Ideologie mit Ausreißern

Die Sprache der Nazis hat herkömmliche, mit höchster Wertschätzung behaftete Wörter und Begriffe benutzt, um menschenverachtende Ziele zu maskieren, und hat damit bestimmte Bereiche des Denkens auf lange Zeit vergiftet und unsagbar gemacht. An den Äußerungen der Pegnesen aus diesen Jahren wird die schleichende Entwertung von Wörtern wie „idealistisch“, „edel“, „Seele“ deutlich. Mit derartigen Entstellungen kann nicht arbeiten, wer als Poet die Sprache auf ihren lauteren Gehalt abhorcht und sie zum Leuchten oder zum Durchscheinen von Erkenntnissen in stimmiger Form bringen will.

Dienstag, den 23. Mai 1933            7. Wochenversammlung
Vorsitz: Freiherr von Scheurl
Anwesend 34 Damen + Herren
[…] Zu dem Vortrag des Abends, den Herr Oberlehrer Hans Hubel hielt […] sei noch folgendes erwähnt: […] Die Berichte über das, was in Deutschland geschehen ist, die [Edwin] Dwinger gibt, sind geeignet, unser Gedächtnis aufzufrischen; die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die Inflation, die Unfähigkeit des Volkes, sich gegen die Friedensbedingungen aufzulehnen […] Dem Weltkapitalismus, dem Amerikanismus, darf Deutschland nicht mehr verfallen, auch nicht dem Bolschewismus […] Sowohl der italienische als der deutsche Faschismus seien nicht geeignet, die Verhältnisse Deutschlands zu ändern. Religiöse Ideen werden besprochen, vom Sinn des Krieges; während die Kameraden glauben, der Krieg sei seelenlos, sagt Dw., der Krieg wecke den Heroismus und sei eine heilende Kraft. […] Freiheit ist durch heldenhafte Haltung gewonnen. […langer Schnörkel im Text, wahrscheinlich Übergang vom Referat zur Aussprache] Hitler sah den Grund gelegt zum Bau der Kuppel einer neuen Völkergemeinschaft. Unter ihm strömen die Völker von Europa zusammen. Dies wollen wir hoffen und glauben. […]

Dienstag, den 28. November 1933        10. Wochenversammlung
Colleg-Billardzimmer
Wieland-Gedächtnisfeier
Anwesend 39 Herren u. Damen
[mit S.v.P. gezeichneter Zeitungsausschnitt]
Den schön verlaufenen Abend leitete Fräulein Helene Friderich mit dem fein empfundenen Gesang
[…] ein. Es war ein Genuß, hier und auch bei zwei später mit viel Leben und Ausdruck gesungenen Zigeunerliedern von Brahms der schönen Altstimme zu lauschen. Oberstudienrat Konrad Meyer gab in großen Umrissen ein anschauliches Bild vom Leben und Schaffen des Dichters […] Es kann keinen Zweifel geben, daß Wieland für die  Entwicklung der Dichtung etwas bedeutete. Er war ein gewandter, liebenswürdiger Erzähler mit dichterischer Begabung, aber kein Schöpfergeist; Wieland war weder ein Dramendichter noch ein echter Lieddichter, dazu war er zu sehr Nachahmer und Nachempfinder. Einige Bruchstücke aus den Abderiten legten Zeugnis von der Art seines Dichtens ab und lösten — ebenso wie einige vorgelesene Briefe — viel Heiterkeit aus. […]

3. Wochenversammlung        Dienstag, den 6. Februar 34
[Fr. Kurier No. 56 26. II] [daneben die ausführlichere Fassung des S.v.P. gezeichneten Artikels aus Nordbayr. Zeitung. 9.? II, wahrscheinlich 29. 2.]
Hanns Johsts Schaffen.
[…] Vortrag des in ihren Reihen wohlbekannten Schauspielers Fritz Kraus […] Vom 3. Reich wurde er als Reichsdramaturg nach Berlin berufen, doch eine grenzenlose Enttäuschung vom Theater bewog ihn, sich zurückzuziehen in die ländliche Stille seines Häuschens am Starnberger See […] In seinen Schauspielen zeigt Johst, daß echte Kunst nur aus religiösem Erleben herauswachsen kann, aber trotzdem keine Zweckkunst zu sein braucht […]

Seltsam: Von einem Rückzug Johsts weiß Wikipedia nichts; 1935 war er jedenfalls Präsident der Reichsschrifttumskammer.

4. Wochenversammlung        Dienstag, den 20. Februar 1934
[2 Zeitungsausschnitte mit Text von S.v.P., der ausführlichere aus der Nordbayerischen Zeitung, 27. II 34]
Pegnesischer Blumenorden
Ein andächtiger Zuhörerkreis scharte sich beim letzten Abend um den Vortragenden, Dr. Artur Kreiner
[…] Zu ernster Besinnung mahnende Verse führten an die Gruft Friedrichs des Großen, an der Hindenburg und Hitler sich, beide einen heiligen Eid schwörend, die Hand reichten […]
In einer Erzählung „Stille Leuchte“ läßt uns der Dichter in knappster Form in 54  Sinnbildern wundervolle Blicke tun in das Leben und Wesen des Dichters Knorr von Rosenroth
[…]

10. Wochenversammlung        Dienstag, den 30. 10. 34
[mit S.v.P. gezeichneter, sonst unbezeichneter Zeitungsausschnitt]
„Das Herz ist wach“
[…] Beim letzten Vortragsabend bot Universitätsprofessor Dr. E. Freiherr v. Scheurl den Hörern einen großen Genuß, indem er sie […] einen Blick tun ließ in eine Erzählung in Briefen, „Das Herz ist wach“, als deren Herausgeber M.B. Kennikott genannt ist […] Ein englischer Aristokrat und Forscher und eine in der deutschen Oeffentlichkeit wirkende Frau, diese Aeußerlichkeiten treten zurück hinter  der inneren Größe der beiden. Jedes […] sucht nach dem tieferen Sichverstehenkönnen zwischen den zwei verwandten Völkern, denen es entstammt; dies kann nur dort über die Grenzen hinübergedeihen, wo eine starke und wahre Liebe zum eigenen Volke ist. […]

11. Wochenversammlung        Dienstag, den 13. XI 34.
[Hinweis auf den im Fränkischen Kurier, 19. November 1934 Nr. 320 erschienenen Text von S.v.P.:]
Eine sehr zahlreiche Zuhörerschaft
[laut handschriftlichem Protokoll 48 Damen und Herren] scharte sich beim letzten Vortragsabend um unsere Nürnberger Schriftstellerin Lu Volbehr, die mit der Vorlesung ihres bedeutenden Schauspiels „Kathrin“ die Anwesenden außerordentlich fesselte. Das Stück, das während des [1. Welt-]Krieges viele Aufführungen erlebte, behandelt mit tiefem Ernst die Frage, ob das Bergpredigtchristentum in dieser Welt gelebt werden könne. […] eindeutig gezeigt, daß die Notwehr ihr bitteres Recht habe. Dies sprach auch der Leiter des Abends, Pfarrer Türk, in seinem Schlußwort aus […]

1. Wochenversammlung        Dienstag, den 15. Januar 1935
[Fränk. Kurier 21. I 35, gezeichnet S.v.P.]
Schauspieler  Fritz Kraus führte die Hörer
[…] in das Leben und künstlerische Schaffen Ricarda Huchs ein. […] Ricarda Huch ist eine Priesterin der Liebe zu nennen. […] Als Uebergang zu einer Reihe farbenglühender, formenschöner [sic] und gefühlsreicher Gedichte spielte die Mutter des Vortragenden, die Lisztschülerin Frau Elly Kraus-Schulze, den Liebestraum Nr. 1 ihres Meisters mit warmem Empfinden. […]

9. Wochenversammlung        Dienstag, den 15. Oktober 1935
[Fr. Kurier 21. X 35, S.v.P.]
Die Auswirkungen der Erhebung im deutschen Roman
[…] durch die Ankündigung eines Vortrags des Ordensführers […] eine ungewöhnlich große Besucherzahl angezogen. [51] […] daß es sich heute im Roman nicht mehr so sehr ums Einzelgeschehen handle, daß nicht mehr die Einzelschicksale einer Gruppe oder Klasse im Vordergrund stehen, sondern daß heute der tragende Grund von der Gesamtheit ausgehe. […] Das sei auch bei dem Entwicklungsroman von Hans Carossa, Kindheit und Verwandlungen einer Jugend, der Fall, in dem sich die neue Zeit deutlich spiegle. […]

Das war der geistesgeschichtliche Sündenfall des Nationalsozialismus: die neuzeitliche Entdeckung, daß das Subjekt ein Individuum ist, rückgängig zu machen. Von da führt ein direkter Weg zur persönlichen Verantwortungslosigkeit und zum Herauslassen der Bestie im Menschen.

In dem Vortrag „Wilhelm Raabes Weg und Schicksal“ zur 25. Wiederkehr des Todestages Raabes in der „Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes“ äußert Hans Hubel:

[…] Sein Schaffen fällt in der Hauptsache in die bürgerlich-materialistische Zeit, die zwar gewaltige wirtschaftliche und technische Leistungen aufweist, in welcher aber das deutsche Leben sich stark veräußerlichte und in welcher seine innersten Quellen bedroht wurden. […]
So sehr er Bismarcks Größe anerkennt, so deutlich sieht er Schwächen und Verfallserscheinungen, so daß er einmal sagt: „Nach Canossa gehen wir nicht, dafür aber nach Byzanz alle Tage!“ Statt des Bismarckreiches sucht und ahnt seine Seele den wahren deutschen Volksstaat mit einem geistesmächtigen Führer, unter dem deutsches Wesen rein und stark, aller Welt ein Beispiel sich entfalten soll.
[…]

12. Wochenversammlung
[eine 11. ist im Protokollbuch nicht vorhanden]
Dienstag, den 12. November 1935
[Fr. Kurier 16. Nov. 35, S.v.P.]
[…]
Nach vielen Jahren hatten die Mitglieder wieder einmal die Freude, Herrn Direktor Dr. Behringer sprechen zu hören, der 14 Jahre lang als 2. Vorsteher dem Orden wertvolle Dienste geleistet hatte. In seinem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Volkhafte Dichtung in der Gegenwart“ […] Es sei nicht alles […] volkhafte Dichtung, was das Wort im Munde führe. […] Volkhaft könne nur die Dichtung genannt werden, die blutmäßig aus dem Lebensgrund des Volkes herauswachse. […] Emil Strauß, […] In der Stille verfolgte er das Geschehen der Zeit und war einer der ersten deutschen Dichter, die sich zu Adolf Hitler bekannten. […]

Wie wächst Dichtung blutmäßig irgendwo heraus, und wenn es der Lebensgrund des Volkes wäre? In der Umkehrung des Gefasels ins Abwehrende erweist sich der skandalöse Inhalt: Alle Nicht-Deutschen dürfen nicht mehr mitspielen.

13. Wochenversammlung        Dienstag, den 26. XI 35
[Ausführlicher Text von S.v.P. vierspaltig in der Nordbayerischen Zeitung vom 2. 12. 35 abgedruckt. Der Schauspieler Fritz Kraus stellt vor allem den Roman „Paracelsus“ von Kolbenheyer vor, dessen Inhalt in aller Breite wiedergegeben ist, daneben noch andere Werke.]

Dienstag, 14. Januar, 20 ½ Uhr, Colleg, Bucherstraße, Rokokozimmer:
Emil Bauer: aus eigenem Schaffen.
Dienstag, 28. Januar, 20 ½ Uhr, Colleg, Bucherstraße, Rokokozimmer:
Heinz Schauwecker: Gedichte und „Wetterleuchten der Freiheit“. (eine Schill
[er]-novelle)

1. Wochenversammlung        14. Januar [1936] ½ 9 Uhr Colleg
[Fr. Kurier 20. I 36 No. 19, S.v.P.]
Emil-Bauer-Abend
[…]
Begegnungen mit Menschen und Beziehungen zu ihnen, tiefe Frauenliebe und zartes Verständnis für die Natur.
[…] Eine lebensvolle Erzählung „Der Diener“ […] wird in knappem Rahmen ein ergreifendes inneres Erlebnis vermitteilt [sic]. Der Dichter las noch einige seiner ungedruckten Gedichte. Bei allem erwies er sich als ausgezeichneter Vorleser seiner eigenen Werke.

3. Wochenversammlung        11. Februar 1936 Colleg ½ 9 Uhr
32 Anwesende, Vorsitz zunächst Pf. Geyer, der kurz und launig begrüßt, dann Pfarrer Türk.
[…]
[ausführlicher als im Fr. Kurier dargestellt in Nordbayer. Zeitung 15. II. 36, S.v.P.]
Beim letzten, gut besuchten Vortragsabend erfreute Frau Mathilde von Liederscron, ein langjähriges, treues Ordensmitglied, die Erschienenen mit einer selbstverfaßten Heimaterzählung
[…] Wenn die Verfasserin den Wunsch ausspricht, die Reisenden möchten nicht nur auf den künftigen Reichskraftwagenstraßen die Gegend durcheilen sondern Landschaft und Bewohner auf sich wirken lassen, so hat sie damit vollkommen recht. […]

Hieran wird deutlich, daß die Pegnesen nicht zum fortschrittsgläubigen Flügel der Nazis gehörten und das Volkhafte als heimatliche Idylle verstehen wollten.

4. Wochenversammlung        24. II. 36 […]
53 Anwesende
[…]
Es handelt sich bei den Nürnberger Erzählungen
[Türks, von ihm selbst vorgestellt] 1632 — 1732 — 1832 — 1932 nicht um ein Fabulieren, sie sind auf geschichtlichem Hintergrund erwachsen. […]

Beitrag im Fränkischen Kurier, 15. September 1936, Nr. 257. S. 186:
Ludwig Wekhrlin, 1739-1792 zu Ansbach
Ein Auch-Vergessener
von Dr. Artur Kreiner
[In diesem Aufsatz hebt Kreiner die von den Ansbachern als Agitation eines französischen Emissärs mißverstandene freiheitliche Publizistik Wekherlins als verfrüht gegenüber der späteren Satire des ihm bekannten Ritters von Lang hervor. W. mußte „in Schutzhaft“ genommen werden vor dem Ansbacher Pöbel und starb darin. Auch er war über eine Ahnin namens Regina mit Hölderlin, Schelling, Uhland und Mörike verwandt.]

Kreiner ist ganz offensichtlich trotz einzelner Lippenbekenntnisse zur „neuen Zeit“ der Querschläger im System. Er scheint den infamen Begriff „Schutzhaft“ nicht ohne Ironie gebraucht zu haben.

9. Wochenversammlung        13. Oktober 1936 […]
Sodann führte Freiherr v. Scheurl die Zuhörer in das neueste Werk Ernst Wiecherts „Wälder und Menschen“ ein.
[…] Wiechert will in diesem Werk keine andere Frage beantworten als die, wie er Dichter geworden ist. […] Freiherr v. Scheurl erfreute sodann durch Vorlesen liebevoll ausgewählter Abschnitte des wertvollen Buches.

Immerhin — Wiechert war ein im 3. Reich unerwünschter Autor und stand schon seit 1934 unter Beobachtung der Gestapo, wie aus Hans Ebelings Monographie „Ernst Wiechert – Das Werk des Dichters. Wiesbaden 1947“ hervorgeht. Sollte Eberhard von Scheurl das nicht gewußt haben, so ehrt ihn dennoch das liebevolle Eingehen auf jenes Buch, das so gar nicht politisch instrumentalisierbar war.

10. Wochenversammlung        27. X. 36. Colleg ½ 9 h
Anwesend 56 Personen
[31. X. 36 No. 303. Fr. Kurier, gez. S.v.P.:]
Georg Türk über sein neues Werk: „Der Wachtmeister von Leuthen“.
[…] Der Vortragende gab nun einen außerordentlich fesselnden Ueberblick über die Zeit, in der sich Preußen auf seine weltgeschichtliche Sendung besann […] Und in diese Geschichte hinein stellte der Verfasser […] den tapferen Wachtmeister von Leuthen […] Er will durch sein Dasein und sein Handeln sagen: es lohnt sich zu leben im verworrenen Weltgeschehen, denn über der Welt wölbt sich der Himmel, über der Zeit leuchtet die Ewigkeit, die Liebe zu Volk und Heimat muß verwurzelt sein in der Ewigkeit. […]

11. Wochenversammlung    10. November 1937
[sic; gemeint 1936]
[Fr. Kurier 17. 11. No. 320, S.v.P., etwas knapper redigiert als in der Allg. Rundschau:]
[…]
Oberstudiendirektor Dr. Hilsenbeck sprach über das Werk Ch. D. Grabbes. Die großartige Dichtung, mit der Freiligrath Grabbe unmittelbar nach seinem Tode feiert, an den Beginn seiner Ausführungen stellend und Hanns Johsts Schauspiel „Der Einsame“ streifend, wies der Vortragende vor allem darauf hin, daß wir in mehr als einem Punkt Gedanken und Vorstellungen bei Grabbe finden, die heute im Vordergrunde stehen. Ohne auf das Bild des Dichters, seine krankhafte Veranlagung, seine unglückliche Leidenschaft zum Trinken, seinen Zusammenbruch und sein frühes Ende näher einzugehen, […]

Das gehört aber dazu, und Sophie von Praun weiß es!

12. Wochenversammlung        24. XI. 36 […]
[Allg. Rundschau No. 287 30. XI. 36 S.v.P.]
Die dichterische Sendung Rainer Maria Rilkes
Vortrag von Paula Schneider-Höllfritsch
[…] Er fühlt sich ganz als Werkzeug eines Höheren in der Gewißheit, daß hinter dem alltäglichen Sein das ungreifbare wirkliche Sein sich verbirgt, der dunkle Urgrund, von dem der Dichter seine Eingebung empfängt. […] Jedes Wort ist mit äußerster Notwendigkeit entstanden. Verse sind, sagt Rilke, nicht Gefühle, sondern Erfahrungen. […] man muß Erinnerungen vergessen können und die große Geduld haben, bis sie wiederkommen. In der Nachkriegszeit verstummte der Dichter für 10 Jahre […] Die letzten Werke […] sind das Werk eines Wissenden, das man mit innerer Bereitschaft und Hingabe lesen muß. […] Nach kurzer Pause brachte Paula Schneider-Höllfritsch in bekannter Meisterschaft eine reiche Fülle von Gedichten aus den verschiedensten Schaffenszeiten des Dichters zum Vortrag und es gelang ihrer hohen Kunst […] auch die schwer zugänglichen Dichtungen der Duineser Elegien und der Sonette an Orpheus näher zu bringen. — In den herzlichen Dank des Ordensleiters, Baron von Scheurl, stimmten alle Anwesenden mit stürmischem Beifall ein.

1. Vortragsabend
[nicht mehr „Versammlung“] 12. Januar 37 — 20 ½ Uhr Colleg
[Allg. Rundschau 16. I 37 S.v.P.]
[…]
sprach Professor Wilhelm Schmidt, ein feiner Kenner Raabes, […] über dessen Erzählung „Die Innerste“. […] Die trübendigende Dorfgeschichte ist die liebevolle Lobpreisung häuslichen Friedens gegenüber kriegerischer Abenteuerlichkeit und haltloser Wildheit und die Tragödie der kraftvoll-schönen freien Tochter des Hayes. […]

Zeitungsausschnitt aus Allgemeine Rundschau, 17. I. 37:
Pegnesischer Blumenorden
Emil Bauer ist im Pegnesischen Blumenorden kein Fremder mehr;
[…] Zunächst bezeugte dies eine feinsinnige Erzählung „Der kleine Marchese“ [über einen 10jährigen, der den Mörder seiner Mutter erlegt]
Nach kurzer Pause ließ der Dichter nochmals einen Blick in sein reiches Innenleben tun, indem er zunächst einige eindrucksvolle gedankentiefe Gedichte las, aus denen uns sein Gottsuchen entgegenleuchtet
[…] Den Schluß bildeten einige ungedruckte Gedichte „Vom neuen deutschen Wesen“, die die heiße Liebe Emil Bauers zum Deutschen Vaterlande und zum Führer, den Glauben an das deutsche Wesen und das Vertrauen auf den Führer machtvoll zum Ausdruck brachten. […]

Wie verträgt sich „feinsinnig“ mit „machtvoll“ — kontrapunktisch?

2. Vortragsabend        25. I. 38, Colleg 8 ½ Uhr
59 Anwesende
Vorsitz: Freiherr von Scheurl
[…] Ausführlich berichtet die Nordbayerische Zeitung von dem wertvollen Abend.
[…s.v.P.:] Oberlehrer Hans Hubel spricht über: Paul Ernst. […] Er studierte zunächst Theologie, gab aber, durch schwere innere Kämpfe veranlaßt, das Studium auf und geriet in Berlin, wo er Armut und Elend in bitterster Form kennenlernte, ins Fahrwasser des politischen Sozialismus. […entsprach] zunächst der naturalistischen Dichtung in einigen Lustspielen, deren Stil ihn aber nicht befriedigte; in der italienischen Novelle fand er die ihm am meisten gelegene künstlerische Form […] Alles Leben — das ist seine Ueberzeugung, wird getragen von den Trieben, die es ebenso erhalten und fortpflanzen wie sie es vergewaltigen und zerstören. […] aus der triebhaften Liebe muß die veredelte werden, aus dem mörderischen Haß der Haß gegen das Zerstörende, aus Gier Schaffenskraft, aus Dünkel Menschenwürde, aus triebhaftem Mut hohe, unbeugsame Kühnheit, die ewige Werte schafft und die Pflicht hat, die Wahrheit zu sagen und durchzusetzen. […] Wir finden die Triebe in ihrer ganzen Nacktheit bei Maupassant, aber während er in das Nichts schaut, gibt es bei Paul Ernst keine einzige Erzählung, in die nicht ein Ausblick in die vorhin gezeichnete Welt hineinleuchtet. […]

6. Vortragsabend        22. März
[1938]
Anwesende 70. Vorsitz: Freiherr von Scheurl.
[Fr. Kurier, 3. IV. S.v.P.]
Im letzten Vortragsabend sprach Paula Schneider-Höllfritsch über Josef Weinheber.
[…] hat seinen Weg gewußt und ist ihn gegangen in dem Trotz, der sich sagt: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker. […] Es ist nicht leicht aus der Fülle des Gebotenen einiges herauszugreifen wie: Aus dem griechisch-tragischen „Adel und Untergang“, den heiteren „Wien wörtlich“ […] das entzückende „Wiegenlied“, das wie zarte Musik erklingt und wieder verklingt […] Und endlich sei „Still zu wissen“ genannt, in dem die letzte Bereitschaft aufleuchtet und „Dem kommenden Menschen“, das den sieghaften Glauben des Dichters an eine höhere Ordnung ausspricht. […]

9. Vortragsabend        24. V 38 Colleg 8 Uhr
40 Anwesende — Vorsitz Freiherr von Scheurl
[Nordbayr. Zeitung 28. V. S.v.P.:]
Im Pegnesischen Orden:
Franz Oskar Schardt liest aus eigenen Werken
[…] Aus allen Erzählungen […] tritt reiche Erfahrung und ausgezeichnete Kenntnis der Menschen in ihrer rassischen Gebundenheit und Verschiedenheit zu Tage. […] Die Erzählung „Das kleine Fräulein“, die außerordentlich packend schildert, wie eine 15jährige Zigeunerin mit der Liebe bekannt wird, zeigt die sprühende Heiterkeit Schardts im schönsten Lichte, wie versteht er es mit wenigen Worten, in ganz knappen Sätzen, echtes, wirkliches Leben zu schildern, ein Zigeunermädchen, wie es sein muß, in dem trotz aller Durchtriebenheit doch ein guter Kern steckt. […] Den begeistert aufgenommenen Schluß des Abends bildete die Erzählung „Pastor Paucke“ […] Diesen prächtigen Mann, der während des Herero-Aufstandes in Südwestafrika bei der Truppe den geistlichen Dienst tat, beschäftigten nicht nur die Seelen-, sondern auch die Leibeskräfte seiner Soldaten. […] Als bei einem Gefechte keiner der militärischen Führer mehr da war, ergriff Pastor Paucke mutig und kräftig das Kommando und führte dadurch den Sieg herbei. Nachher war er wieder der Prediger, der seine Soldaten tüchtig in die Seelenwäsche nahm. Wie schön ist hier gezeigt, daß der Pfarrer auch in der Erfüllung seiner Soldatenpflicht ein ganzer Christenmensch sein kann und daß ein ganzer Christ überall seine Pflicht tut. […]

Hier fallen sehr ambivalente Sätze. Voraussetzung sind in beiden Texten Rassenvorurteile, aber der menschliche Einzelfall macht sich bemerkbar. Verschwiegen wird die Vernichtungskampagne gegen die Herero, mögen sie auch grausame Gegner gewesen sein. Und was ist in einem solchen Fall die „Pflicht“? Daß auch ein Pfarrer kämpfen muß? Was heißt „Seelenwäsche“? Hat er den Soldaten hinterher das Gewissen für die begangenen Schandtaten erweckt? Man müßte die Texte haben, aber im Pegnesenarchiv sind sie nicht.

Wie gemüthaft und fromm Schardt am liebsten schrieb, zeigt ein unter Nummer 59 in Schachtel 2 aufbewahrter Text (blauer Umschlag: Mitglieder 1220-1340, S. 117-122 aus einer klammergehefteten Zeitschrift, die keine Angabe zu Ort und Jahr trägt): „Oskar Franz Schardt: Der Berbedomobile“. Es handelt sich um eine Novelle über einen Schirmmacher im 18. Jahrhundert, der ein Perpetuum mobile bauen will und am Ende erkennt, daß das Weltall das Perpetuum mobile ist.

Zeitungsausschnitt über eine Ordensveranstaltung, aufgrund eines angeschnittenen anderen Artikels auf 1938 datierbar:

Nicht nur die Mitglieder des Pegnesischen Blumenordens, sondern auch eine große Anzahl von Gästen waren erschienen, den Dichtungen Max Schneiders zu lauschen. […] Seine Trilogie „Kalokagathos“, die im hiesigen Stadttheater aufgeführt wurde, fand seinerzeit weithin Beachtung. Max Schneiders dichterisches Schaffen wird wesentlich durch seine Verbundenheit mit der Natur bestimmt. […] Max Schneider bekennt sich, wie die „Gestalten aus der Antike“ zeigten […], zu den Ideen des Humanismus, der in der Vereinigung von „Schön“ und „Gut“ nach altgriechischem Vorbild das höchste Ziel menschlichen Strebens erkannte. […]

So konnte man unbelastet in die Nachkriegszeit kommen.

Und dann war anscheinend eine Serie über Frauenliteratur angesagt:

13. Vortragsabend            22 XI. 38 […]
Anwesend 60 Personen
[Fr. Kurier 327, 27. XI. 38 S.V.P.]
„Deutsche Dichterinnen des 18. und 19. Jahrhunderts“
Vortrag im Pegnesischen Blumenorden
Wie schon vor einigen Wochen hatte der Blumenorden die Freude, Frau Dr. Wanda von Baeyer sprechen zu hören
[…] Anna Luise Karschin […] Viktoria Gottsched […] Caroline Schelling […] Bettina von Arnim […] Bei der Herausgabe von Goethes Briefwechsel mit einem Kinde hat Bettina die Briefe leider vielfach verändert, da sie ein einheitliches Kunstwerk aus ihnen machen wollte. […] Nachdem die Vortragende noch zwei Briefe von Goethe und Bettina in ihrer ursprünglichen Fassung vorgelesen […] hatte, dankte ihr Freiherr v. Scheurl noch herzlich für die schönen Gaben des Abends.

1939 1. Vortragsabend        Dienstag 10. Januar
[…]
Anwesend 50 Personen
Vorsitz Pfarrer Türk
[…] Vortrag über Annette von Droste-Hülshoff […] Frau Dr. Wanda von Baeyer […]
Auffällig ist an diesem Vortrag nur die Abwesenheit jedes Hinweises auf die „Judenbuche“.

3. Vortragsabend        Dienstag, den 14. II. 39
[…]
Paula Schneider-Höllfritsch trägt Dichtungen von Annette von Droste-Hülshoff vor.
75 Anwesende, Vorsitz Freiherr von Scheurl
[…]

Das Hauptaugenmerk liegt auf der Naturdichtung und der geistlichen Dichtung.