Die sich fortbildenden Gebildeten

Aus dem Nachruf, den ihm sein Sohn schrieb, lernt man den neuen Präses erst richtig kennen:

Geboren den 12. Oktober 1792. in Wallhausen bei Crailsheim, unter 8 Kindern der jüngste Sohn des dortigen Geistlichen […] im Jahr 1807. bezog er das Gymnasium zu Ansbach und 1810. die Universität Erlangen, um sich dem Studium der Theologie zu widmen.
[…] wie es ja auch bekannt ist, daß die Predigt, die er am Sonntag zu halten hatte, bereits am vorhergehenden Montag oder Dinstag [sic] fertig in seinem Pulte lag. Und nicht etwa, als wäre die Schnelligkeit des Arbeitens auf Kosten der Tiefe und Gründlichkeit gegangen; im Gegenteil […] Die Früchte seiner Arbeitskraft kamen in reichstem Maße unserer Stadt zu Gute, der er — nachdem er vom Jahr 1813-17. seinem Vater als Vikar zur Seite gestanden — seit dem 1. Oktober 1817. als Geistlicher angehörte, zuerst als dritter, seit 1820. als zweiter Pfarrer bei St. Jakob, seit 1838. als erster Pfarrer an St. Aegidien. […] was er in einem Zeitraum von 20. Jahren als Schulreferent zum Besten unserer städtischen Volksschulen geleistet, welche Verdienste er sich um den Gustav-Adolph-Verein, dieses sein Schooskind, erworben, dem er zuerst die Bahn in Nürnberg brach, […]
[…Es] entging ihm doch in der That auf dem Gebiet der neueren, vaterländischen Literatur nicht leicht ein Werk von Bedeutung, das er nicht gelesen und nicht blos gelesen, sondern sich so angeeignet hätte, daß er darüber ein gründliches Urtheil fällen konnte. […] Wie er unser Interesse zu lenken wußte auf „den Odendichter Horaz“ (1845.), auf das griechische Epigramm (1847.), auf den Heliand oder altsächsische Evangelienharmonie (1852.), so verstand sein fein beobachtender Geist auch an alten, uns längst liebgewordenen Bekannten immer neue Schönheiten uns zu zeigen […] Nachdem er (1845.) „über das Märchen  im Allgemeinen und über des Musäus Volksmärchen insbesondere“ gesprochen, führte er uns öfter zu unserem Friedrich Schiller zurück und zwar in folgenden Abhandlungen: „Maria Stuart und Elisabeth“ (1848.), „Charakter [S. 5] Mortimer’s in Maria Stuart“ (1848.), „Schilderung der vier Staatsmänner in Schiller’s Maria Stuart“ (1851.), „über Schiller’s Wilhelm Tell“ (1851.), „Schiller als Dramatiker“ (1859.), „Schiller’s Anlage zur Komik“ (1860). Unseren besonderen Dank verdiente der Verewigte dadurch, daß er uns so gerne mit den neuesten bedeutenderen Erscheinungen auf dem Gebiet der Literatur bekannt machte […]: „Esaias Tegner’s Leben und Dichtungen“ (1848.), „Amaranth von Oskar von Redwitz“ (1849.), „Otto der Schütz von Kinkel“ (1850.), „Gutzkow’s Ritter vom Geiste“ (1852.), „über Heinrich IV., Drama von Köberle“, „Proben aus den Distichen: Welt und Zeit“ (1855.), „Hans Heidekuckuck von Otto Roquette“ (1855.), „Gedichte von Eduard Ille“ (1856.), „Johann von Werth, eine deutsche Reitergeschichte von Wolfgang Müller von Königswinter“ (1858.), „Euphorion von Gregorovius“ (1858.), „Franz von Sickingen, eine historische Tragödie von Lasalle“ (1860.), „der Patrizier und sein Haus, eine Nürnberger Geschichte von Hesekiel“ (1862.), „Brunhild von Geibel und die Nibelungen von Hebbel“ (1863.). Auch außerhalb der deutschen Literatur suchte und fand er seinen Stoff, wie er denn „Eugen Sue’s Geheimnisse von Paris“ (1844.), „die altschottischen und altenglischen Volksballaden, bearbeitet von Dönniges“ (1852.), die meist in lateinischer Sprache geschriebenen Werke des Jesuitenmönchs „Jakob Balde“ (1849.), „den englischen Dichter Ossian“ (1853.), „den persischen Dichter Sadi“ (1853.), und „Kalewala, ein finnisches Nationalepos“ (1857.) zum Gegenstand ebenso anziehender, als belehrender Abhandlungen machte.
In einer zweiten Reihe von Vorträgen, 11 an der Zahl, behandelte er Gegenstände der Kunst, der Malerei sowohl, als der Plastik und Architektur. […] „Thorwaldsen’s Werke in Kopenhagen“ (1850.), „die Zerstörung Jerusalems, Oelgemälde von W. Kaulbach“ (1850.), „Canova’s Grabmonument der Erzherzogin Christina von Oestreich in der Augustinerkirche in Wien“ (1852.), „die Königsgräber in St. Denis und der Kaiserdom von Speyer“ (1855.), „Napoleon’s Grab und Ludwigs XVI. Sühnkapelle“ (1855.), „die Madeleine und das Pantheon in Paris“ (1856.), „Kaulbach’s Zerstörung von Jerusalem und Schorn’s Sündfluth in der neuen Pinakothek in München“ (1858.), „eine interessante Bekanntschaft auf meiner letzten Reise“ (nach dem Rhein 1860.) — er meinte damit die schon oben erwähnte Moses-Statue von Michel Angelo —, „die Wartburg“ (1861.), und „über die Elgins Marbles oder die Ueberreste vom Parthenon in Athen im britischen Museum in London“ (1862.), der letzte Vortrag, den der Verewigte in unserem Kreise hielt.
Endlich finden wir noch drei Vorträge biographischen Inhalts, nämlich „die Mutter Göthe’s und Schiller’s“ (1846.), ferner „die Gedächtnißrede [auf Kress]“ (1857.), und eine Abhandlung „zu Harsdörffer’s Gedächtniß“, im Jahr 1858. zur Feier von dessen 200jährigem Todestage verfaßt.
Auch an poetischen Versuchen hat es der Verewigte nicht fehlen lassen, meist Gelegenheitsgedichten […Er selbst meinte dazu:][…] Reim und Metrum sind Fesseln und Fußschellen, in denen ich kein Glied rühren kann. Wollte ich nur etwas halbwegs Erträgliches für Freund N.N. liefern, so mußte ich wenigstens den Reim wegwerfen. […]

Und noch eine Kuriosität am Rande: „[…] die letzten Monate seines Lebens übte er  sich zum Zeitvertreib im Stechen hölzerner Model, s.g. Zuckermodel, worin er es zu einer außerordentlichen Fertigkeit gebracht hatte. […]“

Der gewiß auch sehr bedeutende Kirchenrat Dr. Carl Christian Christoph Fikenscher, dessen Respizienz der Predigten Dietelmairs weiter oben berührt wurde, kommt dagegen als verhältnismäßig selbstzufriedener und wenig beweglicher Gebildeter heraus, wie aus seinem Nachruf von 1857 zu ersehen ist:

Herr Kirchenrath Dr. Carl Christian Christoph Fikenscher, geboren den 30. November 1798 zu Culmbach, 1819 Subrector in Feuchtwangen, 1821 Progymnasiallehrer und 1824 Professor am hiesigen Gymnasium, 1829 Hauptprediger an St. Sebald und Districts-Schul-Inspector, 1837 Decan der Diöcese Nürnberg, wurde am 3. September 1857 ganz unerwartet seinen Angehörigen und zahlreichen Freunden durch den Tod entrissen […]
Im Jahre 1844, in welchem der pegnesische Blumenorden seine zweihundertjährige Jubelfeier beging, trat der Verewigte demselben als Mitglied bei. […] Dr. Fikenscher [war] schon vor seinem Beitritte zu demselben in seiner „Geschichte des Reichstages von Augsburg, 1830“ und insonderheit in seiner Schrift „Das Gymnasium in Nürnberg nach seinen Schicksalen und seinem gegenwärtigen Bestande etc., Nürnberg, bei Friedrich Campe. 1826“ mit Werken vor die Oeffentlichkeit getreten, welche zu den angegebenen Bestrebungen des Ordens in nächster Beziehung standen. […] eben so eine metrische Uebersetzung des lateinischen „Gedichtes auf die Schule zu St. Aegidien in Nürnberg von Helius Eobanus Hessus, 1532“ […]
[…Er hielt] gehaltvolle Vorträge, welche hauptsächlich in seiner philologisch-klassischen Bildung wurzelten, in den seit 1845 eingeführten und von Damen und Herren zahlreich besuchten öffentlichen Versammlungen.
In seinem ersten Vortrage, gehalten am 26. Januar 1846, gab er eine „Erklärung der Ode des Horaz, Buch III. Ode I, deren Thema das Lob der Genügsamkeit ist. Dr. Fikenscher leitete diesen Vortrag mit den Worten ein: „Ich habe die Absicht, das Antike einer nicht blos aus Kennern des Alterthums bestehenden Gesellschaft so vor die Seele zu führen, daß sie den Genuß, den ein römisches Ohr an den Gesängen des Dichters Horatius empfunden hat, würdigen kann. Es soll ein Versuch seyn, zu zeigen, daß das Alte, sofern es schön gewesen, immer schön bleibt. Die Uebersetzung gebe ich nach Günther, nicht weil sie mir ganz zusagt und ganz treffend ist, sondern weil sie für das deutsche Ohr durch den Reim genießbarer ist […] Streifen wir von dieser Horazischen Ode das römische Colorit ab, so bleibt die allgemeine Wahrheit übrig, daß nur die Genügsamkeit den Menschen zufrieden macht,“ und wies zuletzt in verschiedenen Aussprüchen der heiligen Schrift nach, daß jene allgemeine Wahrheit auch die christliche sey, und daß die einzig unversiegbare Quelle der Zufriedenheit in der Gemeinschaft mit dem Herrn  gefunden werde.
[Die Texte folgender Vorträge finden sich in Schachtel 72 des Pegnesenarchivs:] Character der Antigone des Sophokles, vorgetragen am 30. Januar 1847; Character des Königs Kreon von Theben, vorgetragen den 17. März 1847; König Oedipus, nach Sophokles, vorgetragen den 14. November 1848; Oedipus auf Kolonos, nach Sophokles, vorgetragen den 22. Januar 1849; Pindars erster olympischer Gesang, übersetzt und erläutert, vorgetragen den 10. December 1850; Gudrun, die Königstochter aus dem Hergelingenland, geschildert nach dem Schauspiel von Victor Strauß und dem altdeutschen Heldengedicht, vorgetragen den 8. December 1851.

Ein um den Blumenorden verdientes älteres Mitglied möchte sich um dieselbe Zeit zurückziehen:
„Verehrter Herr Ordenssekretair
Mein vorgerücktes Alter, so wie verschiedene andere Gründe bewegen mich hiermit meinen Austritt aus dem Blumenorden anzuzeigen. Indem ich sämtlichen Mitgliedern deßselben für ihr freundschaftliches Wohlwollen danke, wünsche ich dem alten ehrwürdigen Orden auch unter dem neuzuwählenden Herren Präses ein fröhliches Gedeihen und verharre mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebenster Meißner“

Ein neu eingetretenes Mitglied hat schon etwas ganz Fortschrittliches (wie wenn heute einer sein Mobiltelephon der neuesten Machart herauszieht):

„Geschehen am 16. April 1858. ebendaselbst.
[…] 6.) OM H. Pf. Heller zeigt sein photographisches Bildnis vor und übergibt es zur Sammlung. […]“