Vermischte Kleinmeistereien

Etwa einen Monat später schickt Heinrich Bucher, erst kürzlich in den Orden aufgenommener Rechtspraktikant in Nürnberg, einige seiner Gedichte.2 Sie befriedigen die Freude des Zeitalters an genauer Beobachtung sowie aufgesetzter moralischer Nutzanwendung und sind außerdem Belege für tiefgefühlte Verbundenheit mit kleinräumig gedachter Heimat, gewürzt mit Mittelalter-Schwärmerei:
Streitberg und Neideck.

Abend wars, beim Untergang der Sonne,
Als ich einstens jenen Fels erstiegen,
Den noch heute krönen Streitbergs Mauern.
Welch ein Anblick bot sich meinen Augen!
Weithin lag das Thal in goldnem Lichte,
Wie verkläret von den letzten Strahlen,
Die die Sonne auf die Erde sandte. —
Einem goldnen Streifen glich die Wiesent,
Wie sie ihre Wellen durch die Felder
Weithin trug, bis wo sie endlich
In der Ferne Bläue sich verloren. —
Hinter meiner Heimath fernen Bergen
Sank die Sonne in ihr goldnes Lager,
durch die halbzerfallnen Fensterbogen
Fiel des Abends volles Licht verstärket,
Und warf lange Schatten in das Thal hin. —
Drüben steht der Thurm am Felsenabhang,
Niemand mehr schaut dort ins Thal herunter.
Heulend pfeift der Wind durch öde Mauern.
Und so nahte sich die Abendstunde,
Wo die Dämmrung und das Zwielicht spielet,
Wo die Schatten sich in Nebel lösen,
Mannigfaltig sich dem Blick gestalten.
Und ich saß im hohen Fensterbogen,
Träumte von vergangnen Herrlichkeiten,
Sah im Geiste sich aufs Neue bauen
Der zerstörten alten Neideck Mauern;
Hellerleuchtet glänzten viele Fenster,
In den Säälen tönten frohe Klänge,
Und es saßen beim Bankett die Ritter,
Und so manches edle Fräulein drehte
dort im Tanz sich mit dem Edelknappen. —
Einsam kommt im Thal dahergegangen
Ein verlassner Mensch mit seinem Schmerze,
Blickt hinauf zum hohen hellen Saale,
Und geht schweigend seines dunklen Pfades.
Da erhebt der kalte frostge Nachtwind
Seine Flügel, und verwehet schnelle
All die Nebelbilder von den Blicken;
Von dem Mond beleuchtet stehen öde
Auf dem kahlen Fels der Neideck Mauern,
Laut verkündend unsrer ird’schen Größe
Und der eitlen Pracht Vergänglichkeit.

Und noch eines, das sich auf dem Internetauftritt des Tourismusbüros von Gößweinstein nicht übel ausnehmen würde:

Gößweinstein.

Es weht in der Bäume Blättern
Des Morgens belebender Wind,
Es murmelt und plätschert die Wiesent,
Der Felsen muthwilliges Kind.

Bald scheint sie so freundlich zu lächeln,
Die stille durchsichtige Fluth,
Bald brauset und rauscht sie gewaltig
Einher in wild schäumender Wuth.

Da klinget es weithin im Thale,
Was ist denn das für ein Gesang?
Von Felsen zu Felsen [mit Bleistift eingefügt: sich] träget
Das Echo den doppelten Klang.

Es singet die Schaar der Pilger
Ein heiliges frommes Lied,
Den müden Wandrer erquickt es,
Der gläubig zum Wallfahrtsort zieht.

Und hoch in der Höhe dort zeigt sich
Der Wandrung ersehnetes Ziel,
Des Menschen Sinne begeistert
Der heiligen Nähe Gefühl.

Die Müdigkeit hat er vergessen,
Und eilet den Berg[steig] hinan,
Bis er vor der heiligen Kirche
In rastlosem Eifer kommt an.

Voll Ehrfurcht betritt er die Hallen,
Den sonnenerleuchteten Chor.
Wo die heilige Jungfrau schenket [leihet]
Den Gläubigen gnädiges Ohr.

Beseelt von Vertrauen erschließt er
Derr Jungfrau Maria sein Herz,
Und bittet die Gnadenreiche[erfüllte]
Um Heilung von nagendem Schmerz.

Und wenn sie ihn gnädig erhöret,
Befreit von drückender Qual,
Dann eilet er fröhlich herunter
Und jubelnd durchstreift er das Thal.

Ihn dünket die Wiese jetzt grüner,
Der Fluß jetzt klarer zu seyn,
Die Felsen ragen ihm kühner,
In hellerem Sonnenschein.

Wie man sieht, hat der Verfasser noch ein wenig gefeilt an seinen Versen. Von so unvergeßlicher Dichte wie Ludwig Uhlands „Droben stehet die Kapelle“ sind sie nicht geworden, aber mit dessen historischen Eberhard-im-Bart-Gedichten können sie in der Diktion schon mithalten. Das ist ganz einfach der Zeitstil, aus dem einige besonders geglückte Exemplare den Weg in die Schulbücher gefunden haben; man fragt sich unwillkürlich, ob es nur an dem Mangel eines spezifisch Nürnberger Schulbuches gelegen hat, daß man von Heinrich Bucher gar nichts mehr weiß.

Der Wiener Journalist Johann Nepomuk Vogl ist wahrscheinlich durch einen Besuch Rudolph Christoph von Holzschuhers im Mai 1846 auf den Orden aufmerksam gemacht worden und stellt den Lesern seines Österreichischen Morgenblattes in einem nicht gut recherchierten, eher nett erfundenen Absatz unsere Gesellschaft vor3:

„Der Pegnitz’sche Blumenorden in Nürnberg.

Die Bewohner Nürnbergs sind vorzügliche Freunde von Blumen. Bei ihren Kirmessen hängen Blumenkränze vor allen Thüren der Häuser, prangen Blumenstöcke in allen Fenstern, zieren Blumensträuße alle Knopflöcher, ja selbst die Gräber ihrer Friedhöfe werden bei ähnlichen Gelegenheiten mit Blumen geschmückt, und die Leichen mit Blumenkörben zu Grabe geleitet. Es darf daher nicht Wunder nehmen, daß in dieser alten Reichsstadt ein Orden entstand, der sich Blumenorden nennt. […] Dermaliger Präses des Blumenordens, welcher in neuester Zeit einen erfreulichen Aufschwung nimmt, ist Herr Christoph W. C. Freiherr Kreß v. Kressenstein, quiesc. Assessor und Landtags-Deputirter. Eines der geachtetsten Mitglieder dieses literarischen Vereines, Freiherr Holzschuher v. Harlach, Dr. jur. und Rathsconsulent von Nürnberg, befindet sich gegenwärtig auf einer Vergnügungsreise in unseren Mauern.“

Ein halbes Jahr später ist er schon als ordentliches Mitglied aufgenommen (nicht als außerordentliches, wie bei Auswärtigen üblich) und übersendet etliche seiner Werke4, etwa „Blumen. Romanzen Lieder und Sprüche von Dr. Johann Nk. Vogl“5, eine Broschüre „Der erste Besuch in den Wiener-Katakomben im 19. Jahrhundert. (Eine Jugenderinnerung.)“6 und eine Ballade über Prinz Eugen im Metrum des bekannten Volksliedes „Prinz Eugen, der edle Ritter“7. Es ist nicht leicht zu sehen, inwiefern die Erzeugnisse eines geachteten Schriftstellers einer Metropole besser sein sollen als die der Nürnberger, etwa die „Blumenparade“ auf S. 12 der erstgenannten Sammlung:

Blumenparade

Mit klingendem Spiel und Fahnen,
Den Stab in seiner Hand,
Der Feldherr kommt gezogen
Der Frühling herein ins Land.
Wie stehen geschaart die Rosen,
Ein prachtvoll duftiges Chor,
Die Liljen heben die Schwerter,
Die Tulpen die Kelche empor.

Die Feldmusik erbrauset,
Durch all’ die schimmernden Reih’n,
Es schlagen die Nachtigallen
Die Lerchen wirbeln darein.

Es läuten die Blumenglocken,
Die grünen Fähnlein weh’n;
Wie strecken die kleinen Hälmchen
Die Hälschen, um ihn zu seh’n.

Das ist ein Schallen und Klingen,
Ein Lärmen allerwärts;
Und freudig praesentiret
Vorm Feldherrn ein jedes Herz.

Der „Witz“ an der Sache ist der Vergleich der Blumen mit einer Armee, welcher dem heutigen Leser reichlich geschmacklos vorkommen möchte, nicht jedoch dem vormärzlichen Bürger. Die volkstümliche Balladenstrophe, deren sich auch Heine bediente, wenn er etwas scheinbar Harmloses auftischte, tut ein übriges, um den gesuchten Vergleich im damaligen Sinne „witzig“ erscheinen zu lassen.

Sehr lesenwert, vor allem für Verehrer von Edgar Allan Poe, ist der Aufsatz über einen Besuch in den Wiener Katakomben. Es handelt sich um eine von Archiv-Studien und persönlichen Beziehungen ermöglichte Schilderung eines Inspektionsganges, der zu Anfang der 1830er Jahre unternommen wurde, nachdem über dreißig Jahre lang niemand in diesen Gewölben gewesen war. Die Einzelheiten der räumlichen Verhältnisse sind berichtmäßig wiedergegeben, zu einer Schilderung allerdings poetisch überhöht durch makabre Phantasien. Die dreistöckigen Gewölbe erstrecken sich teilweise unter dem Stephansdom, teilweise unter anliegenden Häusern und sind baulich von diesem unabhängig, wurden vor allem mit Pesttoten gefüllt, und zwar in überhasteter und pietätloser Weise, sodaß verknotete Leichengebirge die Kammern fast völlig ausfüllen. Im Sinne des späteren Realismus ist der Text ziemlich unausgeglichen, und die falsche Phantastik hätte man herausgestrichen.

Die Prinz-Eugen-Parodie schließlich läuft auf den einzigen Effekt hinaus, daß ein vorlauter Husar vor der Schlacht den unscheinbaren Feldherrn einen „Kleinen Kapuziner“ nennt, dieser aber nach gewonnenem Treffen

Rufet ihn zu sich heraus,
Spricht, und niemals heit’rer schien er:
„Sieh’ ein kleiner Kapuziner
Richt’t zuweilen auch was aus!“

Nun ja, Uhland hielt es mit einigen seiner schwächeren Balladen auch nicht anders.

Vogl erhielt für seine Widmung ein ungewöhnlich aufwendiges Präsent, das so recht zeigt, welche Wertschätzung der Beziehung zu einem einigermaßen bekannten Schriftsteller zuerkannt wurde: „[…] Nach Beschluß der Vorstände des Blumenordens erhält Hr. Dr. Joh. Nepomuk Vogl in Wien, als Gegengabe für sein neuestes Werk: „Blumen“ einen gemalten Blumenkranz mit der Widmung, und ein Sonett in einem gemalten Lorbeerkranz in einem Umschlag von braunem Sammt, mit versilberter Verzierung. Berechnung der Kosten: […] 29.30. […Kress vermerkt später:] 1852 d. 8. Nov. wurde mir die Mehrausgabe aus der OrdensCassa mit 9 f.— […erstattet].“8

In Schachtel 55 a des Pegnesenarchives findet sich sonst noch ein kurioses Faltblättchen zu vier Seiten, das um den Rand der ersten Seite mit einem klöppelwerkähnlichen Muster geprägt ist; darauf ein ungeheuer gut gemeintes, formal unbedarftes Gedichtchen, das zum Glück nicht von einem Pegnesen stammt. Es ist aber einem Pegnesen gewidmet, von dem man sonst nichts hat als ein ungeheuer schönes Porträt. Auch er war Jurist, sogar Richter, und die untertänige Wertschätzung seiner Tätigkeit sticht bezeichnend ab von dem, was kurze Zeit später über die Rechtspflege gedichtet wurde:



Nachruf an den von Dinkelsbühl nach Ansbach versezten Landrichter, Herrn Freiherrn v. Buirette.

Hier geht dessen Amt zu Ende,
Der so vielen Gutes that,
Der die richterlichen Hände
Niemals noch beflecket hat;
Der — der Aller Recht beschüzte,
Der auf Frevelthaten blizte,
Liebreich seine Hülfe bot
Dem Bedrängten in der Noth.

Du parteilos, wie die Sonne
Senkt auf Jeden ihren Strahl,
Warst Buirette uns’re Wonne,
Still, ein Veilchen in dem Thal —
Recht und Ordnung zu erhöhen,
Zu verbreiten Wohlergehen,
War Dein Streben Tag und Nacht,
Darum sei Dir Dank gebracht.

Ja Du fröntest nie den Lüsten
Die an And’ren Du bestraft;
Die Versammlung frommer Christen
War Dir heilig. — Musterhaft
Ließ’st Du stets von Deinen Höhen
Ein so schönes Beispiel sehen;
Zeigtest, daß nie Richterpflicht
Der des Christen widerspricht.
[…]
Dinkelsbühl, am 13. Januar 1846
J. Klee, k. Aufschlagsnehmer, in seinem Namen und dem speziellen Wunsche Vieler entsprechend.