Leere Geschäftigkeit
Als nacheinander innerhalb eines Jahres Präses NEGELEIN und sein berühmter Schriftführer AMARANTES verstorben waren, hätte es, wie für die Musikgeschichte nach dem im gleichen Jahr erfolgten Tode J. S. BACHs, im Orden einen Ruck geben müssen. Als aussichtsreiche Nachfolger im Vorsteheramt zog man aber lediglich zwei Herren in Betracht, die nach damaligen Verhältnissen selbst schon uralte Leute waren: Anciennität und Stand gingen der Überlegung vor, was der Präses zu leisten habe. Der Vornehmste unter den älteren Mitgliedern des Ordens war aber Herr Losungrat VON SCHEURL, genannt FLORINDO; derjenige, der schon am längsten Mitglied war, Professor SCHWARZ (MELANDER). Als das rührigste Mitglied dieser Jahre darf man sich ALCANDER, Herrn CARL SIGMUND ALEXANDER VON HOLZSCHUHER, vorstellen. Dieser schrieb am 16. Mai 1750 an MELANDER, daß FLORINDO in Gegenwart des Herrn ANTON ULRICH VON FÜRER die Angelegenheit mit ihm durchgesprochen und wegen seiner amtlichen Belastung zugunsten SCHWARZENs verzichtet habe. Offenbar fühlte man sich dem Sohne des unvergeßlichen LILIDOR gegenüber zu gewisser Rücksichtnahme verpflichtet, auch wenn er selber noch zu jung erschien für das Amt.

Am 19. 5. 1750 schrieb SCHWARZ einen Antwortbrief, in dem er sich noch gehörig vor dem Annehmen zierte. Der Briefstil dieser Jahre ist dazu angetan, im nachhinein die vier Jahrzehnte zuvor geäußerten Befürchtungen POLIANDERs zu bestätigen. MELANDER gebraucht dafür selbst die Bezeichnung "in den höflichsten Worten". Er hatte Leipzig zu früh verlassen, um vom "angenehmen Pleiß-Athen" mehr als die galante Periode mitbekommen zu haben, und er genoß als "Redner" — das heißt wohl in erster Linie, als Rhetorik-Fachmann — einen sehr guten Ruf. Dafür muß man wohl etwas tun. Zehn Jahre älter als JOHANN SEBASTIAN BACH, gehörte er zu der letzten Generation, die man in ihrem Streben noch dem siebzehnten Jahrhundert zuordnen kann.



Gleich nach Erhalt des Briefes, noch am selben Tag, ließ ALCANDER-HOLZSCHUHER ein Rundschreiben an die Mitglieder abgehen, in dem er sich auf die Tatsache beruft, daß OMEIS trotz seines Altdorfer Wohnsitzes ebenfalls Präses gewesen sei. Außerdem verfüge SCHWARZ bei seinen 76 Jahren noch über "genugsame Lebhaftigkeit". Der Orden "mögte auch künftighin dadurch bey denen Ausländern in besserem Ruff u. Ansehen stehen, wann man verfahren würde, wie Er den großen Redner, Schwarzen, zu Sein. Haupt erkiest u. erwählet habe", und es würden neue Mitglieder beitreten. Für das Amt des Schriftführers schlug er CALOVIUS (Pfarrer SCHÖNLEBEN) vor.

Acht Pegnesen setzten auf das Blatt zustimmende Bemerkungen. Die aus meiner Sicht naheliegendste Lösung vertrat Pfarrer LÖHNER aus Poppenreuth in einem gesonderten Schreiben vom 22. 5.: HOLZSCHUHER selbst wäre ein würdiges Haupt. Das schwächt er allerdings durch den Zusatz zu einem bloßen Kompliment ab, daß er ansonsten dem Vorschlag beipflichte, jedoch mit dem Bedenken, der Präses sollte vielleicht doch nicht so weit von Nürnberg entfernt sein. Ebenso äußerte sich DIETELMAIR, selber in Altdorf Professor, in einem gleich datierten Schreiben. Und über die Frage 'Nimmt Melander jetzt an, nimmt er nicht an' geht der erhaltene Briefwechsel noch in acht Stücken hin und her.

24. 8., ALCANDER an CALOVIUS mit der Bitte, ihm in folgenden Ordensangelegenheiten zur Hand zu gehen: Eine Inventur des Ordensarchives soll angestellt werden. Von der Wahl des Präses müßte das Scholarchat benachrichtigt werden, aber er weiß nicht, in welcher Form. (Man war in Nürnberg nunmehr soweit, daß Aktivitäten in Formalia schier erstickten.) Die schriftlichen Nachrichten, die der Orden über den Irrhain besitzt, möchten gesammelt werden. Der fällige gemeinsame Besuch des Irrhains soll auf den Herbst verschoben werden. Zwei neue Mitglieder stehen zur Aufnahme an, und auch hier bittet HOLZSCHUHER um Anleitung, wie es mit den Formalia zu halten sei.

Am 30. 9. 1750 schreibt SCHWARZ seinen Dank an SCHÖNLEBEN für das Feiergedicht zu seinem Amtsantritt und bedankt sich auch bei ihm (nicht etwa bei HOLZSCHUHER) dafür, daß er die Ordensgeschäfte besorgt habe, die er von Altdorf aus nicht selbst in die Hand nehmen kann. (Die Nürnberger Gesellschafter bereiten sich nämlich darauf vor, daß er zu Allerheiligen einmal in die Stadt kommt und einer Versammlung vorsitzt.) In ebendiesem Brief wird das Amt des Schriftführers als das oberste unter den Ordensräten bezeichnet. Das las man in den beiden ersten Satzungen anders. Wahrscheinlich hatte die Einzigartigkeit der Leistung HERDEGENs dem Amt das besondere Ansehen verschafft. Ferner freut es den Präses, daß die Gesellschaft "mit so guten Mitgliedern vermehrt werden soll. Bey der Frau Dr. Dittelmeierin [sic; er hätte den Namen seines Kollegen bis dahin eigentlich mitbekommen können] habe zwar ohnlängst schon einen Antrag gethan; die Resolution aber ist noch zweifelhaft; wie auch bey der Mademoiselle Jantkin, welche sonst auch eine Liebhaberin der Poesie ist; mir aber nur indeßen einige zweifelhafte Zeilen zurück gegeben." Dies ist wieder ein Sachverhalt unter der Rubrik "Frauen im Blumenorden"; und die Glosse dazu ist MELANDERs Vorschlag, wenn die Damen einträten, könnten sie sich ja aus Ersparnisgründen die gewählten Blumen selber auf ihre Ordensbänder sticken.

Die Versammlung rückte näher, und Verdrießlichkeiten, die dabei zu besprechen sein würden, machten sich bemerkbar. In Briefen vom 2. und 3. Oktober erwähnte ALCANDER gewisse Auseinandersetzungen mit einer Frau RIEGEL. Es ging um dreihundert Restexemplare des "Amarantes", der Festschrift von 1744. Die Witwe des Druckers, "das Ehren-Stück, die Rieglin", wollte darauf nicht sitzen bleiben und rannte den Pegnesen die Türen ein, um sie zur Abnahme um einen günstigen Preis zu bewegen. Hatte sie es vielleicht doch nicht so nötig, wie ihre Lage es in den damaligen Verhältnissen wahrscheinlich macht, oder konnten die Pegnesen ihrerseits nicht großzügig sein — es gibt noch mehr Hinweise, daß der Orden anfing, unter Geldknappheit zu leiden, und daß dieses Leiden allmählich chronisch wurde — kurz, man gab sich hart: "Rat.[ione] des Rieglisch-Vernunftwirrig. Begehrens sage ich [...] es werde die Zeit u. der. Herr. Gesellschaftere Standhaftigk. Ihren halsstarrig. Kopf annoch mürbe machen." Dem pflichtete am 4. Oktober WITTWER (CHIRON) bei: "Die Fr. Rieglin wird die Zeit gewiß noch lernen, uns ihre unzuverkauffende Menge von Exemplarien um den gebottenen Preis ganz willig und gerne zu überlassen." SCHEDEL (CLEANDER III.) mochte von der Unverkäuflichkeit aber nichts hören; in einem Schreiben vom 6. Oktober berührte er diesen Ehrenpunkt, als er sich über die Wünschbarkeit der Neuaufnahmen ausließ: "Dadurch bekäme auch die vielleicht erschöpfte Cassa einen guten Zuwachs, u. es würde nicht schwer seyn, die 300 Exempl. von der Historischen Beschreibung des Ordens, (welche wir zur Ehre unserer Vorfahren nicht ein todes u. unzuverkaufendes Buch nennen solten,) an uns zu handeln, u. würde das Capital nicht übel angeleget seyn, wenn man statt der Interessen unter der Gesellschaft selbst einen Aufschlag machte, und etwann ein Exemplar um 30 oder 36 Xr.25 abgäbe. Ein jedes Mitglied würde ein oder mehrere Exemplaria gegenwärtig um so geringen Preis abnehmen, u. ein jedes neues Mitglied ein gleiches zur Angabe thun [...] u. bis unsere Nachkommen wieder ein Jubilaeum celebriren, so haben sie nicht nur mit uns einerley Gesellschafts-Buch in Händen, sondern der Fleis u. Eifer unseres unvergeßlichen Hrn. Amaranthes würde gerechter Weise allezeit erwehnet."

Wenn ich mich hier schon als Nachkomme angesprochen fühlen soll, stelle ich mir einmal vor, was ich damals zu einer solchen Argumentation gesagt hätte, vorausgesetzt, ich hätte meine heutigen Grundsätze gehabt: Hier beißt sich die Schlange in den Schwanz! Man will neue Mitglieder, um Frau RIEGEL wenigstens ein wenig Geld bieten zu können. (Um so weniger, je länger sie darauf warten muß.) Die Mitglieder will man allerdings bald. Hätte man nicht mithilfe dieser neuen Mitglieder dafür zu sorgen, daß der Blumenorden außerhalb angesehen genug wird, daß sich auch für seine Geschichte wieder mehr Leute interessieren? Stattdessen baut man mithilfe eines Wechsels auf die Zukunft einen Binnenmarkt innerhalb des Ordens auf und glaubt noch, die Verdienste HERDEGENs so am besten unter die Leute zu bringen — auf Kosten des schwächsten Gliedes dieser Kette, der Witwe eines Kleinunternehmers. Zustände wie in der DDR.

Man kriegte die Frau mürbe, man erstand auch ohne die zu erwartenden Aufnahmegebühren die 300 Exemplare, und am 22. 10. schrieb HOLZSCHUHER an SCHÖNLEBEN, man könne ja einige der Bücher an Interessenten in Hildesheim und Göttingen sowie an den Kollegen HARSDÖRFER, den Nachkommen des Gründers, loswerden. Am 2. November sind für insgesamt 3 Gulden "Amarantes" verkauft — "ein kleiner Ordens-Caßa-Zufluß". Dann stockt die Sache.

Was Hildesheim betrifft: Ein dortiger Pastor, JOHANN JUSTUS EBELING, ging HOLZSCHUHER an, er wolle gern unter dem Namen URANOPHILUS Mitglied werden. Die Verbindung war wohl geknüpft worden, weil HOLZSCHUHER auch Mitglied in der "deutschen Gesellschaft" zu Göttingen war. Um so befremdlicher berührt an der darauf bezüglichen Stelle aus dem erwähnten Schreiben, wie undeutsch HOLZSCHUHERs Ausdrucksweise hier ist; selbst im siebzehnten Jahrhundert muß man lange nach einem Beispiel für derart verkommene Schreiberei suchen: "Wann nun übrigens par tout respondendo agirt, so will mithin, vice versa, dieses zu ein-baldigen Beg. Reponse proponirt haben: ob Ew. HochEhrw. weg. einer evident. Marque, daß alles cooperiren wolle, dieselben in Uns. Ord. Negotiis zu subleviren, placidiren, daß, nom. societatis, bey Uns. HochzuVenerir. Hr. Praesidis Magnif. allnächstens in ein. Schreib. anfrage, quo die, in der zur Herein-Reiße fixirten, Martini-woche, eine Ord.-Versammlung beliebig mögte seyn; damit die vorhergehende Invitat.-Schrifften darnach könnten bequeml. eingerichtet werden." Ich kann es nicht über mich bringen herauszutüfteln, was das eigentlich heißen soll.

Aus dem Brief HOLZSCHUHERs an SCHÖNLEBEN vom 5. Januar 1751 geht hervor, daß der Orden auch in dieser Periode wieder "Feinde und Tadler" hatte. Außerdem wird ASTERIOS II. Vorschlag erwähnt, jedem neuen Mitglied ein Verzeichnis der hiesigen und auswärtigen Mitglieder auszuhändigen. Solche Verzeichnisse wurden ab 1794 mehrmals gedruckt. Heutzutage, da dies in Vereinen allgemein üblich ist, gibt es im Blumenorden wieder unzerstreuliche Bedenken dagegen. Nun ja, das 18. Jahrhundert kannte noch keine Reklameplage, und Datenschutz war bei Privatleuten kein Thema.

An Einfällen mangelt es nicht, was der Orden tun könnte: SCHÖNLEBEN schreibt an SCHWARZ am 8. Januar 1751, daß die feierliche Neuaufnahme des Fräulein JANTKE und der Pfarrer KIENER und RIEDERER auch einmal im Irrhain stattfinden könnte; oder, noch wichtiger: SCHÖNLEBEN will SCHWARZ helfen, eine Sammlung von neuen Dichtungen aus dem Orden zu veranstalten. Man fühlt, daß man sich nicht länger auf seinen Lorbeeren ausruhen kann.

Der eifrige ALCANDER wird allmählich ungeduldig und scheint sich zu fragen, welchen Sinn sein Einsatz hat, wenn es doch mit dem Orden gar nicht mehr vorangehen will. Man kann sagen, er spürt schon am 13. Februar irgendwie, daß es mit dem Präses nicht mehr seine Richtigkeit hat: "Es will bey Uns. Löbl. Orden schon gar vieles sagen, daß des Gegenwart. Hr. Praesidis Magnif. außer Uns. Mauern lebet u. nebstdeme behauset ist, u. mithin sind wir garwol befugt, in Corpore weg. verschied. heilsam- u. vortheilig. Verfaßung allhier räthig zu werden, damit alsdann das resolvirte, per Literas, zur gl.mäßig. Approbation, gebührend könne publicirt u. avisiert werden. Wenn ab. niemand die Sache auf der rechten Seite angreifet, wo sie doch muß angefasst werden, od. wenn auch bey ein. Löbl. Eifer es an der behörig. Unterstützung fehlet, sind wir zur Zeit noch um kein Haar gebessert." In diese Stimmung platzt die Nachricht, die ein Schwiegersohn SCHWARZENs namens JOHANN NICOLAUS WEIß am 26. 2. auf einem mit schwarzem Rand ummalten weißen Blatt schickt: MELANDER ist nach siebenwöchigem arthritischem Leiden am 24. Februar verschieden.

Sofort sieht HOLZSCHUHER, allem Anschein nach innerlich aufatmend, die Gelegenheit zu einem Neuanfang. Schon am 6. März gibt er an SCHÖNLEBEN sein Votum ab, der nächste Präses müsse "Authorität und Stärke" in der Dichtkunst besitzen. Woher aber einen solchen nehmen? Seinen Ordensbrüdern scheint er nicht viel zuzutrauen, denn er fühlt behutsam vor, daß doch auch in anderen literarischen Gesellschaften manchmal Oberhäupter gewählt würden, die vorher noch nicht Mitglieder gewesen seien. Dabei denkt er bereits an eine bestimmte Person, einen aus der Patrizierfamilie VON GRUNDHERR. Freilich setzt er voraus, daß man sich wieder mit dem jungen FÜRER werde besprechen müssen.

Da war er zu schnell vorgeprescht. Am 17. Mai, mehr als zwei Monate später, muß er sich noch gegenüber SCHÖNLEBEN verteidigen, er wolle nichts übereilen oder allein betreiben. Es ist das alte Lied mit unbeweglichen Gemütern, daß sie an einem tatkräftigen Menschen nichts so sehr fürchten als dieses, und das Übergewicht der Unbeweglichen in eingeengten Zeitumständen ist eine fast unumkehrbare Verfallserscheinung.