Mitgliederpolitik, fortgesetzt

„Geschehen am 16. December 1864. ebendaselbst
[…] 2.) Darauf liest H. OV das Antwortschreiben des H. Prof. p. v. Kobell an ihn vor, in welchem er sein Vergnügen ausdrückt, in den Orden als Ehrenmitglied aufgenommen zu werden. Zugleich zeigt Kobell an, daß auch H. Graf von Pocci sich eine Ehre daraus machen würde, dem Orden in gleicher Weise anzugehören. Beyde werden hierauf als Ehrenmitglieder aufgenommen und es sollen ihnen mit Nächstem die Diplome, die H. Prof. Eberlein mit Randzeichn[ung]en zu versehen, sich gütigst erboten hat, zugeschickt werden.



[…] Geschehen am 20. Januar 1865. bey Errmann
[…] 2.) Sodann liest der Herr OV die auf die Sendung der den Ehrenmitgliedern H. Gf. Pocci und Prof. Dr. von Kobell ausgestellten Diplome eingelaufenen Danksagungs-Schreiben, denen die Photographien dieser Herren beygeschlossen waren nebst einigen ihrer herausgegebenen Werke […Dr. Franz Ritter von Kobell war Mineraloge und Schriftsteller („Sandner Kasper“), Dr. Franz Graf von Pocci u.a. der Schöpfer des bayerischen Kasperlspiels…]

Die Photographien werden dem Album, die Bücher der Büchersammlung einverleibt und den Gebern schriftlich dafür gedankt.

[…] 4.) H. OR Schrodt theilt ein Antwortschreiben von Wien mit, in welchem über den zum ordentl. Mitglied vorgeschlagenen H. Schlöß kein günstiges Urtheil enthalten ist. OV liest einen Brief an H. Rechnungs-Rath Krauß in gleichem Betreff vor. Man beschließt, über Schlöß nicht abstimmen zu lassen. […]“




Schon am 10. 5. 1847 war Dr. Hans Philipp Werner Freiherr von Aufsess, der Gründer des Germanischen Nationalmuseums, als ordentliches Mitglied aufgenommen worden. Das Museum besteht seit 1852, und die Beziehung zum Orden bestanden u.a. in der Übersendung der „Beylagen zum Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit“, wie sie für die Nummern 7 und 8 der Reihe für den 10. Oktober 1865 bezeugt ist. Vom Blumenorden war es zu dieser Zeit Wagler, der über die Vorgeschichte dieser Gründung Auskunft geben konnte, wie er denn überhaupt sehr an bildender Kunst interessiert war.

 „Geschehen am 16. Februar 1866. ebendaselbst. […] 2.) Darnach erwähnt H. OV des höchst-bedauerlichen Ablebens, des ersten Ordensrathes H. Theodor Wagler’s, dem zu Ehren ein von H. Dr. Göschel zu verabfassendes Denkmal gedruckt werden soll.
3.) Man schreitet fort zur Wahl eines neuen Ordensrathes und es fällt dieselbige einstimmig auf den H. Stadtbüchner Lützelberger, der sie dankbar annimmt.





4.) H. OV verkündiget hierauf, daß den Orden durch den Tod des H. Friedr. v. Rückert, ein ausgezeichnetes Ehrenmitglied verlassen hat.“

Denkschrift auf das entschlafene Mitglied und den Rath des Pegnesischen Blumenordens, Herrn Eberhard Theodor Wagler, Privatmanns, geschrieben im Namen und Auftrag des Ordens von Dr. Johann Philipp Göschel, prakt. Arzt. Nürnberg. Wilhelm Tümmel’s Buchdruckerei. 1866.
Der 28. Januar 1797 war der Tag, an welchem unser edler Freund das Licht der Welt erblickte, als erstes Kind des damaligen Stadtgerichtssekretairs Georg Andreas Wagler, gebürtig aus Nürnberg, und dessen Ehegattin, Frau Marie Margarethe, einer gebornen Hagemann aus Eurichshof bei Rentweinsdorf. […]

„Meine Liebe zur Kunst wurde von einer liebenden Mutter, die in ihrer Jugend selbst sich mit Blumenmalerei aus der Dietschischen Schule beschäftigte, geweckt. Ich empfing den ersten Unterricht im Zeichnen als Knabe in der Zwinger’schen Zeichenakademie, die noch aus der Preißler’schen Kunstschule hervorgegangen war, und widmete mich dem Handelsstande. In diesem Berufe wurde zwar die Pflege der Kunst, aber nicht die Neigung zu ihr beseitigt; sie blieb wach und wurde in spätern Jahren durch den Umgang mit Künstlern, als dem Thiermaler J. A. Klein, dem Kupferstecher Fr. Geißler u.a., welche meine Freunde wurden, erkräftigt. […]“

Größere Ausflüge, von welchen auch noch Aufzeichnungen vorhanden sind, machte er theils allein, theils von wenigen gleichgestimmten Freunden begleitet, in die fränkische Schweiz, ins Fichtelgebirg, wo er die Kössein bei Wunsiedel bestieg, in die Schweiz und an den Bodensee, nach Thüringen, wo er besonders die Wartburg und Weimar besuchte, an den Rhein und dessen malerische Umgebungen, an die bayrischen Alpenseen, […] etc., endlich nach Hamburg und Kiel 1863, welches wohl sein letzter Ausflug gewesen sein dürfte.
[…] So finden wir Schilderungen seines Besuches der gräfl. Schönborn’schen Gallerie zu Pommersfelden, der Gallerien in Dresden und München, der Glyptothek daselbst, dann kleinere, aber ebenso gediegene Arbeiten über den schönen Brunnen, die Karthause in Nürnberg u.a. […] Ebenso anziehend erscheint uns sein Bericht über die Karthause, deren Entstehung durch Mendel um das Jahr 1382, ihre Erweiterung in späterer Zeit, so über deren nahen Verfall durch vandalische Zerstörung eines Theils derselben, und endlich sein  Bericht über deren Abgabe an das germanische Museum und dessen würdigen Gebrauch in anerkennenswerther Pietät, so wie auch über Kaulbachs edles Geschenk, dessen Frescobild:
Otto III. im Grabgewölbe Carls des Großen. […]

Eine monochrome Kopie dieses verlorenen Freskos schmückt seit 2014 die ehemalige Eingangshalle zum Zeugnis der Frühzeit des Museums und seiner Ausrichtung.

„5.) Sodann beschließt man, daß die nächste, öffentliche Versammlung am Montag den 5. März l. J. statt finden soll. Zu derselbigen werden vortragen:
a.) H. OR Schrodt: „Reiseerinnerungen an Oberitalien (Lago maggiore, Genua, Mailand, Verona, Venedig, Triest.) Fortsetzung und Schluß“ […]
6.) Zum Beschluße tragen vor:
[…] c.) H. OR Schrodt: Ein Gedicht von Felix Dahn auf Friedr. Rückert, aus der A.[ugsburger] A.[llgemeinen] Zeitung […]“

Schrodt reist mit dem Baedeker in der Tasche, scheint ihn zum Teil in seinem Bericht abgeschrieben oder inhaltlich wiedergegeben zu haben, und vieles an seinem Text ließe sich noch heute als Anregung für Besichtigungen verwenden. Wo seine Schilderungen einzigartig bzw. zeittypisch sind, geben sie auch über die Mentalität in Blumenorden Auskunft.





Verehrte Anwesende,

Als ein einfacher Berichterstatter über meine Wahrnehmungen und Erlebnisse während eines Ausflugs, den ich durch einen Theil von Oberitalien in der Zeit v. 8t Aug bis 11t Septbr des Jahres 1864 über Wien zurückkehrend unternahm habe ich versucht, eben nur dasjenige wiederzugeben, und in meinem Tagesberichte niederzulegen, was ich ohne ein Gelehrter zu sein, mit gesundem Sinne sah und beobachtete. […]

IV. […] häufig war die Straße unter Wasser, und endlich am Lago di Riva war die Brücke über einen Gebirgsbach abgerissen, man mußte aussteigen, sein Handgepäck an sich nehmen, über Ufergeröll mühsam in der Sonnenhitze des Mittags zu bereit gehaltenen Barken gehen, und sich an das andere Ufer fahren lassen, nachdem man den unverschämten Fährleuten einen tüchtigen Fahrpreis nach manchem Unterhandeln gezahlt hatte. Ohngeachtet nun an der niederen hölzernen Brücke höchstens ein paar leicht wiederherzustellende Pfeiler gebrochen waren, so sah man noch gar keine Anstalten zur Beseitigung dieses Verkehrshindernisses auf der so lebhaften Straße, wahrscheinlich weil es Sonntag war, und ohne Zweifel, weil auch von den herumlungernden Lombarden den Reisenden für das Hinüberschaffen etwas abgenommen werden konnte, denn wie ich am Comer See hörte dauerte es noch mehrere Tage bis diese einfache Ausbesserung zu Stande gebracht war.

Man stelle sich vor: Für einen Nürnberger dieser Zeit war es selbstverständlich, daß auch am Sonntag eine Brücke unverzüglich zu reparieren war.

Nachdem der pseudo Grieche mit seiner Geliebten, welcher sich auf unsere Plätze eingedrängt hatte nahezu mit Gewalt und unter Zuhilfenahme des Postconducteurs wieder hinausgeschafft und in einem unbequemeren Omnibus nicht ohne leidenschaftliche Aus-[V]brüche des Zornes verwiesen war, wurden wir endlich flott und setzten unsere Fahrt ungestört bis Colico fort […]

IX. […] wurde ein Nachen mit zwei Ruderern genommen und der Villa Carlotta ein Besuch abgestattet, welche in südwestlicher Richtung von Bellagio liegt und in einer guten Viertelstunde erreicht wurde; früher Villa Sommariva nach dem Vorbesitzer genannt, ist sie jetzt im Besitze des Erbprinzen von Meiningen als Erbe seiner verstorbenen Gemahlin der preußischen Prinzessin Charlotte. […]

X. […] In Majolica ließen wir uns wieder absetzen und besichtigten uns von Außen die Villen und Gasthöfe wollten es jedoch bei Genazzini gemütlicher und nicht so luxuriös auch von Engländern und Franzosen frei finden. […] und trafen unseren […] Hofrath Foerster einen Veteranen aus den Freiheitskriegen mit Neffen wieder wohlauf; […] Hier muß ich nun eine Episode machen, und nochmals auf den Abendtisch im Gasthaus zum Splügen zurückkehren, wo wir zwischen dem alten und jungen Herrn in der Mitte sitzend eine angehende Zwanzigerin mit lebhaftem Blick angenehmen Gesichtszügen wohlgefärbtem Teint uns gegenüber an der Tafel erblickten, welche bald deutsch, bald italienisch sprach, sich besonders aufmerksam gegen den alten Herrn benahm, aber auch mit dem jüngeren scherzte, so daß wir sie beinahe als die Verlobte desselben betrachten konnten. Doch fiel uns auf, daß sie eine Trientinerin von Geburt, von Deutschland nichts wissen wollte, für Garibaldi schwärmte und gleich gut deutsch und italienisch sprach. Bei der Fahrt über den Splügen befand sie sich mit den beiden Herren Foerster in einem besonderen Beiwagen und war äußerst lustig, doch schien sie mir dabei auch ihr Augenmerk auf die 4 jüngeren Engländer gerichtet zu haben, welche das Verdeck unseres Wagens besetzt hatten; in Chiavenna nahm sie zärtlich von den beiden Herren Abschied indem sie versprach bald nachzukommen, doch warten sie vielleicht heute noch auf sie, auf den Ersatz der Reisekosten von Chur aus, wo sie ihnen von einer englischen Familie empfohlen wurde, und auf einen kleinen Vorschuß von ewa 30 Frs. Wir lachten die Herren aus, daß sie sich von dem einschmeichelnden Wesen der Südtirolerin, die allerdings nicht ohne Bildung war, so hatten einnehmen lassen; erinnere ich mich noch, so war sie dem Oberkellner bei Genazzini als eine Schwindlerin bekannt. […]

Grundsätzliches Mißtrauen gegen Ausländer fühlt sich gerne bestätigt, Gereiztheit gegenüber Engländern und Franzosen aus Minderwertigkeitsgefühl. Deutschland ist noch keine Nation.

XIII. […] Der sehr zuvorkommende Wirth Seyschab ein Landsmann aus Lohe unweit von hier verschaffte uns einen von den […] am Ufer vor dem Hôtel liegenden Ruderkähnen und wir segelten auf dem herrlichen See der einen der Borromäischen Inseln, der Isola Bella, welche beim Näherkommen sich in ihrem terrassenartigen nicht vollständig bewachsenen Aufbau etwas steif ausnahm, zu. […] Hier und da störten aber die Statuen und Grotten des Zopfstyles. Viel mehr ziehe ich die nicht weit davon liegende Isola Madre vor, bei welcher die Kunst lediglich der Natur nachgeholfen hat […] Auf diese Insel möchte ich befriedigter den geschmückten Thron des Frühlings nach Jean Paul verlegen. […]

XIV. […] Auf dem Dampfbote [sic] trafen wir einen schon im Gasthof bemerkten äußerst vornehm thuenden preußischen Beamten mit seiner wie es schien neuvermählten hübschen Gattin, er sah auf Alle mit Verachtung herab im Bewußtsein des Großmachtthums, war äußerst einsylbig und bewährte bei späteren öfteren Zusammentreffen stets denselben kalten Gesichtsausdruck. […]

XXI. […] Montag 29t August
Die Eisenbahnfahrt von Mailand nach Verona, die wir früh Morgens antraten, und wobei wir vor dem Einsteigen Gelegenheit hatten, die Geräumigkeit und Zweckmäßigkeit des nicht in die Höhe ragenden sondern sich in die Länge ausdehnenden Baues dieses so wie aller anderen italienischen Bahnhöfe zu bewundern, […] Von da ab [Brescia] verließen wir die Berge und näherten uns den aus den jüngsten Kämpfen her blutgetränkten Gefilden, von Weitem sahen wir den Hügel von Solferino, den die Oesterreicher vergeblich zu erstürmen versuchten. […] Mitten aus dem Zauber [des Gardasees]
XXII. wurden wir durch die Paßplackereien und Gepäckschnüffeleien der österreichischen Mauthbediensteten gerissen, denn nicht nur, daß der eine dieser Zöllner als ich lange wartend auf meinen unter vielen Gepäcken liegenden Koffer hinwies zu mir in barschem Ton ohne alle Ursache sagte, wir können denselben doch nicht hertragen, was ich auch nicht verlangte, da mehrere Gepäckträger zu ihren Diensten standen, so wurde man bei Aushändigung der Pässe in einem engen Gang zusammengepfergt und mußte in der Hitze warten und aufhorchen bis im schlechtesten Deutsch der Paßname verlesen und der Paß selbst von Hand zu Hand behändigt wurde, wobei natürlich viele Irrungen mitunterlaufen können; eine schlechtere Einrichtung ist bei der Masse der Reisenden kaum irgendweo anders als in Oesterreich zu treffen, wo sowenig auf den Fremden Rücksicht genommen wird; kein Wunder daß sich die Oesterreicher auch durch solche Ungeschliffenheit gegenüber dem höflichen Benehmen das an der Grenzstation Desenzano sein soll, noch mehr verhaßt machen als sie schon sind; es wurde auch der Unwille, der über die ganze Procedur herrschte, allgemein; man schämte sich hier fast ein Deutscher zu sein, und ein fein gebildeter italienischer Geistlicher machte seinem Unmute nur durch ein feines sarkastisches Lächeln mit wenig Worten, die treffend das veraltete System und den österreichischen Groll kennzeichneten, Luft. […]

XXIV. […Auf einem Beiblatt zitiert er ein Gedicht von Perzico über einen Vorfall bei der Überschwemmung Veronas von 1557. In der Mitte der Ponte delle Navi stand ein Turm, der einzig noch stehengeblieben war und in dem der Türmer und seine Familie verzweifelnd nach Rettung schrien. Marchese Giovambatista Spolverino setzte ein Preisgeld für die Rettung aus, und Bartolomeo Kabele aus dem Valpantena gelang sie mithilfe von Stricken und Leitern, die eine Verbindung zum Turm herstellten und die Leute herauszuholen ermöglichten, bevor der unterspülte Turm zusammenstürzte. Das ist die Fabel der Bürgerschen Ballade vom braven Mann, aber das scheint Schrodt nicht zu wissen.]

XXXI. […] Nach dem Essen wurde an dem schwülen Abend noch ein Spaziergang auf der sehr belebten Riva Schiavonni gemacht, wo Polichinelli jedoch eben so schlecht wie bei uns zu sehen waren, und wo wir noch einige Einkäufe von photographischen Ansichten Venedigs machten. […] Um 11 Uhr an den Bord des Dampfschiffes […] da alle Plätze auf den Diwans der Kajüte besetzt waren so nahmen wir auf den am Boden liegenden Matrazzen Platz um einige Stunden zu ruhen. […] Den einzigen Nürnberger während der ganzen Reise traf ich hier auf dem Verdeck einen angehenden Studenten Merkel. […]

Beiblatt zu XXXII. […] Die Adria verbindet die Welttheile, — und mit den beiden Geburtsstätten u. Wohnsitzen der alten klassischen Kultur, Griechenland und Rom an ihren beiden Ufern, bildet dieselbe für den Forscher ein unerschöpfliches Gebiet.

Dieses ist, was der Stadt [Triest] einen so eigenthümlichen Charakter verleiht. Die Trachten des Morgenlandes bevölkern ihre Straßen mit allen Arten von bunten Kopfbedeckungen, geflickten Jacken und weiten Hosen. Da ist der Turbanträger und der Feßträger. Da ist der ritterliche Montenegriner mit seinem Dolch und Pistol im Gürtel […], da ist der Dalmatiner, der Albaneser […] der Halbasiat, der Grieche und der Türke, einander sehr ähnlich in ihrem Aussehen, und voneinander nur unterschieden durch ihren größeren oder geringeren Schurz und ihre Sprache. […] Obgleich das Leben der Stadt einen italienischen Charakter und Anstrich hat, so ist es doch gewiß jedes verständigen Deutschen Meinung, daß Deutschland die Pflicht habe, diese Stadt zu halten und daß es sie unter keinen Umständen, selbst den allerschwierigsten nicht, aufgeben kann, als seinem letzten und bedeutendsten Außenposten gegen den Süden und das südliche Meer.

Wenn gleich Triest seine Gründung, Blüthe und ganze Existenz Oesterreich zu verdanken hat, so ist das Interesse an dieser zum Gebiete des deutschen Bundes gehörenden Stadt doch nicht blos ein österreichisches, sondern auch vorzugsweise ein deutsches.

XXXIII. […] Hoffnung, daß wir schönes Wetter und Beleuchtung über den Semmering bekommen würden […] das Großartige des Baues und der Umgebung zu sehen; vom Fahren und von dem beständigen Betrachten des vielen Großartigen und Interessanten was sich auf dieser Bahn darbot, etwas ermüdet langten wir in Wien an, und da Hebbels Nibelungen gegeben wurde, durften wir es uns doch nicht versagen, diese herrliche Schöpfung mit trefflicher Besetzung worunter Hebbels Witwe als Brunnhilde zu sehen; wir rafften unsere Kräfte zusammen, und bereuten es nicht, da bei solcher Aufführung jede Müdigkeit verschwand.

[…] so beschränke ich mich darauf, zu erwähnen, daß ich während meines sechstägigen Aufenthaltes noch Richard I von Shakespeare Deutsche Komödianten und die Stumme von Portici im Hoftheater, dann das Lustspiel „Eine leichte Person“ im Theater an der Wien sahen [sic] […]

Nach einer Nachtfahrt bei der Abreise Abends 5 Uhr von Wien langte ich früh 7 Uhr wohlbehalten in Nürnberg […] an. Albert blieb des Theaters wegen noch ein paar Tage länger in Wien.

Theaterbegeistert war man jedenfalls. Wie war man situiert?

„Herr Franz Joseph Gottlieb Leopold Schrodt, kgl. Regierungs-Director dahier, wurde am 8. August 1808 in Nürnberg als der zweite Sohn des kgl. Hofgerichtsrathes Hrn. Franz Schrodt und seiner Ehegattin, Frau Maria geb. Freiin von Löffelholz von hier, geboren.“ Der verstarb Vater früh, die alleinerziehende Mutter  von 2 Töchtern und 2 Söhnen sorgte dafür, daß der ältere ins Kadettenkorps kam, der jüngere in „Pension“ bei Pfarrer Wilder. Dadurch und von seiner protestantischen Mutter her hatte er eher protestantische Anschauungen, obwohl er äußerlich als Sohn eines katholischen Vaters katholisch blieb. Er studierte in Erlangen, Heidelberg und München. „Die Freundschaft seiner Mutter mit dem angesehenen Hause des Rittergutsbesitzers Albrecht von Wahler öffnete ihm den Zutritt in diese an reizenden Töchtern reiche Familie, und Valerie war der Name der körperlich und geistig reichbegabten Jungfrau, welche dem liebenden, und verehrenden Jüngling Herz und Hand als treueste Gefährtin des Lebens reichte. Am 28 Mai 1838 schloß der inzwischen zum kgl. Regierungssekretär Baireuth ernannte glückliche Bräutigam den Bund ehelicher Liebe und Treue, der ihn so hoch beglückte und dessen Lösung durch den Tod der edlen Gattin der Anfang seines eigenen Sterbens war. Nur ein theurer Sohn, der nunmehrige kgl. Stadt- und Landgerichtsassessor; Hr Albert Schrodt, erblühte den liebenden, glücklichen Gatten, welche gerne ihre erste Wohnstätte in Bayreuth im Jahre 1840 mit der Vaterstadt vertauschten […] Die in der geliebten Vaterstadt auftretenden gemeinnützigen Bestrebungen fanden an ihm einen stets bereiten Freund und Förderer, und insbesondere wirkte er gerne im pegnesischen Blumenorden, dem er bis an sein Lebensende ein reges Interesse zuwandte. Hierin stand ihm seine geistig reichbegabte Gattin anregend treu zur Seite. Wer gedenkt nicht gerne jener schönen Abendstunden, wo nach geschlossener Vorlesung ein auserwählter Kreis aus beiden Geschlechtern sich noch an frugaler Tafel zu gemütlichem Beisammenseyn vereinigte. Wenn dann Sie nach vorausgegangener Einleitung ihres Gatten sich erhob und mit stets steigender Wärme und dem Wohllaut ihrer sympathischen Stimme in schöner poetischer Form ihre sinnigen, beziehungsreichen Dichtungen frei und mit weiblicher Würde vortrug, dann verbreitete sich über die Versammlung ein Gefühl höherer Weihe das zu würdiger Entgegnung u. Geistesblitzen herausforderte, die eine eben so heitere, als wohlthuende Stimmung verbreiteten. […] nach einigen Jahren trat bei dem seither so rüstigen Gatten eine merkliche Verstimmung des Nervensystems ein, die ihm die frühere Lebensfrische und Spannkraft raubte.“ 1872 starb Valerie. Das Stadtkommissariat wurde aufgehoben, und das war der Anlaß für ihn, in den Ruhestand zu gehen. Der Sohn wurde dienstlich nach Fürth versetzt und heiratete 1874 Bertha Heller, die Tochter seines Jugendfreundes. Er selber hatte 1876 den ersten Schlaganfall, der ihn lähmte, und er starb an einem Gehirnschlag am 18. Mai 1877.

Einstweilen beteiligt sich Franz Schrodt auch an Vereinsangelegenheiten: „[…] 5.) Es legt sofort der Ordens-Schriftführer die Rechnung für das Jahr 1865. ab, die abschließt: […] Die Rechnung wird von den Herren Mitvorständen und anwesenden Ordensmitgliedern [alle zusammen 17] mit dem Vorbehalte anerkannt, daß bey der Rechnung für 1866. hundert Gulden baar in Einnahmen und fl. 6. 22 xr. Zinßvergütung in Ausgabe gestellt werden, wogegen sich der Vermögensstand von fl. 800 auf fl. 700 abmindert.
6.) H. OR Schrodt beantragt hierauf, daß die Jahres-Geldbeyträge erhöht werden sollen worüber aber in der nächsten Monatsversammlung Beschluß gefaßt und allen Mitgliedern in einem Umlaufschreiben hiervon Kenntniß gegeben [werden] soll. […]“

Wenn man Schrodt als repräsentativ für die Führungsschicht in Nürnberg halten mag, ließen seine Bemerkungen im Reisebericht nicht auf große Sympathien der Nürnberger für Österreich, aber ebensowenig für Preußen schließen. Am 11. Mai war klar, daß Bayern, wie die meisten Mitglieder des von Schrodt in Triest als deutsche Macht bezeichneten Deutschen Bundes,   an der Seite Österreichs gegen Preußen in den Krieg ziehen werde. Im Juli hatte man die Preußen vor Nürnbergs Toren. Der Blumenorden machte sich Sorgen um seine Archivalien:

„Geschehen am 20. Juli 1866. auf dem Wöhrderthorzwinger.
Auf den Antrag und die Bitte des Ordensschriftführers: es möge das Archiv und die Bibliothek des Ordens in die Räumlichkeit der Stadtbibliothek gebracht werden und dem Ordensrath und Stadtbibliothekar H. Lützelberger zur Beaufsichtigung übergeben werden, wurde einstimmig beschlossen:
,Diesem Antrag und dieser Bitte sey zu willfahren.’
Herr Bibliothekar versprach, deßhalb beym Magistrat die Erlaubniß zu dieser Ueberführung des Archivs und der Bibliothek einzuholen und nach Erlangung derselben, die Aufsicht zu übernehmen. Sollte der Orden sich dereinst auflösen, so soll beydes der Stadtbibliothek einverleibt werden. […]“

Das klingt ein wenig wie der berüchtigte Satz des Satiremagazins Pardon für den Fall eines Atomkriegs: „Wenn die Sirenenmasten verdampft sind, wird Entwarnung durch Anschlag am Bürgermeisteramt bekanntgegeben.“

Im Wirklichkeit kam die Stadt bei den Feindseligkeiten von 1866 noch gut davon. Das Neueste wurde schon bald Gegenstand von Vorträgen:

„Geschehen am 26. 8br. 1866. ebendaselbst
[Anmeldung von Themen für die öffentlichen Vorträge:] 5.) […] b.) H. Pf. Heller: „Die Occupation Nürnbergs durch die Preußen.“ […]
9.) Vorgetragen wird:
a.) Von OR Seiler: „Eine Apostrophe an die Preußischen Herren Officiere, denen seine Festrede nicht gefallen hat; […]“

Eine durchgehends antipreußische oder gar anti-norddeutsche Stimmung kann aber nicht geherrscht haben, denn Themen aus diesem Bereich, bearbeitet von Karl Wilhelm Rehm, nehmen nach wie vor in den Veranstaltungen erklecklichen Raum ein (von ihm selbst geschätzte Vortragsdauer etwa 90 Minuten), etwa „Luise. Königin von Preußen. Lebens- und Charakter-Skizze“, „Grundzüge für das Lebens- und Charakter-Bild des Ministers Freiherrn vom Stein. […] 1865“, „Justus Möser. Eine Skizze seines Lebens und Wirkens“ (angekündigt für die öffentliche Sitzung vom Herbst 1866). In derselben Veranstaltung ließ er sich auch vernehmen zum Thema „Der Beruf der Frauen“, wozu er äußert: „Die Gegenwart zielt in allen Richtungen mehr nach Zersetzung und Ausebnung als nach Befestigung u. Erhaltung der gesellschaftlichen Zustände. […] In den Lebensfragen der Familie, der Gesellschaft, des Staats u. der Kirche machen sich entgegengesetzte Anschauungen geltend, die kaum eine friedliche Lösung erwarten lassen. […] Ein solcher Gegensatz ist der organische Gegensatz der beiden Geschlechter, als der beiden großen Abtheilungen der lebendigen Welt, und das hierauf beruhende sociale Verhältniß derselben. […Es folgen umfangreiche Quellenangaben. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel wird zitiert als Geschichtsquelle. Es läuft auf Unterordnung hinaus, auch bei den Germanen, im Mittelalter und in der bürgerlichen Gesellschaft.] Mit leichtfertiger Frivolität waren die radicalen Emancipationsheldinnen in das Labor der Literatur eingerückt und hatten mit dem Schmerzensrufe der Unbefriedigung den Fehdebrief gegen die ganze Gesellschaft geworfen. [etc.]“ Man konnte also eine kultivierte Dame wie Valerie Schrodt gleichsam auf Händen tragen, aber in bezug auf Gleichstellung entrüstet reagieren.

Pfarrer Heller hat ihm 1871 einen schönen Nachruf geschrieben, aus dem hervorgeht, daß er nicht mehr und kaum etwas anderes geleistet hat als heutige kultivierte Damen. Er wurde am 5. November 1805 in Meinheim bei Gunzenhausen als Sohn eines Pfarrers geboren, studierte in Erlangen, wurde Mitglied der Burschenschaft Germania (nun gut, das war das Undamenhafte); nach Studienabschluß Assessor am Landgericht Pleinfeld, 1846 Landrichter in Hersbruck, 1850 Oberstaatsanwalt in Amberg. 1851 unternahm er eine Reise nach London zur Weltausstellung; wegen nervlicher Belastung erkrankt, wurde er nach Genesung Vorsitzender des Geschworenengerichts in Regensburg, 1853 in Bamberg, 1860 Direktor des Bezirksgerichts in Augsburg. 1863 ging er wegen Überlastung in den Ruhestand und zog nach Nürnberg. Dort beteiligte er sich „bei den verschiedenen wohlthätigen Vereinen, in deren Ausschuß ihn ein ehrendes Vertrauen berief, wie z.B. in den Ausschuß des germanischen Museums, des Rettungshauses für verwahrloste Kinder, der Blinden-Erziehungsanstalt, des Vereins zur Besserung entlassener Sträflinge und des evangelisch-lutherischen Centralmissions-Vereins.“
Von der Spannweite der Vorträge im Jahr 1866 kann man sich einen besseren Begriff machen, wenn man zwei weitere Themen ins Auge faßt: „Elegie auf Napoleon I.“, vorgetragen am 23. Oktober von Sigmund Merkel, dem Magistratsrat und Apotheker „Zum Mohren“, sowie „Indische Sinnpflanzen und Blumen zur Kennzeichnung des indischen vornehmlich Tamilischen Geistes“, ein Referat, das Pfarrer August Ferdinand Lösch, Sohn des verstorbenen Präses, am 5. Oktober 1866 hielt, über ein 1865 in Erlangen erschienenes Buch des Direktors der Leipziger Missionsgesellschaft, Dr. Graul. Es war in derselben Sitzung, aus der sich gleich zu Anfang Bibliothekar Lützelberger und Pfarrer Seiler entfernten, „um auf geschehene Einladung der heute Statt findenden Feier des 25sten Stiftungstags des literarischen Vereins als Vertreter des pegnesischen Blumenordens beizuwohnen“.

Das denkwürdige Jahr 1866 endet für den Blumenorden mit der Aufnahme einiger gesellschaftlich hochstehender Mitglieder, an denen sich seine öffentliche Bedeutung emporranken konnte:

„Geschehen am 21. December 1866. ebendaselbst
[…] 2.) wurden zu ordentlichen Ordensmitgliedern einstimmig aufgenommen:
a.) Herr Karl Euler-Chelpin, k. b. Oberpost-Meister, Ritter 1. Kl. des Verdienst-Ordens v. h. Michael, Officier des Griechischen Erlöser-Ordens, Ritter 1. Kl. des Großherzoglich Hessischen Ludwigsordens und Inhaber des Preußischen Stanislaus-Ordens mit Stern 2. Klasse;
b.) Herr Lothar von Faber, Fabrikbesitzer [Bleistifte!], k. b. Reichsrath, Ritter des Verdienst-Ordens der Bayerischen Krone und Ritter 1. Kl. des Verdienst-Ordens vom h. Michael, und
c.) Herr August von Kreling, k. b. Director der Kunst-Gewerbeschule, Ritter des Verdienst-Ordens der Bayerischen Krone, Ritter 1. Kl. des Verdienst-Ordens vom h. Michael und Inhaber der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft von Hannover. […]“




Da diese freilich nicht die einzigen Neumitglieder waren, brauchte man wieder einmal neue Drucke der Satzung. Eine besondere Veranlassung, am Text etwas zu ändern, lag nicht vor, doch gab es einige Klarstellungen einer bereits geübten Praxis. So wurde in Punkt XII. formuliert: „Die Versammlungen, welche der Blumenorden veranstaltet, sind
1) nicht öffentliche, bei welchen bloß die Mitglieder Zutritt haben,
2) öffentliche, an denen jeder Gebildete Theil nehmen kann.“
Punkt XIII. präzisiert den Ablauf der nichtöffentlichen Sitzungen und ergänzt: „Auch das Programm der nächsten öffentlichen Sitzung wird hier regelmäßig festgestellt.“ Satzungsmäßig verbrieft wird über die Angabe in der Satzung von 1853 hinaus in Punkt XIV. die Vorbereitung und Durchführung der öffentlichen Sitzungen: „In den Monaten November bis April findet je eine öffentliche Versammlung Statt, in welcher Vorträge von Mitgliedern gehalten werden. Diejenigen, welche etwas vorzutragen gesonnen sind, haben den Ordensvorsteher womöglich 4 Wochen vor der betreffenden Versammlung mit Angabe des Gegenstandes hievon in Kenntniß zu setzen. Für die Reihenfolge der Vorträge ist im Allgemeinen die Zeit der Anmeldung maßgebend.“ Die übrigen Punkte bleiben inhaltlich unverändert. Die gesamte Revision wird in den nichtöffentlichen Sitzungen vom 18. Januar bis zum 23. April 1867 geradezu routiniert durchgezogen.
Der fünfköpfige Ausschuß nach Punkt VII. hat gewählt zu werden, und am 17. Mai 1867 fällt die Wahl „durch offene Beystimmung auf die H. Ordensmitglieder Oberpostmeister, Euler-Chelpin, Pf. Haller [muß Heller heißen, weil keiner der Haller im Orden jemals Pfarrer war; aber Seiler bekommt das nicht mehr so mit], Dr. Solger, Dr. Mehmel und Dr. Beckh, welche sämtlich die Wahl annahmen.“ Bei diesem Dr. Beckh handelt es sich um das erste Mitglied, welches Heerwagen aufgenommen hatte, und um seinen Nachfolger als Präses.

Nun bräuchte man eben noch ein stetiges Vereinslokal, aber damit sieht es schlecht aus. In den Sommermonaten hatte man sich in einem Zwingerhäuslein der stückweise vermieteten Stadtbefestigung versammelt, aber der Besitzer Häußler will den Freitag nicht mehr zugestehen. Die Schwester Valeries, Fräulein Natalie von Wahler, bietet ihren Gartensalon an. 1866 und dann wieder 1870 kommt für diese sommerlichen Treffen der Wöhrdertor-Zwinger ins Gespräch. Dieser wird 1871 abgerissen. Die nichtöffentlichen Versammlungen des Winters finden längere Zeit bei dem Wirt Errmann oder Ermann statt, nachdem man die Lokale Lotter, Deininger, Blaue Glocke, Goldener Reichsadler und die Wirtschaft Zum Auge wieder verlassen hat; das geht bis 1874 so, aber in diesem Jahr ändert sich ohnehin manches.

Negges geht es mittlerweile wirklich schlecht.

„Paris, d. 4. Aug. 1867
Hochgeschätzter Herr Präses!
Hochverehrter Herr Rector!
[…] Ich habe mit Befriedigung aus den öffentlichen Blättern erfahren, daß der Orden sich bei der Subscription zu Gunsten des verdienstvollen Dichters Freilingrath [sic] mit einem namhaften Betrage betheiligte, wodurch der erfreuliche Beweis geliefert wurde, daß unser — früher vielfach verkannter Verein — in letzterer Zeit, unter einsichtsvoller Leitung sich nicht mehr mit dem ,stillen Wirken’ begnügt, sondern die früher allzu enge gesteckten Grenzen erweitert und — seiner schönen Aufgabe bewußt, einem größeren und fruchtbringenderem Ziele zusteuert. […]
[…] daß auch ich — obgleich nicht politisch Verbannter — doch insofern ein unfreiwillig Exilirter bin, als ich, ungeachtet aller gemachten Anstrengungen keine, auch noch so bescheidene Stellung im lieben Vaterlande erringen kann: nur weil man, ohne Prüfung, mich wegen meiner 60 Jahre für dienstuntauglich zu erklären beliebt! […]“

Es handelt sich um einen weitschweifig formulierten Bettelbrief, der auf das Ansinnen hinausläuft, der Orden möge seinen Einfluß geltend machen, um bestimmte Werke zum Druck zu befördern, woraus der Bittsteller, Negges, ein Einkommen beziehen könnte. Wenn er aber gedacht hat, der Orden würde aus dem stillen Wirken in gesellschaftliche Wirksamkeit hinaustreten, täuscht er sich sehr. Es ist eher so, daß der Orden vornehm aus dem Hintergrund einzelne Erweise seiner Wertschätzung zu geben beliebt, ohne sich auf eine Parteilichkeit festzulegen. Dazu ist er im Inneren auch viel zu divers.

Pfarrer Ferdinand Lösch, Sohn des Präses Dr. Lösch, erwies sich in einer  Reihe von Vorträgen als Spezialist für italienische Kunst der Renaissance.

„Vittoria Colonna’s, Herzogin von Pesiara, Leben und Dichtungen. […] 1868“ Es heißt darin:

[…] Es ist die hochbegabte, feinfühlende Frau, mit der geistig zu verkehren dem alternden Michel Angelo ein so hoher, befriedigender Genuß war […]
Aehnlich wie in Mich. Angelo’s Sonnetten ist auch in Vitt. Poesie die Fülle der Gedanken in eine allzu knappe enge Form geschlossen, daher die deutsche Übertragung bei aller Trefflichkeit doch eine gewisse Härte und SchwerVerständlichkeit hat. […]
Manche Hiobpost war vorher noch bei ihr eingetroffen, welche ihre Sehnsucht nach jenem Leben steigerte. Unendlich geschwächt brachte man sie aus dem Kloster in den nahen Pallast des Quintiano Cosarini, des Mannes ihrer einzigen BlutsVerwandtin Julia Collonna. Nach zurückgelegtem 57. Jahre Ende Febr. des Jahres 1547 hauchte sie ihre große Seele aus — ein Beispiel ächter Frömmigkeit und Standhaftigkeit bis ans Ende. […]

„Torqu. Tassos Leben. Proben seiner lyr. Dichtungen. […] 1869“

„Vortrag im Blumenorden 1870 über Petrarka von Pfr. Ferd. Lösch an St. Aegidien zu Nürnberg.“ — „[…] Einmal auf dieß Gebiet italienischer Dichtkunst gerathen, fühlte ich mich aufgefordert, mich noch weiter auf diesem Gebiete umzusehen und wählte mir die Person des Petrarka. […] Was ich Ihnen über Petr. und den Geist seiner Dichtungen mittheilen kann, verdanke ich Quellen aus der Münchener Staatsbibliothek, zu denen mit abermals die Güte des Herrn Dr. Freimann verholfen hat. […]“

„Giovanni Boccaccio’s Lebensgang und Bedeutung. […] Novbr. 1871.“ — „[…] Nach der Betrachtung eines solchen Mannes [Petrarkas] ist es gewiß ein naheliegender Gedanke, den Spuren nachzugehen, wie die Saat, welche Petrarka ausgeworfen, gepflegt und verwerthet worden, wie die Anregung, die von ihm ausgegangen, zur lebendig fortwirkenden Kraft geworden. Unter den florentinischen Jüngern Petrarks […] werden in der römischen Literatur vornehmlich drei Persönlichkeiten genannt, welche dem Humanismus eine feste Stätte gegründet haben. Zum ersten Luigi Marsigli, welcher der Gründer des ersten freien Vereins war, in welchem Wissenschaft und menschliches Streben auch außerhalb der Kirche und der Hochschule gepflegt wurde, sodann Colaccio Salutato, der den Humanismus im Staatsleben das Bürgerrecht erwarb: endlich Giovanni Boccaccio, der die Freuden des stillen Gelehrten-Fleißes darstellt. […]“

„Vortrag im Blumen Orden über Ariost. gehalten im Nov. 1872 von Pfarrer Ferd. Lösch zu St. Aeg. in Nürnberg.“ In das Manuskript ist ein Zettel eingelegt: „Verehrter Freund!
Anliegend übersende ich Dir meinen letzten Aufsatz für den Blumenorden. Den mir wieder herausgegebenen über Savonarola werde ich zurückliefern, sobald mir Gelegenheit geworden ist, davon in einem anderen Kreise Anwendung zu machen.
In voller Liebe und Freundschaft
Dein Frd Lösch
Nbg. 10/1/74.“

Nun kann man spekulieren, weswegen sich Ferdinand Lösch für seinen Savonarola-Vortrag eine andere Hörerschaft suchen mußte. Vielleicht ist der Grund nicht einmal ein politischer oder geschmacklicher, sondern schlicht die Überlastung des Veranstaltungsplans. Es kann auch sein, daß in einer Zeit, die opulente Bauten im Stile der Neorenaissance errichtete, ein Hinweis auf die Kritik an dieser Pracht nicht unbedingt willkommen war.

Viel später wurde bekannt, daß Ferdinand Lösch auch zahlreiche Radierungen nach Vorlagen von Klein und Geißler, aber auch nach der Natur angefertigt hatte. Einige davon werden mit Abbildung von Auktionshäusern im Internet angeboten.

Die dunkle Seite der Spätrenaissance stellte Heerwagen dar: „Vier Monate in Rom. Bericht eines Deutschen aus dem Jahre 1565. In einer Wochenversammlung, am 10. Februar 1870, vorgelesen“ Es handelt sich um die schriftlich bezeugten Erlebnisse eines Philipp Cammermeister oder Camerarius, dritten Sohnes des Joachim Camerarius, welcher seinerseits erster Rektor des Egidiengymnasiums gewesen war. Der junge Camerarius wurde in Rom von der Inquisition verhaftet und bedrängt, zur katholischen Konfession zu konvertieren, lehnte aber ab. Nach quälenden Monaten wurde er entlassen, weil sein Vater bis zu Kaiser Maximilian II. um Vermittlung gebeten hatte und auch ein päpstlicher Legat in Thüringen festgesetzt worden war; sein Mitgefangener aber wurde hingerichtet.

Nichts Gutes läßt der schon im Dezember 1868 gehaltene Vortrag des k. Bay. Hauptmanns und 1. Adjutanten des Generalleutnants v. Stephan, Gustav Waagen, erahnen: „Ein Fragment: Ueber den Vergleich des gegenwärtigen Bestandes der vereinigten, deutschen Armeen gegenüber der französischen.“ Zum öffentlichen Vortrag kam dieses brisante Thema nicht. Im Januar 1869 trat man mit „Die Liebfrauenkirche zu Arnstadt“ von Georg Eberlein, Professor an der Kunstgewerbeschule, und Franz Schrodts Literaturbetrachtung „Ueber Hermann Lingg’s Völkerwanderung“ an die Öffentlichkeit. Seidenstücker sendet wieder einen Aufsatz: „Die Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar als Pflegerin der deutschen Literatur, […] Septemb. 1869.“ Einen großen Teil der Arbeit nimmt die Betrachtung des Herzogtums Braunschweig ein, aus dem Anna Amalie stammte, und dabei vor allem die der Sprachgesellschaften, welche in ihm blühten. Speziell schweift er ab auf die 1746 in Helmstedt gegründete Deutsche Gesellschaft, deren Mitglied sein Vater Joh. Heinr. Phil. Seidenstücker war, Einwohner von Soest, Gymnasialdirektor, der grammatische Abhandlungen schrieb. Am Schluß findet er noch zum Thema zurück, indem er Anna Amaliens Interesse an Literatur auf diese Verhältnisse zurückführt.

Nein, die Pegnesen ließen sich von der dunklen Wolke am Horizont nicht die Freude an ihrem akademieähnlichen Betrieb verderben. Am 26. November 1869 trugen vor: „[…] 3.) […] c.) A. Lösch, „Charles Lamb’s Abhandlung über Spanferkel-Braten.“ Aus dem Englischen übersetzt.
d.) Dr. Solger, „Blicke auf Nürnberger Medicinalwesen im 16. Jahrhundert“ u.
e.) Haller: „Ein Bruchstück aus einer Trauungs-Rede des Rabiners Dr. Steiner in Frankfurt/M.“
Dabei liegt stets nahe, daß Seiler einfach nicht zwischen Haller und Heller unterscheiden konnte. Dem letzteren sähe das Thema ähnlicher. Seilers Schrift wird zunehmend krakelig und die Einträge spärlicher; wenn Konzeptblätter zu den von der jeweils nächsten Versammlung korrigierten Niederschriften erhalten sind, zeigen sich an ihnen die Änderungen häufiger.

Eine alte, eigentlich längst geklärte Frage kehrt in diesen Tagen wieder: „ob nicht Frauen-Zimmer, ledige, oder Wittwen, als ausserordentliche Mitglieder gegen einen mäßigen Beytrag in den Orden aufgenommen werden sollen? […]
[…] 5. ) Auf Antrag des OV beschließt man die Aufnahme der Frauenzimmer als ausserordentliche Mitglieder in den Orden und sollen dieselbigen auch alljährlich den Beytrag von f. 2. 42 xr. leisten. Die Wittwen gewesener Ordensmitglieder brauchen nicht besonders aufgenommen zu werden.
6.) Der OV zeigt an, daß der Orden auf dem Wöhrder-Thor-Zwinger seine Sommerversammlungen in einem besonderen Zimmer halten kann gegen Erlegung von je 24. xr. Es wird Solches wohlgefällig aufgenommen und die erste Versammlung daselbst über 14. Tage stattfinden.“

Und dann ist Krieg. Das Irrhainfest fällt aus.