Faulwetters Gutachten zum Satzungsentwurf
Offenbar war Faulwetter als schon etwas erfahrenerer Jurist gebeten worden, zu dem Colmarschen Satzungsentwurf ein Gutachten anzufertigen. Er entledigte sich dieser Aufgabe, nicht ohne in einer längeren Vorbemerkung entschieden klar zu machen, daß er auf der Seite der Neuerer stehe. Das betreffende Doppelblatt im Quartformat sendete er am 29. August 1788 als Rundschreiben an die Mitglieder, damit sich diese vor der Abstimmung darüber eine Meinung bilden konnten. (Ich hoffe nur, es ist ihnen nicht so schwer geworden wie mir, Faulwetters genialisch ausfahrende und verschnörkelte Handschrift zu entziffern.)

"ad 1.) Es lehrt die Erfahrung, daß die nüzlichsten Anstallten oft vielen lächerlich scheinen, & daß ihre Vortrefflichkeiten oft und deswegen verkannt werden, weil noch manches damit verbunden ist, welches auf die Sitten & den Geist unsres Jahrhunderts nicht mehr paßt. Man betrachtet nicht selten diese Anstallten von dieser Seite, faßt dagegen Vorurtheile, spricht nach selbigen davon, macht sie lächerlich, u. siehe da! die guten Anstallten gewinnen kein Gedeihen, bloß darum, weil dasjenige nicht davon abgesondert wird, was sie tadelloser (fürnehmlich nach den Zeiten) machen kann. [Dies ist freilich auch eine Warnung an die ganz Radikalen, die letzten Jahrzehnte des Blumenordens bloß lächerlich zu machen.] Wenn ich hier wage, dieses auch in Bezug auf unseren löblichen Orden zu sagen, so bitte ich zugleich, meine Freymüthigkeit mit der Reinigkeit meiner Absicht u. meines Eifers, das wahre Wohl des Ordens zu befördern, gütig zu entschuldigen. Ich verehre den Löblichen Orden als eine Anstallt, die nüzlich u. vortreflich u. für sich betrachtet also beschaffen ist, daß weder Tadel, noch Spott dessen Werth verringern können: allein hat er nicht noch Nebensachen &&., welche wohl den Zeiten der Stiftung, aber keinesweges unseren Zeiten angemessen sind? [Hier am Rand Bleistiftstriche als Zeichen der zustimmenden Hervorhebung.] Kan die Annahme arkadischer Namen & die Wählung besonderer Blumen, die oft wizelnde Erklärung &&. nicht manchem anstößig scheinen, u. ihn von dem Vorhaben, ein Mitglied zu werden, abwenden? Ist der anfängliche Endzweck nicht zu sehr eingeschränkt? Letzteres hat schon der im Jahr 1740 seel. verstorbene Ergasto eingesehen, u. deßwegen beliebte Vorschläge gemacht. [Am Rand: s. Amarantes Histor. Nachr. && S. 889]" — Davon sollen sich auch ältere oder legalistische Mitglieder angesprochen fühlen: Die Umgestaltung des Ordens ist seit siebzig Jahren überfällig, unsere Gedanken haben Tradition. — "Dieses alles [Randnote: u. noch mehreres, welches auszuführen hier weder Zeit, noch Ort ist,] überzeugt mich, daß Vermehrung u. Verbesserung unserer alten Geseze sehr nothwendig sind, u. bekenne mich in dieser Überzeugung dem vortrefflichen Verfasser des hierzu gemachten Entwurfs besonders verbunden; ich glaube auch, daß diese Verbesserung u. Vermehrung [hier Unterstreichungen, zum Teil mehrfach unter einem Wort, in roten Bleistiftstrichen] in so ferne und so lange ganz allein von dem Willen der Gesellschaft abhange, als von dem Wesen selbst des von Hoher Obrigkeit bestättigten Ordens u. seiner Geseze nichts abgethan wird." — Hier äußert sich wieder der vorsichtige Jurist. Auf Neudeutsch: Ihr müßt eure Satzungsänderungen als bloße Schönheitskorrekturen ausgeben, sonst weckt ihr schlafende Hunde und bringt sie beim Scholarchat nie durch. — "Durch die dermalige Verbesserung u. Vermehrung aber wird im Grundwesen des Ordens u. der Gesetze nichts abgeändert, sondern vielmehr demselben mehr Würde u. Dauer gegeben werden, folglich geschieht dadurch nichts, als daß die Mitglieder ihre dem Orden schuldigen Pflichten thätig erfüllen."

"ad 2.) Nach den Gesezen [...] scheint es, als wenn anfänglich das Sekretariat mit dem Konsiliariat verbunden gewesen seye. Allein nach meinen Begriffen lassen sich beede Aemter gar nicht miteinander vereinigen. Es kan sich treffen, daß einer, oder der andere Konsiliarius einen abwesenden Vorsteher vertretten muß: Es ist aber eine unziemliche Unordnung, wenn ein Präses das Protokoll führt. Da wir auch keine Titulsucht bey einem unserer Mitglieder vermuthen können, so wird sich derjenige, welcher zum Sekretär gewählt wird, auch nach keinem anderen Titul sehnen. Übrigens ist es sehr räthlich, zween Konsiliariis anzustellen."

Zu 3 schlägt Faulwetter vor, dem Präses bei Stimmengleichheit die Entscheidung zuzugestehen, außer natürlich bei Präseswahlen, wo die Stimme des Ersten Ordensrats den Ausschlag geben soll.

Der Schriftführer, das zu 4, kann von einem einfachen Mitglied vertreten werden. Ein Schatzmeisteramt wird immer noch nicht ins Auge gefaßt; dem Schriftführer bleibt nach 5 die Verantwortlichkeit für die Kasse, aber ob er Kaution leisten müsse, "möchte wohl zu umgehen seyn". Dazu aber eine spätere Bleistiftnotiz: "Die Caution ist fest gesetzt." Faulwetter war es um spannungslose Beziehungen innerhalb des Ordens zu tun; andere Mitglieder, die sich wohl den geringen Kassenbestand nicht allein aus den Ausgaben für Trauergedichte erklären konnten — obwohl diese, der Kupferstichausstattung nach, verhältnismäßig hoch waren — wollten den Kassenwart in seinem eigenen Interesse auf größere Sorgfalt verpflichten.

"ad 6.) Aus sehr weißen Gründen empfiehlet sich der Vorschlag, daß Präses, Konsulenten u. Sekretät hiesige Bürger seyen, u. in der Stadt, oder doch wenigstens innerhalb der Linien wohnen, [...]" — Die Linien sind gleichbedeutend mit dem damals noch bestehenden System von Außenschanzen weit vor den Mauern (wovon heute noch Namen wie "Bärenschanzstraße" zeugen).

"ad 7.) Nach meiner Einsicht mögte die Anzahl von 5. Ausschüssen genug seyn: Ungerade muß aber auch selbige seyn, weil bey Vorfällen, wo Ausschüsse beyzuziehen sind, auch noch 3. Vota, nemlich der beeden Konsulenten, u. des Sekretärs, mithin 8. Vota, gegeben werden, u. nur bey gleich fallenden zweyerley Votis ein Votum decisivum Präsidis sich denken lässet." — Ausschüsse kamen in Colmars Entwurf auch vor, und durch deren Einführung würde sich der Orden wiederum auf die Bahn einer Gelehrtenversammlung begeben. Faulwetter möchte den Entscheidungsspielraum des Präses gegenüber den auseinanderstrebenden Spezialisten stärken — der Mann hätte nicht übel in eine verfassunggebende Versammlung der Nation gepaßt, nur bestand darauf vorerst wenig Aussicht.

Zu 8 und 10 fällt Faulwetter nichts Neues ein, aber die Fragen Colmars ergänzt er noch:

"ad 11.) [...] c.) Ist es nur Observanz, daß bißher die getroffene Wahl dem Scholarchat nicht angezeigt worden ist, so möchte auch dermals davon nicht abzugehen seyn." — Man gibt ein Gewohnheitsrecht nicht ohne Not auf. — "d.) Wenn ich Revisionen für nicht räthlich halte, so gründet meine Meinung sich auf Erfahrung. Ich weiß Fälle, wo dadurch gutes Verständnis, u. die allen Gesellschaften nöthige Eintracht unterbrochen worden ist. Doch möchte es, wenn Jemand, als Mitglied des Ordens etwas in Druck herausgeben wollte, bey demjenigen verbleiben, was in den alten Gesezen deßhalben verordnet ist. [...]" Zu der Möglichkeit, auswärtige Mitglieder zu haben, rät Faulwetter, daß man erst den Orden wieder in Gang bringen müsse, dann könnten solche Beziehungen rühmlich sein. Und was die Grundsätze des Umganges mit dem Vereinsvermögen angeht, so müsse man erst einmal herausfinden, wie es wirklich um die Kasse bestellt ist.

Unter Punkt 12 fühlt Faulwetter vor, "[...] ob nicht in Zukunft, neml. in dem Falle, daß Ordens-Namen aufgehoben werden, bey Ordensversammlungen ein jedes Mitglied, mit Umgehung seines sonstigen Charakters [seiner gesellschaftlichen Stellung], bloß bey seinem Namen, als Herr N! angeredet u. zum Votieren aufgefordert werden solle?"

Zum Abschluß greift auch Faulwetter, unter 13, auf den Gedanken an eine Nürnbergische Akademie der Wissenschaften zurück: "Wird es gewiß den Löblichen Orden zieren, wenn nicht nur bloß Dichtkunst, sondern mehrere Theile der Wissenschaften darinnen bearbeitet werden. [...]"

Der Unterschrift Faulwetters vom 20. August 1788 folgt eine Reihe von Namen, zum Teil mit Zusätzen, die erkennen lassen, daß dieses Gutachten als Rundschreiben umlief (und zwar noch ziemlich lange): "Mit diesen hocherleuchteten Erinnerungen confirmiert sich gänzlich Dr. J.A. Friederich, OrdensKons.[ulent]" — J.D. Lugenheim Dr. — Dr. J.G. Leuchs — Dr. J.K. Link — Seyfried u.s.w. bis zum 8. Februar 1790.

Einstweilen fand am 3. November 1788 im Roten Hahn eine Sitzung statt. Es war die erste nach der neu beschlossenen Regel, daß man "normal jedesmals am nächsten Montag nach den vier Quartalen" zusammenkommen wolle, und zum ersten Mal hatte der neue Präses den Vorsitz.