Glanz und Elend des Mitgliederbestandes

Derartige Auftritte des Ordens in der Öffentlichkeit führten zwar im günstigsten Fall zu einem Prestigezuwachs, nicht aber zu einem Mitgliederzuwachs, und den hätte man zur Finanzierung besonderer Projekte je später desto dringender nötig gehabt. Bemerkenswert sind einerseits die Versuche, dem abzuhelfen, andererseits sind es die internen Jubelfeiern und besonderen Gratulationen, wenn ein verdientes Mitglied zu einer Ehrung anstand. Es konnte dabei leicht vergessen werden, daß seit dem gewaltigen Anstieg der Mitgliederzahl aufgrund der Vereinigung mit dem Literarischen Verein (1874) die Tendenz abwärts zeigte.
Nach dem glanzvollen Auftritt des Blumenordens beim Jubiläum lag es nahe, daß man sich weitere Mitglieder sorgfältiger heraussuchen könne: „Dr. Beckh betont, daß bei Neu-Aufnahmen jetzt mehr Gewicht auf liter. Thätigkeit und Befähigung Rücksicht genommen werden solle.“ Seine eigene Erhöhung paßte gut in dieses angestrebte Niveau: „[…] Schmidt bringt den zu Hofräten ernannten Dr. Beckh u. Dr. Heller seine und des Ordens Glückwünsche dar, beide Herren danken in bewegten Worten. […]“ Sofort aber werden Neuaufnahmen vorgenommen, die den guten Vorsätzen nicht so recht entsprechen:

[…] Vorgeschlagen werden:
durch Beckh: Herr Schauspieler Fambach, der schon als im Vorjahr angemeldet betrachtet sein soll, […]
durch Herrn Justizrat v. Kreß: Rechtsanwalt Goldmann
durch Herrn Postm. Schmidt: Reallehrer Langbein
durch Herrn Konsul Knapp: Ziegeleibes.[itzer] Phil. Hauck in Vach,
über welche nächsten Freitag abgestimmt werden wird.

Es muß schnell klar geworden sein, daß man sich nicht auf Prominente beschränken konnte; und bei durchschnittlichen Neumitgliedern konnte man ja nicht gut eine Prüfung über literarische Kenntnisse und Fähigkeiten abhalten. Der Mitgliederbestand war 1895/96 jedenfalls imponierend: 30 Ehrenmitglieder, 19 Mitglieder im Schriftverkehr, 171 ordentliche Mitglieder.

Vergessen war die Suche nach literarisch tätigen Mitgliedern allerdings nicht:

Außerordentliche Haupt-Versammlung Freitag 19. Februar 1897
[13 Teilnehmer, Tagesordnung: „Ernennung von Ehrenmitgliedern“]
Der Vorsitzende gibt nun bekannt, daß von Seiten des Ausschusses Hofrat Maxm. Schmidt in München wegen seiner Verdienste um bayr. Volksliteratur vorgeschlagen sei und fügt bei, daß er beantrage auch den Nestor der schwäbischen Dichterschule Prof. J. G. Fischer in Stuttgart, diesen vortrefflichen Menschen und Dichter, der mit prophetischem Geiste in seinem Gedichte „Nur Einen Mann aus Millionen“ den Einheitsgedanken des deutschen Reichs & dessen Erfüllung besang, in die Zahl der Ehrenmitglieder aufzunehmen.
Es wird freudig zugestimmt und sind die Obigen als Ehrenmitglieder des Ordens aufgenommen. […]

Man muß jedoch zugestehen, daß damit der neueren Entwicklung der Literatur nicht Rechnung getragen war.

Austritte gab es auch, zum Teil wegen Wegzugs, zum Teil von Alters wegen; was unangenehm berührte, war ein oder anderer Austritt im Unfrieden. Die im vorigen Buch schon geschilderte ehrpusselige Affäre um eine Bemerkung, die Fuhse bei der Aufnahme eines Dr. Goetze über Genée gemacht hatte (dieser nahm es nicht schwer und wollte besänftigen, aber Mummenhoff nahm es um so krummer), hatte zur Drohung Mummenhoffs geführt, auszutreten; dies war scheinbar beigelegt worden, aber:

1. W.V. Freitag 8. Januar 1897115
[…] Abgemeldet haben sich Dr. Franz Fuhse und Archivar Mummenhoff was lebhaftes Bedauern hervorruft; […] derselbe [Bernhold] legt ferner die Frage vor, ob der Austritt des Hr. Archivars Mummenhoff keine Schwierigkeiten wegen der Bibliothek u. des Archivs zur Folge hat, was Knapp entschieden verneint.

Mit dem bedeutenden Herrn Mummenhoff war offenbar nicht gut Kirschen essen.

Freitag den 7. Oktober 1904    30. Wochenversammlung
[…] Sodann verliest Dr. Beckh einen sehr umfangreichen Brief Mummenhoffs, der sich in ziemlich deutlicher Sprache mit der, in letzter Sitzung schon besprochenen Archivangelegenheit befaßt. Auf Grund des Vertrages zwischen dem städt. Archiv u. dem Orden, dürfen nämlich die pegnesischen Archivalien von Niemandem dem Archiv entnommen werden; die Durchsicht derselben hat stets an Ort u. Stelle zu erfolgen. Gegen diesen Paragraphen, an den sich freilich keiner der Herren der Tafelrunde mehr erinnert hatte, hat der II. Vorsitzende, natürlich ohne jede schlimme Absicht, insoferne verstoßen, als er sich die Akten für seinen Aufsatz über den Prozeß der Birken’schen Leopoldskette von Dr. Reicke aushändigen ließ, die er auch unverzüglich, sogar ohne Leihschein, ausgehändigt erhielt. Archivrat Mummenhoff verweist nun mit eisernem Zeigefinger auf diesen Paragraphen u. verlangt „Respekt vor den Gesetzen“. […]

Freitag den 15. November 1912    33. Wochenversammlung
[…] Brügel gibt einen, schon in der letzten Versammlung vertraulich besprochenen, Zusammenstoß mit Herrn Archivrat Mummenhoff auf Grund seiner schriftlichen Niederlegung des Vorfalls bekannt, & erklärt die von ihm bis jetzt betätigte Ordnung des Archives & die Durchsicht der Correkturbogen des Cataloges so lange unterlassen zu müssen, bis ihm von Seiten des Herrn Archivrates Mummenhoff Genugtuung geworden sei.
An die von Brügel in seinem am 6. Nov. gehaltenen Vortrag [über Zierlichkeit der Sprache bei Birken et. al.] scherzweise gebrauchte Äußerung, da ihm der Transport der Urkunden, Bilder p.p. in den Adler zu schwer geworden sei und er sich deshalb eines, ihm zuvor unbekannten, aber Vertrauen erweckenden jungen Mannes, als Hilfskraft, bedient habe, anknüpfend, warf Mummenhoff, Brügel, laut dessen Bericht, in Anwesenheit des Archivpersonals ein bedachtloses Umgehen mit den, seinem Archiv anvertrauten u. ohne seine spezielle Erlaubnis herausgeholten Urkunden p.p. in einer Weise u. einem Tone, ohne jeden Schein irgend einer Berechtigung vor, die Brügel, selbst bei der nachsichtigsten Beurteilung dieses Vorgehens als Beleidigung empfand; umsomehr, als er sich bei jeder Herausnahme einer Urkunde erst der Zustimmung Mummenhoffs versichert hatte. […]

Und, im Vorgriff auf die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die letzte Erwähnung Mummenhoffs im Zusammenhang mit der Ausleihe von Büchern aus der Ordensbibliothek, die in der Stadtbibliothek eingestellt worden war:

Der Ansicht Stellers, daß viele Mitglieder durch die Persönlichkeit des Herrn Archivrats Mummenhoff abgehalten würden die Stadtbibliothek aufzusuchen hielt Reicke entgegen, daß Mummenhoff sich um den Verkehr mit der Bibliothek in keiner Weise kümmere […]

Emil Reicke war kein minder bedeutender Amtsträger und Gelehrter. Seine „Geschichte der Reichsstadt Nürnberg von dem ersten urkundlichen Nachweis ihres Bestehens bis zu ihrem Uebergang an das Königreich Bayern“   (Nürnberg bei J. P. Raw, 1896 — 1078 Seiten) kann als Standardwerk betrachtet werden und wurde noch 1983 von dem Mitglied des Blumenordens Gerhard Hirschmann erneut herausgebracht. Im Jahre 1907 wurde er in das Kontrollgremium, den „Ausschuß“, einstimmig gewählt. An den Debatten, die sich mit dem Problem mangelnder Beteiligung innerhalb des Ordens und mangelnder Außenwirkung befaßten, nahm er regen Anteil.

Freitag 15. November 1907    33. Wochensitzung
[…] Beckh kommt sodann auf die Ausgestaltung unserer Wochensitzungen und Monatsversammlungen im Allgemeinen zu sprechen. Er gibt zu, daß dem Orden etwas mehr Leben u. Frische nichts schaden dürfte und wünscht vor allem eine regere Betätigung des Einzelnen. […] Dr. Reicke erhofft sich von sogenannten Serienvorträgen über ein literarisches oder allgemein interessierendes Thema gute Erfolge. v. Kreß glaubt, daß diese Serienvorträge nicht die erhoffte Unterstützung finden werden. v. Bezold verlangt eine Kräftigung des Ordens von Innen heraus; er glaubt, daß der Orden im Kreise seiner Mitglieder, seiner correspondierenden u. Ehrenmitglieder genügende Kräfte besitzt, die nur geweckt werden dürfen. […]

Selber ging er mit gutem Beispiel voran:

Freitag den 8. Dezember 1911    38. Wochenversammlung
[…] Unser Ausschußmitglied Dr. Reicke hat seinen vor Jahresfrist im Blumenorden gehaltenen Vortrag über Malwida von Meysenbug noch weiter ausgearbeitet u. im Druck erscheinen lassen. Er macht der Bücherei des Ordens ein Exemplar zum Geschenk, für das ihm schriftlich gedankt werden soll. Das Buch enthält eine Anzahl Bildnisse der interessanten Frau in verschiedenen Lebensstufen, sowie Bilder von Zeitgenossen, die ihren vielgestaltigen Lebensweg gekreuzt haben. […darunter Nietzsche…]

Als es darum ging, durch eine Erhöhung des Mitgliedsbeitrags den Niedergang der Finanzen umzukehren, kam Reicke in der Aussprache über die somit notwendig gewordene Satzungsänderung mehrfach mit Vorschlägen zu Wort:

Außerordentliche Hauptversammlung am 7. März 1913.
[13 Anwesende]
Die laut nachstehenden Protokolls beschlossene Satzungsänderung (Mitgliederbeitrag betr.) wurde heute ins Vereinsregister eingetragen.
Nürnberg, 10. Januar 1914. K. Amtsgericht. [unleserliche Unterschrift, Stempel]
[…] Von Wießner liegen folgende Anträge vor:
I. Erhöhung der Mitgliederbeiträge.
II. Aufhebung der Öffentlichkeit der Ordensveranstaltungen im Adlersaal p.p.
III. Den Vorsitzenden zu ermächtigen das für die Freitagstafelrunde einlaufende Geschäftliche in eigener Machtvollkommenheit zu erledigen p.p.
[…] Lambrecht erklärt sich für Erhöhung der Mitgliederbeiträge von M 8.00 auf M 10.00, ab 1. Jan. 1914. Er erklärt es für unmöglich, den vielseitigen Anforderungen des Ordens mit dem geringen Budget, welches so und so oft überschritten werde, zurechtkommen zu können und führt als Beispiel den Gerh. Hauptmann-Abend an, der zwar als kostenloser Abend gedacht gewesen sei, in Wirklichkeit aber M 90.00 Extraausgaben verursacht habe.
Reicke ist gegen die Erhöhung mit der Begründung, daß dadurch der Beitritt von neuen Mitgliedern hintangehalten werde. […]
Oettinger spricht für Erhöhung. Er führt an, daß viele Familien jährlich wesentlich mehr für Bücher und Leihbibliotheken ausgeben, als M 10.00 und, mit dem einmal fertiggestellten Katalog an der Hand, dieses, durch Entnahme ihres Lesebedarfs aus der Ordensbibliothek einsparen könnten. Reicke meint, […] die Bücher der Stadtbibliothek seien alle unentgeldlich [sic] zu haben […] Falls eine Beitragserhöhung eintreten solle, rege er, als Aequivalent dafür, die Wiedereinführung der Lesemappe an.
[Lambrecht weist nach, daß der Lesezirkel den Orden mehr kosten würde als durch die Beitragserhöhung hereinkommt, worauf Reicke eine Erhöhung auf 12 Mark vorschlägt. v. Bezold bezeichnet einen Lesezirkel als geeignet für eine kleinere Stadt; in einer Großstadt sei er etwas Altväterisches.]
[Lösch:] Sein Endvorschlag ist, der Orden möge sich nach der Decke strecken u. event. die öffentlichen Vorträge eingehen laßen.
[Mit 10 gegen 3 Stimmen angenommen:] Der Beitrag für das ordentliche Mitglied des Peg. Blo. beträgt ab 1. Januar 1914 M. 10.00 pro Jahr.
[Wießners schriftlicher Antrag II:]
„Der letzte öffentliche Abend hat wiederum gezeigt, daß der Peg. Blord. nicht im stande ist, eine größere Zahl Außenstehender zu seinen Vorträgen heranzuziehen. Wenn es uns nicht einmal gelingt, durch  den allerorts so gern gehörten Redner Prof. Dr. Rée einen gefüllten Saal zu erzielen, dann wird dies bei weniger bekannten Rednern erst recht unmöglich sein. Der so helle klingende Name des Peg. Blo. verliert an Klang, wenn ein Außenstehender, der sich in solche eine öffentliche Versammlung verirrt, solch gähnende Leere vorfindet. Dem müßen wir unbedingt ausweichen. Darum mein Antrag, unsere Abende nicht mehr als öffentliche bekannt zu geben. Um eine größere Hörerzahl heran zu ziehen wäre es vielleicht angebracht, zu jedem Abend besondere Einladungen ergehen zu laßen und jeder Einladung eine Anzahl Karten beizufügen. Es ist mir wiederholt gesagt worden, daß man, mit einem Ausweiß versehen, diesen oder jenen Vortrag gern besucht hätte.“
[…] Schmidt meint, wenn man die öffentlichen Abende aufhören und zugleich eine Erhöhung der Beiträge eintreten laße, dieses ein doppeltes Armuthszeugniß für den Orden bedeute. Das Irrhainfest allein als Darbietung für die Mitglieder sei entschieden zu wenig. […]
Reicke möchte den Besuch des Prof. Dr. Rée’schen Vortrages schon aus dem Grunde nicht als Maßstab angewendet wissen, weil Rée den gleichen Vortrag erst vierzehn Tage vorher, vor einem sehr großen Publikum, ebenfalls unentgeldlich gehalten […] Reicke macht den Vorschlag es event. einmal mit Vorträgen bei Bier zu probieren. [Das kann ja nur ironisch gemeint gewesen sein; obwohl: Auch zu unseren Zeiten sind diejenigen Vernissagen, Vorträge und Lesungen besser besucht, bei denen es ein Buffet oder wenigstens einen Getränkestand gibt.…]
Antrag III lautet: „Die Hauptversammlung wolle dem jeweiligen Vorsitzenden das Recht einräumen, die geschäftlichen Sachen aus eigener Machtvollkommenheit zu erledigen, sodaß es ermöglicht wird unsere Abende ganz der Litteratur zu widmen.“
Beckh lehnt diese Aufgabe als zu weitführend und zu verantwortungsvoll ab.
Lambrecht macht den Vorschlag, pünktlicher, event. um 8 Uhr die Sitzungen zu beginnen, dann bliebe Zeit genug für den litterarischen Teil übrig.
Wießner erweitert seinen Antrag dahin, es dem Vorsitzenden anheimzustellen sich die nötigen Hilfskräfte zur Erledigung des Geschäftlichen aus den Herren der weiteren Vorstandschaft oder des Ausschußes beizuziehen.
[…] Heerwagen macht darauf aufmerksam, daß die Tafelrunde gewöhnlich, mit ganz vereinzelten Ausnahmen, nur aus Vorstandsmitgliedern zusammengesetzt ist, und sich dadurch an der jetzigen Handhabung wenig wird ändern laßen. […]
Dr. Behringer machte, von Beckh und Lambrecht sekundiert, alsdann noch den Vorschlag, durch Referate sowohl über angekaufte, wie auch über extra zu diesem Zweck von Zeiser verlangte Bücher die Abende etwas mehr zu beleben, womit sich die Versammlung gerne einverstanden erklärte.
Schluß 10 ¼

Schriftführer war an diesem Abend Otto Börner, der im Unterschied zu Oskar Beringer und Dr. Heinrich Heerwagen (einem Konservator des Germanischen Nationalmuseums) wieder in deutscher Kurrentschrift und mit etwas älterer Orthographie schrieb.
Nun war es ja nicht so, daß bis dahin keine Referate über interessante Neuerscheinungen stattgefunden hätten! So referierte z.B. am 8. Februar 1895 Victor Scharrer über „Das blaue Buch“ von Leo Tolstoi sowie „Meister Olaf“ von Strindberg. Die Zahl derjenigen Mitglieder, die solche Beiträge lieferten, war keineswegs auf die Vorstands- und Ausschußmitglieder und Ordensräte beschränkt.

Haupt-Versammlung Freitag den 31. Jan. 1896
An den wöchentlichen Versammlungen betheiligten sich theils durch eigene, theils durch Vorträge fremder Arbeiten
Dr. Beckh 30. Schmidt 8. Geißler 3. Schrodt 11. Knapp 18. Tafel 1. Dr. Heller 3. Bernhold 6. Dittmar 12. Wiemer 5. Hering 3. Geck 18. Brügel 4. Lambrecht 2. Dr. Fuhse 2. Reusch 2. Beringer 5. Graf 6. Seyfried 3. Greiner 1. Fambach 2. Stepp 1. Lehmann 1. Müller 1.
Außerdem wurden zahlreiche Referate über durch die Raw’sche Buchhandlung gütigst zur Ansicht und Besprechung gesandte Neuigkeiten des Büchermarktes geliefert. […]

In der Hauptversammlung vom 28. Januar 1898 wurde sogar die „Abhaltung von Diskussionsabenden“ ins Auge gefaßt, anscheinend wurde der Gedanke aber nicht weiter verfolgt, weil man in der Freitagsrunde ohnehin genug zu diskutieren hatte. Öffentliche Abende dieser Art traute man sich und den Zufallsteilnehmern wohl nicht zu, und die Podiumsdiskussion war noch nicht recht ins öffentliche Leben eingeführt. Dorthin den Weg gewiesen zu haben, hätte dem Blumenorden jedoch gutgetan. Diese Chance wurde verpaßt.

Das Hin und Her zwischen vorurteilsfreier Neugier auf das Neueste und historischer Rückbesinnung, Modernität und Klassizismus, zeigen einige ausgewählte Veranstaltungsnotizen:

10. Wochenversammlung 11. Maerz 1898
[…] Bernhold liest, nachdem sich die Zuhörer nun wesentlich vermehrt haben, noch weitere Gedichte Bierbaums vor, die gut gefielen. Beringer theilt mit, daß Irmtraud Possart am 28. Maerz c. hierher komme, um zu Gunsten des katholischen Kirchenbauvereins einen VortragsAbend zu veranstalten, zu dem ausschließlich Schiller’sche Gedichte ausgewählt sind. […] Um 10.20 übernimmt Beckh den Vorsitz und legt ein Buch vor, das sämmtliche Mitglieder des Ordens von seinem Anbeginn enthält. Da dasselbe aber nur bis 1874 nachgetragen, so erklärt sich Schmidt bereit, soweit dies möglich, dasselbe bis in die neueste Zeit zu ergänzen.

Zur 11. Wochenversammlung am 18. Maerz 1898
[…] Der Vorsitzende erwähnt zum Schluß aus dem neuesten Hefte der „Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg“ einen Aufsatz von Dr. Hampe über die Geschichte des Theaterwesens um 1649, der namentlich auch für die Geschichte des Ordens von großem Intereße ist.

16. Wochenversammlung am 29. April 1898
[…] Beringer zeigt eine an ihn gerichtete Karte mit Gruß an unseren Orden von W. Graf z. Zt. in Konstanz. Diese Karte trägt außerdem die Unterschriften bekannter „Moderner“ darunter Carl Henckell aus Zürich & Panizza. [Man konnte kaum einen Skandalautor benennen, der mehr Furore wegen Majestätsbeleidigung und Blasphemie gemacht hätte als Oskar Panizza. …]

4. November 1898 35. Wochenversammlung
[…] Es ist Stimmung vorhanden, daß eine Reihe der jetzt circulirenden Zeitschriften durch neue ersetzt werden sollen. […]

20. April 1900 13. Wochenversammlung
[…] Wingenroth der mehrere Jahre nach Freiburg c/B geht ist heute das letzte Mal anwesend und spricht Beckh einige Abschiedsworte. Wingenroth hat stets viel Anregung gebracht und wird sehr in den Freitagsrunden vermißt werden. […] Wingenroth bespricht Houston Steward Chamberlain Die Grundlage des XIX Jahrhunderts ein außerordentlich interessantes Buch und liest daraus einen Theil vor. […]

Trotz der „bunten Mischung“ — irgendwann lief sich der Betrieb tot, man wußte aber nicht, wieso und glaubte, gutes Zureden werde schon helfen:

Bericht des Schriftführers zur ordentlichen Hauptversammlung am 31. Jan. 1902
Das Jahr 1901, das 257. seit dem Bestehen des Ordens verlief in ruhigen Bahnen, ohne Ereignisse größerer Bedeutung, jedoch in emsiger Arbeit. [Es hat kein Familienabend stattgefunden, auch keine Gedenkfeier. …] Ein Wunsch sei zum Schlusse an dieser Stelle nicht unterdrückt, der Wunsch nach regerem Besuch der Freitagssitzungen. Es macht sicherlich Niemanden [sic] Freude, vor leeren Bänken Dinge zu behandeln, deren Studium und Vorarbeit oftmals viel Zeit und Mühe gekostet haben.

8. Januar 1904
[…] Unter dem Einlauf befanden sich zwei Austrittserklärungen und zwar von Prof. Blaufuß & Ferd. Wendriner. […] Beckh teilt mit, daß sich Profeßor Ree bereiterklärt hat, am nächsten Familienabend unter Vorführung von Lichtbildern über Ludwig Richter zu sprechen. […]

Man möchte ja, unter der Annahme, daß „Wendriner“, wie in Tucholskys Geschichten, der Name eines jüdischen Mitbürgers ist, beinahe hoffen, daß er bloß aus Langeweile aus dem Orden austrat und kein antisemitischer Hintergrund zu argwöhnen sei. Dagegen spricht auch die Anfrage an Paul Rée, dessen jüdische Herkunft kein Geheimnis war, ob er nicht einen Vortrag halten wolle.
„Unter Vorführung von Lichtbildern“! (Damals selbstverständlich noch schwarz-weiße Dias.) Den Mitgliedern wurde schon etwas geboten. An jenem 8. Januar 1904 war übrigens der Raum weihnachtlich geschmückt mit einem kleinen Christbaum auf dem Tisch, und Wieser (der Mann von der  Raabe-Gesellschaft!) hatte kleine Geschenke vorbereitet, die gegen Ende der Versammlung verlost wurden. Dies war der Beginn der später zu feststehenden Programmhöhepunkten des Pegnesenjahres gewordenen Adventsfeiern.

Freitag den 6. Januar 1905    I. Wochenversammlung
[…] Die fröhliche u. stimmungsvolle Weihnachtsfeier des vergangenen Jahres ließ auch heuer wieder den Wunsch erstehen eine solche im Kreise der Tafelrunde abzuhalten u. ein Rundschreiben hatte die Tafelgenossen aufgefordert für den heutigen Freitag außer den gewohnten geistigen Geschenken, noch ein weiteres originell verpacktes Geschenk zur geplanten Verloosung mitzubringen. […]

Zur Mitgliederwerbung hatte sich Fabrikbesitzer Hans Wießner etwas Unternehmerisches einfallen lassen: „Wießner stellt den Antrag in den neuen Jahresvoranschlag auch die Summe von M 100,- einzusetzen, die zur Werbung von Freunden und Mitgliedern für den Orden zu verwenden wären. Der Antrag wird mit allen Stimmen gegen die Stimme des Herrn Wießner abgelehnt.“ Von seinen zahlreichen, immer recht originellen Vorschlägen im Lauf der Jahre wurden die meisten abgeschmettert. Sein Sohn, Georg Gustav Wieszner, wurde zu einer noch stärker antreibenden und demnach stärker ausgebremsten Kraft im Orden, wie noch zu sehen sein wird, allerdings wurde er kein Mitglied.
Es war wesentlich leichter, geachtetes Mitglied des Ordens zu werden, wenn man ein Verwandter eines bisherigen Mitglieds war — und sich ansonsten anpassungsfähig verhielt. Der Blumenorden hatte zu allen Zeiten eine familiäre Komponente; man denke nur an die Dynastie Lochner. Wilhelm Beckh schlug 1899 innerhalb des Januar seinen zweiten Sohn, Leutnant Albert Beckh, und dann seinen ältesten Sohn, Dr. August Beckh vor, die beide einstimmig aufgenommen wurden. August Schmidt führte am 23. September 1910 seinen Sohn Wilhelm Schmidt als Gast in den Orden ein, der später als Schriftführer und Verfasser der Festschrift von 1944 eine große Rolle spielte. (An jenem 23. September war übrigens auch der später als Arbeiterdichter bekannt gewordene Karl Bröger zum ersten Male anwesend.)

Einige der alten Spitzenkräfte des Ordens sterben, oder verblassen allmählich in den Hintergrund; außer Heyse etwa Duplessis und Euler-Chelpin:

4. Mai 1900     15. Wochenversammlung
[…] Beckh theilt den Tod Euler Chelpins mit, der durch einen Unfall ums Leben kam [er wurde von einer Straßenbahn überfahren]; er fordert die Anwesenden auf  durch Erheben von den Sitzen das Andenken an den Verstorbenen zu ehren. Es soll ein Schreiben, das die Theilnahme des Ordens ausdrückt an den Sohn des Verblichenen Excellenz Rigas von Euler-Chelpin Präsident des Generalauditoriats gerichtet werden.

Freitag den 15. Juni 1906 22. Wochenvers.
[…] Des weiteren verliest der Vorsitzende einen Brief unseres correspond. Mitgliedes Dupleßis, worin derselbe mitteilt, daß er sich demnächst von seinem Berufe zurückziehen & nach Paris übersiedeln wird. Er erwähnt dabei, daß er vom Prinzregenten mit dem Michaelorden III. Klasse ausgezeichnet worden sei & legt seinem Schreiben eine Nummer des Figaro bei, der sich in einem Artikel überschrieben: Consul et poète mit seiner Person befaßt. […]

Bericht des I. Schriftführers über das Geschäftsjahr 1911.
[…] Seit der letzten ordentlichen Hauptversammlung hat der Pegn.BlO. durch den Tod verloren die Ehrenmitglieder Felix Dahn, Martin Greif, Wilhelm Jensen, Friedrich Spielhagen, sein Ehren- und langjähriges Ausschußmitglied, K. Justizrat Dr. Gg. Frhrn. Kreß v. Kressenstein, sein korr. M. Oberlehrer Dr. Günter Saalfeld, die ordentl. Mitglieder Frln. Tina Eckert und K. Landgerichtsdirektor a. D. Frdr. Frhrn. v. Harsdorf. […] Ordentliche Mitglieder 129 gegenüber 135 [?] im Vorjahr, sodaß leider trotz der zahlreichen Neueintritte eine Verminderung der Mitgliederzahl um 6 zu verzeichnen ist. […]

Vieles wäre noch aus den Akten zu belegen über den beinahe unmerklichen Schwund an Bedeutung des Ordens, der sich im Mitgliederbestand abbildete. Nun soll aber zum Schluß des Mitglieder-Abschnittes noch einmal vom Glanz die Rede sein, und zwar von den Feiern für Jubiläen maßgebender Mitglieder.

Bericht des Ordensschriftführers zur Hauptversammlung am 1. Februar 1907
Das zweite größere Fest des Ordensjahres war der Festabend im „Adler“, der dem Ordenspräses anläßlich seines 70. Geburtstages gewidmet war.
An diesem Festabend, der bei zahlreicher Beteiligung stattfand, zeigt der Orden so recht deutlich mit welcher Verehrung er seinem Ordenspräses zugetan ist und das reiche, abwechslungsvolle Programm, das Musik u. Gesang, Festspiel u. Recitation in bunter Folge enthielt, fand eine, nach allen Seiten befriedigende Durchführung. […] Dr. Oertel hatte alle vorbereitenden Arbeiten dazu übernommen u. entledigte sich seiner schweren Aufgabe in trefflicher Weise. Unser Mitglied Stich hatte das Buch sehr gefällig ausgestattet. […]





Das Irrhainportal, eingefaßt von Jugendstil-Kolonnaden: so modern entwarf Oskar Beringer den nicht so tierisch ernst gemeinten Festbeitrag. Ein wenig neobarocker eingefaßt, geriet sein Porträt:




Am Freitag, den 23. Juni 1911, wurden Beckh und August Schmidt anläßlich des 25. Jubiläums ihres Amtsantritts gebührend und ausgiebig gefeiert.134 Julius Ostermayr, Mitglied seit 15. 1. 1909 und Namengeber der noch heute bestehenden Passage, hatte dazu ein Geschenk parat:

[…] Das erste Stück des Nürnberger Trichterleuchters „Pegnitzschäferin“, dessen Motive dem Pegnesischen Irrhain entnommen sind, gestatte ich mir als ehrendes Andenken zum heutigen feierlichen Gedenktag zu widmen. Das Modell gewinnt umsomehr an Bedeutung, als es durch die Mitwirkung von zwei Pegnesischen Mitgliedern entstanden ist: dem Herrn Schneider & Herrn Beringer — sowie des Nürnberger Bildhauers Herrn Oppel. […]




Herzig. Ob sich ein Exemplar erhalten hat?