Exkurs des Exkurses: von Bodman alias Dr. Müller


Am 14. Mai 2002 reiste Herr Dr. Joachim Halbekann, Archivar, von der Universität Hohenheim nach Nürnberg und hielt dem Pegnesischen Blumenorden (oder was von diesem anwesend war) einen Vortrag über ein seltsames Mitglied aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, dessen Lebensspuren er im Archiv der Familie von Bodman-Bodman am Bodensee aufgespürt hatte. Sein Aufsatz über diese Funde war bereits erschienen in der Zeitschrift Hegau [57 (200), S.133-210]. An dieser Stelle ist die köstliche Schilderung nicht nachzuerzählen, wie Dr. Halbekann von Woche zu Woche der immer bedenklicher blickenden Tischrunde im Schlosse Bodman von immer skandalöseren Einzelheiten aus dem Familienarchiv über dieses Schwarze Schaf berichtet hatte. Ein Auszug dieser Lebensgeschichte jedoch gehört hierher, weil er den Zwiespalt beleuchten kann, der zur damaligen Zeit zwischen dem hohen Anspruch des Blumenordens und einzelnen verborgenen (gut verborgenen!) Befleckungen bestand.



Der Herr „Dr. jur. Anton Müller„, Mitglied Nr. 272, war eigentlich Freiherr Johann Adam von Bodman-Bodman, geboren 1765. Obwohl er der älteste Sohn war, wurde er von seiner Familie erst dem geistlichen Stand gewidmet. 1791 wurde er nach gewissen Flegeleien, die eine Stelle im höheren katholischen Klerus nicht angeraten erscheinen ließen, Pfarrer in Bodman, aber wegen Verfehlungen ab 1795 samt seiner schwangeren Freundin flüchtig. Aufenthalte in mehreren Städten Norddeutschlands schlossen sich an, und, wie nur leider deutlich zu vermuten ist, auch ein Diebstahl und versuchter Raubmord. Er versuchte seinen Unterhalt als freier Schriftsteller zu verdienen: immerhin ist er Verfasser von etwa 20 Büchern, darunter Werke über Landbau, die sich nicht durch Sachkenntnis auszeichnen, aber ein als tüchtig angesehenes Lehrbuch des Französischen. Ab 1807 hielt er sich in Nürnberg auf. Aufgrund eines fiktiven Lebenslaufes erhielt er eine Stelle als Lehrer für neuere Sprachen am Realgymnasium und wurde sogar sehr vorteilhaft beurteilt. In den Blumenorden wurde er als Ehrenmitglied aufgenommen am 10. 8. 1807 und auf seinen Wunsch seit 7. 11. 1808 ordentliches Mitglied. Seine Freundschaft zu dem verdienten Mitglied Kiefhaber überstand seinen Konkurs von 1817. Er ging etwa gleichzeitig mit diesem als Professor der neueren Sprachen nach Landshut; 1823 nach München. Die ganze Zeit hielt er seine mißbilligende Familie in Atem, indem er einmal als drohender Enterbter aus der Ferne seine mageren Zuwendungen aufzubessern trachtete, dann wieder als schluchzender Verlorener Sohn auftrat. Er ist verstorben am 4. März 1833 in München

Es wundert nun gar nicht mehr, daß sich im Archiv des Pegnesischen Blumenordens nichts, aber auch schon gar nichts über diesen Mann findet. In der Stammliste ist er freilich (unter seinem falschen Namen) geführt worden.