Die Ära Kreß geht zu Ende

Geradezu symptomatisch für die auseinanderstrebenden Tendenzen im Blumenorden sind Beiträge zweier Paare von Mitgliedern: Negges — Lochner; Greger — Sondermann.

Am 21. Oktober 1853 meldet das Protokoll: „[…] Ferner zeigte Herr Ordensvorsteher v. Kreß an, daß dem Orden verschiedene, gedruckte Schriften zur Aufbewahrung im Ordensarchiv und in die Ordensbibliothek geschenkt worden sind, und zwar
[…] c.) von H. Dr. Negges zu Heidelberg: „Der Deutsch-Katholicismus in seiner Entwickelung“ 2 Bd. Heidelberg 1854. [offenbar vordatiert!]
[…] f.) von H. Kantor Dr. Lochner: „Philippus Melanchthon u. das Gymnasium zu Nürnberg“, 1852. Gedruckt als Manuscript für Freunde; […]“

Scheint Lochner eine auf seinen umittelbaren Wirkungskreis begrenzte Existenz geführt zu haben (ganz so stimmt es nicht!), so mischt sich Negges in alles, was neuartig und antiautoritär ist, darin Brugger vergleichbar. Knallautoritär und gleichzeitig auf Wohltätigkeit in der aufkommenden Industriegesellschaft abzielend dagegen Greger der Ältere:

Lösungsversuch der von der gemeinnüzigen Gesellschaft zu Bern ausgeschriebenen Preisfragen über das Beste der Eisenbahnarbeiter; […] von Johannes Baptist Greger, Königlich Bayerischen temp. quiesc. Kreis- und Stadtgerichts-Rath zu München. München 1853. Gedruckt auf Kosten des Verfassers und bei solchem […] zu haben gegen 12 kr.

Er stammt aus Waltershof im Fichtelgebirge und hat von seinen Eltern „Wirtschäftlichkeit“ gelernt: „wie wer es mir sonst möglich gewesen, zwölf eheliche Kinder bei 600 fl. Jahresbesoldung ein und zwanzig Jahre lang glücklich zu erziehen“. Im Landgericht Eschenbach und später im Landgericht Mießbach hat er sich um Anlage und Pflege von „Vicinalwegen“ verdient gemacht, wobei er eigenes Geld in Höhe von 6000 fl. hineingesteckt hat.

„Die Erreichung nüzlicher allgemeiner Zwecke bedingt immer eine Anstalt mit öffentlicher Authorität, d.h. gesezlicher Gewalt.“ Die Verpflegung der Eisenbahnarbeiter soll durch Beauftragte aus ihren eigenen Reihen und unter allgemeiner Aufsicht besorgt werden, denn ein privat wirtschaftender Marketender wird zu seinem Vorteil arbeiten und dadurch entweder teurer sein oder Unterschlagungen begehen.

Die Verpflegung soll knapp sein, weil man sonst müde wird. Außer dem ausgegebenen Essen darf kein Arbeiter etwas zu sich nehmen. Alkohol, Tabak und Kaffee sind verboten. Greger hat selber bei schwerer Gartenarbeit so gelebt und verweist auf die Schweizer und die Fichtelgebirgler, die nicht üppig leben (meist vegetarisch) und dennoch zähe und starke Arbeiter sind.

Wie aus den besprochenen Einrichtungen des Militärs kann man auch aus dem Beispiele der ehemaligen Klöster lernen, was man in unseren hochnothpeinlichen Zeiten brauchen kann und soll. […] daß ganze Gemeinden zusammenstünden, um ein klösterlich patriarchalisches Leben einzuführen (jedoch weit entfernt von den täuschenden und schädlichen Grundsätzen der Socialisten!). […]
Dem Vergeuden des Lohnes kann einzig und allein nur dadurch abgeholfen werden, daß man denselben nichts ausbezahlt, sondern den Lohn versichert und sogar zur nüzlichen Verzinsung bringet. Als ich vor 40 Jahren den ersten Entwurf zu den Sparkassen machte […] wurde ich hiezu durch traurige Erfahrungen in meinen Justizgeschäften veranlaßt; denn ich überzeugte mich, daß Dienstboten um ihr sauer verdientes und langsam erspartes Geld von 5, 10, 30 50 fl. etc. oft recht erbärmlich kamen […]
Jeder Arbeiter würde nun nach meinem Plane ein Dienstbüchl erhalten. In diesem wird eingetragen:
Lohn, gestaffelt nach Arbeitsleistung, nicht verhandelbar; Ausgaben für Verpflegung und Unterbringung; Rest, der für die Sparkasse bleibt.

Daß dem Arbeiter hie und da einige Kreuzer in die Tasche gegeben werden dürfen, versteht sich wohl von selbst, z.B. zur Ausbesserung seiner Kleider. […] Es wird auch sehr gut sein, wenn jeder Arbeiter eine Nummer erhält, welche er an der Brustkleidung angeheftet immer tragen muß […]

Ein bißchen schmeckt das schon nach GULAG, auch wenn keine politische Maßnahme oder Bestrafung dahintersteckt, und wenn in der praktischen Durchführung (welche zum Glück unterblieb) ein paar Sadisten sich eingemischt hätten, dann wäre das ganze einem KZ ähnlich geworden.

Die zwanghafte Persönlichkeit des Volksbeglückers Greger äußert sich auch in folgendem Gut- bzw. Schlechtachten:

„[…] 1.) […] d.) […] Herr Ordensvorsteher las aus letztgenanntem Schriftchen [Bemerkungen über Hilfbeschäftigungs-Anstalten in Bayern von Greger zu München] p. 23. vor, in welchem der Verfasser eine Tabaksteuer vorschlägt. Derselbige nennt bey dieser Gelegenheit das Tabakrauchen und Tabakschnupfen schädlich, gefährlich, stinkend, sehr kostspielig, vergiftend, selbstmörderisch, mit Frevel und Übermuth verschwenderisch, unzählige Feuerbrände verursachend, wohlhabende Familien ruinierend, zeitwegnehmend, Menschenleben zu Grunde richtend, eine, jährlich hundert junge Leute, Buben und Windbeutel verführende, stinkende Mode, die jährlich hundert Familienväter frühzeitig ins Grab reißt, endlich eine ekelhafte, unanständige, höchst schädliche Eitelkeit und Gewohnheit, einen Taxus [?], der dem Staat sehr großes Unheil zuzieht, so daß derselbige verpflichtet ist, gegen ein Uebel einzuschreiten, das nur von den Menschenfressern erfunden und geerbt wurde, wie denn auch früher von unterschiedenen Staaten die schärfsten Gesetze dagegen gegeben wurden.

Dieser Auszug wurde mit großer Aufmerksamkeit vernommen, brachte jedoch bey den meisten Anwesenden eine sichtbare Mißbilligung hervor, während nur Wenige dem Verfasser ihren vollen Beyfall zollten. […]“ Das werden diejenigen gewesen sein, welche den unbestreitbaren medizinischen Standpunkt einnahmen; daß aber der eifernde Ton, in dem Greger sich herausließ, in der Honoratiorenrunde nicht gut ankam, wurde eher an der Mimik sichtbar.

Ganz anders die öfter schon bemerkte penible Trockenheit und weitausgreifende Themenwahl bei Sondermann, der in diesen Jahren zum Höhepunkt seiner Produktivität auflief. Am 14. März 1853 verliest er aus seiner, wie immer, aus Gedichten, Übersetzungen und historischen Abrissen zusammengestellten Arbeit über Andreas Hofer; im Februar 1855 ist Torquato Tasso an der Reihe.

„[…] Dabei ist es meine Absicht, der geschichtlichen Darstellung einige typische Dichtungen zur Seite zu stellen, welche mit derselben in genauer Verbindung stehen, oder ihr sich anschließen. Göthes Tasso soll dabei aber unberücksichtigt bleiben, da dieses Drama wohl eines besonderen Vortrages werth ist. […]“ Zusammenfassend läßt sich über die Schachteln 69, 70 und 71 des Pegnesenarchivs sagen: Sondermann leistet ungemein genaue historische Arbeit. Im Druck erschienen, hätten diese Abhandlungen als Standardwerke gelten können und ihm vielleicht eine Habilitation eingebracht. Das ganze ist sorgfältig aufbewahrt in Kapseln aus zwei starken Hülsen von Karton, innen mit ornamentiertem Papier ausgekleidet, die ineinandergeschoben gerade in eine Archivschachtel passen. Am 15. Februar 1856 las er „Ueber des [sic] k.k. österr. Feldmarschall Radetzky — seine Verdienste und Persönlichkeit. […]“ — ein zeitgenössisches Thema. Dann wieder ein anscheinend abgelegenes: „Im Dogenpalaste zu Venedig werden die Bildnisse von 115 Dogen der Republik aufbewahrt. […] Aber das Bild eines Dogen fehlt aus dieser Reihe, das Bild des Dogen Marino Falieri. Da, wo sein Bild seinen Platz haben sollte, sieht man die Stelle mit einem schwarzen Vorhange bedeckt, auf dem die Worte zu lesen sind: Hic est locus Marini Falieri decapitati pro criminibus […] Das tragische Ende dieses Dogen hat unter Anderen auch Byron zum Gegenstand eines historischen Trauerspieles gemacht […]“ Wäre nicht der Hinweis auf Byron, es fehlte am Reizwort für den zeitgenössischen Zuhörer. Dabei war Sondermanns Unparteilichkeit wohl außer Zweifel; nur modern wollte er sein. Das schloß auch Beiträge über das Königshaus ein, die pflichtschuldigstes Fürstenlob enthielten, etwa: „König Maximilian I. von Bayern“ in Geheft 58 von Schachtel 71, mit Bleistift datiert: „12. Dec. 1853“, eingelegt ein etwas geringerformatiges Geheft dieses Titels, wohl die Urschrift, mit vielen Korrekturen. Darauf folgt 59, „König Max I. von Bayern, 12. December 1855“ und in den Geheften 60 bis 63 Erinnerungen an den Besuch des Königs in der Universität Erlangen am 26. Juli 1855, vorgetragen in der „kleinen“, wöchentlichen Versammlung des Blumenordens am 21. Dezember 1855 und in der öffentlichen Versammlung am 10 März 1856. Es handelt sich zunächst um die „Festode […] überreicht von den Professoren der Friedrich-Alexander-Universität (in deutscher metrischer Übersetzung)“. Da er nun schon einmal dabei ist, reicht Sondermann historische Hintergrundmaterialien nach, etwa die Ode zur Volljährigkeit des Kronprinzen Maximilian im Jahre 1829, verfaßt von Dr. Friedrich von Roth, Mitglied Nr. 265, übersetzt von Sondermann, der wieder einmal den bloßen Vermittler spielt. Daß er allerdings auch imstande ist, seine eigenen Erlebnisse zum Gegenstand zu machen, zeigten bereits Gedichte aus seinen Reiseerinnerungen. Die prosaische Ausarbeitung der Eindrücke einer solchen Reise findet sich im Pegnesenarchiv zweimal: als „Skizze meiner Reise nach Hamburg und Berlin (vom 23. Juni bis 6. Juli 1856). Vorgetragen in der öffentlichen Versammlung des pegnesischen Blumenordens den 9. Februar 1857.“ und als Reinschrift. Die Beliebtheit der Reiseliteratur in dieser Zeit rührt wohl auch von der Wahrnehmung, wie viel in Veränderung begriffen war.


[…] In der kurzen Zeit von dreizehn Tagen gelang es mir mit Hilfe der Eisenbahnen, über Leipzig, Magdeburg und Braunschweig Hamburg zu besuchen und über Berlin und Dresden nach Nürnberg zurückzukehren und doch dabei einen Theil der beachtenswerthesten Sehenswürdigkeiten an den genannten Orten in Augenschein zu nehmen. […]

In Leipzig besuchte er „die neue, nach Heideloff’s Entwürfen im gothischen Style erbaute katholische Kirche […und…] besuchte Gellert’s Grab“. Von Bach ist nicht die Rede.

[Hamburg:] In der Altstadt sind die Straßen, eng, krumm und winkelig, das Pflaster holprig, die Häuser schwarz, finster und ernst. In der Neustadt dagegen, welche seit dem Brande vom 5.-8. Mai 1842 aus dem Schutte verjüngt sich erhoben hat, sind die Straßen fast durchgängig gerade und breit und die Häuser im großartigsten und freundlichsten modernen Style angelegt. […] lautkreischende Ausrufer der verschiedensten Dinge, hin und her eilende Geschäftsleute und müßig schlendernde Spaziergänger, Droschken und glänzende Equipagen die Menge, Karren und Omnibus, welche beständig nach allen Richtungen die Stadt durchkreuzen, verursachen ein Gewoge und Getöse, daß auch die stärksten Nerven sich nur allmählich daran gewöhnen können. […Im Hafen beeindrucken ihn] die mächtigen, stolz ruhenden Schiffskolosse und die Riesendampfer, welche zum Theil zischend oder brausend ihre schwarzen Wolken in die Luft entsenden […] Eigene Seeschiffe zählt Hamburg etwa 200, darunter das Riesendampfschiff Germania, welches sich während meines Aufenthaltes in Hamburg wieder zur Abfahrt nach Amerika rüstete. […] Das Börsengebäude, ein wahrer Prachtbau, steht auf dem geräumigen Adolphplatze, auf dem sich in Zukunft auch das neue Rathhaus erheben soll. […] An den Säulen des Corridors las ich eine Menge handschriftlicher neuester Nachrichten aus allen Theilen der Welt, welche erst später in den Zeitungen gedruckt zu lesen waren. […]

Die Sehenswürdigkeiten in Berlin, „welche auf mich den tiefsten Eindruck gemacht haben, [sind] das Mausoleum in Charlottenburg und das Denkmal Friedrichs des Großen unter den Linden. […]“

Über die Stadt Dresden schreibt er: „Ihr Glanz ruht nicht in dem, was sie sich selbst, sondern in dem, was ihr die Natur gegeben hat. […]“ Das ist eine zumindest eigenwillige Aussage. Aber Barock liebt man zu dieser Zeit ohnehin nicht.

Schließlich reicht er ein geschichtliches Werk zum Vortrag ein, das höchstens dadurch eine Beziehung auf die Umwelt seiner Zuhörer hat, daß sich infolge der geschilderten Ereignisse etliche Flüchtlinge in Nürnberg und seiner Umgebung eingefunden haben: „Geschichte des Bauernkrieges im Lande Österreich ob der Enns im Jahre 1626. [mit Bleistift datiert:] 10. März 1857.“

Daß auch andere mit Reiseschilderungen willkommen waren, zeigt ein Protokolleintrag: „Nürnberg, den 20. April 1855. eod. lo. [Im Hause des Bratwurstfabrikanten, H. Fleischmann hinter dem Rathhause.] […] 1.) Las Herr v. Erffa [ein regelmäßiger Besucher der Sitzungen, der auch oft etwas vortrug, meistens über geschichtliche und dynastische Themen] eine Beschreibung seiner Reise durch das nordwestliche Deutschland, nach Belgien in das Seebad von Ostende vor, welcher große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. […]“

Solche Vorträge schlossen sich in den wöchentlichen Versammlungen dem geschäftlichen Teil des Abends an und wurden bei Gefallen für öffentliche Veranstaltungen vorgemerkt. Der Ordensschriftführer Seiler hatte jedoch immer zuerst den Entwurf seiner Niederschrift von der vorigen Sitzung zur Genehmigung vorzulesen, worauf Vereinsangelegenheiten zur Aussprache gelangten. Diese wiederum waren zuweilen vom Ausschuß vorbereitend debattiert worden.

„Geschehen am 28. May 1856. eben daselbst.
Auf geschehene, besondere Einladung des Herrn Ordensvorstehers, FreyH. v. Kreß versammelten sich heute um 6. Uhr Abends der Gesamtvorstand und die Ausschußmitglieder, um über den vom Ordensmitglied, H. Dekan Beck gestellten Antrag [wegen einer Aufnahmegebühr für Neumitglieder] zu berathen und Beschluß zu fassen. [Der Antrag wurde mit Stimmenmehrheit abgelehnt.]
Als dann beriet man sich auch über die Abfassung des Textes und der Verzierung des zu lithographierenden Formulars zu den Diplomen. Es wurde die freye verfertigte Zeichnung des H. G. Wagler für zweckmäßig gefunden und demselbigen die weitere Besorgung bey dem H. Lithographen, Birkmann, übertragen.“

„Geschehen am 17. Oktober 1856. im Gasthof zum goldenen Reichsadler.
[…] 4.) Sodann blieb es im Zweifel, ob im künftigen Monate eine öffentliche Versammlung abgehalten werden kann, weil nur H. Ordensrath Dietelmair sich anheischig machte, Vorträge für dieselbige bereit zu stellen, u. zwar:
— eine Abhandlung „über die dramatische Musik nach ihren verschiedenen Methoden mit Beziehung auf Richard Wagner“; […]“ — Dieser nie gehaltene Vortrag wäre wohl höchst zeitgemäß gewesen, es läßt sich aber nicht feststellen, ob Dietelmair dem Thema aus seinem Standpunkt gerecht hätte werden können.

Und schließlich:
„Nürnberg, den 19. Obr. 1856. ebendaselbst.
[…] eröffnete der erste Ordensrath H. Pf. Dietelmair die
1.) Verhandlungen mit dem Ausdrucke tiefsten Bedauerns wegen des Ablebens unseres allverehrten Ordensvorstehers, Herrn v. Kreß, das die ganze Versammlung aufrichtig mit ihm theilte. [Dietlmair, Dr. Lösch, v. Aufsess, Beck, Dr. Fikenscher, Georg, Dr. Göschel, Heller, Kaufmann, Leuchs, v. Gemming, Michahelles, Merkel, Platner, Schmidt, Schnerr, Sondermann, v. Tucher, Wagler I. u. II, Ziehl und Seiler]
[…] 3.) Es wurde sodann zur Wahl eines neuen Ordensvorstehers geschritten, welche mit überwiegender Stimmenmehrheit, mit 21 gegen 8 Stimmen, auf das ordentliche Ordensmitglied, Herrn Gymnasialrector, Dr. Lochner, allhie, fiel, wovon demselbigen durch die beyden Herren Ordensräthe Nachricht gegeben werden soll.
4.) Sodann wurden 50. Exx. des neuen Formulars für die Diplome vorgezeigt, die aber, weil sie fehlerhaft gedruckt waren und so erst nicht gefielen, dem Beschlusse gemäß, zur Verbesserung und neuem Druck auf besseres Papier zurückgegeben werden sollen. […]“