und sollst mein ehlich Weib auch werden
Trotz jedem Hinderniß auf Erden,
Trotz Acht und Aberacht und Bann!“
Sie drauf: „Mein herzgeliebter Mann
Auch ich verlobe mich allhier
Auf Tod und Leben fest mit Dir.
Des Glaubens Satzung und der Fluch
Im Tempel gilt mir nicht genug,
Daß ich sollt’ meine Liebe lassen!“
[…] Dort überm Ozean —
Schwört Regiomontan —
Läuft Asiens Küste man,
die östliche, ja an.
Dort gibt es Länder viel,
Für uns als Reiseziel
Und Zufluchtsort geschaffen! […]

Im sechsten Gesang allerdings läßt Lehmann auch noch die Möglichkeit einer gemeinsamen Flucht aus der intoleranten Gesellschaft fallen und serviert die Heldin mittels eines „tückischen Nervenfiebers“ ab. Martin ist ehrlich erschüttert, nimmt sich aber vor, auf jeden Fall seine Entdeckungsreise anzutreten. Er wird mit einem Bankett im „Goldnen Ring“ am Weinmarkt von seinen Freunden verabschiedet.

Nur der Tucher für sich beiseit
Sprach: Martinus, fahr nicht zu weit,
Daß dein kecker Entdeckermuth
Nürnbergs Handel nicht Schaden thut.*

Fußnote Lehmanns: „*Wie er das in der That auch gethan hat, denn die Entdeckung der Westküste Afrikas durch Martin Behaim hatte diejenige und die Umschiffung des Kaps der guten Hoffnung zur Folge, wodurch der Zwischenhandel Nürnbergs lahm gelegt wurde.“

Ein letzter Blick von der Burgfreiung über die Stadt, ein letztes Gedenken an Mirjam, dann geht es los, zunächst nach den Niederlanden. Und die Moral von der Geschicht? Bleibe im Lande und wir nähren uns redlich? Ungleiche Verbindung tut nicht gut? Da ist ihm trotz gutgemeinter Ansätze die Bilanz ein wenig durcheinandergeraten.

Dem Konsul Léon Duplessis, der schon auf dem Nürnberger Theater, wie erwähnt, einen Triumph gefeiert hatte, widerfuhr am 1. Oktober 1882 die Ehre, daß sein Gedichtband „Érostrate“ von keinem geringeren als Felix Dahn rezensiert wurde: „[…] Der Standpunkt des Herrn Verfassers (der übrigens eine deutsche Mutter hat: sein Vater war ein ausgezeichneter französischer General) ist der extremste Katholizismus, wohl unter starkem Einfluss des Jesuitismus.
Dieser Standpunkt ist nun nicht ganz der Meinige: vielmehr sozusagen, etwa das Gegenteil. Die Weltanschauung und die ,Moral’ des Buches kann also von niemand kategorischer verworfen werden als von mir. Doch hält dies nicht ab, sowohl psychologisch dem höchst interessanten, komplizirten Werdegang dieser Anschauung und der notwendigen Gestaltung ihrer Ergebnisse achtungsvollste Merksamkeit zuzuwenden, als selbstverständlich die ganz außergewöhnliche, eigenartige, auch die höchste Stufe der Mittelmäßigkeit adlerhoch überfliegende poetische Begabung des Herren Feindes mit aufrichtiger Bewunderung anzuerkennen, was nicht ausschließt, dass wir, von unserem deutschen Stilgefühl aus — also wahrscheinlich ungerecht, weil in unvollkommener Kenntnis des vom französischen Sprachgeist Ertragenen, ja vielleicht Geforderten — dicht neben dem Erhabensten Dinge finden, welche uns fast als Geschmacklosigkeiten erscheinen, ja zuweilen eine komische Wirkung üben, welche schwerlich in allen Fällen beabsichtigt ist.“ Es folgen Einzelnachweise an Textstellen und die Beobachtung, daß Duplessis den Feinden der Orthodoxie jedenfalls die Hölle erspart.

Der Journalist Hans Pfeilschmidt stellte 1885 ein „Irrhain-Fest-Album“ zusammen. Es handelt sich um Parodien bekannter Dichter, die meisten längst verstorben, denen unterstellt wird, sie hätten sich zum Irrhainfest etwa einfallen lassen. Darin erweist er sich dem berühmten Hanns von Gumppenberg als Parodist ziemlich ebenbürtig.

Swaz da singet und suozen sanc
Meinet, daz macht mich wolgemuot,
Dem künd ich ouch als rehten danc
Vriundschaft unde triuwe huot.
Des bin ich nû dem bluomenorden
Unsihtic ouch ein ritter worden,
Geb ihm zum haine daz geleite,
Herr walther von der vogelweide. […]

[…] So seid denn heut auch wolgemut,
Meister, gsellen und lehrling gut,
Holt euch im haine frewdigkeitt
Für den Dichtens künstlich arbeit.
Laßt auch mit lieplichen frewlein
Ein tentzlein euch willkommen sein,
Auch ich war jung und kans berichten:
Fraw Minne lehrt am besten dichten.
Ich freylich muß meins alters schonen,
ersamb vff dem parnassus thronen,
Denn spreng ich mit dem alten bein
In ewrem Tantz, wers gar unfein.
Doch schaw ichs gern aus meiner ruh
Und geb auch all mein segen zu.
Daß ewer orden blüh und wachß
Dieß wünscht sampt heitrem fest
Hans Sachs.

Jüngst allein
Irrt’ ich durch den Hayn,
Und verzükkt in guldner Liebes-Wonne
Nach der süssen Schäf’rin, deren Augen-Sonne
Flammicht    meines    Lebens    Weg    bestrahlet
Ueberall    ihr    Bild    in    Purpur-Farben    mahlet
Dacht  ich    in    des    Irrhayns    grünen  Winde-Pfaden
Mein      erhobnes      Hertze      dichtend      zu      entladen.
Aber    ach!    welch    unerhörter    Zauber    hatte    da    gewaltet
Und    die    holde    Zufluchts-Stette    also    mercklich    umgestaltet!
Wohl     noch     durfft     mein     Auge     ihr     Smaragdgrün     trinken
Und    die    Hummeln    taten    summeln,    und    die    Finken    binken,
Doch     vergangen     war     das     Prangen     schlängelichter     Hekken,
Und      geraubet,      so      belaubet,      Hüttlein      zum     Verstekken!
Und     in     einem     Stein     gegraben     mußte    ich     da    lesen,
Daß    ich    vor   zweyhundert    Jahren    hier    zuletzt gewesen.
Wie   in   Träumen   unter   Bäumen   stand   ich da verwundert:
Daß zwey Stunden, so verschwunden, waren zwey Jahrhundert.
Darum fragend rief ich klagend nach entschwundnem Glükke,
Und fast höhnend mir ertönend Echo scholl zurükke:
Zeiten    schreiten,

Zeiten     gleiten,

  Weiten     breiten
Längst sich zwischen Schäferfreuden.
Mußt es leiden,
Dich bescheiden.
Lerne meiden!
Eitelkeiten
Ird’scher Zeiten
Sollst Du denen nicht bestreiten,
So Dir längst schon Nachruhm und Parnassus neiden!

                    Georg Philipp Harsdörffer.


Tretet weise, lieben Kinder,
In bedeutsam-ernsten Hain;
Nur die Feder laßt dahinter,
Arbeit soll begraben sein.

Feiernd schaut, wie hier beweglich
Sich des Lebens Bild entrollt,
Hundertfarbig, froh-behäglich:
Nun, hier habt ihr, was ihr wollt!

Dichtend leben, lebend dichten —
Merkt dieß heitre Wechselspiel.
Grollet denn und grillt mit Nichten,
Greifet zu, und fragt nicht viel.

Art’ge Schöne, seht sie winken,
Wohl, so übt denn neue Pflicht:
Lebet, bis die Sterne blinken,
Und erlebt mir ein Gedicht.

            J. W. v. Goethe,
            Geheimderath, Kammerpräsident a.D.

Und so noch mehreres.

Paul Heyse griff den Skandal um das 1887 von Antisemiten und Nationalisten verhinderte Heine-Denkmal auf und sandte dem Blumenorden ein Doppelblatt im Quartformat, dreiseitig beschrieben, anscheinend die Spiritus-Vervielfältigung einer sehr sauberen Handschrift, wohl nicht Heyses eigener, aber von ihm eigenhändig unterzeichnet:

Heine in Düsseldorf

Dem Dichter war so wohl daheim
In Schilda’s theurem Eichenhain.
Heinrich Heine.

Der Bürgermeister und Magistrat
Zu Düsseldorf am Rheine
Die saßen zusammen und hielten Rath
Über den Heinrich Heine.

Und Einer sprach: Ehrsame Herrn,
Es ist nicht länger zu leiden
Daß wir die Sach’ in’s Blaue zerr’n
Wir müssen uns heut entscheiden.

Zeit ist’s fürwahr, daß rings im Land
Das schnöde Geschwätz verstumme
Beisammen ist, wie allbekannt
Das Geld, eine schöne Summe.

Auch ward mit hastigem Unbedacht
Ein wackrer Künstler gewonnen,
Der hat ein trefflich Modell gemacht
Für einen Loreley-Brunnen.

So weit war’s gut, ich sag es frei,
Wenn man nicht drauf bestände
Daß auch der Dichter der Loreley
Am Sockel ein Plätzchen fände.

Doch man verdirbt das ganze Spiel
Mit dieser Heine-Exstase
Und zeigt man auch nur sein Profil:
Er hat eine Judennase.

Die säh’n mit äußerstem Verdruß
Die biederen Antisemiten.
Man weiß, der foetor judaicus
Ist hier nicht wohl gelitten.

Auch äußert’ über Altar und Thron
Der Heine sich oft blasphemisch
Er war der Grazien Lieblingssohn
Doch ungezogen und hämisch.

Und alle sagen: Er hatte Talent,
doch leider keinen Charakter.
Sein Vers war häufig insolent
Sein Leben nicht intakter.

Im Eifer des Gefechtes schlug
Er hie und wieder daneben.
Mein Gott, die Zeit war auch nicht klug,
Drum möchte man’s ihm vergeben.

Würd auch ein hübscher Brunnen bescheert
Das könnt uns wohl gefallen.
Doch wir sind Deutsche und legen Werth
Auf die Gesinnung vor Allen.

Das Geld, so man gesammelt hat,
Kann andre Verwendung finden,
Man könnte dem großen Fastenrath
Ein würdiges Denkmal gründen.
[…]
Und wieder trat ein Redner auf
Und sprach: meine Herren Kollegen,
Das Ding nimmt einen üblen Verlauf,
Ich bitte zu erwägen:

Der Heine — mit Kummer sprech ich’s aus
Ist populär geworden
Weit über Deutschlands Gerenzen hinaus
In Ost, Süd, West und Norden.

In alle lebenden Sprachen ward
Sein Liederbuch übersetzet;
Ein Faktum ist’s betrüblicher Art,
Wie sehr man ihn überschätzet.

Engländer, Spanier, Dänen sogar
Franzosen und Italiener —
Kein Zweiter der deutschen Dichterschaar
Ist weltberühmt wie Jener.

Was soll’n wir sagen, wenn Einer fragt,
Gekommen aus fremdem Lande:
Wo steht ein Heine-Denkmal? Sagt!
Nirgends? O Schimpf und Schande!

Die Väter der Stadt, sie lauschten verstimmt
Und rieben sich die Nase.
Das Wort ein dritter Redner nimmt
Mit sittlicher Emphase:

Was schiert uns aller Hohn und Spott,
Mit dem uns Fremde beluden?
Wir Deutsche fürchten nichts als Gott
Doch nicht den Gott der Juden.

Schätzt man in Frankreich Heine’s Stil
So dien’ auch das zur Warnung!
Man weiß, wie schmachvoll er verfiel
Erbfeindlicher Umgarnung.

Wär’ er im Leben und Gedicht
Ein Patriot gewesen
Ihn würden mit solchem Eifer nicht
Die fremden Völker lesen.

Zur Strafe, daß er sich erfrecht,
Nichtdeutsche zu erbauen,
Soll man in Deutschland nun erst recht
Kein Heine-Denkmal schauen.

Ein allgemeines Bravo scholl,
Ein wüthendes Beifallstoben.
Der Bürgermeister sprach würdevoll:
Die Zweifel sind gehoben.

Nach diesem schlagenden Argument
Wird sich’s von selbst verstehen,
Daß über das Heine-Monument
Zur Tagesordnung wir gehen.
[…]
Mag immerhin ein Studentenhauf
Die Lieder des Juden plärren,
Was thut’s? — Ich hebe die Sitzung auf
Wünsch’ guten App’tit, ihr Herren! —

Sie nahmen die Hüte und gingen fort
Die wackeren Bürger und Gatten
Man sagt, es sei am Rathhaus dort
Vorübergehuscht ein Schatten.

In den verklärten Augen stand
Ein schmerzlicher Hohn zu lesen:
„Einst hatt’ ich ein schönes Vaterland;
‚s ist nur ein Traum gewesen.“

Daß Heyse auch ein soziales Gewissen hatte, erweist die Bestimmung in einem Festspiel von 1894: „Der Ertrag ist zu gleichen Theilen den Stadtarmen von Eschenbach und der deutschen Schillerstiftung bestimmt.“ Darin geht es um eine erfundene Begebenheit aus dem Leben Wolframs von Eschenbach, Ort der Handlung: Eschenbach in Mittelfranken, Zeit: 1205.

Wolfram hat eine schlimme Schreibblockade. Er hat von seinem Kollegen Hartmann von der Aue nach Übersendung eines Manuskripts nichts gehört, fühlt sich abgelehnt und zweifelt an seinem Talent. Er ist vom Hause des Grafen von Wertheim in ein Zimmerchen im heimischen Eschenbach gezogen. Die Tochter seiner Vermieter hat sich in ihn verliebt. Die Mutter ist nicht sehr dagegen, der Vater um so mehr. Mit großem Gefolge ziehen auf einmal Hartmann von Aue und Walther von der Vogelweide die Gasse herauf. Der letztere ist sehr angetan davon, daß ein Mädchen aus dem Volke eines seiner Lieder vortragen kann. Er und Hartmann loben nun Wolfram über den grünen Klee und dieser, mit neuem Selbstvertrauen, gibt eine Zusammenfassung seines Epenplans. Hartmann überbringt zudem eine Einladung an den Hof des Markgrafen von Thüringen. Da kommt aber der Graf von Wertheim hinzu und schenkt ihm, um ihn nicht zu verlieren, die Burg und Herrschaft Wildenberg:

Es ist kein reich Geschenk,
Doch mag’s genügen wohl zum Leben
Für einen mäß’gen Hauswirth, und ich denk’,
Auch für ein treues Weib daneben.

Nun steht der Vermählung der Liebenden nichts mehr im Wege. Und das ganze Stück steht eigentlich in Sprache und Handlungsführung nicht gar so hoch über den Irrhainspielen nichtberuflicher Autoren aus dem Blumenorden.

In verbindlichster Weise erzeigte sich Heyse diesem Orden gegenüber, indem er eigens zum Jubiläum 1894 angefertigte Verse überschickte, die am 20. Oktober vorgetragen werden sollten — und auch wurden.

„Hier, werthester Herr Doctor, meine Tischrede zum 20sten, mit der wiederholten dringenden Bitte, sie scharf darauf anzusehen, ob sie auch den rechten Ton getroffen hat und nichts enthält, was in die Feststimmung einen Mißklang bringen könnte. Sollte sich’s um eine oder die andere einzelne Wendung handeln, so bin ich gern zu einer Änderung bereit. Das Ganze ist leider etwas lang gerathen. Wenn Sie nicht dafür sind, das Gedicht als eine Art Prolog die Reihe der Toaste einleiten zu lassen, würde es kaum sonst eine passende Stelle finden, und ich bitte darum, das Blatt nur als ein Zeugniß für meinen guten Willen zu den Akten der Genossenschaft zu legen. Sollten sie es aber zum Vortrag bringen, so müßte es durchaus einfach, ohne rhetorisches Pathos gesprochen werden.
Ich habe so viel Arbeit und aufgesparte Geschäfte vorgefunden, daß ich mir nicht die Zeit nehmen konnte, die Verse in einer etwas festlicheren Gestalt Ihnen vorlegen zu können. Meine Handschrift ist nicht immer ganz deutlich. Der Vortragende wird wohl eine Schreiberhand zu Hülfe nehmen müssen, um ohne Anstoß zu lesen.
Beifolgend auch die drei Bücher, mit bestem Dank.
Mit der Bitte, mich Ihrer verehrten Gattin freundlichst zu empfehlen, grüßt Sie
Ihr sehr ergebener Paul Heyse München. 12. X. 94.“

Die Poesie, das Himmelskind,
Das immer neu auf Künste sinnt,
Den mühbeladnen Erdenkindern
Des grauen Alltags Noth zu lindern,
Und jede Lust und jedes Leid
Mit seelenvollen Klängen weiht,
Wie schleicht sie heute scheu und stumm
Im lauten Marktgewühl herum!
Die Welt ist ja des Streites voll,
Wobei die Muse schweigen soll;
Drum geht sie einsam ihrer Wege,
Hat nicht, wo sie ihr Haupt hinlege.
Nur Frauen noch und Jungfräulein
Mag immer sie willkommen sein,
Und gute junge Liebesleute
Verehren treulich sie bis heute.

Hier aber an der Pegnitz Borden
Blüht freilich fort der Blumenorden,
Der trotz der Zeiten rauhem Geist
Der edlen Dichtkunst sich befleißt.
Nicht Mägdlein sind’s und grüne Knaben,
Die Muße stets zum Tändeln haben,
Nein, Männer, manche schon ergraut,
Mit allem Lebensernst vertraut,
Und achten’s dennoch keinen Raub,
Zur Feierzeit vom Werktagsstaub
Im Musenborn sich rein zu baden,
Der Sorgenlast sich zu entladen.

So wackrer Brauch — er blieb im Schwang
Zweihundertundfünfzig Jahre lang,
Und da sich heut zum Jubelfeste
Geschaart ein Reigen werther Gäste,
Gedenkt nur wohl, wie trüb die Zeit,
Da dieser Bund ward eingeweiht.
Wie damals rings im deutschen Land
Krieg wütete mit Blut und Brand.
In solcher Tage Drang und Druck
Wohl seltsam schien der Blumenschmuck
Und zu der brennenden Dörfer Röthe
Myrtill’s und Strephon’s Hirtenflöte.
Doch wie am heißen Schlachtentag
Der Lerche Lied erfreuen mag,
Die über all dem wüsten Grauen
sich tirilierend wiegt im Blauen,
So lauschte wohl der Wüter Ohr
Auch gern zur Norisburg empor,
Von wo mit schäferlichem Klang
Des Himmelskindes Stimme drang.

Heut klingt sie wohl aus anderm Ton.
Dahin sind längst die Tage schon,
Da uns ergötzt die Melodei
Der siebenrohrigen Pansschalmei
Und in des Irrhains Schattenpfaden
Das Zirpen lyrischer Cicaden.
Den Kranz, der Dichterstirn umflicht,
Erringt man heut so billig nicht:
Es gilt, ein volles Menschenleben
Dem Dienst der Göttin zu ergeben.
Doch woll’n wir auch nicht schelten lassen,
Die sich mit Musenwerk befassen
Und fühlen nicht Beruf und Kraft
Zu zünftiger Poetenschaft.
War’s doch zu allen Zeiten auch
In unserm Volk ein guter Brauch,
Bescheiden hinterm Haus gelegen
Ein Blumengärtlein gern zu pflegen,
Drin Rosen und Jasmin gedeihn,
Und, konnten’s keine Palmen sein,
Mit Veilchen seinen Tisch zu schmücken,
Dran Herz und Augen sich erquicken.
So mag auch an der Muse Gaben
Jeglicher seinen Antheil haben,
Ragt seines eignen Lenzes Flor
Auch nicht in stolzer Pracht hervor.
Denn wie ein bunter Erntekranz
Den Wagen schmückt voll reicher Garben,
Soll nicht am Schmuck des Liedes darben
Das Lebenswerk des deutschen Manns.

Und so vererbt den Enkeln treu
Der Ahnen ehrenwerthe Sitte,
Daß auch hinfort in ihrer Mitte
Die edle Muse heimisch sei!
Dann wird ihr reiner Himmelshauch
In frohem Wandel sie beseelen,
Und unserm Blumenorden auch
Wird’s nimmerdar an Früchten fehlen.

Das letzte Wort in dieser Zitatenreihe soll mit seiner allerletzten Reimchronik Friedrich Knapp haben.

Der Reimchronik 250. Stuck Irrhain am 3. Juli 1894. (29008-29147.)
Druck von J. E. Stich in Nürnberg

Zu der Maaten treuem Häuflein sprach der „Chronik“ Capitän,
Als sie auf das Gangspill traten, um die Anker aufzudreh’n:
„Mannen, wohl der letzten Reise harret unser Klipper heut’,
Und die See, ein gutes Zeichen, scheint mit Rosen überstreut.
[…]
Dreißig Jahre wir jetzt steuern, und wir haben wohl bedacht,
Daß Beharrlichkeit in Schaffen nur den Seemann tüchtig macht.
[…]
Und als der Litterarische Verein
Ehrwürd’gem Blumenorden sich verbunden
Und seine Völker führte Knapp herein —

Die bald mit Herz und Hand sich ihm gefunden —,
Da heischten auch am trauten Ort zu nisten
Mit Klio’s Buch und Stylus die Chronisten.
[…]
Weht doch der Vorwelt Geist geheimnißreich
Ob jedem Haupte in Pegnesias Hallen!
Harsdörfer, Birken, Klaj, Limburger wallen
Fühlt man im labyrinthischen Gezweig.
[…]
Doch auch der neuen, jüngsten Zeit Fanfaren,
Fortstäubend welkes Laub, die treulich wahren
Des Ordens Wohlfahrth, schmettern fröhlich drunter.
[…]
Nun tritt sie voll und glänzend auf die Schwelle
Die vierteltausendjähr’ge Jubelfeier
Des Ordens durch des Irrhains Laubgeäste,

Wir aber rüsten freudiglich und schnelle,
Was Herz und Kopf und Hand vermag und Leier,
Mit lautem Heilruf grüßend Freund und Gäste!

Zum Schluß den Wunsch: Treu mögen Beckh und Schmidt,
Des Ordens Meister, ihres Amtes walten!
Für unser’s Bund’s gedeihliches Entfalten —
Gelobt es Alle! — thun wir freudig mit.

Die geist’ge Waffe, die so wacker stritt
Bisher, bekränzt mit Blüthen! Zu gestalten
Pegnesias Glück und Heil laßt ernstlich halten
Selbstlose Eintracht fürder Schritt um Schritt.

Nicht mit dem Jubelfest sei’s abgethan —
Noch lange soll der Blumenorden blühen
Trotz Unkenrufs trübsel’ger Pessimisten.

Ihr Freunde, jetzt ist unser Werk gethan!,
Dank Eurer Gunst bei unserm schlichten Mühen —
Ade! Gedenkt in Freundschaft der Chronisten.