Die Ära Beckh geht zu Ende

Schlagartig änderte sich das gesamte Umfeld. Doch man glaubte an ein baldiges Ende des Krieges, und zwar ein „glorreiches“:

Bericht des I. Schriftführers über das Geschäftsjahr 1914
[…] Auf dem Felde der Ehre im Kampfe fürs Vaterland verstarb am 29. Nov. 1914 Herr Rechtsanwalt Adolf Meixner. […]
In der Fertigstellung des Kataloges trat durch den Ausbruch des Krieges u. die dadurch verursachte Einberufung Dr. Reickes zu den Waffen eine Verzögerung ein.
[…] Das Goethejahrbuch konnte leider wegen Einberufung des Bearbeiters zur Truppe in diesem Jahre nicht erscheinen. […]
Der erfreulichen Entwicklung des Ordens im I. Halbjahr 1914 folgte leider eine, durch den Ausbruch des Völkerkrieges bedingte, ziemliche Rückwärtsbewegung. Ein Teil der regelmäßigen Besucher der Tafelrunde hat seine Kräfte dem Vaterlande zur Verfügung gestellt und befindet sich teils im Felde, teils im Lazarett- und Verwaltungsdienst, und was zuhause blieb war teils für das rote Kreuz in Anspruch genommen, teils in Gedanken so mit den fortlaufenden Ereignißen verwebt, daß es keine Muße für Literatur und Poesie fand. Möge ein baldiger, glorreicher Friede auch da Wandel schaffen. O. Börner.

Nachruf auf Hans Ostermayr von Oskar Beringer
Hans Ostermayr, der Teilhaber des Kunstgewerbehauses L. Ostermayr in Nürnberg, Hauptmann d.R. und zuletzt Bataillonsführer, starb am 28. Oktober den Heldentod für sein heißgeliebtes Vaterland
[…]

Ordentliche Hauptversammlung am 12. Februar 1915
[16 Mitglieder sind anwesend …] In der Ergänzungswahl wurde an Stelle Osk. Beringers, welcher nach München verzieht, v. Scheuerl [sic] mit Stimmenmehrheit in den Ausschuß gewählt. […]

Bericht des I. Schriftführers über das Ordensjahr 1915
Die Weltkriegslage des Jahres 1915 übte auch auf die Tätigkeit und den Besuch des Pegn. Bl. Ord. ihren hemmenden Druck aus und zwang ihn verschiedene, in normalen Jahren fleißig und gerne besuchte Veranstaltungen teils ganz ausfallen zu laßen, teils zu beschränken.
[…] Von dem auf ihn [den Orden] bei der Sparkasse angelegten Vermögen wurde verausgabt: M. 200- für Kriegsanleihe. M. 20- für den Verein zur Beschaffung von Kriegshunden. […] Ein großer Teil der verehrlichen Mitglieder des Ordens befindet sich auch heute noch in den verschiedenen Dienstzweigen im Felde. Möge ihnen allen im stolzen Bewußtsein der mit erfochtenen Siege eine körperlich u. geistig gesunde, baldige Rückkehr beschieden sein.

Auch „geistig gesunde“! Man kannte also schon Fälle von Traumatisierung, nannte es nur nicht so. Mit zunehmenden Entbehrungen und unter dem Eindruck von militärischen Rückschlägen ließ auch die geistige Gesundheit der Zivilbevölkerung nach, und es kam zu geradezu verrücktem Mißtrauen gegen Mitbürger aus dem neutralen Ausland.

Freitag den 18 Februar 1916.        6. Wochenversammlung
[…] Lambrecht brachte die seinerzeitige Anregung des I. Vorsitzenden, Dr. Janko zum korrespondierenden Mitglied zu ernennen neuerdings zur Sprache und gab bekannt, daß Janko z.Z. an einer Berliner Zeitung angestellt ist; staatgefährdende Bedenken demnach kaum gegen ihn vorliegen könnten. […] will Lambrecht erst einen erneuten Antrag stellen, wenn die Herren, die damals gegen die Ernennung Jankos waren, zugegen sind. […]

Freitag den 14. April 1916
[…] Ferner, aus einem Brief Dr. Jankos, z.Z. Mitarbeiter an der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung Berlin/München“, Herausgeber Minister a.D. Frauenhofer & Prof. Janvée, auf des Vorsitzenden Anfrage bezgl. des auf ihm (Dr. Janko) ruhenden Spionageverdachts, daß ihm (Dr. Janko) vor längerer Zeit bei seinem Aufenthalt in München ein Nbger. Kaufmann u. Amateur-Detektiv das Anerbieten gemacht habe, in seiner Eigenschaft als neutraler Schweizer das Deutsche Reich mit für dasselbe wertvollen oder wissenswerten Nachrichten aus Frankreich zu versorgen, was er aber sofort energisch abgelehnt habe. Aus diesem Angebot möge sich vielleicht das Gerücht seiner Spionageverdächtigkeit entwickelt haben. Er bitte den Vorsitzenden eindringlich ihm alle, ihm oder den Ordensmitgliedern über diese ihm zugesprochene Tätigkeit zu Ohren kommenden Gerüchte mitteilen zu wollen, damit er diese Verleumder gerichtlich fassen könne. […]

Am 20. 7. 1917 wurde dann Dr. Janko als korrespondierendes Mitglied aufgenommen.

Bericht des I. Schriftführers über das Ordensjahr 1916.
Das Ordensjahr 1916 hatte womöglich noch mehr unter der Weltkriegslage zu leiden wie das vorhergehende. Die zu Beginn des Jahres noch verhältnismäßig zahlreich besuchten Freitagssitzungen verloren immer mehr an Teilnehmern und beschränkten sich schließlich auf einen kleinen, aber zuverläßigen Kreis von Stammhaltern.
[…] Versammlungen mit Damen mußten leider ausfallen.
[…] Wiederholte Nachrichten von unseren im Felde befindlichen Mitgliedern zeigen, daß sie auch in ihrem schweren, vaterländischen Dienst treu des Ordens gedenken und sich auf die Zeiten freuen in denen sie ihren literarischen Bestrebungen wieder ungestört nachgehen können. Möge sich ihnen diese Zeit bald erfüllen.

Notiz Börners:

Ab 15. Feb. trat durch Verfügung des stellv. Generalkommandos des III. Armeekorps, wegen Kohlenmangels, Lokalsperre ein. Um die Verbindung der Mitglieder nicht ganz zu lösen wurden die Zusammenkünfte im Gastlokal des Krokodils weitergeführt. Die Hauptversammlung mußte aus demselben Grunde auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Dortselbst erfolgte auch am 9. März 1917 die einstimmige Aufnahme des Herrn Geheimen Hofrats Alfred Nathan, Fürth i/B zum ordentlichen Mitglied. […] Der verstorbene Consul Herr Ignaz Oettinger vermachte dem Orden Fünfhundert Mark. Einhundert Mark davon wurden auf Vorschlag Lambrechts durch einstimmigen Beschluß der U Boot Spende überwiesen. […]

Ordentliche Hauptversammlung am 8. Juni 1917
[7 Mitglieder anwesend …] Beschloßen wurde, die Neuwahl der Gesamtvorstandschaft bis zur Beendigung des Krieges auszusetzen. […]
Correspondenzen vom Felde liefen ein von:
Herrn Hauptmann Dr. Emil Reicke. […] Herrn Reallehrer Wilhelm Schmidt […insgesamt 6 Namen]
Im Felde stehende Mitglieder.
[…] Herr Hauptmann Dr. Emil Reicke, Kustos a.D. Stadtbibliothek […] Herr Major Albert Beckh. Herr Oberstabsarzt Dr. August Beckh. […] Herr Reallehrer, Landsturmmann Wilh. Schmidt. […] Herr Unteroffizier, Ingenieur Heinr. Richter. […insgesamt 15 Namen]
Zum Heeresdienst eingezogene Mitglieder.
Herr Oberst z. D. Alex. Freiherr v. Harsdorf. Herr Dr. Max Schneider, Kasernenunterinspektor. […] Herr Hofrat Dr. Friedr. Voit. […] Herr Hofrat Dr. Sigmund v. Forster. […] Herr Regierungsaßeßor Eberh. Freiherr v. Scheurl, Hauptmann d.R. […] Herr Conservator Heinr. Heerwagen, Landwehr. […insgesamt 15 Namen von Kriegsteilnehmern, die nicht zur kämpfenden Truppe gehörten]

Jahresbericht über das Ordensjahr 1917.
Infolge der behördlichen  Verfügung über die Einsparung von Licht und Heizmaterial war der Orden genötigt seine Zusammenkünfte in den allgemeinen Restaurationsraum zu verlegen; eine Notwendigkeit, welche eine literarische Auswertung derselben so gut wie unmöglich machte.
[…] Dieselben Ursachen machten es dem Orden auch so gut wie unmöglich mit Vorträgen in die Öffentlichkeit zu treten. […] Alles zusammengefaßt handelte es sich lediglich um ein Durchhalten. […]

Ordentliche Hauptversammlung am 8. März 1918.
im Bibliothekssaal des Herrn Eberh. Freiherrn v. Scheurl, Burgstraße 10.
Anwesende Mitglieder.
1.) Ackermann.
2.) Dr. Behringer.
3.) Börner.
4.) Dr. Heerwagen.
5.) Lambrecht.
6.) v. Scheurl.
7.) Dr. Voit.
8.) Wießner.
Der erste Vorsitzende Hofrat Dr. W. Beckh war durch Unwohlsein verhindert. Sie [die Bibliothek] dem German. Nationalmuseum zur Aufbewahrung zu übergeben wäre ebenfalls eine günstige Lösung. Leider ist dasselbe, wegen Platzmangels, nicht in der Lage die Bibliothek übernehmen zu können.
[…] Nachdem derselbe [Emil Reicke] zurückgekehrt und seine Tätigkeit wieder aufgenommen hat ist Aussicht vorhanden, daß der Katalog fertiggestellt wird.
 
Nürnberg, den 29. März 1918.9
Hochverehrte und liebe Ordensfreunde!

Zu meiner Ueberraschung vernahm ich vorgestern nach Schluß der Theatervorstellung, daß Sie mir für das auf Wunsch des Flottenbundes deutscher Frauen verfaßte kleine Trauerspiel eine hohe Ehrung zugedacht hatten. Ich spreche Ihnen für die mir erwiesene freundschaftliche Gesinnung innigsten Dank aus; die Kranzspende hat mir große Freude gemacht. Ihre Anerkennung ist mir auch um deswillen besonders wertvoll, weil ich daraus ersehe, daß wir in dem Wunsche und Willen übereinstimmen, der gewaltigen vaterländischen Sache ein Wirken von wahrhaft deutscher Kraft zu weihen.

In vorzüglicher Hochachtung
Ihr treu ergebener Konrad Gustav Steller


Noch vor Kriegsende wurden anscheinend Reservisten heimgeschickt, und versuchsweise nahm man die Freitagsrunden wieder auf.

Freitag den 20. Sept. 1918        13. Wochenversammlung
[…] Ein Angebot des Herrn Prof. Gg. Engel, Berlin über einen zu haltenden Vortrag über die Sprachreinigungsbestrebungen […] Den Vortrag Prof. Engels wurde beschloßen abhalten zu laßen […] Wegen des Honorars wird der I. Vorsitzende Beckh versuchen ob er sich mit dem Vortragenden auf M. 100- verständigen kann. […] Reicke regte an auch einmal die Modernen zu Wort kommen zu laßen, was die Tafelrunde ebenfalls als wünschenswert anerkannte. […]

Freitag den 15. Nov. 1918
[…] Die, sich stets ungünstiger gestaltende, kriegerische Lage und die sich daraus ergebende, gedrückte Stimmung ließ den Orden solange von jedem öffentlichen Hervortreten absehen, bis sich die Verhältniße so oder so etwas aufklärten. […]

Jahresbericht über das Ordensjahr 1918.
[…] Von Ende April ab stand den Mitgliedern wieder ein gesonderter Raum zur Verfügung […] Der Mitgliederstand setzte sich am 31. Dezember zusammen aus: 13 Ehrenmitgliedern, 13 korrespondierenden u. 106 ordentlichen Mitgliedern. […] Unser verehrter I. Vorsitzender, Herr Hofrat W. Beckh, welcher in der ersten Hälfte des Jahres noch die Versammlungen leitete mußte, infolge hohen Alters, zum großen Leidwesen des Ordens, vom Wintersemester an auf diese ihm durch 33 Jahre lieb gewordene Tätigkeit verzichten und die Leitung dem II. Vorsitzenden, Herrn Dr. Behringer, überlaßen. […] Nachdem der Frieden [sic] glücklich eingeleitet und unsere werten Kriegsteilnehmer, soweit sie Not und Tod verschont, in unsere Mitte zurückgekehrt sind, wird es dem Orden zum ganz besonderen Vergnügen gereichen alle diese Herrn, die diese schwere Zeit mit durchgekämpft, durchgerungen und durchgearbeitet haben, bei sich begrüßen und auf ihre freundl. Mitarbeit zur Belebung des Ordens hoffen zu dürfen. […]

Freitag den 3. Jan. 1919.        1. Wochenversammlung
[…] Dr. Behringer eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, in welcher er auf die Ziele des Ordens hinwies und betonte, daß es dem Orden in erster Linie obliege zur Hebung der, durch den Krieg und seine Folgen stark in Abnahme gekommenen, deutschen Gesinnung […] einzutreten. […] Im Anschluß daran verlas er folgende Rundschrift, die an die Mitglieder hinausgegeben werden soll:
[eingeklebtes Blatt mit gedrucktem Text; daraus:]
Unserem Orden ist durch die Lage des deutschen Volks eine große Aufgabe entstanden: Neuerweckung deutschen Wesens, Pflege deutscher Gesinnung und Gesittung, Hebung und Stärkung des deutschen Gedankens und deutscher Ideale durch gute, gesunde deutsche Literatur. Wir wollen diese hohe Aufgabe fördern helfen, soweit es in unseren Kräften liegt, und bitten unsere verehrten Mitglieder, uns darin durch eigene Mitarbeit und Gewinnung neuer gleichgesinnter Freunde zu unterstützen.
[…]

Freitag den 17. Jan. 1919.        3. Wochenversammlung
[…] Ihren Austritt zeigten schriftlich an: Frau Helene v. Harsdorf.  Frau Ida Rosenfeld. […]

Ordentliche Hauptversammlung am 14. Februar 1919.
[17 Mitglieder anwesend] […] Aus den Neuwahlen gingen hervor:
I Vorsitzender: Herr Oberstudienrat Dr. Richard Ackermann.
II Vorsitzender: Herr Institutsinhaber Dr. Christian Behringer.
Schatzmeister: Herr Consul Hermann Lambrecht.
I. Schriftführer: Herr Kaufmann Otto Börner.
II. Schriftführer: Herr Ingenieur Heinrich Richter.
I. Ordensrat: Herr Fabrikbesitzer Hans Wießner für Irrhain.
II. Ordensrat: Herr Kustos Dr. Emil Reicke für Archiv.
III. Ordensrat: Herr Konservator Dr. Heinrich Heerwagen für Bücherei.
Ausschuß.
Herr I. Direktor des Germ. Nat. Mus. Dr. Gustav v. Bezold. Vorsitz.
Herr Generalmajor Alexander Freiherr v. Harsdorf.
Herr Regierungsaßeßor Dr. Eberhard Freiherr v. Scheurl.
Herr Nationalökonom Konrad Gustav Steller.
Herr Oberstudienrat Dr. Otto Steiger.
[Beckh wird zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Er hat einen Abschiedsbrief gesendet, der in der Versammlung verlesen wird.]
[Rücklagen u.a.:]

Jubiläum 1944 M. 1150-
Rücklage für Irrhain M. 1926.54
[…]

Freitag den 16. Sept. 1921.
Oeffentliche Gedenkfeier für den am 3/7. 1921 verstorbenen Ehrenpräsidenten des Ordens Herrn Hofrat Dr. Wilhelm Beckh im großen Saale des Luitpoldhauses.
[…] Die Feier selbst eröffnete ein Klavier&Violin-Duo der Herrn Studienrat Wießner und Musiklehrer Stirnweiß. Herr Dr. Chr. Behringer folgte mit dem Vortrag des Gedichtes von W. Beckh: „An Nürnberg“. […]