Bitterer Ernst

Noch beim Irrhainfest 1939 zeigte sich Georg Türk von der heiteren Seite. Er thematisierte fürs Irrhainspiel eine tatsächliche, nicht lange zurückliegende Begebenheit: daß er zur Nachtzeit in den Irrhain gegangen war, um den Pokal zu suchen, den er vermeintlich dort stehengelassen hatte, der sich aber in einer Tasche fand. Dazu kam ein leichter Autounfall, als Frau Baronin von Scheurl das Auto auf der Fahrt zum Irrhain in den Straßengraben setzte. Alles im erträglichen Bereich, und daher in Versform zu unterhaltender Wirkung zu bringen.

Irrhainspiel 1939 „Wo ist der Pokal?“
Ein heiteres Irrhainspiel mit Aktendeckeln von Georg Türk
Es wirken mit:
Der Ansager
Freifräulein v. Ebner-Eschenbach
Frau Trost
Renate Thomas
Herr Prof. Schwarz
Herr Trost
Fräulein Trost
Fräulein von Praun
Eine Stimme.
Der Schauplatz wechselt.
Zeit: Irrhainfest 1939


Zum Irrhaintreffen 1940 hatte er etwas anderes zu verlesen. Wilhelm Schmidt fügte dem Blatt handschriftlich hinzu: „Sohn von 1100., [das war er selbst] gefallen 12. 6. 1940“

Die Toten (Walter Schmidt zum Gedächtnis)
[…]
Hört ihr es leise durch die Bäume klagen?
Viel junges Leben hat sich jäh verblutet,
und helle Kerzen haben ausgeglutet.
Wer mag den Trauernden ein Trostwort sagen?

Die Toten sind es, die in Wahrheit leben.
Sie sind dem Wirrsal dieser Welt entronnen,
sie baden sich im Lichte reiner Sonnen,
nach denen sehnend wir das Haupt erheben.
[…]

Hört ihr das Lied des Dankes in den Zweigen?
Wir danken mit, wir danken unter Zähren.
Die Männer fallen —, und das Reich wird währen.
In Ehrfurcht vor den Toten wir uns neigen.
Irrhainfest 1940.
Es gab keine Hurra-Gesänge wie noch im 1. Weltkrieg. Die Jubelszenen bei der Abfahrt der Soldaten zur Front waren auch ausgeblieben. Opferbereitschaft und Trauer hielten sich zunächst die Waage. Georg Türk versuchte sie in Worte zu fassen:

Adventsgedicht 1941

Laßt den Stern der Sterne glänzen
In das dunkle Tal der Zeit,
daß in eures Daseins Grenzen
leuchte auf die Ewigkeit.

Wandrer sind wir, die sich sehnen
nach des Abends stiller Rast,
wenn sich weit die Wege dehnen,
wenn das Wandern wird zur Last.

Mütter horchen in die Weite,
wild dröhnt auf der Lärm der Schlacht,
Frauen gehen im Trauerkleide,
Weinen geht durch dunkle Nacht.

Aus der Ferne rufen Stimmen:
„Wißt! Wir wollen Opfer sein!
Mag des Lebens Docht verglimmen,
neu ins Leben gehen wir ein!

In des Ostens fernen Zonen
rieselt Schnee vom Himmelszelt.
Immer tragen, wo wir wohnen,
wir in uns die deutsche Welt.“

[…und dann spielt er das Nürnberg-Heimweh und die Gegenwart der Toten durch, viel zu lang.]

Adventsgedicht 1942
Adventsabend 18. Dezember 1942.
Worte zum Beschluß.


Nun schwinge aus, du starker Freudenton!
Du klangst im Herzen auf und liessest uns
besinnlich schreiten durch den Winterwald.
Ein Stündlein schwieg der Lärm der wilden Schlacht,
ein Stündlein weilten wir in jenem Reich,
das unsre Sehnsucht träumt in stillen Nächten.
Wir hörten, wie das Fest der Feste ward.
Es sang die Geige und es klang das Lied.
Wir lauschten auf der Dichter hochgestimmte Weisen,
es duftete von Weihnacht und Advent.
Wir danken denen, die den Raum uns schmückten,
da er uns wird zur schönen Weihnachtsstube.
Wir danken denen, die uns Gaben boten,
daß in uns klang der starke Freudenton.
[…]
Nun schwinge aus, du starker Freudenton!
Es warten an der Türe unsre Sorgen,
es wartet an der Türe unser Kampf.
 Fern rollen durch den Schnee die Panzerwagen,
Soldaten halten Wacht im Sand der Wüste.
Nach Norden Osten, Süden, Westen wandern,
zu sturmgepeitschten Meeren die Gedanken.

Verklingst du schon, du starker Freudenton?
[…]
Und das geschloßne Tor, es schreckt uns nicht.
Es wird sich auftun unsrem Wanderschritt,
und mit uns schreiten still die Unsichtbaren.
Es wandern mit uns tausend Brüder, Schwestern,
es wandern mit uns hunderttausend Tote,
die doch lebend’ger als wir selber sind.
Wir schreiten ruhig, schreiten, Glied im Volk.
Gemeinsam tragen wir die schwere Last,
gemeinsam singen wir der Hoffnung Lied.
Jenseits des Tores warten neue Wege.
Und einer ist, der weiß das letzte Ziel.

Es klang in uns ein starker Freudenton,
und ohne Zagen gehen wir durchs Tor.

Wilhelm Schmidt führte neben der Schriftführerin Buch über die Veranstaltungen. In Archivschachtel 114 gibt es ein schwarzes Mathematik-Schulheft A5: „5., Vorträge in Versammlungen des Pegnesischen Blumenordens vom 28. Febr.1913-12. Dez. 1953.“ Daraus geht hervor, daß 1942 am 30. Oktober Frhr. v. Scheurl über Werner Bergengruens Roman „Am Himmel und auf Erden“ referiert hat. Emil Bauer ist mit 4 Beiträgen zwischen 1942 und 1944 vertreten, Georg Türk fast in jeder zweiten Versammlung.

Karl Bröger hatten die Pegnesen auch nicht vergessen. Von ihm ist in Schachtel 60 aufbewahrt das Einzelblatt aus einer Zeitschrift mit dem Gedicht „Das Vermächtnis“, zum Heldengedenktag 1942, und ein Zeitungsausschnitt mit dem Gedicht „Stern der Verheißung“, einem Weihnachtsgedicht. Anstelle einer Anthologie eigener Hervorbringungen, wie früher, bewahrten die Pegnesen eine unstrukturierte Sammlung von Gedichten auf, als Einzelblätter aus Zeitungen und Zeitschriften geschnitten, darunter von Christian Morgenstern, Hermann Hesse, Anton Schnack, Will Vesper, Josef Weinheber, Georg Britting (von 1938) und, wiederum, Karl Bröger.

Von Artur Kreiner wiederum stammt ein Sonett auf einem undatierten Zeitungsausschnitt, der nach Daten auf der Rückseite auf etwa 1942/43 zu datieren ist:

Adam Krafft
zu Füßen seines Sakramentshäuschens in Sankt Lorenz zu Nürnberg

Ich trag mein Werk. Trag du deins so wie ich!
Es wuchs und wuchs stolz unter meinen Händen.
Es bürdet mich mit Gnaden ohne Enden.
Freiwillig nehme ich die Wucht auf mich.

Erdbebengleich — es wäre fürchterlich,
Ein Gottgericht in stillen Kirchenwänden —
Wollt’ ich mich nur um eine Elle wenden,
So stürzte meine ganze Welt in sich.

Drum trag ich ihn mit federnden Gelenken,
den Baum, den einst nur meine Augen schauten
Bis an den Himmel, den die Brüder bauten.

Wem sonst, als Gott war dieses Werk zu schenken?
Drum ringelt sich der Wipfel selbst herab
Demütig-stolz, als wär’s ein Bischofsstab.

Die deutsche Linie in Hauptmanns Werk [Verfasser unbekannt]
[Ausschnitt aus „Der Sonntags-Kurier“, Unterhaltungsbeilage des Fränkischen Kurier, Datum abgeschnitten, aufgrund der Textstellen auf der Rückseite auf etwa 1943 oder 1944 zu datieren: „[…] zum Endsieg!“ — „Mit dem Wunsche, daß die schöne Stadt Nürnberg für die Zukunft verschont bleiben möge vor feindlichen Angriffen […]“ — „Ungenutztes Eisen abliefern!“]
Es mag Dichter geben, die aus ihrer Zeit zu lösen sind; Gerhart Hauptmann, Zeit- und Altersgenosse des letzten deutschen Kaisers, erfüllte dessen Epoche ganz, ja seine Dichtung zieht wohl die Summe der letzten Jahrzehnte vor der deutschen Erneuerung […] Ist nicht sein Gesamtwerk […] ein wahres Schlachtfeld zwischen Realismus und Romantik? […] Und wäre damit nicht unwillkürlich etwas sehr Ueberzeitliches erreicht, nämlich jene eigentümlich germanisch-deutsche Linie welche Wirklichkeit und Mythenwelt von Urbeginn an so seltsam miteinander zu vereinigen weiß? […]
Heimatliebe ist bei ihm mythisch-heidnisch durchseelt, das Erdhafte duftet aus allen Poren, und so konnte denn vom „Griechischen Frühling“ bis zur „Iphigenie in Delphi“ auch die Antike bei ihm nicht fehlen, ja sie erschien sogar ganz intuitiv in jener neuen Erkenntnis, derzufolge sie mit dem Germanisch-Nordischen ins eins verschmilzt […]

Wie doch die Journalisten sich beflissen, an der Heimatfront durch Kulturbeiträge den Anschein der Normalität zu wahren und gleichzeitig die Parteilinie befolgten! Aus den Reihen der Pegnesen kam Irrendes, aber nichts gar so Verlogenes.

Ein blauer Umschlag „Arbeiten von Pegnesen 1342-”, in der zweiten der Archivschachteln, welche die Nummer 59 tragen, enthält Briefe und Zeitungsausschnitte von und über den Drechslermeister Jean Greulein, der als Mundartdichter einen Namen hatte. Aus dem Nachruf, den ihm Gottlieb Meyer, „Liebala“, schrieb, geht hervor, daß er 75jährig während eines Fliegeralarms tödlich verunglückte. Aber es gibt auch etliche Zeitungsausschnitte mit Musikkritiken von Dr. Eva-Maria Funk-Schneider, der Tochter Max Schneiders, aus dem Jahre 1944. Sie schrieb manchmal drei Kritiken an einem Tag, wahrscheinlich, weil es an Männern im Ressort Kritik zu fehlen begann; in einem Fall sind sie aufgrund von Terminnennungen auf der Rückseite der Ausschnitte auf Anfang März 1944 zu datieren. Davon die zweite:

[…] Mit einem programmlich sehr sorgfältig gewählten Morgenkonzert trat das neugegründete „Seifert-Quartett“ (Carl Seifert, Lotte Böck, Julius Bühler, Karl Ochsenkiel) erstmals vor die Nürnberger Öffentlichkeit. Es stellte sich damit eine Kammermusikvereinigung vor, die durch große Kultur des Zusammenspiels, durch Geschmack und Stilempfinden, durch Pflege des Klanges und durch lebendige Musikalität aufhorchen ließ. […]

(Nicht ohne Rührung habe ich in diesen Zeilen den Namen meines ersten Violinlehrers Julius Bühler entdeckt.)

Musik aus Barock und Romantik
[…] Es darf an dieser Stelle betont werden, wie wertvoll solche Veranstaltungen gerade im Rahmen der Konzerte der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ sind und wie sehr es zu begrüßen wäre, wenn durch Konzerte dieser Art eine breitere Hörerschaft tiefer in die deutsche Musik eingeführt werden würde als das z.B. durch die allerdings recht beliebten „Opernabende“ der Fall sein kann. […]

Der primitive Geschmack der „Goldfasane“ war aber nicht auf Musik aus,  deren Ausübung und Hören uneitles Können und Wissen erfordern.

Barockmusik heute gespielt
Ein von der HJ. veranstaltetes „Konzert der Jugend“ mit Werken aus dem weiten Gebiet des musikalischen Barock gab Anlaß zu grundsätzlichen Betrachtungen über das innere Verhältnis unserer Jugend zu jener Stilepoche, die gerade auf musikalischem Gebiet in der Jugendarbeit so sehr gepflegt wird. Dabei fällt auf, daß man für die heroischen Züge der Barockmusik, wie sie etwa durch das edle Pathos von Friedrich Händel hindurchklingen, mehr Beziehung besitzt als zu der Grazie, die doch in gleicher Weise zu diesem Stil gehört. […] Diese Grundhaltung, die — musikalisch gesprochen — zu einer übergroßen Beschleunigung der raschen Zeitmaße und zu einer Gefühlsüberbelastung der langsamen Sätze führt, war zu spüren in den Chorliedern [… Georg Büchner trat — damals schon — als Sologeiger auf.]

Wie Eva-Maria Funk-Schneider das, lange vor Nikolaus Harnoncourt, schon wissen konnte…

Mittwoch, 3. Mai 1944 Nr. 120
„Der Brief“
Zeitnahes Theater im Schauspielhaus
Das Heimkehrerproblem war bereits nach dem Weltkrieg jahrzehntelang das Thema für eine große Anzahl von dichterischen Werken. Nun hat es für den jetzigen Krieg auch Herybert Menzel mit seinem vor wenigen Tagen in Posen uraufgeführten dritten Bühnenstück, dem Kammerspiel „Der Brief“, aufgegriffen und — da es für uns ja sozusagen noch in der Zukunft liegt — in eine französische Umgebung gestellt. […] Ein französischer Soldat schreibt am Vorabend schwerer Kämpfe an seine Frau einen Brief. Er enthält den Dank für ein großes Glück und die Bitte, sich nicht dem Leben zu verschließen, falls ihn der Soldatentod ereilt. Auf dem Vormarsch gerät dieser Brief mit einer zerstörten Feldpost in die Hände eines deutschen Soldaten, der ihn bei sich bewahrt und nach dem Feldzug, als ihn der Weg als Schriftsteller wieder nach Frankreich führt, der Frau und dem inzwischen aus deutscher Gefangenschaft zurückgekehrten Mann überbringt. Die in dem Brief bekundete Seelengröße des Mannes entscheidet letztlich über die Ehe der beiden Menschen, die sich durch die lange Trennung und durch die Spannungen des beiderseitigen schweren Erlebens fremd geworden waren. […]

Johann Gottfried Herder
Zum 200. Geburtstage am 25. August [1944]
Wenn man Lessing einen deutschen Voltaire nennen wollte, so müßte man Herder als den deutschen Rousseau ansehen. […] Und es war grundlegend, daß Herder erkannte und nachwies, wie tief das Lied in Form und Stoff mit dem Volkstum jeder Nation verbunden ist, wie es sein Leben aus der Natur des Volkes schöpft und durch sie gestaltet wird.
[…] Herder faßte das Leben der Menschheit zu einer Entwicklungsgeschichte von Ideen zusammen und rückte diese in das Licht einer allmählichen Verwirklichung der letzten und höchsten Idee, der platonischen Idee des Guten. Der ursächliche Verlauf ist ein notwendiger: weil er unter einer endzwecklichen Bestimmung  steht: Es soll der Zustand wahrer Humanität und innerer Freiheit erreicht werden. […]

Es ist kaum zu glauben, in welchem Maße und wie unbehelligt Eva-Maria Funk-Schneider bereits die Nachkriegszeit, und zwar eine nicht mehr nationalsozialistische, vorbereiten konnte. Kreiner und Türk, über den sie im nachfolgenden Text referiert, gehören auch zu diesen Vorläufern.

Pfarrer Georg Türk
[Zeitungsausschnitt 12. 5. 1944:]
Ein wiederum sehr anregender Abend führte die Hörer in seinem ersten Teil in die Gründungszeit des Ordens, der heuer auf sein 300jähriges Bestehen zurückschauen kann. Georg Türk las mehrere, teilweise recht anmutige und zierliche Schäfergedichte von Sigmund von Birken […]

Schließlich gehört auch Max Schneider dazu, der auf Bröger einen undatierten Nachruf für die Zeitung schrieb:

Karl Bröger ist tot. Er war der größte Dichter, den Nürnberg seit Hans Sachs hervorgebracht hat. […] der  Geschichtsumriß „Nürnberg“, die Erzählungen um Eppelein von Gailingen, der farbenprächtige „Guldenschuh“ bringen Licht und Leben in die Vergangenheit des engeren fränkischen Kulturbereichs. […] der in Wahl und Behandlung des Stoffes einzigartige, in der Kunst der Darstellung unübertreffliche Roman „Der Held im Schatten“, spiegeln die heimatliche Erlebniswelt des Dichters mit dem tiefsinnigen, holzschnitthaften Antlitz des fränkischen Menschen. […]

Auch der Blumenorden spiegelt die Gesellschaft Nürnbergs, oft zu direkt.