Die Wirklichkeit überbietet empfindsame Konventionen

Leider findet Chiron bald wieder Gelegenheit, den Ausdruck echten Leides zu erneuen; das dritte und letzte Gedicht im schwarzen Heft heißt: Des unglückseligen Chirons verneuerte Klagen bey dem Todte seines einzigen, von seiner unvergesslichen Clarinde, hinterlassenen Sohnes Joachim Wittwers. Den 30. Martii 1747. Aber nicht dadurch allein überbietet das Leben die Dichtung. Die Außerordentlichkeit erneuter Eheschließung und erneuten, völlig parallelen Todesfalls erzwingt eine außerordentliche dichterische Umsetzung. Mit seiner zweiten Frau ging es Chiron nämlich wie mit Clarinde. Und wieder schreibt er eine Trauerode, aber nicht in sein schwarzes Heftchen, obwohl darin Platz gewesen wäre. Erhalten ist ein gefaltetes Einzelblatt. Chirons Trauer-Ode, auf den Tod seiner Ehliebsten Frauen Magdalena Regina Huthin. Jul. 1752. Mag sein, daß er Scheu trug, die sprachlichen Zeugnisse der Trauer um beide Frauen zu nahe beieinander zu wissen. Es kann aber gut sein, daß Wittwer sein Heft bereits weggegeben hatte oder für andere Leser bereithielt, das nun entstehende Gedicht aber wirklich nur mehr für sich schrieb. Es ist in einen Druck des Hochzeitsgedichts eingelegt, der ihm bei seiner Eheschließung mit Clarinde vom Orden verehrt worden war, und gelangte wohl nur als ein Stück persönlichen Nachlasses ins Archiv.

Daß er diesmal nicht in Alexandrinern schreibt, wird also wohl kein Zugeständnis an irgendein Publikum sein. Nach einer mühevoll Schwung holenden Eingangsstrophe fährt er fort:

Und was? ich will, das, was ich fühle, schildern!

Ach! Dies verlangt nicht meine Magdalis.
Mein Geist, verirrt in tausend Schwermuthsbildern
Findt nichts, womit er eines kenntbar wies.
Der sehnsuchtsvoll noch glaubt, Sie zu besitzen,
Mit Angst und Qual nach seiner Liebsten ruft.
Der nur besorgt, Ihr Leben zu beschützen,
Findt nirgens Sie, als in der kühlen Gruft.

Ach! niemand fühlt, das was ich in mir spühre;
Er hört mein Leid mit frostgen Mitleid an.
Und ob sein Herz gleich meine Wehmuth rühre,
So weis ich schon, daß dies nichts lindern kan.
Drum will ich dich still ungestört beweinen;
So wie wir uns still einsam stäts geliebt.
Dein Werth kan ja auf Blättern nicht erscheinen,
Weil selbst der Mund verschweigt was uns betrübt.

Mit vier Hebungen je Zeile wie Haller kommt er nicht aus, er benötigt fünf; aber das Reimschema ist dasselbe, und trotz der vorzugsweise nach der zweiten Hebung eintretenden Zäsur, die an die Mittelzäsur des Alexandriners erinnert, nimmt man den schlankeren Vers als ebenso gehaltvoll wahr, vielleicht sogar, wegen der Jamben, als energischer.

Was übrigens die Rechtfertigung dafür abgeben mag, ständig Vergleiche mit Haller zu ziehen, ist dessen Erwähnung in einer Versepistel, die Resilis um diese Zeit an Melander schrieb. Resilis war das um 1751 aufgenommene Fräulein Jantke, mittlerweile, wie erwähnt, Frau Rosina Helena Panzer und mit Chiron und seinen Gemahlinnen gewiß gut bekannt. Es heißt in ihrem gereimten Brief ganz bescheiden: "Darum erwarte nicht von meiner Hand ein Blat,/ Daß Hallers großen Geist, und Bolaus [Boileaus?] Feuer hat." Haller wurde also damals im Blumenorden gerade wegen der Eigenschaft geschätzt, die ihm half, sein Leid so zu objektivieren, wie es Wittwer nicht konnte und wollte. Ich lese seine Zeilen vielleicht nicht zu Unrecht als eine Antwort auf Hallers noch viel zu inszenierte Klage:

Im dicksten Wald, bei finstern Buchen,
Wo niemand meine Klagen hört,
Will ich dein holdes Bildnis suchen,
Wo niemand mein Gedächtnis stört.
Ich will dich sehen, wie du gingest,
Wie traurig, wann ich Abschied nahm;
Wie zärtlich, wann du mich umfingest;
Wie freudig, wann ich wieder kam.

Auch in des Himmels tiefer Ferne
Will ich im Dunkeln nach dir sehn
Und forschen, weiter als die Sterne,
Die unter deinen Füßen drehn.
[...]

Bezeichnend der Fernrohrblick ins All statt des forschenden Neigens über die Enge und Einmaligkeit eines Menschenlebens. Zwischen diesen beiden Polen wird noch manches Gedicht des Jahrhunderts neue Aspekte entdecken.

Inhaltlich ist Chiron weiter. Seine Verse grenzen — jedenfalls in der zitierten dritten Strophe — so nahe ans Verstummen, wie man es vor der Moderne des 20. Jahrhunderts kaum für möglich halten sollte. Wenn Chiron sein Leid nicht einmal mehr glaubt mündlich, spontan mitteilen zu können, wird er den Pegnesen nicht gerade seine Verse vorgelesen haben. Er hört allerdings nach jener so wenig mitteilsamen dritten Strophe nicht etwa auf, sondern es geht noch zehn schön geschriebene Strophen weiter. Das richtet sich ganz nach innen.

Bald sollst Du Dich mir in Gedanken zeigen,
Wo Dich mein Aug mit Sehnsucht sonst erblickt.
[...]

Will sich mein Geist in Kummer ganz versenken,
Wenn mich die Angst zu der Entbindung führt,
So will [ich] stäts an die Gedult gedenken,
Die Du gezeigt u. jedermann gerührt.
[...]

Kommt aber mir Dein Tod in die Gedanken,
So weis ich nicht, was mehr gedenken heist.
Selbst die Vernunft verfehlet ihre Schranken,
Wenn nicht der Glaub mich zu den Schöpfer weist.
[...]

Stärker als im vorigen Fall verbindet sich das Hadern mit der göttlichen ,Vorsicht', der Vorsehung, mit einer Kalkulation des Wertes von Gefühlen, Einstellungen, ja der ganzen Persönlichkeit, und zwar im Hinblick auf gerechte Entsprechung. (Man möchte ja nicht geradezu 'Preis' dazu sagen, obwohl die besitzsprachlichen Ausdrücke gerade gegen Ende ganz naiv und grob eingesetzt werden.)

War ich nicht werth, dieß Kleinod zu behalten;
Warum hast Du die Herzen so gelenkt?
Ich lies ja stäts nur Deine Vorsicht walten,
Eh ich noch wußt, ob Du Sie mir geschenkt.
Du weist, wie Du mich elend zugerichtet,
Als ich den Riß das erstemal gefühlt;
Was hilft es Dir, da Du auch die zernichtet,
Daß Gram und Leid mir Seel und Leib durchwühlt?

Warum? ... Doch still; wer darf sich unterstehen,
Vor dessen Thron, der alles hat bestimmt,
Mit einem Thon, der fragend, hinzugehen,
Warum er das, was er gegeben, nimmt?
Vielmehr frag Dich, warum Er dir soll lassen,
Ein Herz, dem Er ein besser Leben gönnt?
Du wünscht dies auch; doch lerne Dich erst fassen.
Sein Wort beut dir zu beeden schon die Händ.

Wohlan, zweimal hat Er das Band zerrissen,
Worin ich fand, was Glück im Ehstand hieß.
Dies Glück will ich inskünftige auch missen,
Bis sehnsuchtsvoll ich meine Augen schlies.
Will Gott dabey dem Sohn das Leben schenken,
So soll er stäts ein großer Trost mir seyn.
Mein Fleis soll sich auf die Erziehung lenken.
Vielleicht bringt er mir den Verlust noch ein.

Vogel, der Biograph dieses Sohnes, bezeugt: "Auch sein Vater starb weit früher, als sein Alter und seine Kräfte es erwarten ließen, doch lebte er lange genug, um die vortreffliche Erziehung, welche er seinem Sohne gab, zu vollenden."

Wollte der barocke Dichter nichts auslassen, um der gattungsgemäßen Erwartung seiner Leser genüge zu tun, so findet der empfindsame erst ein Ende, wenn nichts mehr in ihm selbst nach Formung ruft; er wühlt alles in sich auf und verbreitet sich darüber bis zur wohltuenden Erschöpfung. Mit der bloßen Versicherung, es ließe sich ja doch nichts über seine Lage sagen, bestünde er nicht vor seinem Inneren, weil sie, an sich selbst gerichtet, ohne Wirkung, und, an Leser oder Hörer gerichtet, wieder witzig wäre — wie Lessings Ode an die Faulheit, die nicht zustandekommt, weil gerade die Faulheit den erfundenen Verfasser daran hindert "zu singen".

Die bei dem Pegnesen Chiron so überraschend neuartige, weil grundehrliche Behandlung des ihm vom Schicksal aufgedrungenen Themas läßt sich sogar noch — was die Einstellung zum Publikum betrifft — mit Goethes Marienbader Elegie vergleichen. Hätte dieser seinen Text für die Öffentlichkeit der Abfassungszeit bestimmt, so hätte er eine ziemlich komische Figur gemacht. Daß er ihn überhaupt, wenn auch posthum, veröffentlicht hat, liegt an dem Glauben, daß die Menschheit gebessert werde, wenn ihr nichts Menschliches mehr fremd sei — eine Art individualpsychologischer Aufklärung. Chiron muß ähnlich empfunden haben, sonst hätte er seine Blätter nicht so sorgfältig zur Aufbewahrung hergerichtet. Hoffen wir für ihn, daß auch er eine befreundete Seele (wie Goethe seinen Zelter) in seinem verständnisvollen Kind hatte, und daß er ihm sein Werk zuweilen vorlesen konnte. (Philipp Ludwig hat seinem Vater jedenfalls ein Denkmal geschrieben — und leider ebenfalls seinen eigenen, frühverstorbenen Kindern.)

Die Neuartigkeit der Haltung, von der die Rede war, hindert übrigens nicht, daß der nicht ebenso betroffene Leser oder Hörer sich auf die Dauer bei diesen Gedichten langweilt, denn das Aufbauen des Gefühls aus Einzelempfindungen und Reflexionen ergeht sich in lauter altbekannten Formeln — so wenig individuell ist das Intimste an einem durchschnittlichen Menschen! Dennoch wäre die Veröffentlichung dieser Texte damals von bedeutender zeitgemäßer Wirkung gewesen, weil die Anteilnahme am Allgemein-Menschlichen noch stärker war. Jedermann, der aus seinen persönlichen Verhältnissen heraus oder aufgrund der sich ausbreitenden literarischen Mode empfindsam war, konnte eine solche Wirkung hervorrufen und damit die Gemeinde der zarten Seelen vermehren.

Der heutige Leser aber kann Chirons frühe Zugehörigkeit zur empfindsamen Literaturperiode als ein gutes Zeichen für die innere Verfassung des Ordens und als eine Entschuldigung für sein schwächliches äußeres Bild zu jener Zeit auffassen.