Gedichte zu Gedenktagen

 
Es wäre zu erwarten, daß Texte, die im Blumenorden entstanden sind, vor allem dann in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden seien, wenn sie zu Gedenktagen verfaßt wurden. Im Nürnberger Umfeld kam dazu vor allem Albrecht Dürer in Frage, im allgemeineren Goethe.

Im Jahre 1821, 350 Jahre nach Dürers Geburt, war am Maxplatz das Dürer-Pirckheimer-Denkmal Heideloffs mit seinen beiden Porträtmedaillons aufgestellt worden. Man erinnerte sich auch wieder, daß schon 1681 Joachim von Sandrart das Grab Dürers auf dem Johannisfriedhof erworben und wiederhergestellt hatte, und der 1817 gegründete Albrecht-Dürer-Verein kümmerte sich um eine erneute Instandsetzung. Vom "frühen Morgen des 22. Juny 1823" datiert ein Gedicht von Johann Tobias Felix Harleß, "An Albrecht Dürers Ruhestätte". Möglicherweise handelt es sich um ein Festgedicht zu diesem Anlaß, denn ein zahlenmäßiges Anknüpfen an ein Datum aus Dürers Leben scheint nicht bestanden zu haben, sieht man einmal von der seltsamen Formulierung in Strophe 3 ab, welche einen Zeitraum von neun Generationen nach seinem Tod zu benennen scheint:
 
     Stärkende Morgenluft
Weht um die dunkle Gruft
Die Dich umschliest.
Edler, Vollendeter,
Herrlicher, lieblicher
Reich ausgestatteter
Meister der Kunst. —

 
    Wenn auch die Hülle nur
Ruhte, die kleinste Spur
Längst ist dahin;
Immer im Weltgewühl
Sey es uns ein Asyl
Ernst wird des Lebens Spiel
An dieser Gruft.


    Neunmal schon stand die Zeit
Vor der Unendlichkeit,
Starb aus die Welt,
Seit Dich die Ruhe fand!
Groß wirst Du noch genannt
Nicht nur im Vaterland
Wo man Dich nennt.


    Und bis zum Weltgericht
Strahlet dasselbe Licht
Glorien Glanz
Um Dein verklärtes Bild
Das rein und klar und mild
Irrdisches Sehnen stillt
Wie Du einst warst.

 
    Raphaëls Genius
Sandte den Bruder Gruß
Einst Dir zurück.
Was sich auf Erden fand
Eilt längst schon Hand in Hand
Im höhern Künstler-Land
Rascher zum Ziel.

 
    Stolz unsrer Vaterstadt —
Müde und lebenssatt
Sankst Du dahin,
Duldetest, littest viel,
Warst übler Launen Spiel,
Rastlos doch hin zum Ziel
Strebte Dein Geist.

 
    Glühender Farbenton
Strahlt nun zum schönen Lohn
Rings um Dich her,
Was Du auf sichrer Spur
Ahnetest, hofftest nur
Siehst Du in der Natur
Höherer Welt.

 
    Vater, wir bringen hier
Blumen und Thränen Dir
Sey stets in uns.
Edler — Vollendeter,
Herrlicher — lieblicher
Reich ausgestatteter
Meister der Kunst!
Der Enthusiasmus für den großen Sohn der Stadt nimmt deutlich Züge der Verehrung eines Lokalheiligen an. Selbst die Strophenform und Reimverteilung erinnert stark an das katholische Marienlied "WunderschönPrächtige/ Hohe und Mächtige/Liebreich holdselige/Himmlische Frau"". Abermals hat man sich zu verwundern über die wenigstens ästhetische Katholisierung romantischer und spätromantischer Gemüter in einer Stadt, in der Katholiken erst seit kürzester Zeit Bürgerrechte erwerben konnten.

Richtig politisch wird dann die Grundsteinlegung zum Dürer-Standbild auf dem Milchmarkt anläßlich der dreihundertjährigen Wiederkehr seines Todes. Es ist in Deutschland die erste Ganzkörperstatue eines nichtadligen Menschen als Bronzeguß ausgeführt und unter freiem Himmel. Rainer Mertens stellt die Umstände der Entstehung dieses Denkmals und der Einmischungen Ludwigs I. erneut dar, gestützt auf zahlreiche Vorarbeiten und in besonderem Hinblick auf die Rolle Johannes Scharrers. Das muß hier nicht wiederaufgegriffen werden. Aus dem Gesichtspunkt des Blumenordens ist bedeutsam, daß Bürgermeister Binder, auch ein Ordensmitglied, vor beinahe 10000 Festbesuchern aus ganz Deutschland zu diesem Anlaß eine Rede hielt und daß die Tendenz der Feier deutlich nationale Untertöne hatte. Goethe, der zu dieser Zeit wohl noch reisefähig gewesen wäre, hatte wohl Lunte gerochen und sagte in freundlichen Worten seine Teilnahme ab. Der Präses des Blumenordens, Seidel, beeilte sich, in seinen dem Anlaß gewidmeten Versen einen Ton der Verinnerlichung anzuschlagen, und so klingt er geradezu wie ein Maler der nazarenischen Schule, die zu jener Zeit in München wohl gelitten war:


Dein Denkmal Dürer?
Es ist nicht das Eine,
Deß Grundstein Dir die Dankbarkeit
In neuer Regung würdig weiht.
Vielfältig lebt's in großen Bildern,
Die Deines Geistes Tiefe schildern.
Manch' Land und manche Stadt so weit
Erfreut sich Deiner Herrlichkeit.
Die Kräftigen, die Züchtigen und Zarten,
In vielbewegter Zeit bewahrten.
Rein war der Pinsel, rein die Seele,
Und, daß dem schönen Bild nichts fehle,
So war's die Kraft, die jegliches gebar,
Drum ist auch jedes warm und wahr.
 

Doch eine Seele, die so Edles schuf,
Sie folgte auch den höheren Ruf,
Der ihren frommen Sinn berührte
Und sie zu ihrem Meister führte.
So ward der Meister Jünger, und sein Walten
Schuf dann der Meister, würdige Gestalten,
Und so verherrlichte das innre Leben
Des Künstlers treues Höherstreben.
So ward er stets als der befunden,
Der fromme Reinheit mit der Kunst verbunden.

Als dann Goethe gestorben war, gab wieder Seidel, dessen poetisches Vermögen wohl hinreichte, um dem Blumenorden eine würdige Stimme zu leihen, seine offiziöse Stellungnahme ab. Sie gibt einen repräsentativen Überblick über die neuere Literaturgeschichte, wie sie einem Nürnberger Gebildeten um 1832 gegenwärtig war. Manche der erwähnten Dichter sind heute nurmehr dem Spezialisten ein Begriff (und die Namen werden oft anders geschrieben):

Auch Göthe ist nicht mehr! — hat sich der Abend
Geneiget nun im deutschen Dichterland?
Einst ging in Opiz uns der Morgen auf.
Und drauf — seht aus den Fesseln Gottscheds hebet
Ein Zachariä und ein Gellert sich.
Was hör' ich? — aus Helvet'iens Alpen tönt
Um Mariane Hallers Klaggesang.
Von dorthen flüstern die Idyllen Geßners,
Des Manns um dessen Gunst
Die Muse des Gesangs und die der Zeichenkunst
Sich stritten — dem Apoll um ihren Streit zu schlichten
Hieß mahlen im Gesang und im Gemälde dichten.
Dort weckt in unseres Hoelty weicher Seele
Ein Bürger der Ballade Geist
Und hier erfüllen Ramlers Klagen
Mit sanfter Wehmuth das Gefühl.
Er klagt:
[...]

Dort hebt sich Kleist in kühnen Phantasien
Und tauchet drauf zur Tiefe in dem Menschengeist.
Und wen erblick ich dort auf Golgathas geweihten Höhen?
— Den hohen Sänger des Messias. Hört, er spricht:

[...]

Und seht, um ihn versammelt sich der Sänger
Ein heil'ger Chor zum himmlischen Hallelujah.
Die Cramer, Lavater, die Schuberte und Uze
Ein Claudius und Gleim und Heß und Herder.
Ich wende mich und siehe —
Ein Dichter, dessen leiblich Aug umwölkt,
Greift in die Saiten, ihn umhüllt der Blindheit Nacht;
Jedoch ins Innre dringt das Auge seines Geistes
Das Hertz des Weisen und des Thoren spricht er aus.
Auch sanft berührend ist gar oft sein Sang.

[...Zitat...]

Dort aus Graubünden steigt ein Sänger nieder
Ein Salis forschend, voll Gemüth und Geist.
O hört, wie seine heil'ge Muse es verräth,
Was er in der verborgensten Natur erlauschet.
Wie du ihn stärkst, o Kunst,
Wie du ihn anhauchst, Grazie!
Seh' ich nicht — wendend mich zu Felsenhöh'n
Am Bergschluß unter Träumen wandeln Matthison?
Und was ist das, was hier sich mir entfaltet?
Die Zeichnungen von Hippels Meisterhand,
Mir sagt es die Natur, die sich in ihnen spiegelt.
Und wer ist jener? Seht die Liebe
Imuliret
[?] er behend — und weist durch Frankreichs Gaue.
Das ist ja Thümel — !
Gebt scherzend einen leisen Schlag ihm auf den Mund
Und leget ihm dann Küsse drauf.
Ich nah' mich Dir, der Du ausruhest am Gelände
Des Weinstocks ohnfern Heidelbergs Ruinen
Dem trefflichen, Dir, dem antiken Voss,
Vergnügt sich lehnend an Homeros Büste.
Sey freundlich, edler Greis; es grüßet Dich Luise.
Was aber strahlet dort inb heilgem Glanz?
Es ist Novalis Muse — seht — o sehet —
Wie sie der Erde sich entreißt
Wie sie den kühnen Adlerflug beginnt.
Dort unterm hohen Regenbogen, welchen Blitze noch durchzucken,
Steht unserer Zauberer, der Jean Paul Richter da.
Vom Titan, der zu den prismat'schen Höhen strebet —
Bis ganz herab zu Quintus Fixleins warmem Lerchennest
Vereint seiner Schöpfungen Vielfältigkeit Humor,
Und eine Biene ist sein Genius,
Die den durchsicht'gen Honig überall erbeutet.
Wen seh' ich dort — indem ich weiter gehe? —
Ein hoher Dichter steigt vor mir empor.
Er lag an Romas und an Hellas Brüsten
Und Düfte Galliens umwehen ihn.
Es ist der Vater Agathons und der Musarion,
Hipparchis und Krates — Vater Wieland,
Der's nicht verschmäht in unseren Ordenskranz
Auch einzuflechten seinen hehren Namen.
Und wer sind jene Beiden, die sich innig dort umfassen?
Die geist'gen Dioskuren sind's, — die Brüder Schlegel.
Doch sehet die Gestalt, die uns sich nahet —
Ein reines Feuer glüht in ihrem Aug —
Du bists — Parthenios der deutschen Dichter
Du, unser edler Schiller, sey gegrüßt.
Dir ist mit scheuem Blick ein Alba dort begegnet
Und Carlos, Posa, neigen sich vor Dir.
Ein Wallenstein betrachtet Dich mit Staunen —
Johanna d'Arc reicht Dir den Jungfrau'n Kranz
Und Wilhelm Tell, der Ungebeugte
Neigt sich vor Dir mit Weib und Kind,
Maria Stuart lächelt Dir entgegen
Und alle Künste huld'gen Dir.
…………………………

Nicht alle nennen kann ich sie,
Die durch der Lieder Zauberklänge
Den heil'gen Bardenhain belebt,
Doch Einer ist's, der über Alle raget —
Goethe!
Ihm weihen wir vereint ein einfach Fest.
Ich leit' es ein mit wenig Worten —
Die meine Armuth diesem Reichen hat geweiht.

[...]

Vollständigkeit darf man bei einem derartigen Festgedicht im Rhapsodenton nicht erwarten, und dennoch ist es nicht ohne versteckte Zeichenhaftigkeit, einige andere Namen, deren Erwähnung in diesem Gedicht jedenfalls nicht aus äußeren Gründen ausgeschlossen war, versuchsweise ins Spiel zu bringen:

Lohenstein? Gryphius? Zu "schwülstig"? — Lessing? Heinrich von Kleist (statt Ewald)? Zu unchristlich? — Brentano? Arnim? Rückert? Weil sie noch am Leben waren? Das Spiel kann fortgeführt werden, doch ergibt sich immerhin schon jetzt, daß der Gesichtskreis Seidels über jene als typisch biedermeierlich postulierte Enge hinausreichte, welche einen Wieland schwerlich in einer Reihe mit Novalis genannt hätte.