MUNZ: Literarisches Rokoko

Freilich bestand die Pegnesendichtung der fraglichen Zeitspanne nicht allein aus Werken CHRISTOPH FÜRERs. Die Werke JOHANN FRIEDRICH RIEDERERs, eines zweifellos bemerkenswerten Mannes, schienen mir jedoch nicht typisch für Nürnberg und die Zielsetzung des Ordens — man kann genausogut HUNOLDs oder HENRICIs "galante" Drechseleien bzw. Unverschämtheiten lesen. Mir blieb, um breiteren Überblick zu erhalten und vielleicht auch die vierte Generation der Pegnesen in den Blick zu bekommen, nur die Sammlung Poesie der Franken , in der sich nach HERDEGENs Auskunft Texte von Mitgliedern finden sollen. Erschwert wird die Zuschreibung allerdings dadurch, daß von den Namen der einzelnen Verfasser nur die Anfangsbuchstaben aufgeführt sind.

GEORG LUDWIG OEDER war kein Pegnese und überdies in Ansbachischen Diensten. Als er aber 1730 im Verlag Peter Conrad Monath zu Frankfurt und Leipzig eine Erste Sammlung mit dem Titel Poesie der Franken erscheinen ließ, äußerte er Hoffnungen in der Vorrede, die dem Gedankengut des Ordens nahestanden. Er wollte das Vorurteil vom "altfränkischen Wesen" bekämpfen, indem er in Bezug auf Sprachpflege und Versifikation zeigte, wozu Dichter hierzulande imstande seien; sogar die Hoffnung auf einen fränkischen Beitrag zu einem deutschen Wörterbuch hatte er noch.

Kühn war er, das muß man ihm lassen: Das Buch enthält Beiträge von nur drei verschiedenen Autoren, die sich wohl zu Vorreitern der Sache machten, um andere nachzuziehen, einschließlich OEDER selbst. Sie wurden aber nur mit Anfangsbuchstaben genannt, wahrscheinlich, damit die personelle Armut nicht gleich auf den ersten Blick zutage träte. Einer der Autoren ist G.C.M., und im Hinblick auf die in seinen Gedichten auftretenden Bezugnahmen auf Nürnberg und einen Hinweis bei AMARANTES ist es leicht zu erraten, daß sich dahinter GEORG CHRISTOPH MUNZ verbirgt, genannt PHILODECTES. Er war 1691 in Nürnberg geboren, wurde 1719 Frühprediger an der Walburgiskapelle, 1720 in den Orden aufgenommen, 1722 Konrektor an der Spitalschule, 1731 Rektor am Egidiengymnasium, 1737 nach Saalfeld als Rektor berufen und 1740 noch Pfarrer in Markt Gölitz. Auch nur so ein Theologe?
Erstes Beispiel: Bürgertugend im Gedicht für einen Patrizier

Zweites Beispiel: Schlichtere Pastoraldichtung

Drittes Beispiel: Psychologisch gebändigte Rhetorik

Viertes Beispiel: Ein Pfarrer verteidigt die Naturwissenschaft

Auch so einer der Theologen im Orden, die nur Erbauliches schrieben? Mitnichten! Man sollte freilich die geistige Wandlung seit dem Ende des 17. Jahrhunderts noch nicht allzu groß veranschlagen. Auch der fromme BIRKEN, wenngleich kein Theologe, war zum Beispiel nicht mehr bereit gewesen, den Kometen von 1680 für einen göttlichen Aufruf zur Buße zu halten. Er nahm an genauen Beobachtungen und Vermessungen teil, die von BURGER-ASTERIO (auch gelegentlich von Professor STURM aus Altdorf) im Dezember jenes Jahres auf der eiskalten, zugigen Burg mit einem großen Sextanten ausgeführt wurden, und schloß aus den von mehreren Orten gelieferten Daten, daß "[...] alles ein lauteres, natürliches Werk" sei und "[...] ich dannenhero an meinem wenigen Orth, je länger je mehr zweifele, ob ein Comet, dieser UnterWelt etwas Böses bringen, oder bedeuten könne." In einem anderen Brief beruft er sich unter anderem dieser Auffassung wegen auf den neu-epikuräischen Atomisten GASSENDI! Die deutsche Aufklärung ist allerdings nicht von vorneherein kirchenfeindlich. Sie spielt sich unter der Anführung des verhinderten Theologen und selbstbewußten Philosophieprofessors CHRISTIAN WOLFF zunächst auf dem Gebiet der Theologie ab und wird von einer Fraktion der Theologen vorangetrieben, statt daß, wie in Frankreich, von vornherein atheistisch philosophiert würde. Die Pegnesen scheinen die Aufklärung also durchaus nicht verschlafen zu haben; man sollte sich die erbaulichen Schriften der übrigen Prediger im Orden also ruhig einmal ansehen, wenn man Nürnbergs Geistesgeschichte schreiben will.

Die Poesie ging freilich andere Wege, und sie hatte es auch nötig: Wenn man an keine Wunder mehr glaubt, erscheinen einem leicht die Erfindungen der Dichtung kindisch, dem zeitgemäßen Bewußtsein nicht angemessen. Einen Ausweg bietet die moralisierende Dichtung — aber deren ästhetischer Wert ist umstritten und jedenfalls als bloße Ausschmückung der Wahrheit eine Nebensache. Der andere Weg führt im Drama und im Roman zur Auseinandersetzung mit neuen, noch nicht geistig bewältigten, verstörenden Wirklichkeiten und in der Lyrik zu stärker unmittelbarem Ausdruck existentieller Grenzerfahrungen, also der Leidenschaften, vornehmlich der Liebe. Darum wohl kam es nie zu einem zweiten Band der Sammlung Poesie der Franken : Die wohlgesetzten und wohl in der Mehrzahl geistlichen Mitarbeiter des ersten hatten die Einsender auf christliche Themen und Lobgedichte beschränken wollen. Kein einziges Liebesgedicht wolle man aufnehmen, schrieb OEDER in der Vorrede, und wies auf den weinenden Cupido mit dem zerbrochenen Bogen auf dem Titelkupfer hin. Genausogut hätten sie einen weinenden Apollo mit dick in fränkischen Flachs gewickelter Leier abbilden können.