Exotisches Intermezzo

Ferdinand Freiligrath hatte mit Versen Aufsehen erregt, die er selber als „Wüsten- und Löwenpoesie“ bezeichnete. Ähnliches haben wir auch von Friedrich Knapp, nur daß dieser die fernen Schauplätze selbst gesehen hatte und selbst Erlebtes beschreibt. Er war am 18. 6. 1828 auf der Festung Rothenberg bei Schnaittach als Sohn des Kommandanten geboren worden und wandte sich früh als Handeltreibender ins Westindische und nach Mexiko, kehrte 1856 zurück und trat alsbald dem Literarischen Verein bei. Aus dieser Zeit stammt wohl der gedruckte, aber undatierte Text „Eine westindische Nacht. Tagebuchskizze von Friedrich Knapp.“

I.
Oh, jung zu sein, gesund, sorglos, heiteren Gemüths und seit geraumer Zeit eingewöhnt in Sitten, Sprache und Klima der wogenumbrandeten Habana, der brausenden und strahlenden Metropole der großen Antille Cuba! […]

Im Süden des Bollwerks der Puerta de la Terra, welches mit seinen Halbmonden, Cavaliren, Ravelins und Zugbrücken jetzt auch schon wieder seit Jahren dem Einebnungseifer des Jahrhunderts weichen mußte, breitet sich der kleine Montserrateplatz aus, in welchen verschiedene Hauptstraßen geradlinig aus dem Innern der Hauptstadt münden, eingefaßt von einstöckigen, blaugetünchten Häusern mit platten Dächern, Holzaltanen und vergitterten thürhohen Fenstern, gegen die Straßen wunderliche Bazare bildend für alles mögliche Käufliche vom Geringsten bis zum Feinsten. Dorthin schlenderte ich nach Contorschluß mit einigen Freunden, um die herrliche Nachtbrise auf dem vor den Thoren beginnenden Prado, einer sechsreihigen Palmen-, Platanen- und Ahornallee, bis zur Ostspitze der Küste hinziehend, zu genießen. […]

Durch 2 niedere, verhältnißmäßig tiefe, mit starken Wachen besetzte Thore für strengbeaufsichtigte Aus- und Einfahrt, ziehen Volanten, Quitrine, Caretten, Carretones, Omnibusse und die damals neu eingeführten Doktorwagen unterbrochen von bunter, in jeder Beziehung colorirter Menge unaufhörlich aus und ein. Nach der Bischof- und Oreylli-Straße eilen nun, denn rasch dunkelt die westindische Nacht heran, der Lampenanzünder leichtfüßige Schaaren, auf daß reichliches Gaslicht (blendender und ausgiebiger als in unserem [sic] norischen Metropole) seinen wohlthätigen Schimmer in die eigenthümlichen Straßenschluchten gieße. […] vor der Hauptwache gruppiren sich weißröckige Füsilire vom Regiment Catabria um den Curro, den Compagniespaßmacher, der zur Guitarre bei Castagnettenbegleitung andalusische „Schnadahüpfeln“ improvisirt, die an Witz und Schlagfertigkeit ihren altbayrischen Schwestern nichts nachgeben. […] Hier vor der Schmiede, dort vor der Posada zum hölzernen Herz und einem Miethstall (del Pegaso lautet die stolze Firma!) lassen sich jetzt platanosbratende, Naschwerk verkaufende, Haselnüsse röstende Negerhäuflein um ihre Gluthpfannen nieder, Kunden anlockend und sich selbst mit Singen ergötzend; hie und da klimpert ein Ladenschwengel dreizehnter Ordnung oder ein abgelegter Kleiderhändler Etliches auf schauderhaft gestimmten Seufzerkasten; aus den benachbarten Gaswaarenlagern klingt die originelle Weise der mit Vorliebe dort aufgestellten Schwarzwälder Orgel — kurz an Leben, Tonfülle, Staub, Hitze und animalischen, culinarischen, vegetabilischen, mineralischen und amorphen Gerüchen fehlte es auf der Plazuela de Montserrate weder damals noch nach kürzlich angelangten Briefen auch heute nicht. […]

II.
[…] Dieser in zauberhafter Nacht noch anmuthiger erscheinenden Arkaden und Rundgänge erfreuten wir uns in traulichem Geplauder, ohne uns durch das ferne Getöse einer Diebshatze zu kehren, welch unter wüstem Gejohle mit Schüssen untermischt eine abliegende Vorstadt durchzog. Solchen Diebshatzen (Atajas) weicht man gern aus, da sich an die Fußstapfen des Verfolgten nicht nur Flüche und Verwünschungen, sondern alle möglichen Wurfgeschosse, Steine, Messer, Lassoschlingen und selbst Kugeln heften, abgesehen von dem wenig rücksichtsvollen Entgegenkommen des entgegenkommenden Flüchtlings. Dem Eindruck der ersten selbsterlebten Ataja suchten wir in folgendem Gedicht Ausdruck zu geben:

Ataja.

Schon von ferne durch die Straßen hör’ ich wildes Rufen schallen,
Näher dringt der Menge Wogen, weit voraus den Andern Allen
Springt ein Neger, seinen langen Fingern kam man auf die Spur —
Ein geöffnet’ Thor ihn rettet, aber auf Minuten nur.
Lauert draußen die Verfolgung, harret drinnen der Verräther,
Schon umringt das Haus ein Fluthen und erwartend starrt ein Jeder,
Denn im Hause wird’s lebendig, horch! ein Schrei, der widerklang,
Drinnen wälzt sich’s auf und nieder wie im heißen Kampfesdrang.
Rufen, Stoßen, langes Stöhnen! Sparren brechen, Riegel klingen,
Krachend stürzt der Fensterladen und hinan an’s Gitter schwingen
Sieht man mit gelenken Gliedern, blanker Klinge, Schmerz und Hohn,
Blut am Arm und an den Schläfen trotzig droh’n der Wüste Sohn.
Aehnlich dem Hyänenbrüllen tönts dem Flüchtigen entgegen
Der am Gitter eben kauert und den Steinen trotzt verwegen
Die ihm Brust und Stirne schlagen, einen Vortheil nimmt er wahr
Ein Getös’, — das Gitter splittert und er stürzt sich in die Schaar.
Seine Wucht stößt manchen nieder, ein verzweifelt tolles Wagen
Schirmt ihn und nach kurzem Ringen hat der Dieb sich durchgeschlagen
Eilt nun auf beschwingter Sohle (wie sein Gott) voran dem Troß
Der Tienda zu, wo grasend harrt ein aufgezäumtes Roß.
Und mit einem raschen Satze in den Sattel sich geschwungen
Fliegt er fort gleich einem Pfeile, doch Ataja! ist erklungen
Den Verwegnen aufzuhalten, pflanzt sich wie ein Feuer fort.
Züngelnd gleich der Pulverschlange folgt die That dem wilden Wort.
Stöcke fliegen nach und Steine, aus den Thüren Beil und Sessel,
Töpfe, Pfannen, Hämmer, Messer und des Lasso’s sichre Fessel,
Männer, Frau’n und Kinder, Hunde,  — Jedes seine Kraft versucht,
Um dem Schelm, dem braunen Gauner zu verlegen Heil und Flucht.

Am Paseo schreitet schildernd auf und ab die Reiterwache,
Sieht den Dieb herunterjagen, hört den Ruf um Haft und Rache,
Fährt mit kaltem Blut zur Wange mit dem blinkenden Geschoß,
Zielt — und durch die Stirn getroffen stürzt der Neger von dem Roß.

Uber die Bay zogen die rauschenden Accorde der Retraite und bald nahm uns Lustwandler die stattliche Königinstraße auf […] Hier zeigt es sich wieder, wie ein Machtwort eines schöpferischen Mannes, des gewaltigen General Tacon aus einer früheren Wüste das belebteste Stadtviertel Habanas, trefflich bebaute Straßen, hübsche Häuser und ein geregeltes Bauwerk von 3 Märkten, 100 Läden und ebenso vielen Privatwohnungen mit geräumigen Altanen und Asoteen (flachen Dächern) hervorzauberte. […] Müde wandten wir uns zu den Delicias hin, einer der Plaza de Vapor schräg gegenüberliegenden Konditorei, umgeben von in der Nachtbrise säuselnden Alamos, unter deren wogendem Gezweige Marmortischchen, Stühle und ein prächtiges Ananas-Eis dem erschöpften Wanderer Ruhe und Genuß versprachen. Unter ihren vielen Schwestern ist  die Confiteria de los Delicias gewiß eine Perle hinsichtlich ihrer Lage, der Güte ihrer Erfrischungen und Stärkungen (worunter solide Beefsteaks, Austern, Weine und starke englische Porter, Ale und Stoutbiere ebensogut wie hunderterlei Süßigkeiten und Kühltränke zählen), sowie freundlicher Bedienung. […] Wir eroberten den ersten besten Tisch […] und betrachteten hinter einem Crystallkrater Erdbeereis, wozu Barquillas (unsere Holippen) köstlich mundeten, das vor uns sich entfaltende Nachtbild. Wir genossen nach Al Hafis Lehre weise und gründlich. Rings um uns wandelten die lieblichen Kinder der Tropen mit ihren Müttern, Ayas und Duenas, promenirten liebenswürdige Ehemänner, gezähmte Haustyrannen, gütige Väter und das galante Jungcuba ab und zu; drüben lag die Plaza, durchkreuzt von Vehikeln jeder Art, vom New-Yorker importirten Omnibus mit roth-gelbem Drehlicht, bis zur spät von der Arbeit kehrenden Carrete. […] Da kommt tänzelnd und psalmodirend Don Juan Pepe Fernandez, unser langjähriger andulischer [sic] Freund mit all’ den Liebenswürdigkeiten und Schwächen seiner Landsleute wohl ausgestattet, auf uns zu und nöthigt nochmals zu einer kleinen pikanten „Vuelta“, dem  beliebten Rundgang unter den mit Rejilla, Mantilla und Fächer bewehrten und oft gefährlichen Huldinnen, wo sich öfter wohl leichter etwas „anbandelt“ (wie der Spanier wortgetreu sagt enhebillarse), als dem Betreffenden lieb ist. Nach beendeter Schau trafen wir noch mehrere Jugend- und Berufsgenossen und saßen rauchend, scherzend, plaudernd, Bekannte unter den Wandelsternen grüßend und bewundernd, bei einer nachträglichen Flasche Jeres de la Frontera in wonniger Nacht, bis der schrille Ton der Nachtwächterpfeife, sowie das gedehnte Las diez y media-a-a-a und das in wunderlichen Trillern und Cadenzen correspondirende y sere-e-e-eno! — („halb elf Uhr und heiterer Himmel!“) uns den Schlummer und die Fliegennetze aufsuchen hieß.

Wir wären übel beraten, das Wort „Neger“ hier aus neudeutscher Ziepfigkeit herauszukürzen, ist es doch ganz offensichtlich, daß des Verfassers Sympathien auf dessen Seite sind. Er läßt als echter Kosmopolit die Leute gelten, wie sie sind, erlaubt sich gutmütige Kritik im ursprünglichen Sinne von „Unterscheidung“ an Landsleuten anderer Zonen und ist von der Überheblichkeit späterer deutscher Kolonialherren weit entfernt. Auch das Wort „Zigeuner“ werden wir seiner einfühlsamen Rühmung nicht verbieten: „Die Perle der Puszta.“

Ein span’scher Klipper hatte uns an Bord;
Seetüchtig war er nicht. — Er zog mit Schwanken
Den halben Ocean in seine Planken,
Die Strömung hielt uns fest an einem Ort.
Trotz Allem hoffend der gewährten Frist —
Da Tag um Tag nach Zollen wir bemaßen,
Zu welcher Stund’ uns gier’ge Haye fraßen —
Hat man das letzte Segel aufgehißt.
Das Segel zog. Es gieng zwar schlecht, doch fieng’s —
Nach bitt’rer Nacht (man dachte nicht ans Schlafen)
Lief unser Schiff im halbversteckten Hafen
Lagartos ein und ans Calfatern giengs.
Bald darauf spie die mexikan’sche See
Noch einen zweiten, schlotternden Seekranken
Ein deutsches Barkschiff aus, dem jüngst vom blanken
Verdeck den Mast gefegt die grimme Bö.
Und unterm Schiffsvolk, das zu Werke gieng,
Die tiefen Wunden dürftig auszuflicken,
Sah’n zwei Zigeuner wir zum Spiel beschicken
Ein Geigenpaar, das überm Bündel hieng.
Woher sie kamen? Fragt sie doch, woher
Zigeuner kommen? Daher, dorther eben —
Wie Sporen säet sie aus ein wildes Leben,
Berechnen könnt Ihr sie wies Ungefähr.
Doch galt dies gleich! ihr Spiel fing leise an,
Dann schwoll es mächtig, wogte auf und nieder —
Noch kannt’ ich damals nicht der Puszta Lieder —
Die mir’s seitdem so zaubrisch angethan.
Dem Zimmermann entfiel das fleiß’ge Beil,
Der Tom glitt samt dem Teertopf von der Wandung,
Der Kapitän, der ernst geprüft die Brandung,
Nimmt auf Minuten selbst am Spiele Theil:
Rings drängten wir ums braune Paar uns her,
Die geigend auf der nackten Klippe saßen —
So daß wir Beides um ihr Lied vergaßen,
Das lecke Schiff, das ruhelose Meer.

Auch in literaturgeschichtlicher Hinsicht äußert sich Knapp mit derselben Genauigkeit der Beobachtung und mit ebensolchem Sprachgeschick, und er gibt aufgrund seiner wohlerworbenen, gründlichen Kenntnis des Spanischen seinen Nürnberger Hörern oder Lesern gerne Auskunft über spanische Literatur samt Vergleichen mit der hiesigen. „Die Insel Janja, das andalusische Schlaraffenland.“ ist eine Arbeit auf dem Niveau eines literaturgeschichtlichen Oberseminarreferats: In erschöpfender Weise, mit vielen Literaturangaben, die bis in die hellenistische Zeit zurückreichen, vergleicht der Verfasser die Grundidee einer Insel der Seligen, vor allem in den Ausprägungen des Schlaraffenlandes von Hans Sachs und der 1347. Romanze des Romancero, die er in gereimten Strophen unterschiedlicher Länge vollständig übersetzt.