Gedankenlyrik

 
"Am 16. Juli 1793 geboren, fiel seine Jugend in jene merkwürdige Zeit, in welcher alles Alte zusammenstürzte und eine neue Welt entstand. [...] Wie tief der Eindruck war, welchen Dietelmair von Hegel [S. 4] empfing [...], das offenbart uns ein Gedicht, welches erst im Jahre 1860 in einer Versammlung von ihm vorgetragen wurde und das deßhalb berechtigt scheint, hier eine Stelle zu finden."

Erklärung einer Medaille.

1.

Zeig uns die Münze! Sprich, Weß' ist dieß Bild?
Die Züge tiefen Ernst's und doch so mild?
Es ist, dem keine Andern ich vergleiche,
Das Bild des Herrschers im Gedankenreiche.

2.

Und kehrt ihr um, Wer ist der Genius,
Durch den vermittelnd es gelingen muß,
Daß Gegner, die die Zwietracht lang geschieden,
Jetzt zur Versöhnung sich die Hände bieten?

3.

Gefallen denn ist eine Scheidewand,
In Harmonie das Herz mit dem Verstand.
Wir sehen, sei es auch zur späten Stunde,
Den Glauben mit der Wissenschaft im Bunde.

4.

Ob diese Beiden wirklich sich verstehn,
Nicht unvereinbar auseinander gehen,
Und Hegel das Versöhnungswerk vollbrachte?
Es wollen ist's, was ihn unsterblich machte.

5.

Die Wissenschaft bespricht zwei Punkte nur:
Den Geist, den menschlichen, und die Natur.
Das wahre Sein der Dinge zu erkennen
Strebt sie, das Wesen von dem Schein zu trennen.

6.

Kalt ist die Wissenschaft, der Glaube warm;
Reich ist an Wundern er, doch jene arm.
Nie wird sie Tempel und Altäre bauen;
Dem Glauben ist's gegeben, Gott zu schauen.

7.

Kant, der den Menschengeist in Theile schied,
Und Grenzen zog auf der Vernunft Gebiet,
Bleibt, mag man das Gelingen ihm bestreiten,
Schon durch die Absicht Kant für alle Zeiten.

8.

Das Lehren Hegels war Gespräch mit sich,
Was einem aus sich Selbst Entwickeln glich,
Und unbesorgt, ob Einer ihn begreife,
Bringt er vor Schülern sein System zur Reife.

9.

Er fragt nach Dingen, die sie nie gelernt,
Und himmelweit von ihnen sind entfernt.
Doch fängt's, durch sein ununterbrochnes Fragen,
Allmälig an, in ihrem Geist zu tagen.

10.

Noch weiß ich, wie ich ihm zu Füßen saß
Und, kam ich heim, das Nachgeschrieb'ne las.
Er pflegt' zu reden, ganz wie Menschen pflegen,
Doch andern Sinn in jedes Wort zu legen.

11.

Er hat, und hätte er sonst nichts bezweckt,
Des Denkens Kraft aus seinem Schlaf geweckt,
Und mancher Seele für das ganze Leben
Die Richtung, die bedenkende, gegeben.

12.

Gewaltig war sein zuversichtlich Wort,
Gleich einem Strom riß es die Hörer fort;
Doch hab ich nimmer auf dies
[sic] Wort geschworen
Und so die Freiheit meines Geist's verloren.

13.

Nie nehm ich Etwas als das Wahre hin,
Eh' ich besiegt durch Ueberzeugung bin.
Der Jüngling schon verschmäht' des Geistes Bande,
Gedankenknechtschaft achtet' er für Schande.

14.

Es war für Hegel's großen Geist zu klein,
Bezwinger eines kleinen Geist's zu sein.
Ihm Ehre, der des fremden Geistes Regen
Geduldet, statt ihm Fessel anzulegen.

15.

Es hat mit ihm, Deß Ruhe nichts mehr stört,
Ein edles Herz zu schlagen aufgehört.
Von Dank und von Verehrung mir geboten,
Galt, was ich sagte, einem großen Todten."

Was Lützelberger der Wiedergabe dieses Gedichtes in seinem Nachruf auf Dietelmair hinzusetzt, macht diesen beinahe noch zum Romantiker oder wenigstens Nachromantiker: Nicht genug damit, daß er imstande war, Hegels Wirkung auf seine Studenten in einer wohl dauernd gültigen Weise zu beschreiben, er war der davon Geförderte sowie auch das Opfer der spekulativen Daseinsweise eines Hegelianers, eines Erben des deutschen philosophischen Idealismus, bis in die Schrullen seiner Alltagsexistenz hinein:

"Denn während er denkt, dichtet er, und während er dichtet, möchten wir fast sagen, grübelt er [...] Die Dichtung, stets darnach ringend, das Ergebniß einer Betrachtung zu gestalten; die äußere Erscheinung nicht darauf achtend, wie sie gestaltet sei, und dabei die Fähigkeit für ein äußerlich ordnendes und schaffendes Handeln in großer Beschränkung. Daß für seine Freunde aus dieser Beschaffenheit seines Lebens manches Heitere sich ergab, ist bekannt; daß er aber eben dadurch auch ein geistreicher Unterhalter und gefühlvoller Freund ward, Deß werden Viele schmerzlich gedenken. [...]

[...] Mozarts Tönen zu lauschen war seine Seligkeit. Aber eine äußere Fertigkeit auf irgend einem Instrumente zum Vortrag, zur Ausführung der Musik, war nicht das Ziel seines Strebens. Er dachte lieber über die Möglichkeiten der Guitarre nach, als sie meisterhaft zu spielen, und las die Noten besser in Gedanken.

[...] mit dem Jahre 1821 trat er auch schon in denselben [den Blumenorden] ein. Seiner Thätigkeit verdankt der Blumenorden eine ansehnliche [S. 8] Reihe von dichterischen Erzeugnissen, von denen leider gar manche nicht mehr vorhanden sind. Eine Auswahl derselben aus der Zeit bis zum Jubiläumsfeste des Ordens im Jahre 1844, wo Dietelmair bereits seit mehreren Jahren zum Ordensrath erwählt worden war, findet sich in der Festgabe abgedruckt [...]

Die Beschäftigung mit äußeren Werken aber, die Tagesarbeit eines Amtes -- das war nicht sein Begehr, wie auch nicht sein Geschick, und es mag wohl auch diese Scheu vor der harten Wirklichkeit, dieses Abwenden von der unpoetischen Alltäglichkeit des Lebens mit die Ursache gewesen sein, warum er sich keine Gefährtin des Lebens erwählte, sondern als Junggeselle dahinschied, wenn auch brüderliche Rücksichten dazu beigetragen haben mögen. [...]"