Dritter Abschnitt: Engel und Barden


Es wäre schon ganz ungewöhnlich gewesen, wenn nicht auch Nürnberger der breiteren deutschen Öffentlichkeit zu einer Zeit bekannt zu werden versucht hätten, in der beinahe jeder Provinzler, der schreiben konnte, sich zum Original-Genie berufen fühlte. Georg Christoph Lichtenbergs Vorbehalte gegenüber diesem oft gehaltlosen Unwesen können, statt vieler Aufsätze, die Stelle der nüchternen Kritik vertreten: In einem 1780 zu Göttingen erschienen Aufsatz beklagt er, daß junge, unerfahrene Leute nach dem Vorbild weniger wirklich origineller Köpfe genialisch zu schreiben versuchen, und macht die leichtere Erreichbarkeit von Literatur und eine gewisse Gruppen-Mentalität dafür verantwortlich: "Durch die Gewohnheit immer süße Lehre zu empfangen, erschlappt bei den meisten das Talent selbst zu suchen. [...] Man schreibt daher leichter Romane aus Romanen, Schauspiele aus Schauspielen und Gedichte aus Gedichten, ohne im Stand zu sein oder auch nur den Willen zu haben, die Zeichnung endlich einmal wieder mit der Natur zusammenzuhalten. Törigt affektierte Sonderbarkeit in dieser Methode wird das Kriterium von Originalität [...]".

Lichtenberg mußte es wissen; sein Freund und Verleger Dieterich gab einen der damals so beliebten poetischen Taschenkalender oder Almanache heraus, in denen Jahr für Jahr Sammlungen bisher ungedruckter und anders kaum zu druckender Gedichte und Kurztexte zu finden waren. Namhafte Verfasser und Neulinge, Männer in Amt und Würden sowie vorsichtige Ungenannte stellten sich darin dem Publikum vor und fielen auch manchmal damit durch. Ein öffentlicher Prozeß literarischer Geschmacksbildung begann in den Mittelschichten — hundert Jahre nach den entsprechenden Vorgängen in Frankreich und England. Wenn das stimmt, erscheint höchstens das eine an der Mitwirkung des einen oder anderen Pegnesen merkwürdig: daß er es nicht unter seinem Ordensnamen, ja ohne Hinweis auf den Orden tat. Es hätte wohl vorerst, vor der Panzerschen Reform, eher hinderlich gewirkt, vielleicht jede unvoreingenommene Beurteilung unmöglich gemacht. Was Schiller in den Xenien bekanntermaßen Abträgliches über den Blumenorden äußerte: zu dieser Zeit hätte er damit recht gehabt; dies bestimmte die öffentliche Meinung über den Orden. Von daher kam wohl noch Schillers Fehleinschätzung. Das heißt nicht, daß die einzeln und auf eigene Verantwortung publizierenden Pegnesen um 1780 von vorneherein als schlechte Schriftsteller zu gelten hätten. Man sollte sich aus ihren Texten schon etwas ansehen.

Klopstock-Nachfolge

Die "seraphische" Richtung

Im Rückgriff auf den ältesten Almanach, der in der Ordensbibliothek noch vorhanden ist, trifft man eine Gattung der Lyrik an, die lange im Orden wenig vertreten war. Die Liebeslyrik ganz junger Leute, verpönt von ernsthaften, gesetzten Männern, ob sie jetzt Oeder, Munz-Philodectes oder Lichtenberg hießen, mag weitere Beispiele für das Neuerwachen poetischen Gefühls abgeben — denn der homme d'affaires, der "Mann von Geschäften", wie ihn letzterer als Leitbild aufstellt, kann zwar geistreiche Essays und Aphorismen schreiben, aber kein einziges Gedicht, das den Namen verdient, wenn er das nicht hat: poetisches Gefühl. Dies war eben der Trumpf, den die Jungen auszuspielen pflegten, und die einzige kritische Aufgabe angesichts solcher Gedichte muß sein, nachzusehen, ob sie es sich mit ihrer Gefühlserregungskunst nicht zu leicht machten.

Liebesgedichte

Witziges

Bardenstrophen

Zweite Generation der Empfindsamen

Erhabenes zum 150jährigen Bestehen

Es ist eine Freude zu sehen, welche Fortschritte das Deutsche als Literatursprache von Harsdörfer bis auf 1794 gemacht hat, und wie der Orden diesen Fortschritt mittrug. Zwar nicht ohne Vorbilder von außerhalb (Klopstock und Schiller, selbstverständlich!), doch auch früh genug, um nicht nur Nachahmer, sondern Weggenossen zu sein, dichten die Pegnesen jener Jahre auf jener mittleren Höhe, deren Klima zu einer Pflanzschule des guten Geschmacks geeignet ist, und sie erfüllen in ihrer Stadt ihre kulturelle Aufgabe als Vermittler des Verständnisses für Dichtung an die breitere Öffentlichkeit. Es kann keine Genies geben über einer Wüste von Unbildung. Nürnberg trägt nicht die Fackel voran, aber der göttliche Funke glimmt auch hier. (So werden es die Zeitgenossen empfunden haben, und in diesen Ausdrücken wohl auch gedacht haben.) "Von Verdiensten, die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns" — dieser Satz aus Goethes 1771 entworfener Rede Zum Shäkespeares Tag steht als tröstliches Motto über allen unreifen Bemühungen der Geniezeit. Es ist aber, wie zu sehen war, nicht etwa so, daß erst nach den Umwälzungen von 1786 im Orden zeitgemäß zu dichten begonnen worden wäre, oder daß nur die oben zitierten Autoren, oder diese vor allem, jenen rettenden Umsturz herbeigeführt hätten. Das eine bedingte auf vielfältige Weise das andere, und eine bloße Wiederspiegelung des "Unterbaus" im "Oberbau" oder, anders gewendet, ein Triumph der Kunst über das Leben kann nach der erkennbaren Lage der Dinge nicht behauptet werden. Man wird in einer Fortführung dieses Buches noch sehen, wie der Kreis der Ordensmitglieder sogar mitbeteiligt war an Bestrebungen, die letztlich zum erneuten Aufschwung Nürnbergs durch Industrialisierung führten, und doch den Bereich der Dichtung als etwas Abgesondertes bewahrte.