Die Intrige

Die Sonderstellung der Altdorfer Gruppe hätte den Blumenorden leicht spalten können, wenn sie sich nicht im Hinblick auf die Neueinrichtung des Blumenordens mit den Fortschrittlichen unter den früheren und späteren Mitgliedern verbündet hätte. Friederich mußte sich zum Handeln gedrängt fühlen, und er fädelte mithilfe seines Freundes Karl Link eine Intrige ein. Man schickte unter Umgehung des verschnupften Schriftführers eine vom Präses nicht authorisierte Liste herum, auf der Stellungnahmen der Mitglieder zur weiteren Einberufung von Zusammenkünften gesammelt wurden. Dieses undatierte Doppelblatt findet sich gerade hinter dem vorigen Papier. Link führt die Liste an und schlägt eine Sitzung am 11. des kommenden Monats im Roten Hahn vor. Zahn-Evander bezieht sich auf eine "im Monat Sept. 1786 gefaßte allgemeine Entschließung, daß hinfüro alle Vierteljahr in dem Gasthof zum rothen Hahnen eine Zusammenkunft [...] veranstaltet werden solle." Colmar teilt knappstens mit, er komme auch. Ausführlicher Dr. Panzer-Arethaeus: "Daß des Hr. Praesidis Hochwürden Ihre Gründe haben mag — keine Gesellschaft zu convociren — bezweifle nicht im mindesten — so wenig, als daß solche sich würden heben lassen, wenn man offenherzig zu Werke gehen wollte." Der auch erst 1786 aufgenommene Diakon Kohlmann von St. Sebald macht sich Gedanken über das Grundsätzliche: "Die resp. sämtlichen Herren Mitgliedere wünschen durch Ihre Kenntnisse und Fertigkeiten nüzlich zu werden. Durch Zusammenkünfte und Verabredungen können dienliche Mittel zur Erlangung dieses Endzwecks ausfündig gemacht werden." — Daß man's nur mal erfährt! — Frank tut auch ganz unschuldig und freut sich auf "Wiedereröffnung unserer Versammlungen". Der jüngere Dietelmair, Pfarrer Waldau, Vogel-Oenus (Konrektor der Sebalder Schule), Dr. Leuchs und Dr. Lugenheim teilen ohne Umschweife mit, sie kämen. Diakon Schöner von St. Lorenz, der in Schmidbauers Protokoll-Entwurf (neben Häßlein) als Neuaufgenommener von 1787 erwähnt worden war, möchte sich noch rückversichern: "Ob ich gleich, weil ich am Wahltage des Herrn Praesidis abwesend war, von den damaligen Resolutionen nichts weiß. so wünsche ich mir doch das Vergnügen der Zusammenkunft und werde [...] erscheinen. Hofentl. nehmen P.T. Hr. Praeses diese meine Erscheinung nicht als Beleidigung auf." Zusagen ohne Einschränkungen von einer weiteren Reihe von Mitgliedern: Merkel, Kiener, Registrator Volkert, Diakon Spranger von Hersbruck, Bezzel, Leinker und Vikar Link-Xenophilus. Faulwetter gibt zu erkennen, daß er die Intrige sofort durchschaut und trotzdem mitspielt: "Ohngeachtet mir von Entschliessungen, welche allgemeine Verbindlichkeiten haben sollten, keine Mittheilung geschehen, welche doch immer erforderlich ist, so werde ich dennoch [...] erscheinen."

Beachtlich viele haben sich dafür erklärt, eine Abrede ernst zu nehmen und einzuhalten, die selbstverständlicher für einen Verein nicht sein kann, wenn man seine Ziele ansieht; aber das Verfahren war nicht satzungsgemäß. Die Neuerer nahmen einen Ausnahmezustand für ihr Vorgehen in Anspruch, wie er in der damaligen Naturrechtstheorie diskutiert wurde — unverhüllt hätte die Begründung gelautet: "bei Gefahr im Verzug, wegen völliger Unfähigkeit und Geschäftsunwilligkeit der Ordensführung" — und ließen es darauf ankommen, daß sich der Orden spaltete. Bei der überraschend hohen Zahl der in einem Schwung aufgenommenen Mitglieder kann Einigkeit im Orden trotz Leinkers und Panzers Vermittlung eigentlich nicht vorausgesetzt werden; Loyalitätskonflikte waren sogar innerhalb der Partei der Jungen zu erwarten. Um so mehr wundert es, daß sie nicht in stärkerem Maß auftraten. Hatten die Verbreiter der Umfrage nicht jedem reinen Wein eingeschenkt? Oder hatte Hartlieb bei seiner Sitzungsleitung und seinem Davonstürmen eine gar so schlechte Figur gemacht, daß fast jeder sehen mußte: Mit dem geht es nicht mehr so weiter?

Friederichs nächstes war, an den Schriftführer das Ergebnis dieser Umfrage zu melden, mit der zusammenfassenden Bemerkung, daß der Wunsch der Gesellschafter nach einer Versammlung täglich lauter werde. (Schreiben vom 26. Januar 1788, als vorsorglich angefertigte "Copia" Friederichs im Archiv erhalten.) Antwort des offensichtlich leicht auf die Palme zu bringenden Schmidbauer vom selben Tag: Der Präses "berufen sich auf Dero wohlEhrw. Herrn Schwiegerpapa, dessen Nachfolger Sie sind. Diese haben nach Gutbefinden die Zusammenkunft ausschreiben lassen; in manchem Jahr nur eine, in manchem auch gar keine verordnet, ohne daß deswegen ein Unwille entstanden." Er, Schmidbauer, könne nichts weiter tun. — Das ganze gereizte 'Was hat Dietelmair sich und uns mit diesem Kerl aufgeladen' kann ihn nicht daran hindern, Friederich als dessen "Nachfolger" zu bezeichnen. Es fragt sich, in welchem Sinne. Es soll schon vorgekommen sein, daß ein für ein hohes Amt wählbarer Mann nur einstweilen zu jung war und man daher einen Zwischenkandidaten erkor, während alle doch wußten, daß der betreffende über kurz oder lang nachfolgen werde. Mit Dietelmair selbst war es "über lang" so ähnlich gegangen. War Hartliebs Stellung etwa wegen der Familienkonstellation so schwach, daß Friederich als designierter Präses zu diesem Zeitpunkt offen gegen ihn rebellieren konnte? Oder bezieht sich das 'Nachfolger' nur auf den Sachverhalt, daß Friederichs Ordensname Irenäus II. lautete? Eine familiäre Tradition sollte sich gewiß auch darin geltend machen. Wie dem auch sei, falls Hodevon und Sclerophilus gedacht hätten, daß Friederich als unselbständiger Nachtreter des ersten Irenäus in die Pflicht zu nehmen sei, hätten sie sich gewaltig getäuscht.

Wenn Friederich nun ein "Gehorsamstes Promemoria mit Beylagen sub N. 1 et 2" (vorstehende Briefe) im Kreise der Mitglieder herumschickt, fragt man sich erheitert, was das "gehorsamst" noch heißen soll. Nun gut, der Sache dient er damit. Er widerlegt darin den von Hodevon mitgeteilten Standpunkt des Präses: "Sie beruften sich diesfalls auf meinen Seel. Herrn Schwiegervatter, der, wie alle noch lebende Hochschäzbare Mitglieder wissen, nichts ohne Vorwissen und Genehmigung der Gesellschaft vorgenommen; [das konnte, falls es stimmte, zu sehr weitgreifenden Umdeutungen der Rolle des Präses führen] ohne dabey zu bedenken, daß dazumahl die Zusammenkünfte selten sein mußten, da die Zahl der Mitgliedere sehr gering, [das Gegenteil hätte ebenso davon erwartet werden können] der Kosten Aufwand aber sehr groß, und für ein einzelnes Mitglied bey einer Zusammenkunft grösser war, als er jezt bey 4 Zusammenkünften ist, daß ferner [Dietelmair] nicht an Ort und Stelle wohnte [...]"

Hier geht es nicht um die Ideale des Gesellschaftslebens, sondern um das Praktische und Finanzielle. So kann er vielleicht sogar die älteren Mitglieder gewinnen. Das Vergnügen, solchen Versammlungen beizuwohnen (wenn nicht gerade gestritten wurde), muß in einer Zeit ohne viele andere gesellige Zerstreuungen ein ungeheucheltes gewesen sein. Er konnte sich ausrechnen, daß der nun folgende Vorschlag, die Zusammenkünfte in Zukunft auch ohne den Präses zu halten, trotz seiner Dreistigkeit etwas Anziehendes haben werde.

Es folgt das Protokoll der Sitzung vom 11. Februar 1788. Bei dieser fehlten allerdings — in Bleistift von späterer Hand nachgetragen — eine ganze Reihe von Mitgliedern, auch solche, die auf die Umfrage zustimmend geantwortet hatten: neben Präses und Schriftführer auch der vorsichtige Faulwetter, Stoy sowieso, Seyfried, Dr. Panzer, L. St. Link (der nach erster Wahrnehmung der Querelen wohl von dem gesamten Orden in Zukunft nichts mehr wissen wollte), aber auch Leuchs. Dr. Leinker eröffnete die Sitzung mit der Bemerkung, daß etwas geschehen müsse, "[...] um zu zeigen, daß der Orden nicht, wie auswärtige Gelehrte neuerlich vorgegeben, erloschen seye, das Publicum in der Folge durch gelehrte Ausarbeitungen von dem Gegenteil zu überführen." (Es ist bemerkenswert, daß von Dichtungen des Ordens gar nicht die Rede ist.) In dieser Hinsicht sei lange nichts geschehen. Leinker nimmt Bezug auf die Sitzung vom 5. 9. 1786, in der regelmäßige Tagungstermine festgesetzt worden seien. Aber selbst der übliche gemeinsame Besuch des Irrhains sei unterblieben. Die Mitglieder hätten keine Arbeiten, nur Geldbeiträge geleistet. Einige seien wegen dieser Lage der Dinge schon ausgetreten. (Das stellt wohl eine zweckdienliche Deutung dar, die wirklich haltenswerte Mitglieder nicht betreffen kann; Trägheit, selbst etwas zur Änderung zu tun, mag häufiger die Ursache gewesen sein.) Um nicht auch diese Versammlung ohne Nutzen verstreichen zu lassen, liest Theophobus teilweise ein deutsches Gedicht vor, das einen zu Freydank parallelen englischen Text von einem Abt Anis (oder Amis) wiedergibt. Verfaßt hat es Zahn-Evander. Damit endet die Sitzung (wie die vorige mit Leinkers Gedicht). Während sich also die Absichten der arbeitswilligen Mitglieder mehr auf Geschichtliches zu richten beginnen, spielt Poesie eine einkleidende Rolle. (Deutlich wird dies etwas später aus der Niederschrift einer Sitzung vom 18. August 1788, in der steht, es sollten nicht nur Dichtungen, sondern auch historische Gegenstände behandelt werden.)