Herr Heinrich saß am Vogelherd

Otto Roquette war ein beliebter Verfasser butzenscheibenromantischer Erzählungen. Kein Passenderer als der am 12. 8. 1844 in den Blumenorden aufgenommene königlich bayerische Forstmeister Karl Friedrich Seippel konnte über Roquettes „Waldmeisters Brautfahrt“ einen Aufsatz liefern. (Seippels eigener Beitrag war „Die wilde Jagd. Wahrheit und Dichtung“ von 1851.) Und von Franz Schrodt gibt es einen „Vortrag über Herr Heinrich Eine teutsche Sage von Otto Roquette gehalten in der öffentlichen Versammlung des pegnesischen Blumenordens zu Nürnberg am 13t Maerz 1854. im Saale des Gasthauses zum rothen Roß.“: „Otto Roquette der bekannte Dichter des anmuthigen Märchen, Des Waldmeisters Brautfahrt und des geschichtlichen Heldengedichts ,Der Tag von Sct. Jacob’ hat uns in der vorliegenden Sage ,Herr Heinrich’ auf deutschen Boden und in die Zeit geführt, zu welcher Deutschland durch äußere und innere Feinde dem Verfalle nahe gebracht, unter dem kräftigen Könige Heinrich I mit dem Beinamen der Finkler wieder zu erstarken, sich zu consolidiren und die ihm nöthige Einheit zu gewinnen begann […]“ Das bedeutet: Der frustrierte Nationalstolz orientierte sich am Alten Reich.

Demgegenüber erscheint es schwer verständlich, mit welcher Begründung (auch wenn es einfach nur an Geld mangelte) der Vorstand die Beteiligung an einem öffentlichen Zeichen des Gedenkens an einen Dichter ablehnte, der gerade solchen Nachromantikern wie Roquette in Berlin lange Zeit als Denkmal seiner selbst und der Jenenser Frühromantik vorbildhaft vor Augen gestanden hatte: „Ein per Majora angenommener Antrag, zu dem für den verstorbenen Dichter Tieck aufzustellenden Denkmale, etwas aus der Ordenskasse beyzutragen, wurde in Folge einer Vermahnung von Seiten des Ordensvorstandes u. vorzüglich des Kassiers gegen eine solche fremdartige und dem Ordenszweck nicht entsprechende Ausgabe wiederum zurückgenommen.“ Waren die eigentlichen Romantiker nicht nationalistisch genug?

Greger sen., der Volksbeglücker, kleidete seine sehr prosaischen Vorschläge zur erneuten Errichtung von Armenkolonien — der erste Versuch dieser Art war schon bei Ingolstadt unternommen worden — in mittelalterliche Romanzenform, genauer gesagt, er parodierte Goethes Ballade „Der Sänger“: „König Max II. zum Landtage 1853. Eine Vision-Romanze.“:

I.
„Was hör’ Ich draussen vor der Thür’
Für süsse Töne hallen?
O rührender Gesang, der Mir
Im Saale soll erschallen!“
Der König sprach’s. Der Page lief.
Der Sänger kam. Der König rief:
„Sing’ uns hier Deine Lieder!“

[…]

IV.
[…] Nun wirken Kräfte aller Art
Für Armenhilf’ zusammen.
In gift’ges Moos, auf Heiden ward
Gestreut der beste Samen.
Und Früchte wuchsen reich heran.
Auf Felsen man selbst erndten kann,
Wenn man sie terrassiret.

Ein jeder Armer wird genährt,
Bekömmt nun Kleid und Wohnung;
Das Eigenthum bleibt unversehrt;
Der Fleiss erhält Belohnung.
Man kann des Lebens sich erfreu’n;
Die Menschen können ruhig sein
Vor Diebstahl, Neid und Hunger.

Die schönsten Häuser sieht man da
Zu Aller Nuzen prunken;
Der Sumpf wird ein Amerika
Vor Blühenreichthum trunken; —
Ein jegliches Gewerb erblüht;
Denn Müssiggang und Laster flieht
In rechtlichem Vereine. […]

Vor dem Hintergrund solcher Kostümierungen hebt sich der nüchterne Sondermann ab, selbst wenn er im Januar 1851 die Jungfrau von Orleans zum Thema wählt: In bewährter Weise gibt er eine historische Übersicht und übersetzt dann ein Gedicht von Casimir Delavigne mit möglichster metrischer Treue. Als Literaturhistoriker im eigentlichen Sinne erweist er sich, als er sich mit Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht über das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard auseinandersetzt. Am 16. Dezember 1853 beginnt er damit in einer der Wochenversammlungen und vertieft die Betrachtung am 9. Januar 1854, wobei er freilich erst einmal historische Hintergründe und geographische Angaben breit abhandelt, dann aber auf eine zeitgemäße Fragestellung eingeht:

„Auf dem Gebiete der Literatur glänzen in neuester Zeit auch die Namen vieler Frauen. [Er führt u.a. folgende Namen auf:] Bettina v. Arnim, Annette von Droste-Hülshof [sic], Ida v. Hahn-Hahn, Fanny Lewald, Sophie Stieglitz, Caroline Pückler, Johanna Schopenhauer, […], Fanny Tarnow, Luise v. Gall, Hermine von Chezy, Adelheid v. Stolterfoth, […] Daß das Weib ebenso wie der Mann zur Poesie angelegt sey, kann wohl nicht bezweifelt werden, da die Poesie ein allgemein menschliches Erbtheil ist. Auch das ist keine Frage, daß auch Frauen als Schriftstellerin an die Öffentlichkeit treten und die poetische Welt ihres Innern zur allgemeinen Anschauung bringen dürfen. Nur darf man mit Recht erwarten, daß das Weib als Schriftstellerin eben weiblich bleiben u. die Schranken, welches seinem Geschlechte von Natur u. Sitte gezogen sind, nicht überschreite.“

Nun teilt er die Genannten in zwei Gruppen ein, von denen die erste dagegen verstößt, etwa Bettina v. Arnim, die Rachel, die Gräfin Hahn-Hahn, und zitiert Urteile von Literaturhistorikern, welche Annette v. Droste-Hülshoff am höchsten von allen weiblichen Schriftstellern schätzen. „Solch gewichtige und ehrende Urtheile fordern zum Lesen der gepriesenen Gedichte und zur Prüfung der gefällten Urtheile auf. Gerechtfertigt wird es daher auch erscheinen, wenn ich im Nachfolgenden die poetischen Erzeugnisse der Dichterin zum Inhalte eine Vortrages vor dieser […] Versammlung wähle.“ Es folgt eine lange Biographie, dann Nacherzählungen und Beschreibungen unterschiedlicher Gedichte mehrerer Gattungen. Dort findet sich das Urteil: „Dabei aber zeigt sie eine Objectivität der Auffassung, eine Kraft und Keckheit des Ausdruckes und ein dramatisches Leben, daß man sich oft wundern muß, wie das einem weiblichen Talente möglich war.“

Schnerr verwendet den Anlaß des Irrhainliedes von 1854, um eine politische Wunschvorstellung in sagenartiger Form auszusprechen, die in der jetzigen Zeit des Islamismus und der Angst vor diesem einigermaßen kurios anmutet:

Ja wohl: „Glück auf!“ Glück braucht’s in unsern Zeiten,
    Wo nichts idyllisch mehr,
Wo Völkermassen ernst und bitter streiten,
    Gewaltig, Heer um Heer.

Zwar nicht bei uns; im Osten steht das Wetter,
    Das ganz Europa droht,
Ist nicht der Herr der Heere unser Retter,
    Lenkt’s nicht sein Machtgebot. —

Die Sage geht! „Es wird’ nicht eher Friede
    Auf unserm Erdtheil sein,
Als bis der Türk’, sein Schlachtroß, matt und müde,
    Tränkt dort zu Köln am Rhein.“

Wär’s so bestimmt, so mög’s „als Freund,“ sich fügen;
    der Sultan ist ja nicht
So orthodox, um andre zu bekriegen,
    Aus inn’rer Herrscherpflicht.

Was auch gescheh’. Es steht in Gottes Händen,
    Sein Wille muß gescheh’n.
Er wird das Uebel selbst zum Besten lenken,
    Zu aller Wohlergeh’n.

Daß es Schnerr so gänzlich unideologisch und realpolitisch egal ist, wer ihn regiert, Hauptsache, das Land hat Frieden, kommt noch von der Gewöhnung an die Zerrissenheit des Alten Reiches. Im Jahr darauf lassen sich andere Ordensmitglieder allerdings sehr loyal zum neuerdings angestammten Herrscherhaus vernehmen:

Sein Daseyn dankt’ der Blumenorden
Einst einem Blumenkranz.
Die Blumen, niemals welk geworden,
Blüh’n noch im vollen Glanz.
Er reicht dem Könige sogar
Den immer frischen Kranz jetzt dar.

Gewunden, ohne Dornen, aus Rosen,
Mit welchen bescheid’ne Vergißmeinnicht kosen,
Von üppichen Immergrün kräftig getragen,
Versucht er, — dem Thron sich zu nahen, — das Wagen.

Erhab’ner König, unter deßen Pflege
Die Kunst, — die Wissenschaft gedeiht,
Es blühe reich auf Deinen Wege
Die Blume der Zufriedenheit!
Erworb’ner Lorbeer-Kranz soll Deine Schläfe schmücken
Und Deine Huld und Gnade uns beglücken.

Ein Myrthen-Kranz gebührt der holden Königin!
Wohl nimmt sie gnädig ihn aus treuen Händen hin!
Es ist das Sinnbild ew’ger Jugend,
der Liebe, Treue, und der Tugend.
Er bleibe grün, wann einst ein Silberstreifen ihn durchzieht,
Er grüne noch, wann Gold auf seinem Grunde glüht!

Die schönsten Blumen sind in unseren Kranz gewunden.
Es sind noch nie erlebte Feierstunden.
Sie sind, — in später Zeit, den Enkeln noch genannt,—
Mit Farben-Schmelz den Herzen eingebrannt.

v.Kreß

Seiler will auch nicht zurückstehen:

Wenn sonst im Schatten dieses Haines
Die Lust und Freude uns durchdrang;
Wenn der Pokal, voll reinen Weines,
Umkreisete im Festgesang:
Da war so wohl uns um das Herz;
Da floh die Sorge, schwieg der Schmerz.

So soll’s in diesen Abendstunden,
Ihr, Pegnitzschäfer! wieder seyn.
Wir haben uns hier eingefunden
Mit Frauen, Liedern und mit Wein.
Und wer nicht liebet diese Drei,
Verdient nicht, daß er bei uns sey.

Doch über Frauen, Lieder, Weine
Geht das erhab’ne Königspaar,
Das im Pegnesischen Vereine
Sich jetzt stellt unsern Blicken dar.
Zu Ihm fühlt sich gezogen hin
der Geist, das Herz im reinsten Sinn.

Denn bei dem Namen: „Max,“ entbrennet
Der Bayern treuerfüllte Brust,
Wie wenn der Sohn den Vater nennet,
Durchdrungen ganz von Kindeslust:
So stimmen froh das Lied wir an
Auf König: „Maximilian!“

Und auch auf die Gebenedeite,
Auf uns’re Königin: „Marie!“
Sie, unser Stolz und uns’re Freude
Und uns’re Landesmutter  — Sie,
Ihr weihen wir des Festes Lied,
Ihr, die holdselig auf uns sieht.

Ja, hört es, Zweige! Hört es, Bäume!
Wem unser Festlied heute gilt.
Ihr, Geister! die ihr diese Räume
Mit leisem Wehen jetzt erfüllt —
Hört es und stimmt das Lied mit an
Auf Marie und Maxmilian! [sic]

Viel Zeit zum Feilen seiner Verse hat er vorher nicht gehabt. Nachhaltiger ist schon, daß die erste geplante Vorstadt Nürnbergs Marienvorstadt heißt, daß es ein Marientor und eine Marienstraße gibt. In einem anderen Teil des Geländes vor den Mauern, das seit damals Maxfeld heißt, fand ein „Königsfest“ statt, zu dem der später in den Orden aufgenommene Johann Paul Priem einen Einakter lieferte: „Die Zeitalter Nürnbergs“:

Ein Dichter sieht den Glanz der alten Tage in dem Festgepränge zur Anwesenheit des Königs wieder aufleben. Clio kündigt eine Überschau der alten Zeiten an, welche nur die Kunst festhalten könne. Der Jägermeister preist den Hohenzollern-Burggrafen, weil er manche Räuberburg gebrochen hat und der Bevölkerung Schutz bietet. Der Künstler lobt die Friedenszeit und nennt die üblichen berühmten Namen der Dürerepoche. Der Kaufherr hebt den weiträumigen und erfolgreichen Warenaustausch hervor (ein wenig unpassend, wenn er dem 17. Jahrhundert zugeordnet wird, aber das geht aus dem Text nicht hervor, nur aus dem Personenverzeichnis). Der Handwerksmeister drängt aus der Menge hervor und spricht Mundart. Er erinnert an die wirtschaftliche Flaute und die französische Besetzung und freut sich über die geordneten Verhältnisse der Stadt unter Bayern. Nur das Bier sei jetzt doppelt so teuer. Seine Frau kommt dazu und zankt ihn aus, weil ihm das Dichten nicht zukomme. Clio stiftet Frieden zwischen den Eheleuten und weist auf den Aufschwung der neuen Friedenszeit hin. Ausführliches Herrscherlob beendet den Aufzug.

Eine sehr durchsichtige Verquickung von literaturhistorischer Altertumsforschung und antidemokratischer sowie nationalistischer Einstellung zeigt sich in der Ausarbeitung über eine mündlich weitererzählte Fassung der Nibelungensage, aufgezeichnet und kommentiert von Ferdinand Hermann Freiherr von Forster, Mannheim im November 1855:

Meine Zusage, die die Herren so gütig aufgenommen haben, bindet mich auch von hier aus dem Blumenorden Zeugniß abzulegen, welch’ hohen Werth ich auf seine altehrwürdige Gründung, welche dankbare Anerkennung ich auf meine Aufnahme in denselben lege.

[…] Aber meine Geistesprodukte berühren, wie bekannt, nur historische Momente, und was hat Mannheim, die moderne Stadt, für eine Geschichte? Eine geheime Geschichte mag wohl zur Zeit, als die Jesuiten hier einheimisch waren, gespielt haben; aber weil sie geheim war, ist sie mir nicht bekannt; außer diesen, hinter dem Vorhang heiliger Andacht gespielten Stücken Welt oder Particular-Geschichte ist nur etwa die Zeit neuester Auflehnung gegen die bestehende Gewalt, die zweimal in Mannheim eine blutige Ausführung fand, zu erwähnen. Das erstemal, als in Folge der Studentenverbindung auf der Wartburg der verkehrte Muth eines Sand im Jahre 1819 in Meuchelmord ausartete, und mit Recht an dem Leben gestraft wurde: das andere Mal — nun, das haben wir Alle kürzlich mit angesehen, als im Jahre 1849 die frevelnde Auflehnung gegen die öffentliche Gewalt, gegen Regenten und Regierung, mit Waffengewalt bezwungen werden mußte […] da findet sich der Richtplatz und das Grab von fünf Verbrechern, die der von Gott eingesetzten Obrigkeit Hohn sprachen!

[…] Nur eine Sage aus grauer Vorzeit bleibt uns in hiesiger Gegend noch zu erwähnen übrig […wovon] nur durch Aufzeichnung derselben in einem nordischen Gedicht, die Kenntniß davon zu uns gekommen ist — doch nein, im Umgang mit dem Volke aus der Gegend zwischen dem Rhein und der Bergstraße lebt sie noch, wenn gleich entstellt, und in dem Munde alter Mährchenerzähler dargestellt: ich meine die Sage vom Nibelungen-Schatze oder Horte! […] Mag auch die Zeit, in welcher der Dichter lebte acht Jahrhunderte später die Begebenheiten beschreiben, obschon die Poesie manche Wahrheit entstellt, manches Mährchen hinzugefügt hat, so ist das Bild der Völkerwanderung und zwar in der Gegend des heutigen Mannheim, lebendig vor unserem historischen Auge entrollt.

[…] dann aber zeigt uns das gegebene Bild auch Rohheit — der rauhen unbeugsamen Tugend steht das Laster mangelnder Herzens- und Geistesbildung entgegen — der Treue steht die Racheübung, der Züchtigkeit der Sitte steht die Gemeinheit des Ausdrucks, der ungezügelten Tapferkeit steht die Mordlust entgegen: […]

Die einfache Sage, freilich in der [sic] fabelhaften Gewand, ist im Gedächtniß der untersten Volksschicht der hiesigen Gegend ungefähr so:

„Ein mächtiger König hausete in Worms und warb für seinen Sohn um eine Königstochter aus England: aber immer vergebens; da kam ein anderer Königssohn aus den Niederlanden — Siegfried — bekleidet mit dem Zauber der Unüberwindlichkeit, und mit den bösen Mächten im Bund, und warb um dieses Königs Tochter — Chriemhilde — die ihm unter der Bedingung zugesagt wurde, wenn er seinem künftigen Schwager zum Besitz seiner Wünsche in England verhelfen wolle. Vermittelst übernatürlicher Kräfte erfüllte er seine Aufgabe, bezwang die, ebenfalls mit Zauberkräften ausgestattete Braut und gab sie dem (heimischen) Königssohn, erhielt auch dagegen die Hand der schönen Chriemhilde und brachte ihr einen unermeßlichen Schatz zu, der ihm unter der Bedingung zugefallen war, daß ihm eine jungfräuliche Königstochter Hand und Herz zu eigen geben würde. Aber die bösen Geister, wo sie einmal Fuß gefaßt, rasten nicht, sondern wenden alles zum Argen. Die Frauen seien wegen Liebesabenteuer eben so, wie die Männer wegen des Hortes — Schatzes — in Feindschaft gerathen, und unter dem Vorwand der Jagd, sei Siegfried in des [sic] finstern Dunkel des Waldes getödet, und im Odenwald, nur wenige Stunden von der Stadt Weinheim an einer Quelle nahe dem Dorfe Gras-Ellenbach von des Königs Knechten erschlagen worden: große Feldsteine an der Quelle bezeichnen noch heute den Ort der That. Ueber den Schatz sei nun erst recht Streit und Kampf entbrannt, und obgleich die Mörder Siegfrieds diese Beute nahe dem Kloster Lorch in den Rhein versenkt hätten, wo sie noch heute liege, so habe man doch damals Zweifel darüber gehabt, und namentlich habe die Wittwe des Erschlagenen, die schöne Chriemhilde darauf Anspruch gemacht. Ihren Vater, ihren Bruder und die wehrhaften Männer des Stammes habe sie angeregt die Mörder zu züchtigen, und von ihnen den Schatz zu erzwingen; und als Alles vergeblich gewesen, habe sie sich an den König eines fremden Volkes in Italien aufs Neue vermählt, um von dorther über die Ihrigen, über den Stamm ihrer Herkunft Rache zu bringen, denn sie hielt sie nun Alle für schuldig, den Schatz geraubt und ihr vorenthalten zu haben. Aber sie habe vergebens gefleht die Ihrigen mit Fehde zu überziehen — ostwärts war kein Volk in jener Zeit zu gehen vermocht worden! — da blieb ihre einzige Hoffnung darauf gerichtet, die Ihrigen zu sich einzuladen; Gesandte ihres Gemahls und Königs kamen nach Worms den angebornen Stamm samt König und Mannen zu sich zu laden; Spiele ritterlicher Art, Kämpfe mit hohen Gewinsten und Lustbarkeiten wurden verheißen, und unter den lachendsten Aussichten bricht der königliche Bruder, seine Ritter und Mannen und die kriegerischen Stammesgenossen auf, das ferne Hoflager zu besuchen. Doch kaum dort angekommen, werden die Verwandten um den Schatz gefragt, und dessen Herausgabe begehrt; und als sie denselben nicht herausgeben wollen oder können, entsteht ein fürchterliches Morden und Schlachten der heimischen Stammesgenossen; doch diese verkaufen ihr Leben so theuer, daß nicht allein jenes Volk gänzlich aufgerieben, sondern auch des Schatzes für alle Zeiten verlustig wird, indem der letzte aus der heimischen Burgunder Reihe die Hebung dieses Hortes von argen Zauberkünsten abhängig macht, und ihn zum ewigen Begräbniß verurtheilt, wenn nicht übernatürliche Kräfte zu Hülfe kommen, ihn zu heben.“

[…] wir aber finden in der Betrachtung der Sage […] die unwiderstehliche Richtung der Völker nach Westen — die Wanderung germanischer Völker nach dem unheilbringenden Italien, das unsere Völker fort und fort aufgerieben und selbst ihre Namen und Abstammung, Schätze und Güter verschlungen hat. […]

Eine bei weitem harmlosere Betrachtung mittelalterlicher Überreste liefert der redliche Sondermann, diesmal als Sonett-Dichter, zum Irrhainfest 1856:

Von grünem Schmucke bist du rings umgeben,
Am Pegnitzstrande schatten alte Linden,
Selbst an der Mauer seh’ ich Epheu winden
Sich zu dem schönsten Wändeteppich weben.

Die Gräben, Thore, spitzer Giebel Streben,
Der Häuser Form, der alten Bauten Tinten,
Die Märkte, Brunnen, Bilder, Erker künden
Noch überall des Mittelalters Leben,

So daß ich deine Meistersänger, deine
Rathsherren, hier in schmaler Gäßchen Enge,
Dort auf dem weiten Platz, zu sehn vermeine.

Wie tief bewegen mich der Glocken Klänge,
Der Gottesacker schwere Leichensteine
Mit ihrem Epitaphiengepränge!