Poesie der Pegnesen

© Werner Kügel, 2007


Fünfter Abschnitt: Epigonen

Vor der Revolution von 1848 (geschichtlich gesehen) bzw. vor der Literaturepoche des Realismus waren manche Schriftsteller von dem Gefühl durchdrungen, Epigonen zu sein, und demgemäß hat man sie rückblickend oft beurteilt. Ursprünglich bezeichnete das Wort die Söhne von Helden, die gleiches erstrebten wie ihre Väter: "[...] daher sie gleichsam so viel, als Nachhergeborene heißen [...] Es sind aber solche die Söhne der im ersten Zuge wider Theben vereinigten sieben Fürsten [...]" Wer mit besonderer Breitenwirkung diese Bezeichnung auf seine eigene Epoche anwandte, das war Karl Immermann: "Wir können nicht leugnen, dass über unsre Häupter eine gefährliche Weltepoche hereingebrochen ist. Unglücks haben die Menschen zu allen Zeiten genug gehabt; der Fluch des gegenwärtigen Geschlechts ist aber, sich auch ohne alles besonderes Leid unselig zu fühlen. Es ist, als ob die Menschheit in ihrem Schifflein auf einem übergewaltigen Meere umhergeworfen, an einer moralischen Seekrankheit leide, deren Ende kaum abzusehen ist. Man muss noch zum Teil einer andern Periode angehört haben, um den Gegensatz der beiden Zeiten ganz empfinden zu können. — Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt." Als Heinrich Laube 1836  Immermanns Roman "Epigonen" ankündigt, schreibt er u.a.: "[...] Epigonen heißt der Roman, weil wir gleich den Nachkommen in Theben eine eingeleitete Geschichte vorfinden und von den Consequenzen und Nothwendigkeiten derselben leben, leiden und sterben. Wir haben unsere Zeit nicht begonnen, wir haben den Kampf gegen geistliche und weltliche Auktorität nicht angefangen, aber wir haben ihn geerbt mit allen Verzweigungen, in seinem Blute sind wir aufgesäugt und können deshalb Temperament, Leidenschaften der Väter nicht verleugnen, Schicksalen nicht entgehn, deren Vorbedingungen von uns angenommen sind. [...] Alte ritterliche Spiele sollen in einem Turnier gefeiert werden, und wie das Alles nicht mehr gehen will, wie in den Wünschenden selbst und ringsumher eine andere Welt liegt, wie es ein unseliges Beginnen sei, mit Schöpfung einer bloßen Staffage mehr als ein bloßes Spiel zu beabsichtigen. Für die Romantiker und manche Andere liegt große Weisheit in diesem Buche, [...]" Anders als im Inhaltlich-Stofflichen, das im Roman nicht mehr gehen will, oder im Politischen, das vor 1848 noch nicht gehen will, sieht Friedrich Sengle das Besondere des Epigonenzeitalters in einer stilistischen Unselbständigkeit: "Das bloße Epigonentum, das es immer gegeben hat und das nicht stilsprengend zu sein braucht, scheint sich hier [bei Rückert] mit Hilfe einer alles berührenden Philologie, eines konsequenten literarischen Historismus zum universalen Epigonentum weiterentwickelt zu haben, das eben dadurch, daß es alle Traditionen aufgreift, jede bestimmte Tradition und Stilprägung unmöglich macht." Es will scheinen, daß die Pegnesen zwischen 1820 und 1844, Angehörige der Biedermeierzeit auch sie, den Problemen, dem eigenen Bewußtsein und auch dem Vorwurf, Epigonen zu sein, ebensowenig entkommen konnten wie der bei Sengle einzig aus ihrem Mitgliederbestand genannte Rückert. Gelehrt genug waren sie dazu, es standen ihnen viele Muster zur Verfügung. Doch wenn nun einiges von ihrer Produktion hier betrachtet wird, obwohl es nicht einmal in Sengles weitausholender und stoffreicher Darstellung gestreift wird, so geschieht dies in der Hoffnung, vielleicht noch etwas darunter zu finden, was einigermaßen originell und zukunftsträchtig gewesen wäre. Dazu sollte man aber erst einmal als Hintergrund den Bereich der herkömmlichen geselligen Dichtung betrachten, von dem sich gute Einzelleistungen abheben müßten.

Neue gesellige Dichtung

Ungebrochen setzt sich der Strom von Gedichten fort, die zu den üblichen Anlässen von Ordensmitgliedern verfaßt worden sind. Folgender Überblick richtet sich im wesentlichen nach der Entstehungszeit.

Eigentliche Casualdichtung

Anknüpfung ans Aktuellste

Scheinbar durch den Anlaß einer Münzprägung ausgelöste, in Wirklichkeit von jedem Anlaß abgelöste lyrische Versenkung und Selbstvergewisserung findet man in Dietelmairs Schriften ebensogut wie die beliebten Gelegenheitsgedichte, doch hat er sich damit offenbar erst spät herausgelassen, wohl etwa 30 Jahre nach der Entstehung.

Gedankenlyrik

Man kann freilich nur einen sehr geringen Teil der Verse abdrucken, welche diese Jahre hervorgebracht haben; auch wären sie auf die Dauer eintönig zu lesen. (Die Kanonisierung eines Teils der literarischen Werke ist auch ein Schutz des Lesers vor dem zahlreichen Ähnlichen, doch erscheint das Herausragende dadurch oft ursprünglicher und einzigartiger, als sich bei genauerem Hinsehen rechtfertigen läßt.) Daß die Pegnesen nicht nur Einerlei produziert haben, sondern einer Vielfalt von Formen und Anlässen aufgeschlossen in Wahrnehmung und Nachahmung gegenübertraten, erweisen einige Niederschriften ihrer Versammlungen.

Unterschiedliche Aussichten über den Tellerrand

Gedichte zu Gedenktagen

Eine professionelle Dichterexistenz mit Lehrstuhl

Sogar zweimal brachte der Blumenorden im Zeitraum von zehn Jahren eine Gedichtsammlung zustande. Es waren seit der Festschrift von 1794 die ersten Gemeinschaftsarbeiten mehrerer Mitglieder, Dokumente einer wiedererstarkten geselligen Beschäftigung mit dichterischer Produktion. Die Einstellungen der Zeit zur schöpferischen Tätigkeit waren weniger vom Individualismus geprägt als die der vorigen Periode, und daher wäre der Zweck eines Dichterkränzchens wieder sinnvoller erschienen und erfolgversprechender. Nur sperrten sich die äußeren Verhältnisse in Gestalt der Metternich'schen Anti-Demagogengesetze.

Das Album von 1834

Die Anthologie in der Festschrift von 1844