Gesellschaftliche Nebenbedingungen

„Hintergrundbedingungen” wäre zuviel gesagt, wenn man einige Archivmaterialien in den gesellschaftlichen Zusammenhang der damaligen Zeit einordnen möchte, denn das Leben des Blumenordens verlief ziemlich unabhängig von den sozialen Problemen, eigentlich nebenher. Doch gänzlich die Augen davor verschließen konnten und wollten die Pegnesen auch nicht.

Am 8. November 1824 gelang dem Präses unter Punkt II der Tagesordnung eine schöne Geste: „[…] Ich halte es für meine Pflicht vorerst eines Mannes zu gedenken, welcher uns allen werth gewesen ist, es ist der ohnlängst entschlafene Lohnbediente Bauer, dieser achtungswürdige Greis. […Er] war auch viele, viele Jahre treuer Diener unserer Gesellschaft […] er ist hinübergegangen in das Land, wo nicht mehr Herr noch Diener ist und hat ein gutes Zeugniß mit hinüber genommen. Genehmigen Sie es, meine Herren, so sollen diese wenigen Worte dem Protokoll einverleibt werden […]“
Ein Lohnbedienter — der verdingte sich zu jeweils einzelnen Dienstleistungen ohne festes Abhängigkeitsverhältnis von einem Dienstherrn; im Falle des Blumenordens mögen dies Botendienste für Rundschreiben gewesen sein, oder Aufwartungen bei Ordensversammlungen. Nach unseren heutigen Begriffen war Bauer also ein Gelegenheitsarbeiter, und es wäre auch heute nicht selbstverständlich, daß seine Mühe durch Erwähnung in einem Protokoll gewürdigt wird, das für die Nachwelt bestimmt ist. 170 Jahre hat diese Notiz nun schon überdauert, und so war es gewiß beabsichtigt. Die Worte Seidels waren aus christlichem Geist gesprochen; eine Gewerkschaft könnte damit freilich noch nicht zufrieden sein.

Wie verhielten sich die Pegnesen, wenn sie mit tatsächlichem Elend konfrontiert wurden? Am 13. November 1843 erreichte sie ein namenloser Bittbrief:

„Gehorsamste Bitte an die Hochverehrten Mitglieder des Pegnesischen Blumenordens!
Eine Familienmutter von 5 unerzognen Kindern wendet von Kummer und Verzweiflung getrieben, ihre Blicke flehend und hoffend um eine Unterstützung in ihrer bedrängten Lage zutrauensvoll an Sie, da ja Nürnbergs edle Bewohner jeder Zeit sich so Hülfe spendend und bereitwillig zeigen, wenn es gilt fremdes Unglück zu mildern, so werden Sie es auch nicht minder sein, wenn es gilt einen Ihrer Mitbürger, der sich schämt, seine unverschuldete Lage zu veröffentlichen, zu unterstützen, da durch Geschäftslosigkeit, Krankheiten, und zuletzt der teueren Lebensmittel alles Entbehrliche veräußert werden mußte, sind wir nicht imstande für diesen Winter das Unentbehrlichste, Holz und Kartoffeln zu bestreiten […] Ich flehe daher noch einmal dringend, erbarmen Sie sich der Kinder, daß sie nicht hungern und frieren müssen, und Gottes reichster Segen für jeden kleinen Beitrag und das eigene Bewußtsein werden Ihr Lohn sein für diese edle Unterstützung wenn gleich ungenannt und unbekannt, so dürfen Sie doch überzeugt sein, solches an keine Unwürdigen verschwendet zu haben […] In der freudigen Hoffnung lebend, von Ihnen Hülfe zu erhalten, wage ich es, den [sic] Freiherrn von Kreß diese Zeilen einzuhändigen und von solchen mein Urteil zu erhalten, obwohl persönlich unbekannt würde ich mit der Bitte um Verschweigung des Namens Ihnen gerne die näheren Aufschlüsse geben, ob ein Zufall oder Gott mir den Gedanken gab, ich weiß es selbst [nicht?], und kann nur bitten, er möge Ihr Herz regieren und mich vor Zweiflung schützen, denn schon schlägt die Glocke 1 Uhr und noch naht der freundliche Tröster der Müden und Bedrängten meiner kummervollen Wohnung nicht, o Gott, es ist hart fremde Hülfe ansprechen zu müssen und ich würde lieber Hunger sterben, täten mich die armen Kindern [sic] nicht dauern, und so will ich nun hoffen und harren, Gott wird es zum Besten lenken.” — Diese Mutter (es wird schon eine Frau gewesen sein, die da schrieb) äußert sich in einem fast durchgehenden Strom von assoziativ gereihten Klagen und Bitten, deren sprachliche Bestandteile sie gewiß von vielen fleißig besuchten Predigten gelernt hat. Sie ist in grammatikalischer Hinsicht nicht völlig sicher, aber sie stammt gewiß nicht aus der Schicht derjenigen, welche den Töchtern keinerlei Schulung zukommen lassen können oder wollen. Wenn sie sonst schreibt, schreibt sie gewiß anders, doch ihre Bedrängnis zwingt ihr geradezu Kanzelrhetorik ab. Sie gehört wohl zu der Schicht der kleinen Gewerbetreibenden (Händler oder Handwerker), und daher zu den „verschämten Armen”, die sich scheuen, in sichtbarer Weise der öffentlichen Armenpflege zur Last zu fallen. Erstens wäre die Kreditwürdigkeit damit gänzlich dahin, und zweitens war diese Armenpflege in Nürnberg zwar von alters her eingerichtet, aber schlecht dotiert, und der bayerische Staat hatte auch nicht mehr zu bieten — eine Umverteilungsmaschinerie von den Erbringern des Sozialprodukts zu den Unfähigen oder Unwilligen war sie noch keineswegs. Diese Familie war offenbar auf dem Abstieg ins Industriearbeiter-Proletariat, mitten während der Ausbauphase des Eisenbahnwesens, und auch das nur, wenn sie sich entschließen konnte, die bisherige Stellung und Wirtschaftsweise aufzugeben. So wäre aber wenigstens eine bescheidene Teilhabe an der aufstrebenden Konjunktur erreicht worden. Die Angelegenheit erinnert sehr an Verhältnisse, die Gottfried Keller in dem Roman „Der grüne Heinrich” schilderte.
Wenn uns heute eine vergleichbar geschriebene e-Mail erreichte, würde sie als geschickt getrickste Betrügerei eingeschätzt und landete im elektronischen Papierkorb für unerwünschte Werbung. Das geht ganz leicht, und auch deswegen, weil man in dem Gefühl lebt, daß der Sozialstaat dem einzelnen genügend Steuern abverlangt, um dafür zu sorgen, daß niemand Hungers sterben muß (auch wenn diese Überlegung sehr, sehr theoretisch ist). Damals wendete sich  der Arme, dessen Lage nicht allein von seiner Tüchtigkeit und auch nicht allein von den konjunkturellen Verhältnissen der Wirtschaft abhing, an den Reichen, der seinen Reichtum zum größten Teil ererbt hatte, und der auf der gemeinsamen Grundlage christlicher Anschauungen sein Gewissen mit einer milden Gabe beschwichtigte. Wie viel hat der Orden gespendet?
Auf dem Blatt ist vermerkt, daß die Mitglieder des Blumenordens anläßlich des Soupers vom 13. November 1843 1 florin und 34 Kreuzer beigesteuert haben. Der Präses legte noch einmal 11 Kreuzer darauf. In Ermangelung eines entsprechenden „Warenkorbes” zur Ermittlung der Kaufkraft wird das unmöglich in Euro umzurechnen sein, höchstens eine sehr ungefähre Schätzung, die zwischen 150 bis 600 Euro schwanken dürfte, ist nach Auskunft diverser Internetseiten möglich. Eines steht dennoch fest: Damit kam eine siebenköpfige Familie nicht über den Winter. Sie mußte noch andere Hilfsquellen suchen. Geradezu gleichgültig oder gar unmenschlich hatten sich die Pegnesen trotz der Anonymität des Schreibens jedoch nicht erwiesen.

Auf den ersten Blick scheint eine Beschwerde, die ein Mitglied des Blumenordens anonym an den Präses richtete, mehr von Unmenschlichkeit an sich zu haben. Am 4. Juli 1818 war „Joh. Konrad Koerber zum Irrgärtner an- und aufgenommen” worden. Acht Jahre später geht unter dem üblichen Eingangsvermerk „praes. 4/7. Febr. 1826” folgendes Schreiben ein:
„Das Glückwünschen zum Jahres-Wechsel, um ein Geldgeschenk zu erhalten, — kürzer gesagt: der Neujahrsbettel, — wird nicht nur längst allenthalben inter odiosa gerechnet, sondern mit Recht auch als ein Frevel an öffentlicher Ordnung und Sittlichkeit angesehen und behandelt, wo eine energische Obrigkeit ihr Amt übt. […]
Der Schwarm begehrender Gratulanten ist gewichen: nur wenige üben noch den häßlichen Bettel, und darunter ist unser Irrgärtner —;
Er, der durch die Gaben der — den Irrhain Besuchenden für die sehr nachlässige Pflege der veralteten und großentheils nicht mehr kennbaren Anlagen dieses Haines reichlich belohnt wird, gleichwohl aber einst seine Unverschämtheit so weit zu treiben gewagt hat, zur Vermehrung seines Einkommens öffentlich vorzuspiegeln, aus den Garten-EintrittsGeldern eine Abgabe in die Ordenskasse entrichten zu müssen.
Man lohne seine Dienste aus der — durch die — auf das Doppelte erhöhten Beiträge nun hinlänglich dotierten GesellschaftsKasse, und untersage ihm die schamlose Bettelei, die immer dasselbe bleibt, die Gabe, welche erwartet und gereicht wird, sei groß oder klein.
Kein Bettler sei unser Irrgärtner, sondern ein fleißiger Pfleger des Haines, und dafür werde ihm aus dem Fonds des Ordens, was er verdient!
Dieses wünscht zum neuen Jahr
ein Freund guter Ordnung und Mitglied des pegnesischen Blumenordens.”
Was man ohne kurzsichtige Mitleidsheuchelei daraus entnehmen sollte, ist doch eher dies: Die Regelung aus dem 18. Jahrhundert, nach der ein Irrgärtner von den Trinkgeldern leben sollte und konnte, hat nicht mehr den rechten Erfolg. Die Besucher haben offenbar im Verhältnis weniger gegeben, wohl auch aus der neuartigen Einstellung, daß Arbeitsverhältnisse ordentlicher geregelt zu sein hätten, und daß wohl auch eine derartige Regelung bestehe. Koerber wußte sich nicht anders zu helfen, als eine Pacht vorzuspiegeln, um die Gaben reichlicher fließen zu lassen. Mit einem gewissen Recht angesichts des Wechsels der Auffassungen wünscht der Verfasser des Beschwerdeschreibens, man solle reinen Tisch machen und lieber einen anständigen Gehalt zahlen. Damit entfällt eine Entlohnung, die auf menschliche Nähe und Almosengesinnung angewiesen ist, und an ihre Stelle tritt das unpersönliche Vertragsverhältnis.
Ganz so unpersönlich hat man allerdings nicht gleich gedacht. Am 13. Februar 1843 verzeichnet das Protokoll:
„[…] II) Machte der erste Herr Ordens-Consiliarius den anwesenden Mitgliedern [20 Personen] bekannt, daß der Gärtner im Irrhain Johann Konrad Körber zu Kraftshof vor Kurzem, mit Hinterlassung mehrerer Kinder, mit Tod abgegangen sey und daß dessen Wittwe geziemend gebeten habe, die von ihrem verstorbenen Ehemann viele Jahre hindurch besorgten Geschäfte eines Gärtners im Irrhain ihr und ihrem ältesten Sohn auch noch fernerhin pachtweise zu überlassen. Der Körberin sey hierauf eröffnet worden, daß die Entschließung des Ordens-Vorstands auf ihr Gesuch bis zur Zurückkunft des Herrn Präses [der sich „als Abgeordneter zu der Landtags-Sitzung in München befindet“, 1. Seite] ausgesetzt bleiben müße und daß sie inzwischen die Arbeiten im Irrhain noch ferner wie bisher zu verrichten habe.” Das läßt in der Tat auf ein mittlerweile eingerichtetes Pachtverhältnis schließen, wenn nicht sogar jener Beschwerdeführer den Sachverhalt nicht genau gekannt haben sollte. Dabei kann die Familie nicht gut weggekommen sein, falls die Stellungnahme dieses Anonymus nicht ein vereinzelter Vorläufer einer Gesinnung war, die erst viel später durchdrang. Andererseits achtete man doch darauf, daß nach dem Tode ihrers Ernährers die Familie Körber nicht einfach als abgemeldet galt.