Die finanzielle Lage des Ordens in der Übergangszeit

Kaum war Seidel gewählt, hatte er sich mit neuen Ungelegenheiten wegen des Irrhains zu beschäftigen: „7.) Meldete Herr Präses, daß vor einigen Wochen im Irrhain nicht nur die Schlösser und Bänder an den Thüren abgebrochen, sondern auch das Pumpwerk verdorben, und das, was daran von Messing war, gestohlen worden seye; daher man dieses nur hölzern machen, auch die Thüren in Zapfen einrichten lassen wolle, damit die Diebe so wenig als möglich an Werth vorfinden, und das Stehlen an diesem Ort in Zukunft unterlassen mögen.” Wieder etwas weniger barocke Gediegenheit. Man ermißt daran erst, was doch in den Irrhain alles an materiellen Werten eingebracht worden war, obwohl schon immer über Mangel an Geldmitteln geklagt worden war. Ging es denn dem Blumenorden um 1800 in finanzieller Hinsicht besonders schlecht?

Nach der unübersichtlichen Kassenführung Hartliebs und dem Kassensturz zu Amtsantritt Panzers konnte man nach weiteren Jahren, in denen man wohl regelmäßig Mitgliedsbeiträge eingezogen hatte, bereits daran denken, den ausgeplünderten Grundbestand, der aus dem Vermächtnis Birkens vomVerkauf seiner goldenen Ehrenkette stammte, wieder aufzufüllen. „4.) […] ob nicht, da damalen 109 fl.- sich in der Cassa befänden, davon 100 fl.- in dem Zwanzigerschen Geschäftshaus oder sonst einem sicheren Ort angelegt werden könnten. Hierauf äußerte der Sekretär, daß die verzinsliche Umlegung von 100fl.- besonders deswegen schon auch sein eigener Wunsch gewesen wäre, weil das dem Orden zugekommene Vermächtniß erstsprünglich in 400 fl.- bestanden wäre, wovon aber vor ungefähr 50 Jahren 100 fl.- zurück genommen und ausgegeben worden seyen, und daß er daher auf die Vervollständigung des Legats durch Umlegung von 100 fl.- sobald bedacht nehmen werde, als es die Beschaffenheit der Cassa erlaube.” Das war der Stand 1803. Und 1811, also kurz vor den Prozeßkosten, war dieser Bestand auf mehr als 116 Florins angewachsen. Dennoch gab es Schwierigkeiten, die aus der politischen Umstellung herrührten, und die Beiträge flossen auch nicht mehr in der vereinbarten Weise. Colmar und Müller legten sich mächtig ins Zeug (und das erklärt auch Colmars besonders tiefe Betroffenheit von den bald darauf anfallenden Gerichtskosten):

 „4.) […] das bey Georg Freihäuser zu Wolkersdorf angelegte Capital-Post von 100 fl. gehörigen Orts zu intabulieren seye: Es wäre ihm bekannt, daß von Seiten des nun aufgelöseten LandAllmosAmts dieses Capital, als eine consentirte Post, der betreffenden Stelle, nämlich dem K. Landgericht Heilsbrunn, angegeben worden wäre, und käme es darauf an, ob man nun auch einen Hypotheken-Schein darüber zu verlangen, für nöthig erachte. [— Offenbar hatte das Landalmosamt seine Buchführung über die Mittel des Ordens an das Landgericht in Heilsbronn abgegeben, und es lag dem Orden daran, daß nicht aus der größeren Entfernung eine Unstimmigkeit auftrete. —] Ferner wünschte Herr Präses, bey Wahrnehmung der sich vermehrenden Restanten-Liste, eine nähere Bestimmung über die Beytrags-Zalung der auswärtigen Mitglieder. [— Die Liste derjenigen, die mit dem Beitrag im Rückstand waren, wurde also immer länger. —] Nach dem § der Geseze sind zwar die fremden Mitglieder, das heißt solche, die auser dem Nürnbergischen Gebiet leben, und als Ehren-Mitglieder betrachtet werden, davon befreyet; die auswärtigen im Nürnbergischen sich aufhaltenden aber, haben die jährlichen und außerordentlichen Beyträge zu bezalen. [— Die Unterscheidung zwischen auswärtigen und Ehrenmitgliedern wurde damals also nur nach dem Grad der Entfernung getroffen! —]  Bey dem nun nicht mehr existirenden Nürnbergischen Gebiet, entstünde daher die Frage, welche Gränzlinie zu ziehen seye. Und da der nächste Zweck des Ordens in den Versamlungen liege, diejenigen aber, welche diesen, der Entfernung wegen, nur selten, oder gar nicht beywohnen können, der lebhaften Theilnahme entbehren: so gienge der Antrag auf folgende Bestimmungen:

a.) Alle, in dem Bezirk des hiesigen Königlichen Stadt-Commissariats befindlichen Mitglieder, müssen als einheimische angesehen, und
b.) Die, auser diesem Bezirk lebenden, als auswärtige, oder Ehren-Mitglieder.
c.) Wer davon jährliche und außerordentliche Beyträge leisten will, ist zugleich ein zalendes Mitglied.
d.) Für diese wäre künftig in den Rechnungen eine neue Rubric aufzustellen.
e.) Die bisher geführten Reste von Auswärtigen, fielen weg.

Hierüber wurde nun abgestimmt, und gienge die Mehrheit der Stimmen dahin, daß man, um die Absicht des fleißigen Besuchs der Versamlungen zu erleichtern, wol die Stadt mit ihren nächsten Umgebungen zur Gränzlinie für die einheimischen und ordentlichen Mitglieder machen müste, dabey aber den Wunsch nicht bergen könnte, daß sich die Beyträge nicht zu sehr vermindern möchten.

Endlich wurde, weil in der Rechnung ein Cassa-Bestand von 116 fl. 10 1/2 X ersichtlich war, darauf angetragen, einstweilen, und bis sich eine vortheilhaftere Gelegenheit finden wird, 100 fl. in die Königliche Bank zu legen, welcher Vorschlag auch genehmiget wurde.”

Man konnte also, indem man die Beitragsschulden der bisherigen Auswärtigen strich und den Geltungsbereich des Einheimischen den politischen Verhältnissen anpaßte,  die Sorge nicht verhehlen, daß künftig mit wesentlich weniger Einnahmen zu rechnen sei. Die Verzinsung bei der Königlichen Bank scheint auch nicht besonders gut gewesen zu sein. Es waren keine guten Zeiten, 1816 und 1817 waren sogar Hungerjahre, und den von unmittelbarer Not anscheinend weniger bedrohten Mitgliedern des Blumenordens wurde dann eine Verdopplung des Jahresbeitrags zugemutet:

„II.) Trug der Herr Präses den heute versammelten Ordens-Mitgliedern vor: Es sey bisher zur Bestreitung der Ausgaben des Blumen-Ordens von jedem ordentlichen Mitgliede desselben jährlich ein Beitrag von 1 fl. 12 Kr. zu der Kasse bezahlt worden. Bey dem so sehr gestiegenen Preiß aller Gegenstände und den hiedurch verursachten Ausgaben der Gesellschaft erlaube er sich aber den Vorschlag zu machen, daß dieser jährliche Beitrag auf einen Conventionsthaler erhöht werden möchte, und zwar um so mehr, da der Druck einiger Denkschriften zur Ehre verstorbener Ordens-Mitglieder, ferner die nöthigen Reparaturen in dem Irrhain und die Wiederherstellung des Portals daselbst, eine nicht unbedeutende Ausgabe veranlasseten.

Auf erfolgte Abstimmung der anwesenden Mitglieder wurde durch die Stimmen-Mehrheit dieser Vorschlag genehmiget, und beschlossen, daß der jährliche Beitrag zu der Ordenskasse von 1 fl. 12 Kr. auf 2 fl. 24 Kr. erhöht, auch nach diesem Maasstab schon zu Anfang des künftigen Jahres einkassirt werden solle.”

Es war also wieder der Irrhain, welcher das meiste an Ordensgeldern verschlang, und im Vergleich zu der zweiten Ursache des finanziellen Ausblutens im 18. Jahrhundert, den mit Kupferstichen gezierten Trauergedichten, waren die gedruckten prosaischen Nachrufe dieser Zeit zwar billiger, verhinderten aber durch ihre Kosten dennoch die Herausgabe des geplanten Jahrbuchs oder jeder anderen wissenschaftlichen oder journalistischen Veröffentlichung aus dem Kreis des Ordens.  Dabei kann einiges von dem, was in den Sitzungen zum Vortrag gelangte, durchaus allgemeineres Interesse erwecken und vergleicht sich nicht schlecht mit analogen Artikeln in heutigen Magazinen.