Das Jubiläumsjahr

Zuletzt war also der Irrhain so üppig hergerichtet, wie er es seither nicht mehr gewesen ist. Knapp zählt auf:

S. 9: […] und vom in Neubildung hergestellten Innenportal, wie es vor hundert Jahren im Haine prangte, bis zu jenen heimlich stillen Asylen, wo Stellvertretung selbst durch einen Freund nicht möglich ist, wurde Alles in Stand gesetzt […] Gleichzeitig ward von dem alten Rechte der Pegnesen, im Hain für sich und die Seinen ein Hüttchen zu bauen, von Postmeister Schmidt und dem Reimchronisten zum ermunternden Beispiel für die Ordensgenossen Gebrauch gemacht und so der Hain nach fast jahrhundertlanger Pause mit neuen Hütten geschmückt.
S. 12: [Es waren nur mehr zwei Tafeln übrig, die eine für Pfarrer Justin Goetsch, die andere für Joh. Gottfried von Pahl. — d.h. daß die für Seidel erneuert worden sei! Aber:]
S. 13: […] außer den seither bestehenden älteren Holz- und Metalltafeln, welche nach Thunlichkeit ausgebessert und verschönert wurden, wie z.B. die Colmar’sche, die neuen zum Theil aus Galvanobronze, zum Theil aus carrarischem und schlesischem Marmor, wie auch aus Serpentin und Solnhoferstein hergestellt sind. Die Schrift zeigt sich in den meisten Fällen vergoldet. Ausgeführt wurden sie nach den Entwürfen und Zeichnungen von O. Beringer, die Galvanoplastik von der Firma Zanker (Inhaber Harl, Mitglied des Pegnesischen Blumenordens), die Steinarbeiten von der Firma Schneider (Inhaber Bildhauer Suter). Als Styl wurden meist Barock- und Rokoko-Formen gewählt. Die betheiligten Familien trugen zum größten  Theile, manche vollständig die Kosten der Herstellung.
S. 17 ff.: [Aufzählung der Denkmale und ihrer Wiederherstellung. Zuerst „Den sehr verwitterten, auf unscheinbarem Sockel abseits melancholisch zum Licht strebenden Obelisken“]
S. 18: Das grabmalartig mit Mohnpflanzen und Thränenkreuzen geschmückte Dr. B. W. Zahn’sche Mal mit fast unleserlich gewordener Inschrift. […] 6. Ein gänzlich schriftloses unbekanntes Epitaph, von dem keine Urkunde in unserem Archiv und Ordensprotokoll meldet [von wegen! Es ist leicht zu finden, daß es das Cramer’sche war], ebenso wenig von dem Verschollenen, dem es gewidmet war.
S. 19: […] der namenlose Malstein […] fand die passendste Benützung, indem man an demselben die Namen der Stifter und Begründer des Pegnesischen Blumen-Ordens anbrachte, und zwar gegen Osten unter dem galvanisch vom Bildhauer Hermann Schönau hergestellten Brustbild Harsdörfers die Inschrift […]
S. 20: Das genau nach dem alten Gedenkstein auf Kosten der Zahn’schen Familien neu errichtete Zahn’sche Denkmal mit Mohnblumen-Ornament in Slavonier Kalkstein mit dieser Goldschrift (unter einem mit der Schlange der Ewigkeit umgebenen Stern): […]
5. An das Zahn’sche Denkmal schließt sich das Häßlein’sche, welches verhältnißmäßig gut erhalten, mit einer älteren steinernen Urne bekrönt wurde […]

Man ist immer wieder erstaunt, wie viel von dem, was man für uralt gehalten hatte, jüngeren Datums ist. Das gilt natürlich auch für den Gedenkstein an Limburger-Myrtillus.

Zum Ablauf des Irrhainfestes gibt es im Protokollbuch eine offenbar vom Schriftführer August Müller verfaßte Beschreibung:

[…] Gegen Mittag verdüsterte sich der Himmel und damit die Aussichten aber doch rollten Nachmittag Wagen auf Wagen dem Irrhain zu, da man fest an das Wetterglück glaubte, was auch nicht getrogen hat.
Der Irrhain, schon von weitem durch das neue Portal einladend, war prächtig hergerichtet, die Denkmal künstlerisch erneut, die Gedenktafeln in ihrer vielfachen Gestaltung passend an den Bäumen des Friedhofs angebracht, diesen schmückend; durch ein mit einem hübschen Verse von Prof. Schwabe versehenes, von diesem auch vereinfachtes kleines Portal, dann durch das im Rococostyl ebenfalls von Prof. Schwabe erdachte und ausgeführte größere Portal, durch Prof. Geißler mit den Portraits von Harsdörfer u. Limburger geschmückt, zeigte sich der Tanzplatz; zwei durch die Güte des Herrn Prof. Schwabe gelieferte überlebensgroße Gypsstatuen (Apoll von Belvedere u. Antinous) wirkten wundervoll in dem Grün des Waldes.
Die Festbühne war durch einen terrassenförmigen Aufbau einer großen Zahl von Zuschauern sichtbar gemacht worden.
[…] Der Umgang, geführt von dem mit einem Thyrsus geschmückten Rottmeister Hofer, welchem die Carl’sche Musik in ihren schmucken Uniformen folgte, wand sich nun, unter den frischen Klängen derselben durch die verschlungenen Pfade und langte an der Bühne an, wo nun das Festspiel […] seinen Anfang nahm und trefflich unter großem, verdientem Beifall der Zuhörer aufgeführt wurde, wozu die sachverständige Regie des Herrn Direktor Gottscheid sehr viel beitrug. […]

Auf den Friedhof zurückgekehrt, begann das Nachspiel, wobei die alten Pokale den Ehrentrunk boten.
Das Festlied […] nach der prächtigen, frischen Composition v. O. Becker, Würzburg, mit Begeisterung von den Anwesenden gesungen, war kaum verhallt, als die zierlichen Schäferinnen und ihre galanten Schäfer zum Menuett antraten, das von Frl. Braßelt einstudirt worden war. Es war ein reizendes Schauspiel, das so viel Gefallen fand, daß es wiederholt werden mußte.
[Dann der Tanz, währenddessen Verkauf von Postkarten und Irrhainphotographien, die letzteren von Leidig]





Bei einbrechender Dunkelheit erstrahlte nun der Irrhain in einer durch C. Luchl hergestellten, von Prof. Schwabe künstlerisch vorbereiteten Illumination, welche ein allgemeines „Ah!“ der Bewunderung hervorrief und wahrhaft zauberisch wirkte; dann gaben auch die Bogenlampen der von der Electritäts Gesellschaft Nürnberg, vorm. Schuckert u. Cie, in äußerst dankenswerther Weise gelieferten electr. Beleuchtung ihr silbernes Licht und übergossen mit blendender Helle die alten Bäume, die ob dieses ungewohnten Schauspiels leise ihre Häupter schütteln mochten. […]

Das Aktenbündel 105 d im Pegnesenarchiv bewahrt eine Sammlung des Presseechos dieser Veranstaltung sowie Schriftstücke, an denen sich ersehen läßt, wie viel noch für die weiteren Festakte zu tun war:

Gratulationstelegramm von der Münchener Zweiggenossenschaft des freien deutschen Hochstiftes, 3. 7. 1894
Weitere Telegramme von Einzelpersonen
Titelblatt Kleine Presse Nr. 153 Frankfurt a. M. Mittwoch, 4. Juli 1894
(Mit ganzseitigem aus Pegnesen- und Landschaftsmotiven kombiniertem Bilddruck mit dreispaltigem Artikel von H.P., fortgesetzt auf dem größten Teil der Folgeseite)
Der Sammler. Belletristische Beilage zur „Augsburger Abendzeitung.“ Sonnabend den 3. November.
(Sehr ausführliche (2 1/4 S.) und ausgewogene Berichterstattung von allen Festakten)
Verwendung der erhaltenen Medaillen (Liste der geplanten Empfänger der Medaillen, silberner und bronzener. An der Spitze steht der König.)
Handschriftliche Musiknoten zu Feiergesängen
Blättersammlung mit Umschlagtitel „Vom Wettbewerb für das Irrhainlied zum Jubelfest 1894“
Schreiben des Magistrats, daß der Große Rathaussaal am 21. Oktober zur Verfügung gestellt wird
Zahlreicher Briefwechsel wegen Einladungen und Übersendung von Medaillen und Festschriften
Entwurf eines Briefes März 1894 (in dem der Magistrat gebeten wird, Hilfestellung zu geben, daß die in der Stadtbibliothek vorhandenen auf den Orden bezüglichen Stücke herausgesucht und ausgestellt werden können.)
Gedruckte Einladung zu den Feiern im Oktober
Entwurf eines Schreibens an Familien von Mitgliedern, alte Gegenstände mit Bezug auf den Orden zur Ausstellung zu liefern.
Verzeichnis derjenigen Gegenstände der Stadtbibliothek, welche sich für die Ausstellung eignen würden
Gedruckte Einladung zum Festakt am 21. Oktober, 1. Oktober
Gedrucktes Programm, Tischlieder, Gedichte
Entschuldigungsschreiben, daß der Senior der Harsdorfs gesundheitshalber nicht kommt, vom 18. Oktober 1894
Zahlreiche weitere Zeitungsausschnitte mit Berichterstattung 1894

Über die Festakte am 20 und 21. Oktober 1894 vermeldet der Schriftführer:

Nachdem nun die Festtage verrauscht, soll hier an dieser Stelle über dieselben kurz berichtet werden […] Programmgemäß versammelten sich zur Vorfeier die Mitglieder mit ihren Angehörigen Sonnabend den 20 Oct. Abends 8 Uhr im goldnen Adler, dessen großer Saal im Hintergrund eine Bühne zeigte; eingeleitet wurde die Feier durch Concertmusik, dann begann das, von Herrn LGerichtsdirector Brügel verfaßte Festspiel „Die Gründung des Pegn. Blumen-Ordens“. Das trefflich geschriebene Festspiel wurde von Mitgliedern des Ordens sehr gut gespielt und schloß mit einem von Herrn Prof. Schwabe gestalteten lebenden Bild; drei Musen bekränzten das Reliefbild der Gründer des Ordens Harsdörfer und Klai.





Ein gemischtes Quartett, Frau Griesbach, Frl. Lauterbach, Herr Lehrer Ulrich Müller, Herr Georg Liebel trug in vollendet künstlerischer Weise Kompositionen von Mendelssohn und einige Volkslieder unter dem lebhaftesten Beifall vor. Ein Tanz beschloß den schönen Abend, der durch die Anwesenheit Sr. Excellenz des Herrn Regierungs-Präsidenten von Zenetti aus Ansbach, sowie der beiden Herren Bgmstr. von Schuh u. Täubler verherrlicht wurde sowie des corresp. Mitglieds Dr. Fastenrath aus Cöln.
Sonntag 11 Uhr fand im großen Rathhaussaale der Festact statt; Eröffnet wurde derselbe durch einen, vom Männergesang-Verein unter Leitung d. Herrn Direktor Bayerlein ausgeführten „Stiftungsfeier“ von Mendelssohn-Bartholdy.
Der I. Praeses, Dr. Wlm. Beckh, hielt nun seinen vortrefflich ausgearbeiteten Vortrag, in welchem er eine Geschichte des Ordens seit seinem Bestehen unter besonderer Berücksichtigung der letzten 50 Jahre gab und welcher mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde.


„Festrede bei dem Festakt zur Feier des 250jährigen Jubiläums des Blumenordens. Gehalten am 21. October 1894 im großen Rathhaussaale in Nürnberg.
S. 14: „Es möge genügen, wenn ich hier mitteile, daß in diesen letzten 50 Jahren im Pegnesischen Blumenorden gegen 600 öffentliche Vorträge gehalten wurden, welche sich über alle Gebiete der Poesie, sowie über historische, kunsthistorische, biographische Themata, dazwischen auch über Reiseerinnerungen, verbreiteten.“
S. 15: „[…] es freut uns, zu sehen, wie kein neuer Dichter von Bedeutung in die Welt trat, ohne seine Besprechung in den Vorträgen des Blumenordens zu finden: so Emanuel Geibel, Gottfried Kinkel, Franz von Kobell, J. V. von Scheffel, Wolfgang Müller von Königswinter, Otto Roquette, Hermann Lingg, Paul Heyse, welche auch später in nähere Beziehung zum Orden, meist als dessen Ehrenmitglieder, traten.“

Und abends feierte man weiter:

„Abends 6 Uhr fand das Festmahl im großen Saale des goldnen Adler’s statt, der prächtig geschmückt war; an 4 langen Tafeln nahmen die zahlreichen Gäste statt [sic; „Platz“ war gemeint]; die Plätze waren durch die von Geißler gezeichnete allerliebste Speisekarte, auf der die Namen der Theilnehmer, gekennzeichnet; […]
Durch Musik (Kapelle Ziegler) wurde das Mahl eingeleitet. Der 1te Trinkspruch wurde vom I. Praeses auf den Prinzregent ausgebracht; dann folgte der des II. Praeses Postmstr. Schmidt auf Kaiser u. Reich! Professor Bischoff toastirte in herrlichen Worten auf die Stadt; OA Richter Schrodt auf die „Ehrengäste“, welchem Trinkspruch I. Bgmstr. Dr. Schuh in warmen Worten dankte und auf das Wohl des P.B.O. trank.
Herrmann Beckh auf die Pflege der Dichtkunst u. des Gesanges, das z.Z. anwesende corresp. Mitglied Hofrat Fastenrath aus Cöln brachte ein prächtiges, mit rauschendem Beifall aufgenommenes Gedicht; ferner brachte Lambrecht auf Dr. Beckh in sehr humorvoller Weise ein „Hoch“ aus; […] sehr hübsche Gedichte verlasen Dr. v. Forster von seiner Frau; […] An den Prinzregenten ging ein Telegramm ab. […]
Die Ausstellung im goldnen Saal des Gewerbe-Museums ist eine reiche u. sehr geschmackvoll arrangirte; auch sie darf sich lebhaften Besuchs und großen Interesse’s erfreuen […] Die zum Fest-Jubiläum geschlagene Denkmünze ist @ m 2.- erhältlich und findet raschen Absatz.“