Link, der Linkische
Ein wenig von der Wahrheitsliebe muß man allerdings auch der Mentalität auf die Rechnung setzen; ganz geistig kommt so etwas selten daher. Es ist nun Zeit, den vorher zitierten Nachruf auf Link etwas genauer anzusehen. Er war am 3. 12. 1757 als Sohn eines Jura-Professors in Altdorf geboren. Alte Gelehrtenfamilie. Mit neun Jahren nahm man ihn aus der öffentlichen Schule und übergab ihn der Erziehung durch einen offenbar sehr guten, nach heutigen Begriffen anti-autoritären Hauslehrer namens Strauß. Als der Vater nach Nürnberg zieht, um als Rechtsanwalt ein wenig mehr zu verdienen — wir erinnern uns, wie es um die Professorengehälter in Altdorf damals bereits steht —, kommt ein Hauslehrer der üblichen Art für den Jungen nicht mehr in Frage. (Für so etwas ist er nun schon verdorben, sozusagen, aber leider auch, wie sich zeigen wird, für gewisse unumgängliche Tugend-Anforderungen der gesellschaftlichen Realität.) Er besucht dann schon lieber das Egidiengymnasium, vor allem die darin traditionellerweise stattfindenden öffentlichen Vorlesungen, unter anderem bei Hartlieb-Sclerophilus. Am 25. 4. 1775 zieht er wieder nach Altdorf, diesmal als Student, aufgenommen vom Onkel, Christoph Karl Link. Er und die oben erwähnten Kommilitonen gründen die "Altdorfische deutsche gelehrte Privatgesellschaft", wie die hier betrachtete Gruppe sich anfangs nennt. Es ist nicht so, daß es Link ansonsten an Beschäftigung fehlt: Seine akademischen Lehrer, denen daran gelegen ist, daß er eine gewisse Befangenheit verliert, spannen ihn ständig für die lateinischen Disputationen ein — von zwölfen ist die Rede — die er, zum Teil ohne Vorbereitung, glänzend besteht. Aber Begabung und Fleiß, das wissen diese Professoren aus ihrem eigenen Leben, geben für sich noch nicht Gewähr des äußeren Erfolges. Fränkische Schicksale! Leuchs erwähnt mehrmals, unter anderen, den Professor Nagel, einen Orientalisten, der zu den ersten Könnern seines Faches in Europa zählt, aber sich einfach nicht verkaufen kann — im Unterschied zu manchem anderen Windbeutel (etwa dem von Lessing nach Strich und Faden fertiggemachten Jenenser Professor Klotz).



Links Hemmung bestand in einem Anstoßen der Zunge. Daher scheute er sich lange, den Juristenberuf auszuüben, und arbeitete nach Abschluß seiner Studien erst einmal als Repetitor für die jüngeren Studenten, verfaßte Gelegenheitsschriften und Übersetzungen. Erst der Tod seines Vaters, dessen Praxis er übernehmen konnte, eröffnete ihm einen nicht gar zu selbstständigen Weg. Sein Ruf als Rechtsanwalt war gut, seine Einkünfte blieben mäßig, obwohl er viel Arbeit hatte. Aber er arbeitete in vielen Fällen für Bedürftige unentgeltlich. Die Kehrseite dieser hochgesinnten Tour war, daß er Gefühle nicht verbergen konnte und mochte, vor allem, wenn es um seine Ablehnung allen Geburts- oder Geldadels ging. Allein Verdienste um das öffentliche Wohl konnte er achten, und seine Freiheitsliebe ging so weit, daß er nicht heiratete. Als Rohköstler — vermeintlich wie die alten Germanen — lebte er dahin, wenn auch nicht sehr gesund, und verstarb "am Stickfluß" (Embolie?) am 10. 11. 1798.